Er war hier. Und ich wusste nichts davon.

Er war da. Näher als gedacht und ich habe ihn verpasst. Wie lange träume ich davon, Haruki Murakami persönlich zu treffen? Lange. Viel zu lange schon. Nun hatte ich die einmalige Chance und sie ist an mir vorbeigeflogen wie ein Vogel. Ich spüre noch die hektischen Flügelschläge und sitze in ihrem Windschatten. Nun hocke ich hier, halte „1Q84“ in den Händen und bin traurig. Das Buch färbt sich in ein dunkelgraues Etwas, das lange kein Licht mehr gesehen hat. Der Glanz ist ein wenig gewichen und trägt nun Trauer. Welchen Sinn dies auch haben mag, verpasste Chancen fühlen sich immer komisch an. Alles wird schief und man schwankt schwer atmend. Dazu gesellen sich tausend Gedanken, es schwindelt einem und man muss sich einige Zeit setzen. Durchatmen und sich sammeln. Irgendwann, viele Stunden danach.

Wie konnte es dazu überhaupt kommen? Der Verlag hat Murakamis Erscheinen bis zuletzt geheim gehalten. Erst am Abend wurde via Handy auf der Facebook-Seite angekündigt, dass der Autor persönlich als Überraschungsgast bei der Lesung auftauchen wird. DuMont müsste eigentlich wissen, dass der japanische Autor hier in Deutschland eine eingefleischte Fangemeinde hat. Nicht nur irgendeine, sondern eine ganz besondere. Nicht zuletzt haben sie den Bestsellerplatz auch ihr zu verdanken. Wäre es da nicht ein freundliches Gegenkommen gewesen, solch ein Event als Dankeschön vorzeitiger anzukündigen, anstatt sich kurz vor Beginn der Lesung im Berliner Admiralspalast damit zu schmücken? Wir wissen alle, wie zurückhaltend der Autor ist und wie selten er in der Öffentlichkeit auftritt.

Ich bin nicht die Einzige, der das weh tut. Ja, es wurmt mich, von der einzigartigen Gelegenheit so spät erfahren zu haben.
Die einen sagen: „Sei froh, denn so bleibt Murakami weiterhin in deinem Kopf, wie du ihn seit Jahren dort hast.“ Die anderen sagen: „Das ist ja doof, richtig blöd. Ich würde mich auch total ärgern. Wie oft hat man so eine Chance schon?“

Sicherlich wäre ich nur eine von vielen gewesen, die zitternd mit ihrem Buch in der Schlange gestanden hätte. Mit einem hochroten Kopf und einem lautem klopfenden Herzen, dröhnenden Beats gleich, die zum Tanz einladen. Ich hätte geschwitzt, innerlich geschrien und die ganze Zeit gegrinst. Und gekniffen hätte ich mich. Dies wäre so ein Moment gewesen, in dem der Traum und die Wirklichkeit verschwimmen, eine Murakami-Sequenz wie wir sie aus seinen Büchern kennen. Irgendwann hätte ich vor ihm gestanden, mit glasigen Augen und mit einem schiefen, charmanten Lächeln. Und dann? Wäre ich dann weiterhin verzaubert? Oder käme dann die große Ernüchterung? Das Rätsel bleibt und zu ihm gesellt sich ein leichtes Stöhnen, so eins, was an ächzende Äste alter Bäume erinnert.

Wie ich es auch drehe und wende, der bittere Geschmack auf der Zunge bleibt. Sinn und Unsinn wechseln sich ab. Sie liefern sich einen Wettlauf. Beide sind gleich schnell und überholen sich nicht. Der erste Schock ist bereits davongeflogen, dem Autor hinterher. Dieses Mal ist er flinker als ich. Folglich habe ich das Nachsehen wie viele andere Murakami-Fans auch. Jetzt sitze ich hier an einem kalten verregneten Oktoberabend und weiß nicht, woher der verschwomme Blick kommt. Sind es die Regentropfen oder einzelne Tränen?

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13 Gedanken zu “Er war hier. Und ich wusste nichts davon.

  1. Och jööö, Du Arme!! Das tut mir ja echt total leid für Dich! Ich persönlich bin ja gar kein großer Fan von Lesungen, aber wenn Knut Hamsun auferstehen und lesen würde, und mir würde das keiner sagen, und er würde wieder abreisen… Das wär schon saublöd! Liebe Grüße!

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  2. Du Arme! Das muss dich innerlich doch eigentlich zerreißen! Da hat der Verlag aber bestimmt ziemlich viele Fans verprellt. Ich kann deine Gefühle ja so nachvollziehen. Verpasste Möglichkeiten sind etwas ganz, ganz Schlimmes. Und ein wenig tragisch sind sie auch. Und vor allem ungerecht. *drück*

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  3. Liebe Nantik,
    ja, so ist es und nicht anders. Aber was soll’s? Wie oben schon gesagt: Kopf immer oben halten, atmen und lächeln, loslassen, nach vorn schauen. Und die Hoffnung auf der Schulter, dass es vielleicht doch noch einmal irgendwie, irgendwo klappt. Ich danke dir in jedem Fall für deine lieben Worte.

    Alles Liebe
    Klappentexterin

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  4. ach, das tut mir jetzt aber wirklich leid für dich! ich weiß doch, wie sehr du murakami schätzt und dann das…. ein wirklich wenig kunden- bzw. fanfreundliches verhalten des verlags und ein wenig kurzsichtig noch dazu, denn ihr fans seid ja die kostenlosen multiplikatoren des verlags…

    aber sei nicht zu traurig. in allem liegt ein sinn, auch wenn man ihn manchmal nicht zu sehen vermag….

    tröstende grüße
    flattersatz

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  5. Ach man Suesse, das ist doch Mist, wenigstens DIR haetten sie doch vorher bescheid sagen koennen. Da gibt’s nur eins, ihn anschreiben und um ein Interview bitten! xx

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  6. Na, wenn das der gute Murakami lesen könnte, er wär sicherlich unangenehm berührt, vermutlich überfordert (Schriftsteller sind im Normalfall keine Rampensäue). Schon seltsam, dass ein Autor mit seinem Geschreibsel solche Gefühle und Sehnsüchte beim Leser, bei der Leserin auslösen kann. Irgendwie erbaulich. Ja, ja.

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  7. Die Klappentexterin verneigt sich und dankt sehr für eure Worte! Sie denkt an den Sinn, der sich immer noch versteckt, aber sie weiß, er wird kommen. Ja, schon komisch, dass ein Autor solche Sehnsüchte erwecken kann…

    Aufrichtige Grüße
    Klappentexterin

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  8. Danke für die beschreibung. Mir geht / ging es ähnlich. Auch ich hab zu spät gelesen, dass er hier im Admiralspalast war.
    Heute findest Du ein Interview in der Berliner Zeitung, im Feuilleton.

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  9. Bedrückend, vielleicht. Aber wer weiss, ob das Treffen des Menschen Dir etwas gegeben hätte. Du schätzt seine Kunst, er als Mensch muss nicht zwingend halten, was seine Texte suggerieren…

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