Yin und Yang. Und ein Mord dazwischen.


Atme tief ein, atme tief aus. Atme so tief ein, dass dein Bauchnabel vibriert und der Hosenknopf in Wanderlaune gerät. Hier befindet sich der Mittelpunkt des Weltalls. Hier strömt eine geballte Ladung an Energie. Lach nicht, sondern schließe deine Augen und spüre die Mitte. Atme. Und schon bald wirst du vergessen, nicht alles, aber ein bisschen. Du lächelst. Das ist schön. Kannst du jetzt an einen Krimi denken? Nein, dann lass dich vom Gegenteil überzeugen.

Krimi und Zen passt das zusammen? Als ich das Buch „Mord im Zeichen des Zen“ in den Händen hielt, hatte ich zunächst Zweifel. Ein Krimi ist oft brutal und zieht die böse Fratze der menschlichen Seele an die Oberfläche. Zen hingegen hat etwas Harmonisches so wie eine Feder, die zart über eine aufgeregte Hand streicht. Oliver Bottini ist das Wagnis eingegangen. Ich bin ihm auf leisen Sohlen gefolgt.

In seinem Krimi taucht eines Tages in einem kleinem Ort bei Freiburg im tiefsten Winter ein asiatischer Mönch auf. Im Gesicht trägt er Spuren von einem Kampf. Er läuft und läuft, landet schließlich auf dem Marktplatz von Liebau und zieht viele Blicke auf sich. Bald wird die Hauptkommissarin Louise Bonì dazu gerufen. Gemeinsam mit ihren Kollegen folgt sie abwechselnd dem Mönch. Sie versucht von dem Mönch etwas zu erfahren, doch vergeblich: Der Mann schweigt und läuft stattdessen im Schnee weiter. Mich hat es ebenso fast wahnsinnig gemacht wie seine Verfolger, nicht zu erfahren, was er für eine Vergangenheit in sich trägt. Wo kommt er her? Was hat er vor? Woher stammen die Verletzungen?

Das fragt sich auch die eigenwillige Kommissarin, die ich schon vom ersten Moment an mag. Es ist ihre direkte Art und auch ihr Willen, die mich begeistert haben. Und da ist das Dunkle, eine Vergangenheit, die Narben hinterlassen hat. So sitzt ein Ereignis auf ihrer Schulter, eine schwere Last, die sie fast erdrückt und die an ihr haften bleibt wie eine ölige Staubschicht. Louise möchte nach vorn gehen, bleibt jedoch immer wieder mit einem Bein im Gestern hängen. Zu einnehmend ist ein Fall, bei dem sie einen Menschen erschossen hat. Sie kann nicht loslassen und kehrt immer wieder zu diesem dunklen Punkt zurück oder viel mehr taucht er plötzlich in ihrem Kopf auf. Die Jägermeister, die sie stets in ihren Jackentaschen verstaut hat, sind da so etwas wie kleine Rettungsanker. Sie zieht die Flaschen mit den Worten: „Hoppla, was haben wir denn da?“ heraus. Da schmunzelt man jedesmal automatisch, obwohl es ja eigentlich traurig ist. Diese kleinen, scharfen Tropfen wärmen Louise, betäuben ihren Geist, geben Halt und spenden stoßweise Kraft. Vor allem Kraft braucht Louise, um gegen all die Widerstände anzukämpfen, die sich beim neuen Fall vor ihr auftun. Die gibt es in dem Krimi zu genüge ebenso wie Gegensätze. Yin und Yang. Nacht und Tag. Tod und Leben. Haben und Nichthaben.

Dieser Krimi ist für mich kein gewöhnlicher Krimi. Es steckt hier viel mehr drin. Vor allem die wunderbare Sprache hat mich beeindruckt. Bei Oliver Bottini werden aus „dunklen Flecken Raben, die plötzlich davonfliegen“. Der Autor verleiht der Geschichte viel Poesie, in die man sich gern fallen lässt. Die Spannung baut sich wie ein Bogen auf. Ebenfalls bemerkenswert sind die weisen Gedanken, die an einigen Stellen auftauchen und an einen Buddha erinnern. Auf den treffen wir nicht persönlich, dafür auf Menschen, die mit der japanischen Kultur verwurzelt sind und sich dem göttlichen Wesen nah fühlen. Ich blinzele immer noch entzückt, wenn ich beispielsweise an Enni denke, ein junger Mann, der in einem Sushi-Imbiss arbeitet und Louise etwas von der Kraft der Mitte im eigenen Bauch erzählt. Er nennt es den Mittelpunkt des Weltalls. Oder Richard Landen, der im Laufe der Ermittlungen ins Spiel kommt. Er ist Dozent am Südasien-Institut und verheiratet mit einer Japanerin. Richard Landen umweht etwas Geheimnisvolles, das spürt Louise relativ schnell und verfängt sich immer mehr in ihre eigenen Phantasien. Auch ich konnte mich dem Zauber nicht entziehen. Enni und Richard Landen besitzen diese besondere Weisheit, mit der sie dem Leben begegnen, eine gewisse Leichtigkeit nach der viele von uns so oft suchen.

