Eine Nähe, die verbindet.

Sie ist immer noch da, und sie ist mir eine gute Freundin geworden. Seit einigen Tagen habe ich das Buch „Jane Eyre“ von Charlotte Brontë ausgelesen und Jane ist mir noch sehr präsent, als wäre ich erst auf Seite 11. Dort blättert sie in Bewicks Naturgeschichte der Britischen Vögel. Sie betrachtet die Bilder und entdeckt zu jedem eine Geschichte. Geheimnisvoll und interessant wirkt alles auf das neugierige Mädchen. Sofort holt sie mich zum kleinen Fenstersitz auf dem sie sitzt. Dort hocken wir sehr lange und sehen mit einem süßen Schauer dem düsteren Novembertag ab und an über die Schulter. Wahrscheinlich ist es das, denke ich. Wahrscheinlich ist es diese besondere Nähe, die von Jane ausgeht, die mich mit ihr verbindet.

Die Handlung von „Jane Eyre“ unterteilt sich in fünf große Abschnitte: Die Kindheit bei ihrer Tante in Gateshead Hall, die Schulzeit in Lowood und der Berufsbeginn als Lehrerin dort, Erzieherin in Thornfield Hall, Lehrerin und Schulleiterin in Morton und das Leben als Ehefrau. Den Namen des Mannes werde ich aus Spannungsgründen nicht nennen. Der Kindheit widmet die Ich-Erzählerin 111 Seiten. Sie selbst schreibt, dass sie sich auf Erinnerungen und Ereignisse beschränkt hat, von denen sie weiß, „daß sie mein späteres Leben beeinflusst haben.“ Der intensive Einblick in jene Zeit lässt den Leser auch erkennen, woher die junge Dame ihren starken Willen hat. Jane lernt sehr schnell, sich durchzubeißen. Die Kindheit ist hart, vor allem geprägt durch Strenge, Hunger und Entbehrung. Oft habe ich in den Schilderungen die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen und mich gefragt, wo dieses kleine Wesen all die Kraft her nimmt, um die zahlreichen, harten nicht enden wollenden Prüfungen des Lebens zu überstehen.

Als Jane Lehrerin in Lowood – ein Internat für Waisenkinder – wird, macht sich bald eine Ungeduld in ihr breit. Sie empfindet das Leben dort als sehr eintönig. Das wird ihr besonders bewusst, als Fräulein Temple Lowood verlässt. Die Schulleiterin war für Jane außerdem Mutter, Erzieherin und später eine beste Freundin. Nun hat Fräulein Temple einen Pfarrer geheiratet und verlässt die Schule. Seit dem Tag spürt Jane in sich den eigenen Wunsch, die Zelte abzubauen und woanders hinzugehen: „Vom Tage ihrer Abfahrt an, war ich nicht mehr die gleiche; mit ihr war in mir jedes Gefühl der Seßhaftigkeit verschwunden, alles, was mir Lowood zu einem Heim machen konnte, war plötzlich nicht mehr da.“ So sucht sich Jane eine neue „Dienstarbeit“. Diese neue Tätigkeit wird in ihrem Leben einiges verändern. Mehr, als sie es je für möglich gehalten hätte.

Mich hat vor allem die Person Jane Eyre fasziniert. Die kindliche Freude, die wie ein Strom alle mitreißen kann. Charlotte Brontë hat die ganzen Emotionen und Gedanken der Ich-Erzählerin sehr detailgetreu und warmherzig beschrieben. So hatte ich als Leserin nicht nur bei freudigen Begebenheiten oft das Gefühl, mittendrin zu stehen und jauchzend zu klatschen. Ich habe auch Janes Seufzer in meinem Taschentuch aufgefangen, habe ihre Tränen getrocknet und leise gesagt: „Steh auf, du schaffst es.“ Wirklich auffordern, brauchte ich Jane eigentlich nicht, denn das macht sie von ganz allein. Sie ist kein Jammerkasten, der im Unglück und Selbstmitleid versinkt, sondern eine engagierte und kämpfende Frau.

Zudem hatte die Autorin ein großes Herz und hat ihm den Raum geschenkt, den es brauchte. Eben dies zeichnet das Werk aus. Es ist ein großes Stück Menschlichkeit daraus geworden, in das ich mich gern habe fallenlassen. Eine andere Welt, umgeben von einer reichlichen Portion an Liebe. Ausgerechnet die Liebe, von der Jane in ihrer Kindheit so wenig erhalten hat. Und nicht zu vergessen: Jane Eyre war eine sehr moderne Frau. Ihr war wichtig, als eigenständiges Wesen leben zu dürfen. Dabei hat sie eins nicht aus den Augen verloren: Gerechtigkeit und das Streben nach einem erfüllten Leben. Starke Frauen, die sich mit einem geraden Haupt durchs Leben schlagen, hinterlassen bei mir stets Respekt höchsten Grades. Eine Hochachtung, die eine Krone trägt.

So nah mir Jane Eyre von Anfang war, so lange habe ich sie gelesen. Nicht in einem Rausch, sondern Schluck für Schluck. Ich wollte nicht gleich einen Schluckauf bekommen, also habe ich mir Zeit gelassen. Die bekannte Zeit der Klassiker, die solche Bücher zu Recht einfordern. Man liest sie nicht mal eben in der S-Bahn auf dem Weg zur Arbeit oder zwischendurch. Das wäre auch nicht angemessen. Klassiker haben ihren eigenen Raum und lassen die Uhr ein wenig anders ticken. Diesen Ort habe ich durch Jane zu schätzen gelernt und werde weiterhin dort hineinschlüpfen.

Charlotte Brontë.
Jane Eyre.
Juli 1986, 644 Seiten, 13 €.
Insel Verlag.

Advertisements

2 Gedanken zu “Eine Nähe, die verbindet.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s