Gedanken an eine besondere Buchliebhaberin von einer anderen Buchliebhaberin.

Madame Monnier,
eigentlich wollte ich an dieser Stelle eine Rezension über die Auswahl Ihrer Schriften schreiben. Carl H. Buchner hat sie in dem Buch „Aufzeichnungen aus der Rue de l’Odéon. Schriften 1917-1953.“ zusammengefasst und damit ein besonderes Leseerlebnis geschaffen. Irgendeine Stimme in mir wollte das jedoch nicht, hat mich zurückgehalten, weil eine Rezension zu weit weg gewesen wäre. Wie ein Schiffshorn, das man manchmal am Strand von weit her wahrnimmt. Sie hingegen waren viel näher an mir dran. Sie waren wie eine Muschel, die in meiner Hand gelegen hat. So ein schönes Ding, von dem man sich nicht trennen mag. Deshalb schreibe ich Ihnen also diesen Brief, der Sie erreichen wird. Das weiß ich. Vielleicht durch den Luftzug, der gerade zwischen das Fenster huscht oder durch die Sonnenstrahlen, die sie sanft dorthin bringen, wo Sie jetzt verweilen. Tiefe Verbundenheit kennt eben keine Grenzen. Das empfinde ich, wenn ich an Sie denke. Sie haben mich eine Woche lang begeistert (und tun es immer noch). Wie eine Seelenverwandte habe ich Sie stets bei mir geführt. Mal lag Ihr Buch in meiner Tasche, mal hielt ich es im Bett in meinen Händen. Oft habe ich mich in Ihren Erzählungen als Buchhändlerin wiedergefunden. Ihre Gedanken teile ich ebenso:

„Zuerst einmal glaube ich, daß die Überzeugung, mit der ich Bücher verkaufe, jeglicher Handlung des Alltags innewohnen kann; man kann jegliche Art von Handel, jeglichen Beruf mit einer Zufriedenheit ausüben, die in bestimmten Momenten einer Leidenschaft gleichkommt.“

Wie Sie morgens allein in Ihrer Buchhandlung gestanden haben, umgeben von den in Regalen einsortierten Büchern und in dem Anblick verharrten. Der Wunsch, andere mit der Lektüre zu beglücken, viel mehr als Profit rauszuschlagen. Ihre grenzenlose Liebe zu den Büchern, Madame Monnier, ist auch die meine. Genau das entzückt mich so, aber auch weil Sie es wunderbar beschrieben haben: Vollkommen klar, echt und begleitet von einer wahren Menschlichkeit. Sie haben das geschildert, was Sie gedacht und empfunden haben.

Weiterhin haben Sie mich als Leserin in Ihre Welt blicken lassen, die darüber hinaus auch umgeben war von Schriftstellern und Künstlern. Sie haben mir Autoren vorgestellt, die ich bis dato gar nicht kannte. Wie beispielsweise Léon-Paul Fargue. Ihnen ist es gelungen, mit ihrem präzisen Blick und der wunderbaren Monnier-Feinfühligkeit ein Bild von dem Schriftsteller zu malen, dass ich selbst jetzt noch das Gefühl habe als hätte Fargue mir gestern die Hand geschüttelt. Ich höre noch seine tiefe Stimme in meinen Ohren hallen und sehe die Adlernase vor mir.

Lächelnd erinnere ich mich auch an die Passage Die Freundinnen der Bücher. Ein Vortrag an Frauen, in dem Sie betonen, dass Frauen Bücher lesen können. Jawohl! Hier kam es vor allem auf die Erziehung an. Viele Frauen konnten früher nicht lesen, „weil man sich alle Mühe gegeben hat, sie davon abzubringen.“ Frauen sollten sich vor allen um das Haus pflegen. Die Schulpflicht hat letztlich viel dazu beigetragen, dass sich das Bild wenden sollte. Bemerkenswert war an der Stelle auch für mich zu lesen, wie Sie das unterschiedliche Leseverhalten von Frau und Mann sehen. Während der Mann sich eher für die Form begeistert, genießt die Frau mehr die Lektüre als solche.

Madame Monnier, ich könnte noch mehr schreiben, zusammenfassen, kommentieren, doch dann würde ich sicherlich noch bis morgen Früh hier sitzen und schreiben. Das würde ich gern, doch die Zeiger in meiner Uhr sagen mir etwas anderes. Wenngleich ich weiß, dass es da draußen noch viele andere Bücherfreunde gibt, die uns beiden weiter lauschen würden.
Ich möchte mich mit dem Brief bei Ihnen bedanken, für die gemeinsamen Stunden des Zweisamkeit, die wir teilten, für das gleiche Empfinden, das Treffen auf einer Ebene, die jetzt noch ein Lächeln bei mir hinterlässt. Das Buch ist nun zu Ende, wie alles mal zu Ende geht. Aber manche Dinge leben weiter. Sie überleben Jahre. So wie Sie und all die anderen wunderbaren Menschen, die Sie umgeben haben. Das ist zuletzt größtenteils Ihnen zu verdanken, weil Sie all das so wunderbar festgehalten haben.

Aufrichtige Grüße

Klappentexterin


Adrienne Monnier.
Aufzeichnungen aus der Rue de l’Odéon. Schriften 1917-1953.
1998, 337 Seiten, Suhrkamp. Das Buch gibt es so im Buchhandel nicht mehr. Dafür bei Zweitausendeins.
Auf der Verlagsseite von Suhrkamp habe ich die gebundene Ausgabe für 19,80 € entdeckt.

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6 Gedanken zu “Gedanken an eine besondere Buchliebhaberin von einer anderen Buchliebhaberin.

  1. Dieses Buch ist ein echtes Bijoux in der Welt der Buchhändler. Ein sehr schöner Brief, der Lust macht, das Buch nach 15 Jahren nochmals zu lesen!
    Halte gerade die gebundene deutsche Erstauflage von 1995 in meinen Händen, leicht angegraut und angestaubt, aber voll literarischen Lebens…

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  2. Was für ein erlesener Brief, liebe Klappentexterin! So wunderbar einfühlsam geschrieben wie nur jemand die Worte finden kann, der in der Welt der Bücher lebt.

    Danke für diesen Lesegenuss!

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