Tote, die euch nicht in Ruhe lassen!

Die Klappentexterin hat fremdgeschrieben. Bibliophilin feiert im September ihren Bloggeburtstag und hat mich zu sich eingeladen. Drei schöne Bücher hat sie mir zur Auswahl gestellt und ich habe mich für eins entschieden, das nichts für schwache Nerven ist. Die Gastrezension möchte ich euch nicht vorenthalten. Ich danke Bibliophilin für die Einladung und wünsche ihr weiterhin viel Erfolg!

Liebe Leser, wenn ihr dieses Buch lest, sollte es hell sein! Ich meine damit richtig hell und keine künstlich erzeugte Helligkeit. Keine Lampe, sondern Tageslicht. „Das siamesische Klavier“ von Christiane Neudecker ist kein gewöhnlicher Erzählband. Man muss sich davor in Acht nehmen und darf es nur am Tag in den Händen halten. Zu unheimlich, zu gruselig sind die Geschichten, die darin stehen. Sicherlich ist es von einer Autorin aus Fleisch und Blut geschrieben worden, doch ich werde den Verdacht nicht los, dass hier auch Geister aktiv waren und es immer noch sind. Gerade in diesem Moment, spüre ich ein Flackern in den Seiten und einen kalten Hauch, der meine Nase umweht.

Sieben schaurige Geschichten entführen uns in eine dunkle Welt, die sich in das Leben ganz normaler Menschen einmischen. Die Welt von der ich spreche, ist das Reich der Toten. In den Erzählungen von Christiane Neudecker kommen sie nicht zu Ruhe und reihen sich unter das Volk der Lebenden. Da ist der komische Tscheche im Boxring, der zart aussieht wie ein Engel und seinen Gegner irritiert. Zumal der Engel extrem brutal zuschlägt. Unheimlich wird es, als dem Tschechen Maden aus dem Mund fallen und der Boden des Boxrings sich zu einem Larvenmatsch verwandelt. Oder die junge Frau, die plötzlich im Internet mit ihrem verstorbenen Spielpartner Schach spielt. Eine andere Erzählung dreht sich um einen Schatten in Hongkong, der sich verselbstständigt.

Oft schwankt man zwischen Glauben und Nichtglauben. Ist das zu fantastisch, was da passiert oder wäre es doch möglich? Wie nah können sich die beiden Welten tatsächlich kommen? Ist eine Begegnung wirklich ausgeschlossen? Jede Erzählung ist auf ihre Weise gruselig, manche sogar so schrecklich, dass man sich windet und „Igitt“ schreit. Der Atem beschleunigt sich und die Haut kräuselt sich, Nackenhaare stehen plötzlich aufrecht.

Christiane Neudecker ist „eine Meisterin der Atmosphäre“, wie die FAZ geschrieben hat. Hier treffen kafkaeske Elemente auf Hitchcock-Sequenzen. Sie hat jeder Geschichte ihren eigenen Rhythmus und Sprache gegeben. Ihre Sprache ist schlicht, schnörkellos und erzählt in einem ruhigen Ton, doch dann kommen sie, die kleinen bemerkenswerten Umschreibungen, die beeindrucken und erstaunen. Ebenso wie die Plots, die sich gern von hinten anschleichen und euch, liebe Leser, in eine tiefe Verzweiflung stürzen lassen. Überrascht ruft ihr dann: „Das kann nicht sein!“ Doch das kann es. Sehr gut sogar. Aber bitte, befolgt meinen Rat und lest dieses Buch nicht an einem einsamen und dunklen Ort. Sonst könnten sie kommen, die höchst lebendigen Toten. Uaagh!

Christiane Neudecker.
Das siamesische Klavier: Unheimliche Geschichten.
Februar 2010, 224 Seiten, 17,95 €.
Luchterhand Verlag.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s