Lügen haben kurze Beine, aber einen langen Atem.

Draußen spült der Regen gerade die letzten warmen Sonnenstrahlen des Sommers aus den Ritzen der Häuser weg. Auf den Straßen sammeln sich kleine Seen, welche die Autos zwischen ihren Reifen verteilen und in kleine Flüsse verwandeln. Der Schmutz ist nun weg. Doch manche Dinge bleiben, egal, wie oft die Wolken auseinanderbrechen und sich über uns ergießen. Egal, wie oft wir darüber wischen. Sie bleiben und machen vieles kaputt. Die Rede ist von Lügen. Ein Sprichwort besagt, sie haben kurze Beine. Bei Bernhard Schlink haben sie einen langen Atem. Der bleibt und bleibt.

Im Juli ist sein Erzählband „Sommerlügen“ erschienen. Wie der Titel schon sagt, dreht sich in den sieben Erzählungen alles um den Sommer und Lügen. Menschen, die sich selbst und andere betrügen, nur um der Wahrheit auszuweichen. Es könnte ja unangenehm werden, aber das soll es ja nicht.

Da ist der Theaterregisseur, der mit einer guten Freundin sein erstes Stück in einer fremden Stadt besucht und feiert. Sie übernachten dazu in einem teuren Hotel und teilen sich ein Bett. Es passiert zwischen den beiden nichts, weil er eine andere Frau liebt und seine Begleitung nur mag. Seiner Freundin hat er aber nichts von der anderen erzählt und natürlich ahnt sie, dass ihr Freund sie belügt. Sie glaubt, er sei fremdgegangen. Anstatt die Fakten auf den Tisch zu legen, lügt er. Weiter, immer weiter. Und verheddert sich. Oder der erfolglose Autor. Seine Frau ist eine erfolgreiche Schriftstellerin. Sie ist eine gefragte Persönlichkeit, permanent unterwegs, auf Lesungen und Preisverleihungen. Erschöpft sind alle. Also verschanzt er sich und seine Familie in einem einsamen Haus, das einige Stunden von New York entfernt ist. Dort will er seine Frau und Tochter nur für sich haben. Dies versucht er mit allen Mitteln, die für mich schon an Wahnsinn grenzen. In einer anderen Erzählung geht es um einen krebskranken Mann, der seiner Familie verschweigt, dass er im Kühlschrank einen Cocktail versteckt hält, den er bald zu sich nehmen will.

Die Geschichten beginnen meist sanft und man sucht schon zu Beginn nach der Lüge. Manchmal ist sie sofort da und manchmal dauert es ein wenig, bis sich das Drama vor einem abzeichnet. Dramatisch sind sie alle. Jede auf ihre Weise. Der Autor lässt uns bei jedem Schluss allein zurück, mit dem Ausmaß, was Lügen angerichtet haben. Er will uns daran erinnern, was heißt, zu lügen. Das Urteil fällt er allerdings nicht. Das überlässt er uns: Wir dürfen weiterdenken, dürfen an Reue und Vergebung denken oder nicht.

Bernhard Schlink hat schlicht geschrieben und ist dabei sehr sensibel vorgegangen. Seine Erzählungen sind alle von einer sanften Melancholie umgeben. Sie erinnern mich an Regentage, die mit Nieselregen beginnen und mit Dauerregen aufhören. Leise klopfen sie morgens an unsere Fenster, die wir noch halb verschlafen sehen und stöhnen, weil wir uns viel lieber Sonnenstrahlen gewünscht hätten. Im Laufe des Tages verwandeln sie sich zu einem Dauerregen. In uns bleibt das Frösteln und steigert sich zu einer großen Sehnsucht, die wir an solchen Tagen meist nicht stillen können. Genau so sind die Erzählungen geschrieben.

Nun ziehe ich meinen Regenmantel an, begebe mich nach draußen und suche in den Pfützen nach Antworten auf die Fragen: Darf man Dinge, die sich nicht abwischen lassen, einfach übermalen? Oder sollte man sie so liegen lassen? Vergeben oder Bestrafen? Ich atme ein und spüre immer noch einen langen Atem, der sich selbst nicht vor einem Dauerregen scheut.

