Wie eine Fahrt durch eine Nebelwand.


Wo liegen unsere familiären Wurzeln? Bei manchen ist die Antwort schnell da, andere wiederum brauchen etwas länger, weil sie viel tiefer im Verborgenen liegt. Da reicht kein einfacher Rückblick aus, man muss suchen und graben wie ein Archäologe. Über so eine Suche handelt das Buch „Katzenberge“ von Sabrina Janesch.

Die junge Autorin nimmt uns mit ihrem Debütroman auf eine Reise in die Vergangenheit einer Familie. Es ist eine aufrüttelnde Geschichte, die sie erzählt. Die Journalistin, Nele Leibert, reist zur Beerdigung ihrer Großvaters, Stanislaw Janeczko, nach Schlesien. Neles Eltern, eine polnische Mutter und ein deutscher Vater, spüren immer noch die Missbilligung ihrer Ehe und fahren nach dem Begräbnis sofort zurück nach Deutschland. Die Mutter bittet ihre Tochter beim Abschied, dass sie nach Galizien reisen soll, der Heimat ihres Großvaters. Nele versteht den Wunsch der Mutter nicht und fragt nach, wieso sie das denn tun solle. „Eben nicht alles, was deinen Großvater betrifft, ist hier in Schlesien. Hier in Schlesien, Töchterchen, ist höchstens die Hälfte. Und genau das ist der Punkt.“ Da steht Nele nun eingehüllt im Nebel der Katzenberge, fröstelt leicht, ist nachdenklich und schaut dem Auto der Eltern nach. Bald schon fasst sie den Entschluss, in die Ukraine zu reisen.

Diese Reise führt auch in die Geschichte Ost- und Mitteleuropas. Neles Großeltern gehörten zu den vielen tausenden Menschen, die aus der Ukraine nach Polen deportiert worden sind. Sie mussten ihre Heimat verlassen und sollten nur für eine bestimmte Zeit in dem anderen Land leben. In den leerstehenden Häusern fanden sie ein neues Zuhause, was alles anderes als wohlig war. Der Großvater entdeckte nach der ersten Nacht zuerst den Besitzer des Hauses auf dem Dachboden. „Herr Dietrich hat sich mit Hut und Krawatte aufgehängt, aber seine Bauernstiefel hatte er nicht ausgezogen und gegen Sonntagsschuhe getauscht.“ Unheimlich bleibt es weiter, denn es spukt in der verlassenen Gegend. Von dunklen, gefiederten Wesen erzählt er.

Sabrina Janesch verbindet sehr raffiniert zwei Zeitstränge. In der Gegenwart begleiten wir Nele auf der Reise und erfahren stückchenweise Dinge aus ihrem eigenen Leben. Wie die Entfremdung zu ihrem Partner. Sie meldet sich selten bei ihm, da herrscht so eine Kälte zwischen beiden, die einer Liebe nicht gut tut. Die Vergangenheit hingegen gehört ganz ihrem Großvater. Stets beginnt die Ich-Erzählerin diese Passagen mit „Großvater sagte,“ – nach den einleitenden Worten zieht sie sich vorsichtig zurück. Plötzlich sind wir ganz bei ihrem Djadjo, wie Nele ihren Goßvater liebevoll nennt. Je tiefer die Geschichte fortschreitet desto mehr Raum bekommt ihr Großvater und die Vergangenheit überrollt immer mehr die Gegenwart.

Sabrina Janesch ist ein Meisterstück gelungen. Sie hat die Geschichte sehr menschlich dargestellt und hat mich sogar in die „Illustrierte Geschichte der Flucht und Vertreibung“ blättern lassen. Ich wollte mehr wissen über die Tragödie, die sich im Osten abgespielt hat. Auch das gehört zur Literatur: Dass sie aufklärt, selbst wenn es wehtut. Dunkel und düster ist der Roman, das ist mit ihrer Sprache bestens gelungen. Die ganze Zeit hängt da so eine Nebelwand zwischen den Seiten und den Augen des Lesers. Die Sätze atmen eine leichte Melancholie aus, die nicht abstößt, sondern sie zieht einen immer mehr hinein. Das Buch ist wie ein dunkles Tuch, das nur an einigen Seiten Licht durchlässt. Durchatmen, inne halten und dann schnell weiterlesen. Aber es erdrückt nicht und lebt vor allem durch die Leichtigkeit der Worte und der Bilder, die Sabrina Janesch durch die Sprache erzeugt.

Gleich auf den ersten Seiten schreibt sie: „Ich fahre schneller, der Nebel zerfließt an meinem Gesicht, ab und an jage ich an einem dunklen Schatten vorbei.“ Besser hätte ich das Buch nicht beschreiben können, auch wenn sie hier eine Szene darstellt. „Katzenberge“ zeigt, wie das Leben fortschreitet und wie es sich dabei seine eigene Geschwindigkeit aussucht. Die Vergangenheit bleibt, egal, wie schnell wir uns fortbewegen, an unserer Seite. Mal ist sie durchschaubar und mal muss man graben.

Sabrina Janesch.
Katzenberge.
Juli 2010, 277 Seiten, 19,95 €.
Aufbau Verlag.

Mehr über die Autorin erfahrt ihr am Samstag in einem Interview hier bei mir.

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5 Gedanken zu “Wie eine Fahrt durch eine Nebelwand.

  1. Danke für deine einfühlsame Buchvorstellung, es scheint ein Buch der Art zu sein, die ich liebe… ich stelle hiermit den Antrag, den Tag auf 28 Stunden zu verlängern. Wachstunden natürlich. 😉

    mit abendlichen Grüßen
    fs

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  2. Danke für deinen Kommentar, verehrter Flattersatz! Hiermit gebe ich bekannt, dass deinem Antrag, den Tag auf 28 Stunden zu verlängern, eben im Literaturkomitee einstimmig stattgegeben worden ist. Wachstunden inklusive natürlich.

    Mit besten abendlichen Grüßen

    Klappentexterin

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