Deine Erinnerung ist alles, was zählt.


Warum sind wir eigentlich hier? Was ist unsere Aufgabe? Was sind unsere Träume? Haben wir welche? Wenn ja, wie heißen sie? Schenken wir ihnen ihre eigene Stimme? Die vielen Fragen erzeugen ein kurzes Herzflattern. Ich blicke in den wolkenfreien, nackten Abendhimmel, entdecke einen einzigen Stern und lächele. Denn nun weiß ich mehr. Über Träume und über einen gewissen Robert Beck, der in den letzten beiden Wochen bei mir war, jederzeit. Ihm bin ich gefolgt und vermisse ihn schon jetzt.

Nun von vorn. Robert Beck ist die Hauptperson aus dem Roman
Becks letzter Sommer von Benedict Wells. Der Protagonist ist 37 Jahre alt, vom Beruf Lehrer, obwohl er eigentlich Musiker sein möchte, seine Bestimmung, wie er glaubt. Einige Jahre schon hat er diese Tatsache fein säuberlich in einen Karton versteckt. Er schlägt sich durchs Leben, eher schlecht als recht. Bis zu dem Tag als er seinen Schüler Rauli Kantas trifft. Der Junge besucht zum zweiten Mal die elfte Klasse. Relativ schnell erkennt Beck sein Talent. Musik. Da ist es wieder. Es blitzt und knallt. Becks Heimat, die er schon fast vergessen hatte. Mit Rauli findet er sie erneut. Es wäre jedoch zu einfach, wenn das alles gewesen wäre. Genau hier erst beginnt die Reise.

Rauli ist nicht der Einzige, der Becks Koordinaten trifft. Sein depressiver Freund Charlie und die schöne Lara drehen sich auch in seinem Kosmos. All die Planeten ziehen Beck an, oft berührt er sie, um sich dann doch wieder von ihnen zu entfernen. Nur ist das richtig?

Als Leserin habe ich mich oft dabei ertappt, allwissend meinen Finger zu erheben und zu sagen: „So nicht. Bist du denn bescheuert?“ Blöderweise hörte der Mann mich nicht. Ich habe mit den Füßen getreten und geschimpft, nur damit er mich endlich wahrnimmt. Nah dran, das ist man. So nah, dass man manchmal Luft holen muss, und eine Schnappatmung die nächste jagt.

Benedict Wells hat einen fesselnden Roman geschrieben. Abwechselnd tendiert er zwischen einem lachenden und einem weinenden Auge. Er hat die verschiedenen Ereignisse raffiniert in die A-Seite und die B-Seite einer Schallplatte gegliedert. Es gibt helle Momente, in denen die Mundwinkel zucken und sich beherrschen müssen. Und es tauchen Augenblicke, mal kurze Sequenzen, mal längere auf, in denen aus dem Tag die schwarze dunkle Nacht wird. Unberechenbar und vollkommen haltlos lesen wir uns durch die Abgründe der menschlichen Seele. Sie ist gespeist von Ängsten und dem fehlenden Mut, sie zu durchbrechen.

Jeder von uns hat einen Robert Beck in seinem Kopf sitzen. Jeder erkennt diesen Mann wieder und ruft: Exakt! Ja, das kenne ich! Von vorn und von hinten. Das verleiht diesem Roman einen besonderen Charme. Es leuchtet ein Wort sofort auf: Wahrhaftig. Bekanntlich kennt die Wahrheit kein Erbarmen. Genauso ist es hier. Fast hätte ich mich selbst verloren, bis zu diesem einen Augenblick, diesem bestimmten Treffen in der Kneipe der verlorenen Seelen. Ein Ort, den wir uns alle wünschen oder viel mehr diesen Menschen auf den Beck dort trifft. Es ist jemand, der… Nein, das möchte ich nicht verraten.

Der Himmel draußen ist jetzt weniger nackt, weil die Nacht ihn angezogen hat. Der winzige Stern ist gewandert. Bis vor kurzem war mir in solchen Stunden manchmal schummerig zumute. Nun nicht mehr. Jetzt, wo Beck neben mir sitzt und sagt: „Alles, was zählt, ist deine Erinnerung.“

Becks letzter Sommer.
Benedict Wells.
November 2009, 464 Seiten, 10,90 €.
Diogenes.

An der Stelle ist für Herrn Beck Schluss. Dafür geht es am Donnerstag mit Benedict Wells weiter. Die Klappentexterin konnte den Autor für ein Interview gewinnen und wird dieses dann hier veröffentlichen.

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3 Gedanken zu “Deine Erinnerung ist alles, was zählt.

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