Wie ein Baum in der Wüste.


Sonne. Ich sehe nichts als Sonne. Sie brennt auf meinem Kopf und schlüpft in die Augen, dass ich fast nichts mehr sehen kann. Meer. Das höre ich auch. Es knallt an die Brandung. Mit schmatzenden Geräuschen klatscht es an einige Steine und fällt dann wieder zurück, bis es sich erneut nähert. Ein kühler Wind kitzelt mich im Nacken und verschafft mir eine kurze Verschnaufpause. Ich kann es kaum glauben, dass mir die ganze Szene so nah ist, obwohl ich ganz woanders bin. Im Ledersessel sitze ich und feiere mit Albert Camus seine „Hochzeit des Lichts“.

Der Band enthält Texte, die unter den Titeln „Hochzeit des Lichts“ und „Heimkehr nach Tipasa“ erschienen sind. Albert Camus nimmt den Leser mit auf verschiedene Reisen. Da ist die eine ans Meer in die algerische Küstenstadt Tipasa. Camus erzählt von den großen Ruinen, die er besucht. Noch jetzt sehe ich den Salbei, der es sich in den Sarkophagen gemütlich gemacht hat. Ich stehe auf Hügeln mit einer Aussicht, von der man fast ohnmächtig wird, weil sie einen erschlägt. Man kann nicht glauben, was sich vor einem erstreckt. So gewaltig schreibt es Camus. Das ist für ihn Göttlichkeit. Wozu braucht er noch Mythen, die den Ort umgeben? Die Natur selbst ist ein Wunder, ein so großes, dass er an nichts anderes denken mag.

Auf den ersten Seiten trifft man bereits auf eine besondere Eigenschaft, die sich durch das ganze Buch zieht: Ein feinfühliger, präziser Blick. Camus beschreibt alles, was er sieht und was er empfindet, haargenau. So detailtreu, dass man glaubt, neben ihm zu stehen. Man schmeckt das Salz auf den Lippen und hält sich die Hände schützend über den heißen Kopf.

Danach fährt Albert Camus mit uns an einen ganz anderen Ort, der vor Trockenheit fast staubt: Djemila. Dort ist man von Einsamkeit und Steinen umringt. Der Autor spricht hier von der toten Stadt, die man nicht einfach besucht, eine Rast einschlägt, um später weiterzufahren. Diesen Ort verlässt man wieder. Hier gibt es kein Meer, keine richtige Landschaft und keine Pflanzen. Stattdessen das „gelbliche Skelett eines Knochenwaldes“. Der Wind peitscht durch die Ödnis und Camus hat das Gefühl, von ihm geschliffen worden zu sein wie es sonst die Ebbe und Flut mit dem Stein tun. Nackt fühlt er sich. Ausgezogen. Und unwahrscheinlich allein.

Diese Lektüre beeindruckt mich zutiefst. Vor allem diese Sprachgewalt hat mich gepackt. Wäre sie ein Mensch würde ich mich permanent vor ihr verbeugen. Vor allem dann, wenn ich Sätze wie diesen lese:

„Über mir ließ ein Granatbaum seine Knospen hängen: lauter kleine, fest geschlossene Fäuste, in denen die Hoffnung des Frühlings schlief.“

Ich würde der Sprache dienen wollen. Bedingungslos. Ich, die normalerweise mit festen Beinen gerade steht und dem Leben entgegenpeitscht, wurde kleiner. Ich schrumpfte zu einem kleinen Wesen, das von unten auf die großen Wörter schaute und machte damit der Hochachtung mehr Platz. Die hatte ich die ganze Zeit, während ich das Buch las und nun immer noch. Jetzt bin ich wieder größer, noch größer als vorher, weil Camus seine Leser antreibt. Er schüttelt ihre Köpfe und streichelt ihre Herzen.

Albert Camus.
Hochzeit des Lichts.
Dezember 2009, 169 Seiten, 16 €.
Arche Paradies Verlag.

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3 Gedanken zu “Wie ein Baum in der Wüste.

  1. Camus!
    Ein Großer.
    Ich sollte meinen Horizont definitiv um seine Romane und Erzählungen erweitern.
    Derzeit sind in Selbigem nämlich lediglich einige seiner Stücke beheimatet.
    (Ich war einmal der Gouverneur aus dem Belagerungszustand!)
    Liebe Grüße

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