Bernhard Schlink.
Sommerlügen.
Juli 2010, 288 Seiten, 19,90 €.
Diogenes Verlag.

Advertisements

5 Gedanken zu “Lügen haben kurze Beine, aber einen langen Atem.

  1. Ach ja, haben wir nicht alle unsere kleinen Lügen, mit denen wir uns eingerichtet haben? Und wäre es nicht grausam, immer nur die Wahrheit zu sagen und zu hören? Und welche Wahrheit? Man redet immer so, als gäbe es sie, die Wahrheit, aber in Wahrheit gibt es viele Wahrheiten, manchmal ist das eine so wahr wie sein Gegenteil und was wird dann aus uns? Zermalmen sie uns dann in ihrer Ungeheuerlichkeit, in ihrer Absolutheit? Ist nicht dann und wann die Unwahrheit wie ein Mantel, der uns schützt? Ich will nicht der Lüge, der Unwahrheit das Wort reden, aber die Wahrheit kann grausam sein, kann töten. Wahrheit kann sein wie ein Berg, den man nicht besteigen kann. Weil er zu hoch ist oder vereist. Und mann rutscht aus und stürzt ins Tal. Gescheitert an der Wahrheit…

    Gefällt mir

    1. Mir fallen zu dieser Frage – fernab von Bernhard Schlinks Lektüre – zwei Zitate ein:

      “… und wir schämen uns doch nur, weil man uns von Kindheit daran gewöhnt hat, uns für alles, was wahr ist, zu schämen, und mit allem zu prahlen, was gelogen ist. Man hat uns daran gewöhnt, uns nicht an dem zu freuen, was wir haben, sondern nur an dem, was wir anderen voraushaben. Und was noch schlimmer ist, man hat uns von klein auf an vergiftende Ansichten gewöhnt, die immer gleich anfangen, nämlich mit: Schließlich ist es bei allen so …” (Amos Oz: Plötzlich tief im Wald. Ein Märchen, Übersetzung von Mirjam Pressler, Suhrkamp, 2007)

      Und – Etwas zur Frage von Wirklichkeit und Lüge (vielleicht für die meisten bekannt, aber ich empfinde es dennoch als sehr treffend.):

      “Was die Schriftsteller schreiben
      ist ja nichts gegen die Wirklichkeit
      jaja sie schreiben ja daß alles fürchterlich ist
      daß alles verdorben und verkommen ist
      daß alles katastrophal ist
      und daß alles ausweglos ist
      aber alles das sie schreiben
      ist nichts gegen die Wirklichkeit
      die Wiklichkeit ist so schlimm
      daß sie nicht beschrieben werden kann
      noch kein Schriftsteller hat die Wirklichkeit so beschrieben
      wie sie wirklich ist
      das ist das Fürchterliche”

      (Thomas Bernhard: Heldenplatz, Suhrkamp, 1988)

      [Edit:] Ich habe auch noch ein schönes Schlink-Zitat gefunden, allerdings aus dem „Vorleser“.

      „Weil die Wahrheit dessen, was man redet, das ist, was man tut, kann man das Reden auch lassen.“ (Bernhard Schlink, Der Vorleser, Diogenes, 2003)

      Gefällt mir

  2. Verehrter Flattersatz,
    so viele Fragen, Fragen und noch mehr Fragen, dass ich mich im Kreis drehe. Sehr schön! Ich werde drüber nachdenken und dir antworten! Erst einmal lasse ich ein GROSSES DANKESCHÖN hier!

    Aufrichtige Grüße

    Klappentexterin

    Gefällt mir

  3. Liebe Friederike,

    und ob ich mich daran erinnere. Ich habe den Erzählband genauso gern verschlungen, regelrecht assimiliert. Leider erinnere ich mich gar nicht mehr an den Inhalt, an die Stimmung um so mehr. Diese bestimmte Atmosphäre, die Schlink mit seinen Erzählungen erzeugt. Ich sage jetzt mal: Ja, die Bände haben beide Ähnlichkeit.

    Herzlichst

    Klappentexterin

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s