Alice Munro schubst uns an. Damals wie heute.

Zeitweise hängen sie schüchtern in unseren Köpfen. Zaghaft und leise sind sie, wollen keinen Lärm machen, weil ihnen noch etwas fehlt. Ein Schubs etwa oder ein Klaps. Manchmal finden wir sie im Gesicht eines anderen, versteckt zwischen einem Lächeln oder einer bestimmten Mimik. Sie haben viele Formen. Schön ist es, wenn es dann jemanden gibt, der den Sehnsüchten den Anstoß gibt wie Alice Munro. Jemand, der unsere Gedanken mit Mut auffüllt.

Unzählige Erzählungen hat die kanadische Schriftstellerin bereits geschrieben. Im Februar diesen Jahres ist ihr erster Erzählband mit 15 Geschichten erschienen. Der Dörlemann Verlag hat das Buch herausgegeben und dies auf eine würdevolle Art getan. Das Buch trägt einen wunderschönen Leineneinband. Je nach Lichteinfall schimmert er dunkelblau oder weinrot. Ein zurückhaltendes Farbspiel ist das, was beglückt und dem Buch etwas Geheimnisvolles verleiht, etwas Wertvolles über das man immer wieder mit den Fingern streift.

Im Mittelpunkt stehen junge Frauen und Mädchen, die in Kleindstädten wohnen. Das Leben dort ist meist begrenzt und bewegt sich in einem Mikrokosmos. Die Protagonistinnen hingegen verharren nicht regungslos. Sie wollen hinaus aus ihren Schneckenhäusern, sie wollen hinter den eigenen Horizont steigen. Die Rede ist nicht vom Fernweh, sondern vom Wunsch, den eigenen Vorstellungen zu folgen, Ängste hinter sich zu lassen, Sehnsüchte zu stillen, gerecht zu sein – mit sich und den anderen. Wir lesen uns durch ihren Alltag, ihren Begegnungen und Ereignissen. Meist sind die Frauen stille Beobachterinnnen, die präzise registrieren, was vor ihren Augen passiert. Sie gehen dabei sehr feinfühlig vor und hinterfragen vieles. Einfach Dinge hinnehmen, weil es andere schon getan haben? Nein, das wollen sie nicht.

Da ist Mary in der Erzählung „Die leuchtenden Häuser“. Sie ist Mutter von einem Sohn, Danny, und lebt in einer Kleinstadt, die sich verwandelt. Aus Alt mach Neu – so lautet das Motto. Am liebsten wollen die neuen Bewohner, in ihren weißen, hellen Häusern, das alte, Verwesene abreißen und die Menschen gleich mit. Wie Mrs. Fullerton. Sie lebt allein in ihrem alten, heruntergekommenen Haus, das den jungen Frauen und Männern ein Dorn im Auge ist. Es muss weg. Während sich alle beim Kindergeburtstag den Kopf darüber zerbrechen, sitzt Mary da und überlegt, wie sie Mrs. Fullerton retten kann. Sie erhebt ihre Stimme gegen die Pläne der anderen. Aber die wollen sie nicht hören. Mary, so schlau und einsichtig wie sie ist, belässt es dabei, zieht ihren Mantel an und denkt zum Schluss: „Es gibt nichts, was du im Augenblick tun kannst, außer die Hände in die Taschen zu stecken und dir dein unvoreingenommenes Herz zu bewahren.“
Ein Raunen geht selbst jetzt noch durch mein Herz, wenn ich diese Worte streife. Eine kleine Träne sammelt sich ganz vorsichtig hinter meinen Augen. Plötzlich habe ich da so einen Schleier zwischen der Welt in mir drinnen und der da draußen. Ich bin berührt, atme, schlucke und lächle die Träne weg, denn mit einem Mal spüre ich einen Klaps auf der Schulter. Nach der Einsicht folgt die Zuversicht. Ja, so ist es oft, wenn man am Ende einer Munro Erzählung aus dem Werk angekommen ist.

