Was bedeutet es? Das Leben zum Beispiel…


Was würdest du mir geben? Etwas, was dir total wichtig ist. Etwas, das für dich eine so große Bedeutung hat, das du dich davon eigentlich nicht trennen möchtest. Niemals! Viel lieber willst du es festhalten, in einen Tresor einschließen wie einen Schatz. Und was würde ich dir geben? Ich habe lange darüber nachgedacht. Irgendwie bin ich immer wieder bei meinen Büchern gelandet. Aber nein, die gebe ich nicht her. Jetzt erst recht nicht. Bedeutsame Dinge gibt man nicht weg. Die behält man und schenkt ihnen die Ehre, die sie verdient haben. Allein das zählt. Für mich. Du hast da vielleicht eine ganze andere Meinung. Über die Bedeutung und den Sinn, die das Leben füllen.

Während ich das hier schreibe, wandert mein Blick wieder zum Buch, aus dem ich die Frage herausgezogen habe. „Nichts. Was im Leben wichtig ist.“ Geschrieben hat es die dänische Autorin Janne Teller. Sie erzählt die Geschichte von Schülern einer siebten Klasse, die in einem kleinen Vorort leben. Eines Tages steht der Mitschüler Pierre Anthon auf und verlässt das Klassenzimmer, weil „nichts etwas bedeutete und es sich deshalb nicht lohnte, etwas zu tun.“ Seitdem hockt er auf dem Pflaumenbaum und macht sich über seine Mitschüler lustig. Also schmieden die Schüler einen Plan. Sie wollen Pierre Anthon beweisen, dass es Dinge gibt, für die es sich zu leben lohnt. In einem alten, stillgelegten Sägewerk entsteht bald der Berg der Bedeutung. Von nun an muss jeder etwas dazu beitragen. Doch nicht aus einer Selbstbestimmung heraus. Es geht der Reihe nach. Jeder, der was geopfert hat, darf den Nächsten bestimmen. Das Projekt beginnt zunächst relativ harmlos, steigert sich aber im Verlauf der Geschichte zu einem Gipfel des Wahnsinns aus dem man selbst als Leser nicht mehr herauskommt. Man ist gefangen im Berg der Bedeutung. Selbst, wenn das Buch geschlossen in der Tasche liegt, hängt man noch drin. Es ist als wäre da so ein Faden, der sich an den Kopf festgebunden hat. Es zieht den Leser hinein, penetrant, kleinen Fußtritten gleich.

Ich konnte nicht glauben, was ich da las. Noch jetzt bin ich irgendwie fassungslos, wozu Menschen fähig sein können. Sicherlich ist das nur eine Geschichte, aber abwegig ist sie keineswegs. Schnell denkt man an ähnliche aufrüttelnde Bücher wie „Die Welle.“ Das sind Geschichten, die erfunden sind, sich aber sehr echt anfühlen. Sie haben den Touch des Tatsächlichen.

Das Buch hat nur 139 Seiten und doch kam es mir viel gewaltiger vor. Das, was dort drin stand, hat mich teilweise sehr schockiert, so sehr, dass mein Kopf aussah wie ein Shaker, in dem die Gedanken hin- und hergeschüttelt werden. Neben den einzelnen Opfergaben der Schüler, waren es vor allen die Fragen, welche die Autorin aufwirft. Was ist der Sinn des Lebens? Das Festhalten an Dingen? Sollte man vielleicht doch öfter mal loslassen? Es ist eine Lektüre, die man nicht nur allein lesen sollte, weil man am Ende nur eins möchte: Reden, reden und reden. Die Fragen im Kopf ein wenig entwirren.

