Benedict Wells über Klassiker.

Wie bereits im Vorfeld angekündigt, lässt die Klappentexterin auch Autoren zur Sprache kommen. Heute erfahren wir von Benedict Wells – der Autor von Becks letzter Sommer und Spinner – wie er über Klassiker denkt.

Benedict Wells wurde 1984 in München geboren. Mit sechs Jahren begann seine Reise durch drei bayrische Internate. Nach dem Abitur 2003 zog er nach Berlin. Dort entschied er sich gegen ein Studium und widmete sich dem Schreiben. Seinen Lebensunterhalt bestritt er mit diversen Jobs. Sein vielbeachtetes Debüt Becks letzter Sommer erschien 2008. Spinner ist sein erster Roman, er schrieb ihn mit neunzehn.
© Diogenes Verlag.

Klappentexterin: In der „Zeit“ haben junge Schriftsteller den Kanon an Klassikern überarbeitet. So haben sie Autoren wie Ingeborg Bachmann, Franz Kafka, Max Frisch, Gottfried Benn und Alfred Döblin als nicht mehr zeitgemäß bezeichnet. Wie ist deine Meinung dazu?
Benedict Wells: Da habe ich keine dezidierte. Die ZEIT hatte mich ebenfalls angefragt, aber ich muss ehrlich sagen, dass mich Dinge wie ein deutscher Klassiker-Kanon nicht so groß interessieren, als dass ich viel dazu sagen könnte. Ich habe eigentlich nur gute sogenannte Klassiker gelesen und die anderen halt einfach weggelegt, wenn sie mir nicht gefielen. Übrigens würde ich Kafka zu den Guten zählen. Alles, was den Verstand so sprengt wie „Der Prozess“ ist zeitlos, wenn’s jetzt auch kein großer Lesespaß war.

KT: Brauchen wir Klassiker?
BW: Für mich war es jedenfalls wichtig, die klaren Gedanken von Menschen zu lesen, die ganz andere, oft auch schlimmere Zeiten erlebt haben als die späteren Generationen. Generell lese ich jedoch eher ausländische Autoren. Am Ende sollte wohl sowieso jeder für sich selbst entscheiden, was Klassiker sind. Für mich ist das ein dehnbarer Begriff, auch Huckleberry Finn von Twain zähle ich dazu, für andere ist das eventuell nur ein Jugendbuch.

KT: Mit welchem Klassiker-Autor würdest du dich gern mal treffen, wenn er noch lebte? Wo würdet ihr euch sehen?
BW: Einmal durch die Nacht mit Jack Kerouac und Anhang, irgendwann um 1955 in New York, um diesen Wahnsinn mal mitzuerleben.

KT: Welches klassisches Werk willst du irgendwann einmal lesen?
BW: „Krieg und Frieden“ sowie „Anne Karenina“ von Tolstoi.

KT: Von welchem Buch in der zeitgenössischen Literatur wird man in hundert Jahren „von dem Klassiker“ sprechen?
BW: Schriftsteller wie Kazuo Ishiguro erreichen eine Tiefe, die ich für wahnsinnig halte. „Was vom Tage übrig blieb“ und vor allem sein „Alles, was wir geben mussten“. Ich hoffe, dass man solche Autoren noch in hundert Jahren liest. Und ich hoffe, man wird dann auch noch jemanden wie John Irving zu schätzen wissen, zum Beispiel sein „Hotel New Hampshire“ oder „Owen Meany“.

KT: Der Protagonist aus deinem ersten Roman – Robert Beck – ist Musik- und Deutschlehrer. Welche Klassiker könnte er gern gelesen haben und welche würde er seinen Schülern wohl mit auf den Weg geben wollen?
BW: Schöne Frage, aber auch schwer zu beantworten, da er ja vor allem eher Musiklehrer war. Ich nehme an, er hat während des Studiums schon einige Klassiker zu schätzen gelernt. Den „Faust“ bespricht er gern im Unterricht, die „Wahlverwandschaften“ hat er jedoch trotz mehrmaliger Versuche und zu seiner eigenen Schande nie weiter gelesen als bis Seite 31. Seinen Schülern empfiehlt er im Buch aber eher zeitgenössische Autoren wie Hornby, Mulisch und Nabokov. In diese Richtung würden auch seine weiteren Empfehlungen gehen, etwa noch Salinger, Dostojewski und Fitzgerald. Von den deutschsprachigen aktuelleren Schriftstellern hätte er Goldt, Genazino und Gernhardt gemocht und empfohlen.

KT: Wo wir schon von Klassikern reden. Derzeit wird der technische Einfluss auf das Buch immer wieder thematisiert. Wird die Technik in Form von eBooks und iPads das Buch eines Tages verdrängen?
BW: Ich hoffe und bete, dass das nie geschieht. Ich werde alles dafür tun, damit es von mir kein eBook gibt. Ich liebe Bücher und deren klassische Form, den Geruch der Seiten, das Geräusch, wenn man es zuklappt, dazu überdauern sie oft Jahrhunderte. Das alles darf nicht verloren gehen.

KT: Wann gibt es dein nächstes Buch? Um was geht es da?
BW: Mein nächstes Buch erscheint vorraussichtlich im späten Sommer 2011, es spielt in Amerika und basiert auf wahren Tatsachen. Es geht um die Samenbank der Genies und Nobelpreisträger, und um einen 17jährigen Verlierer aus dem Trailerpark, der plötzlich erfährt, dass er das Retortenkind eines genialen Wissenschaftlers ist. Also macht er sich auf die Suche nach seinem richtigen Vater. Voller Hoffnungen, und um die Frage zu klären, wieso dieser ein Genie ist, während er selbst so ein Versager wurde. Das Ende ist sehr absurd. Ich war jedenfalls in den USA, um für diese Geschichte zu recherchieren… Naja, und um Urlaub zu machen. (Lacht.)

KT: Hast du jemals über die Fortsetzung eines deiner Romane nachgedacht. Nach dem Motto: Neues von Beck!?
BW: Ich muss zugeben: Ja. Weil ich die Figuren so geliebt habe und die Zeit mit ihnen vermisse. Würde ich aber trotzdem nicht machen. Etwas ist vor allem dann schön, wenn es einmalig ist.

Die Klappentexterin dankt für das Interview und wünscht Benedict Wells weiterhin alles Gute!

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11 Gedanken zu “Benedict Wells über Klassiker.

  1. Gut gefragt, gut geantwortet :]

    Ich LIEBE ja folgendes Zitat aus ‚Becks letzter Sommer‘:

    Die Welt ist für die Mutigen gemacht, der Rest schwimmt nur mit, die meisten gehen unter. Die Frage ist also: Sind Sie wenigstens ein guter Schwimmer?

    …was du im Übrigen auch sehr schön rezensiert hast.
    Liebe Grüße

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  2. Sehr sympathisches Interview (hatte das Glück, Wells bei einer Lesung zu erleben und das hat mir großen Spaß gemacht), sehr sympathischer Blog – hab sie vor ein paar Tagen erst entdeckt.

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