Alice Munro zeigt sich in den früheren Jahren auch als Kämpferin der Frau. Wie bei der Protagonistin aus „Das Büro“. Die Ich-Erzählerin möchte schreiben. Es fällt ihr schwer zu sagen, dass sie Schriftstellerin ist. „Zu anmaßend“ klingt das für sie. Trotzdem oder gerade deswegen braucht sie ein Büro. Warum? Weil ein Mann in einem Haus arbeiten kann, eine Frau hingegen nicht. Eine Frau hat Pflichten zu erledigen: Den Haushalt, das Essen, die Kinder, den Mann. Eine Frau, die nur da sitzt, in die Weite schaut und einfach nur schreibt, ist undenkbar. Sie hat immer da zu sein, für jeden. Abtauchen in ferne Welten ist eine Utopie. Also muss ein Büro her. Ein Ort, der Raum für eigene Gedanken und Ideen schenkt.

Alice Munro setzt sich besonders hier dafür ein, dass man die Frauen als eigenständige, selbstdenkende Wesen sehen sollte. Dass sie nicht nur bügeln, sondern auch schreiben oder malen können. Munro belehrt nicht, nein, sie spricht es auf eine sehr clevere Art an. Sie erhebt keinen Zeigefinger. Das wäre keine echte Munro. Sie schreibt schnörkellos, setzt dabei ihren leichten ironischen Blick hinzu und lässt die großen Gefühle draußen. Emotionen bleiben eher im Miniformat. Sie sind sehr zart und schmal, dass sie gerade so durch einen Briefkastenschlitz passen. Wer nun denkt, dass sich das kühl anfühlen muss, irrt sich. Es bleibt warm und bemerkenswert, denn Munro zu lesen, bedeutet jedes Mal, bewegt zu werden und das auf vielfältige Weise.

Die frühen Geschichten unterscheiden sich von den Erzählungen, die danach folgten. Sie sind kürzer. Auch die Sätze, die sie beschreiben. An einigen Stellen hat Alice Munro auf nähere Einzelheiten verzichtet. Damit schafft die Autorin Raum für uns, in dem wir uns ausbreiten können. Ich hätte nie geglaubt, dass sich Distanz auch nah anfühlen kann. Es ist als wäre eine Fensterscheibe durchlässig wie eine Membran, die die Innen- und Außenwelt mühelos verbindet. Genau so ist es mir ergangen. Als ich die Erzählungen mit ihren späteren Werken verglich – das tut man automatisch als Munro-Leserin – tat sich vor mir folgendes Bild auf: Eine Knospe, der man ansieht, dass sie ganz bald zu einer schönen Blume gedeihen wird. Man ahnt schon jetzt, dass hier eine besondere Schriftstellerin am Werk ist. Hier reift etwas Wunderbares, etwas, das uns an unsere eigenen reichhaltigen Ressourcen erinnert, die wir alle haben. Alice Munro zu lesen, bedeutet auch Mut zu atmen und Kraft zu spüren. Sie schubst uns an. Damals wie heute.

Alice Munro.
Tanz der seligen Geister.
Februar 2010, 380 Seiten, 23,90 €.
Dörlemann Verlag.

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4 Gedanken zu “Alice Munro schubst uns an. Damals wie heute.

  1. Liebe Klappentexterin,
    Deinem Artikel ist nichts hinzuzufügen. Ich bin sprachlos und berührt. Du hast die wundervollste Rezension zu Alice Munro geschrieben, die ich seit langem gelesen habe!

    Gedankenversonne Grüße von Karin, die Alice Munro sehr verehrt

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  2. Eine sehr schöne Rezension! Leider kannte ich diese Autorin bisher nicht. Du hast mich dazu angeregt, auch mal von Alice Munro zu lesen. Ich bin gespannt.

    Annegret

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  3. Liebe Karin,
    vielen Dank! Ich wollte dem Buch und der Autorin die Ehre erweisen, die beide verdient haben. Du bist es übrigens gewesen, die mich damals auf das Buch aufmerksam gemacht hat.

    Liebe Annegret,
    es freut mich, dass du nun Alice Munro kennengelernt hast. Empfehlenswert sind alle Erzählbände von ihr, die man immer und immer wieder lesen möchte, weil sie so großartig sind. Ich wünsche dir schon jetzt viel Freude damit.

    Aufrichtige Grüße

    Klappentexterin

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