Popcorn-Philosophie zwischen den Träumen.


Ich schalte den Fernseher aus, schließe meine Augen und sehe alles noch immer genau vor mir. Das Bild hat sich auf die Netzhaut eingebrannt. So kommt es mir vor. Die Mengen von Wasser, die die Landschaft verschlingen. Menschen, die hilflos mit leeren Augen in die Kamera schauen. Sie hatten vorher schon nicht viel und nun gar nichts mehr. Jetzt spüre ich eine Müdigkeit vom angestrengten Gucken, denn ich habe auch nach einigen Menschen gesucht, in einem Land, das ich bis vor kurzem nur aus den Nachrichten kannte. Nawab, Saleema, K.K. Harouni, Lily und Murad, um nur einige zu nennen. Frauen und Männer aus einer anderen Welt, ganz weit entfernt und doch ganz nah bei mir. Mit ihren Träumen und Sehnsüchten. Auch wenn sie im Zentrum fiktiver Geschichten stehen, bin ich mir sicher, dass es sie dort draußen in den Weiten von Pakistan gibt. Sie heißen vielleicht ganz anders, sehen anders aus, sie sind jedoch da und mit ihnen noch unzählige andere Menschen, an die ich die Tage so oft denke.

Daniyal Museenuddin erzählt in seinem Buch „Andere Räume, andere Träume“ acht Lebensgeschichten verschiedener Menschen in Pakistan. Im Mittelpunkt steht K.K. Harouni – ein vermögendes Mitglied der pakistanischen Landbesitzerklasse. Um ihn herum zerstreuen sich wunderbare Erzählungen über die Menschen, die ihn umgeben. Museenuddin berichtet von ihren Sehnsüchten und Träumen, die alle anders aussehen. Für den einen ist es ein Motorrad, für die andere die Anerkennung als Frau. Überall hängt der große Wunsch nach Glück. Es streift die Menschen auf ihre eigene Weise. Ein Wispern, ein Zucken oder eine Bewegung. Ein besonderer Moment schnellem Augenzwinkern gleich. Man wünscht es jedem Einzelnen und doch wissen wir bereits von Beginn an, wenn sich die Sonne zwischen die Regenwolken schiebt: Nichts bleibt wie es ist. Gutes kommt, Gutes geht. Das ist das Leben. So verweilt das Glück nur kurz in den Händen der Menschen, bevor es weiterzieht in die Bäume, in das Land. Zurückbleiben die Sehnsucht, die Träume in den Herzen und der Sand unter den Fingernägeln.

Ich bin immer noch fasziniert von den Erzählungen, denn ich habe meinen Kopf in eine Vielfalt getaucht. Teilweise war sie vollkommen neu, irgendwie exotisch. Wie ein Äffchen bin ich von Liane zu Liane gesprungen. Neugierig auf jede einzelne Geschichte, auf jeden Menschen. Ein großer Entdeckerdurst krabbelte meine trockene Kehle runter. Hier ein Krächzen, dort ein Prickeln.

An anderer Stelle hingegen fand ich Altbekanntes wieder, westliche Züge, die ich nicht erwartet hatte und ungläubig ein überraschtes „Tatsächlich?“ ausstieß. Ich denke da an meine liebste Erzählung „Lily“. Hier geht es um die Liebe zwischen Lily und Murad. Eigentlich zwei vollkommen unterschiedliche Wesen. Er ist bodenständig, ehrgeizig, darauf bedacht, in die Fußstapfen seines Vaters zu treten, die Farm weiterhin erfolgreich zu führen. Sie ist lebenshungrig, selbstzerstörerisch und von einer Unruhe getrieben. Wie zwei Planeten umkreisen sie sich vorsichtig, bedächtig und fragend, selbst nach der Hochzeit. Wie weit kann die Liebe einen Menschen ändern? Oder gar nicht?

Jede Erzählung ist so kraftvoll und üppig. Selbst jetzt verspüre ich noch einen großen Appetit nach dem Leben, was nicht vorm Horizont aufhört. Suchen und finden. Fallen und Aufstehen. Dazwischen viel lachen, aber auch weinen. Hoffen und bangen. Und natürlich in Sehnsüchten baden und von Träumen träumen.

Der Autor ist für mich ein Akrobat der Sprache. Er hat an den richtigen Stellen, Tempo herausgenommen, dafür eine große Portion Gefühl eingestreut, um an anderer Stelle wieder ein amüsantes Lächeln hervorzulocken. Murad nimmt in einem Gespräch mit Lily das Wort Popcorn-Philosophie in den Mund. Genau das ist es, was uns in dem ganzen Buch begegnet. Wie sich so eine luftige, leicht melancholische und doch nachhaltige Gedankenwelt anfühlt? So wie dies hier:

Nach dem Laufen kam ich nach Hause und legte mich auf den Rasen und sah zu, wie der Tag sich neigte und die Sterne herauskamen. Geradewegs nach oben geschaut, während der Schweiß dir über das Gesicht läuft und die Moskitos in einer kleinen Formation um dich herumschwirren, und darüber nachgedacht, dass das All sich unendlich ausdehnt und wie wenig du bedeutest und wie unwichtig deine Probleme sind?

Kraftvoll bis zum letzten Satz. Das ist das Buch mit seinen Erzählungen. Kraft. Die wünsche ich an Tagen wie diesen den Menschen in Pakistan.

Daniyal Mueenuddin.
Andere Räume, andere Träume.
April 2010, 289 Seiten, 19,90 €.
Suhrkamp Verlag.

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