Darüber hinaus stellt der Autor eine Frage, die mir morgens in der stickigen S-Bahn eine Gänsehaut beschert hat. Eine Frage darüber, wie weit der Mensch gehen darf, um etwas haben zu wollen, was einem vergönnt ist. Was genau es ist, werde ich hier natürlich nicht verraten. Wenn ihr, liebe Leser, auf Seite 285 angekommen seid, wisst ihr, was ich meine.

Der Mönch verschwindet. Und es passiert etwas Schreckliches: Ein Mord. Die Ermittlungen führen in ein Kloster. Louise und ihre Kollegen finden heraus, dass der Mönch ein Zen-Kind ist und Taro heißt. Wo er hin wollte, das kann jedoch keiner sagen. Dafür entdeckt die Kommissarin an dem Ort ein düsteres Geheimnis, das sie Stück für Stück aufdröselt…

Das Buch endet anders als ich es bisher kenne. Dies gehört sich auch für einen Krimi, der kein gewöhnlicher Krimi ist. Er hat zurecht 2005 dafür den Deutschen Krimipreis erhalten. Die Geschichte bleibt an uns haften wie der eigene Atem. Der Bauchnabel vibriert, der Kopf ist frei und erfreut sich daran, Autoren wie Oliver Bottini weiterhin folgen zu dürfen.

Oliver Bottini.
Mord im Zeichen des Zen.
2005, 384 Seiten, 8,95 €.
Fischer Taschenbuch.

Diese Krimis sind ebenfalls von Oliver Bottini erschienen.

Dieser Krimi erscheint am 5. Oktober.

Mehr über den Autor erfahrt ihr auf seiner Homepage. Und morgen verrät er in einem Interview, wie er über Fernöstliches denkt. Seid also gespannt!

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Veröffentlicht in Krimi

9 Gedanken zu “Yin und Yang. Und ein Mord dazwischen.

  1. Mein Herz flattert und meine Muskeln im Gesicht kündigen für morgen schon jetzt einen starken Muskelkater an. Schuld daran seid ihr! ; )

    Ganz lieben Dank für eure wunderschönen Kommentare und die Wertschätzung, die darin liegt.

    Aufrichtige Grüße

    eure Klappentexterin

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  2. Krimipreis? Nie was von dem Buch gehört! Ich mag ja „normale“ Krimis nicht so. Aber lesen kann ich ihn nicht, zu groß ist gerade der Haufen mit aktuellen Büchern, die dringend rezensiert werden wollen.

    Macht du eigentlich auch bei der Lovelybooks-Leserrezension mit? Ich wäre dafür!

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  3. Vielen Dank für deinen Kommentar, liebe Friederike! Dass mit den vielen Stapeln kann ich allzu nachvollziehen. Wieviele sind es denn?

    Beim Leser-Kompass habe ich letztes Jahr den 1.Preis in der Sonderkategorie „Zeitgenössische Literatur“ gewonnen. Da lasse ich jetzt anderen den Vortritt und drücke allen TeilnehmerInnen fest die Daumen. Ich hoffe doch sehr, du bist dabei!

    Liebe Grüße

    Klappentexterin

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  4. Für mich ist ein „Haufen“ schon 5 Bücher. Ich pflege nicht so gerne diese sogenannten SUBS. Wenn ein Buch zu lange ungelesen rumliegt, habe ich nämlich irgendwie keine Lust mehr es zu lesen. So wie ein Kleidungsstück, das ein Fehlkauf war, dass man deshalb nie angezogen hat.

    Ich werde wahrscheinlich etwas einreichen, rechne aber nicht mit einem Gewinn. Meinen Rezensionen fehlt das Besondere, da ich mich auf Japanliteratur immer sehr versuche darauf zu konzentrieren, so „objektiv“ wie möglich zu schreiben.

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  5. Liebe Friedrike,

    ein Traum und ein paar weitere Stimmen zum Leserkompass 2010 haben mich nun doch zur Teilnahme bewogen. Außerdem möchte ich damit dieses tolle Projekt unterstützen. Ich drücke dir fest die Daumen, dass du einen Preis gewinnst. Meine Stimme hast du (die ich leider nicht abgeben darf.) Gerade wie du schreibst, ist doch etwas Besonderes.

    Alles Gute

    Klappentexterin

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