(K)leben oder (k)leben lassen.

Klebstoffe und Menschen haben mehr gemeinsam, als man zunächst annimmt. Jeder Klebstoff reagiert anders. Der eine haftet, wenn er viel Licht hat, ein anderer braucht viel Wärme. Einige sind schnell, andere langsamer. Es kommt dabei auf die richtige Bindung an, die sie eingehen. Wie bei den Menschen. Die einen bereichern uns, die anderen ziehen Energie und wiederum andere fallen plötzlich vor unsere Augen, dass wir manchmal nicht recht wissen, was wir mit ihnen tun sollen. Laufen lassen? Festhalten? Kleben?

In ihrem neuen Buch „Das Leben kleben“ erzählt Marina Lewycka die Geschichte von Georgie Sinclair, die für ein Klebstoff-Fachmagazin arbeitet. So ganz glücklich macht es sie aber nicht, also schreibt sie nebenbei an ihrem Roman „Das verspritzte Herz“. Das ist auch ihr Herz. Kaputt. Es liegt auf dem Boden und winselt leise vor sich hin. Georgie hat nämlich ihren Mann vor die Tür gesetzt. Dem hat sie es zu verdanken, dass eine alte Dame eines Tages in den Sachen wühlt, die Georgie von ihrem Mann in den Müllcontainer geworfen hat. Die Frau heißt Mrs. Shapiro, ist Jüdin und lebt mit ihren Dutzend Katzen in einem heruntergekommenen Haus. Eines Tages kommt sie ins Krankenhaus. Von da an kümmert sich Georgie um Mrs. Shapiro, deren Katzen, das Haus und gerät immer mehr in einen Strudel unvorhersehbarer Ereignisse aus dem sie bald nicht mehr herauskommt. All das klingt verrückt und das ist es. Eine ganze Tonne, in die man fällt und wühlt, gräbt, gräbt…

Dieses Mal habe ich nicht gelesen, sondern habe mir die Geschichte von Katharina Thalbach vorlesen lassen. Ein Hochgenuss ist das gewesen. Die Schauspielerin hat für Hörbücher die perfekte Stimme. Sie ist ein Garant für ein unverwechselbares Hörerlebnis. Noch jetzt höre ich sie mit großer Inbrunst „Georgine“ sagen. So nennt Mrs. Shapiro liebevoll ihre neue Freundin. Am Anfang denkt man, dies wird eine klassische Frauengeschichte. Die eine hat Liebeskummer, die andere ist einsam und beide finden sich. Weit gefehlt. „Das Leben kleben“ ist ein Eldorado an kleinen Geschichten von Menschen mit ihren eigenen Schicksalen. Die Autorin erzählt auch über das Leben der Juden während des Zweiten Weltkrieges, aber ebenfalls von den Konflikten in Israel. Alle Seiten kommen zur Sprache. Je tiefer man in das Buch versinkt, um so mehr denkt man eine bunte Matroschka, die sich stückchenweise auspacken lässt.

Der Roman bewegt einen vom ersten Ton an. Es umweht ihn ein Hauch an Drama. Doch dies erdrückt einen nicht wie eine dunkle Wolke, die die Sonne verdeckt. Nein, die Sonne blinzelt in regelmäßigen Abständen durch die Wolken. Damit bekommt die Geschichte eine Leichtigkeit, mit der ich durch die Stadt geschwebt bin. Es ist der Ironie Lewyckas und der bemerkenswerten Stimme Thalbachs zu verdanken. Diese Kombination ist einfach perfekt!

Ich habe oft gelächelt und geseufzt, habe „Ach wirklich“ gesagt und hatte an einigen Stellen eine Gänsehaut. Als der letzte Ton verstummte, blieb etwas zurück, etwas Großes, das ich nicht so schnell vergessen werde. Und man denkt im nächsten Atemzug: Wie wahr, das Leben hat ein lachendes und ein weinendes Auge. Leben oder leben lassen. Marina Lewycka erinnert uns daran auf eine besondere Weise, dass man Ende überzeugt sagen kann: Es stimmt, alles wird gut. Früher oder später.

Marina Lewycka.
Das Leben kleben.
Gelesen von Katharina Thalbach.
Bei audible Hörbücher:
05 Std. 03 Min.
13,95 €.

Advertisements

7 Gedanken zu “(K)leben oder (k)leben lassen.

  1. Das Hörbuch habe ich mir eben noch bei audible.de angesehen. Es steht nämlich schon eine Weile auf meiner Wunschliste. Heute habe ich mich zwar für »Das Limonenhaus« entschieden, weil es wohl in Köln und Italien spielt – perfekt also für mich.
    Als nächstes ist dann aber der Klebstoff dran.

    Liebe Grüße,
    Nina

    Gefällt mir

  2. ach, ich habe noch ganz altmodisch auf papier und selbst gelesen… mir hat das buch auch so gut gefallen. .. es ist eine kunst, so schwierige themen, wie lewycka sie anschneidet mit z.b dem verhältnis juden vs palestinänser mit soviel humor und leichtigkeit zu behandeln. diese fertigkeit hat sie ja auch in ihrem anderen büchern, vor allem dem traktor-buch, bewiesen.

    Gefällt mir

  3. Habe letzten Monat gerade „Caravan“ von Lewycka gelesen, dieser besondere Ton mit dem sie problematische Themen dem Leser serviert hat mich beeindruckt. Und ihre lebensechten Charaktere wachsen einem regelrecht ans Herz. „Das Leben Kleben“ klingt ja auch wieder nach einem sehr lesenswerten Buch.

    Gefällt mir

  4. Liebe Nina,
    ich wünsche dir schon jetzt viel Freude mit dem bemerkenswerten Klebstoff im Ohr und bin natürlich gespannt auf den Gesamteindruck, den „Das Limonenhaus“ bei dir hinterlassen wird. Audible.de werde ich morgen mal wieder besuchen und schauen, was ich Feines entdecke. Vielleicht treffen wir uns ja dort. : )

    Hallo Flattersatz,
    ja, genau diese Leichtigkeit über schwere Themen zu schreiben, macht Lewycka aus und zu einer besonderen Schriftstellerin, die – wie bereits bei dir erwähnt – viel mehr Aufmerksamkeit verdient hat. Wir arbeiten dran, nicht wahr?

    Liebe Buchmarie,
    „Caravan“ steht noch ungelesen in meinem Regal. Darüber freue ich mich, dass ich es irgendwann mal lesen werde. Es erwartet mich dann wieder ein besonderes Lesevergnügen, wenn ich deine Worte so lese…

    Herzlichst,

    eure Klappentexterin

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s