Ebbe geht, Flut kommt. Das Leben bleibt.

Das Leben ist kein Ponyhof, sondern eine kleine Ansammlung von Schmetterlings- und Nackenschlägen. Mal ist es liebevoll und streichelt einem sanft über den Kopf. Ein anderes Mal knallt es einem im Gegenzug brutal in den Nacken, dass der Kopf Schwierigkeiten hat, aufrecht stehen zu bleiben.

Selbst die junge Gesa Petersen auf Nördrum bleibt von dem Wechselspiel nicht verschont. Sie ist die Hauptperson in Michael Gantenbergs Roman „Zwischen allen Wolken“. Die 19-Jährige steckt mitten in ihren Abiturprüfungen, als etwas Furchtbares passiert: Ihr Bruder kommt ums Leben. Damit gerät nicht nur ihr eigenes, sondern auch das der Familie durcheinander.

Familie Petersen betreibt eine kleine Pension, Möwennest heißt sie. Der Vater ist mit dem Tod des Sohnes überfordert. Fortan müssen die drei Damen – Gesa, die Mutter und Großmutter – den Betrieb schmeißen, was allerdings nicht so einfach ist. Auch sie stehen noch unter Schock. Jede verarbeitet ihn auf seine eigene Weise. Gesas Mutter beispielsweise findet Trost bei Jean-Pierre – einer Ente. Bei Gesa ist es auch etwas suspekt: Ihr Bruder besucht sie in regelmäßigen Abständen. Einfach so. Plötzlich ist er da und unterhält sich mit ihr. Diese Wahnvorstellungen führen sie schließlich zu Dr. Niedlich, einem Psychologen. Und dann ist das noch die Liebe, die die junge Frau mächtig durcheinander wirbelt.

Aus einem beständigen Wechsel der Gezeiten wird von einem Tag auf den anderen eine Dauerflut. Es schwappt über. Jeder will dem Schicksalsschlag, der Flut entkommen, doch die Schwimmwesten, die alle Betroffenen tragen, passen nicht oder lassen sich nicht ganz schließen. So paddeln alle wie wild mit den Armen und bewegen sich doch nicht von der Stelle, verharren und warten. Vielleicht ist es das Beste, was sie tun können. Irgendwann, das ahnt man, kommt die Ebbe von ganz allein zurück und dann brauchen sie keine Schwimmwesten mehr.

Michael Gantenberg fragt: Wie geht man in so einer schrecklichen Situation um? Er tut es nicht direkt, sondern legt sie seinen Protagonisten in die Hand. Was wir sehen ist: Die einen bleiben und die anderen flüchten. Oma Insa beispielsweise wächst über sich hinaus und offenbart ihrer Familie sogar ein lang gehütetes Geheimnis. Gesas Vater hingegen haut ab. Flucht hilft manchmal, raus aus dem Schlamassel, irgendwo hin, doch dauerhaft ist dies keine Lösung. Das Ereignis holt einen immer wieder ein wie ein treuer Boomerang, der einfach zurückkommt.

Dies ist ein sehr bemerkenswertes Buch. Ich wusste es schon nach der ersten Seite. Dem Autor ist der Spagat zwischen Drama und Leichtigkeit sehr gut gelungen. Es tauchen Passagen auf, in denen habe ich schon ganz schön mit den Tränen gekämpft. Dafür lacht man anderer Stelle wieder aus ganzer Seele, klopft sich auf die Schenkel und freut sich des Lebens.

Die Sprache ist schnörkellos und umfing mich beim Lesen wie eine frische Meeresbrise. Michael Gantenberg erzählt einerseits witzig, andererseits sehr tiefgründig. Zwischen den Zeilen fand ich Sätze, die sich wunderbar lasen. So wunderbar, dass ich sie wie ein schönes Bild für schlechte Tage an die Wand hängen wollte. Gedanken, die einem wieder auf die Beine stellen, wenn man umgeknickst ist und die daran erinnern, wie schön Schmetterlingsschläge sein können. Auf eine berührende und sensible Weise ist Michael Gantenberg in den Kopf einer heranwachsenden Frau geschlüpft. Eine Freundin hat mir vor kurzem gesagt: „Es gibt Autoren, die erzählen nur und es gibt Autoren, die erzählen und schenken ihrer Geschichte Leben.“ Letzteres trifft auf Michael Gantenberg zu. Ich denke da auch an die bemerkenswerte Charaktere, die er geschaffen hat. Es macht neben all dem Drama Freude, den einzelnen Menschen zu folgen, ja es entzückt die schräge Familie Petersen zu erleben. Jeder ist auf seine Art ein bisschen verrückt, aber gerade dadurch sehr liebenswert.

Sicherlich wird es immer wieder Nackenschläge geben. Vollkommen unerwartet treten sie in unser Leben und pieksen uns wie spitze Dornen, doch letztendlich zählt, wie wir mit ihnen umgehen. Ob wir flüchten oder uns ihnen stellen. Ob sie uns in ihrer Macht haben oder wir sie festhalten. Das ist eine von vielen Weisheiten, die ich aus dem Roman gezogen habe. Was ich allerdings immer noch vergeblich, suche ist das Lachen der Sandflöhe. Ist ja auch schwierig in einer Großstadt. Auf dem Asphalt hocken sie bestimmt nicht. Demnach wird es Zeit, dass ich ganz bald an die See fahre, mich in den Sand lege und lausche, so lange bis ich ein Lachen vernehmen werde.

Michael Gantenberg.
Zwischen allen Wolken.
Mai 2010, 288 Seiten, 14,95 €,
Scherz Verlag.

Der Autor ist am Sonnabend, 24. Juli, ab 20 Uhr zu Gast bei STORY! im Heimathafen Neukölln und liest aus seinem Roman „Zwischen allen Wolken“.

Mehr über den Autor erfahrt ihr auf seiner Homepage. Und morgen verrät er in einem Interview, wie er über Heimat denkt. Seid also gespannt!

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9 Gedanken zu “Ebbe geht, Flut kommt. Das Leben bleibt.

  1. Das klingt so herzzerreißend traurig und hoffnungsvoll-froh wie die Apfelkerne vom letzten Sommer. Danke für den Tipp, das werde ich mir heute sofort bestellen!

    Viele Grüße

    A.

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  2. Himmel, habe gerade diese wunderbare Rezension gelesen und das an meinem Geburtstag. Ein schönes, überdachtes und intelligentes Geschenk!

    Besten Dank

    Michael Gantenberg

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  3. Liebe A.,

    du hast es wunderbar zusammengefasst: herzzerreißend traurig und hoffnungsvoll-froh. Schon jetzt wünsche ich dir viel Spaß damit.

    Lieber Michael Gantenberg,

    zunächst: Alles, alles Gute zum Geburtstag!Es freut mich sehr, dass ich Ihnen auf diesem Wege ein kleines Geschenk machen konnte.

    Aufrichtige Grüße

    Klappentexterin

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  4. Himmel! Wie schaffst du es eigentlich immer, solch wunderbare Rezensionen zu schreiben! Jedes Mal wieder ist das wie ein emotionaler Kopfsprung mitten rein in die Geschichte. Und dann tummelt man sich zusammen mit allen Figuren auf den Seiten, obwohl man das Buch noch gar nicht kennt, ja, es noch nicht einmal selbst in Händen hält. Aber wenn man dann genau das tut, dann freut man sich schon auf die alten Bekannten und Freunde, die du einem zuvor durch deine Rezension vorgstellt hast. Ein wirkliches Phänomen! Herzlichen Dank dafür!

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