Die Geschichte passt perfekt in die heutige Gesellschaft. Eine Gesellschaft, die vom Konsum durchzogen wird. Eine Welt, in der schon Schulkinder Handys besitzen. Eine Welt, in der sie sich in ihren Markenklamotten frönen und durch materielle Dinge definieren. Besser, hübscher, schneller. Das sind alles Dinge, die jedoch vergehen wie der Tag und die Nacht. Was habe ich am Ende von einem tollen Handy? Was hinterlässt es bei mir? Nichts. Nichts. Was habe ich hingegen von einem Buch? Eine Geschichte, die mich berührt, dass ich Gänsehaut spüre, manchmal Tränen fließen lasse, ich fühle und das Leben auf den Augen leibhaftig einatme. Was hinterlässt das bei mir? Viel. Viel. Bedeutung. Und Bedeutung gebe ich nicht her. Für keinen Ruhm und kein Geld der Welt.

Janne Teller.
Nichts. Was im Leben wichtig ist.
Altersempfehlung: 14 – 15 Jahre.
Juli 2010, 139 Seiten, 12,90 €.
Hanser Verlag.

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6 Gedanken zu “Was bedeutet es? Das Leben zum Beispiel…

  1. „Bedeutung gebe ich nicht her“, wenn sie mich erfüllt. Wie schön Du das sagst! Ja, wir geben sie nicht aus der Hand. Manchmal können wir sie auch teilen.

    Das ´Erlebnis Buch` bringt mich oft zum Schweigen, jetzt gerade wieder mit meiner aktuellen Lektüre. Dann füllt die Bedeutung alles in mir aus.

    Eine anregende, nachdenkenswerte und wie so oft empfindungsstarke Rezension von Dir, liebe Klappentexterin!

    Einen erfüllten Tag wünscht Dir Karin

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  2. Liebe Karin,
    und wieder lesen meine Augen einen schönen Kommentar von dir, der mich mit einem warmen Lächeln ausfüllt. Auch das hat eine besondere Bedeutung für mich. Ich danke dir sehr!

    Alles Liebe

    Klappentexterin

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  3. Wieder ein Buch, dass mich zu verfolgen scheint. Seit ein paar Wochen tänzel ich schon darum herum, war aber bislang noch unschlüssig, auch mit dem Gedanken, ob es nicht zu viele thematische Parallelen zum „Herrn der Fliegen“ oder „Die Welle“ gibt.
    Andererseits kann es eigentlich nicht genügend Bücher geben, die mal zum nachdenken und überdenken eigener Verhaltensweisen und Prioritäten anregen und nachdem ich seit ein paar Tagen immer wieder auf dieses Buch gestoßen werde, werde ich es nun schlussendlich doch kaufen.
    Danke für diese schöne Rezension, die schon vor der Lektüre des Buches genügend Fragen in mir aufwirft.

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  4. Hallo!

    Eine spannende Rezension!

    Mir kam dabei „Die Welle“ in den Sinn … und nur wenig später hast Du dann dieses Buch auch erwähnt.

    Bislang war mir der Inhalt unbekannt, nur das Cover habe ich im www schon mal entdeckt. Dank Deiner Rezension weiß ich nun, was sich zwischen den Buchdeckeln verbirgt. Eine Geschichte, die erschreckender Weise gar nicht so abwegig ist. Eine Geschichte, die den Leser zum Nachdenken anregt.

    Liebe Grüße,
    Svenja

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  5. @Grete_o_Grete: Ja, Bücher, die einen verfolgen, sollte man nachgehen. : ) Ich wünsche dir in jedem Fall aufrüttelnde Momente mit dieser Lektüre.

    @ Svenja: Genau diese Geschichte, die nicht abwegig ist und welche, die Autorin so hervorragend erzählt hat, zeichnet dieses Buch aus.

    Bedeutungsvolle Grüße

    Klappentexterin

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  6. Okay okay, ich kauf’s mich heute. Ich hatte es ja nun schon etliche Male in der Hand und war mir unschlüssig, aber ich komme wohl doch nicht drum herum. 😉
    Nein, im ernst: Du hast mich vollends überzeugt. Zum Glück haben wir das Buch vorrätig, d.h. es wird heute noch vor Schichtbeginn gekauft.

    Danke für’s Anstupsen! 🙂
    Nina

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