Camus und Murakami: Was verbindet beide?


Oder was teilt sie? Das frage ich mich. Immer noch. Seit ich unlängst im Flugzeug neben einem englischen Jungen gesessen habe, der auf dem Schoß zwei Autoren liegen hatte – viel mehr ihre Bücher. Die Rede ist von Haruki Murakami und Albert Camus. Selbst jetzt noch lächele ich erfreut und grübele leicht esoterisch. Es ist eindeutig: Das Schicksal hat mir diesen Bengel quasi direkt vor die Füße gelegt, damit ich dem nachgehen soll. Deshalb lasse ich das nicht einfach nur an mir vorüberziehen wie die weißen Wolken und hacke verrückt in die Tasten.

Eigentlich habe ich mich nur neben the english boy gesetzt, weil man ja nie weiß, was einen im Flieger erwartet, aber neben einem Menschen zu sitzen, der wie ich ein Buch auf den Beinen zu liegen hat, beruhigt mich ungemein und stellt sofort das Gefühl einer bekannten Vertrautheit her. Das schweißt zusammen. Erst beim neugierigen Schielen, eine Angewohnheit wohl aller Büchermenschen, entdeckte ich zuerst Murakami. Hätte fast geschrieen, habe es vielleicht auch, aber leise; nach der Aufregung folgte ein weiterer starrer Blick und ich entdeckte noch Camus. Darunter lag ein Notizbuch. Kurz überlegte ich im Strudel der Endorphine, ob ich ihm sagen sollte: „You read great authors! I love Murakami! Camus was a very interessant writer.“ Aber zwei Sachen haben mich davon abgehalten. Erst einmal ist mein English schlecht, dass ich mich in meinen eigenen Worten wahrscheinlich verloren und nur die Hälfte verstanden hätte. Und dann hätte ich ja die Antwort bekommen und keinen eigenen Raum für meine Gedanken und Mutmaßungen gehabt. Feige war ich nicht wirklich. Ein bisschen, aber nicht mehr. Dafür sehr neugierig. Und ich glaube: Einige Begegnungen sollte man nicht anfassen, ihnen also die gewisse Distanz lassen und sie einfach nur belächeln. Worte, so schön sie sein können, machen gern auch manchmal etwas kaputt. Nun sitze ich also hier und brüte, umgeben von einem gewissen Zauber.

Eins steht schon mal fest: Albert Camus und Haruki Murakami sind zwei großartige Autoren, deren Bücher man immer wieder lesen möchte. Ihre Werke sind Welten, die man leidenschaftlich gern entdeckt. Die Augen funkeln, der Geist überschlägt sich als hätte er den Treibstoff bekommen, nach dem er sich lange gesehnt hat. Und es sind Geschichten, die stets einen dunklen Mantel der Melancholie tragen, manchmal leicht versteckt wie ein Lesezeichen, das man nur sachte aus dem Buch ziehen muss. Ein anderes Mal jedoch fällt man in tiefe Brunnen und hockt dort nächtelang. Außerdem sind es zwei Schriftsteller, die man nie vergessen wird.

Hier verharre ich. Komme nicht weiter. Dennoch habe ich einen kleinen Blick bei Wikipedia gewagt. Da fand ich lediglich unter Murakami das mir schon bekannte Wissen. Dort fallen auch Worte wie Magischer Realismus. Leider fällt Camus nicht unter den Begriff. Also wieder ein Punkt Gemeinsames gestrichen. Vielleicht ist es aber auch die Philosophie, die beide – jeder auf seine Weise – in ihren Büchern verarbeitet haben?

Es existieren wahrlich einige Schlüssel, aber eine Tür hat sich noch nicht geöffnet. Die Antwort versteckt sich bisher sehr raffiniert vor mir und grinst dabei frech. Geheimnisumwogen sind sie beide – Murakami und Camus. Noch eine kleine Gemeinsamkeit, die ich nicht verschweigen möchte.
Nun denn, vielleicht fällt mir das große Ganze eines Tages durch den Briefkastenschlitz meines Kopfes. Wenn nicht, bleibt mir das Wissen und die Liebe zu den beiden Autoren erhalten. Und natürlich ein zauberhafter Flug.

Advertisements

3 Gedanken zu “Camus und Murakami: Was verbindet beide?

  1. Das, was in meinen Augen Murakami und Camus in erster Linie verbindet, ist der englische Junge, der beide Autoren liest.

    Und was sie neben dem Lesen noch verbindet, ist das Kompliment, dass sie es in die Notizbuchliga geschafft haben, will heißen sie regen beide zum Nachdenken an und hinter den Zeilen liegt eine Tiefe, die man durch das bloße Lesen nicht immer greifen kann.

    Welches Werk von Camus war es? „Der Fremde“ z. B. ist sehr einfach geschrieben. Er benutzt viele kurze Hauptsätze und doch steckt hinter dem Geschriebenen etwas Kompliziertes und Gewichtiges. Camus bringt philosophische Theorien und seine Ansichten auf den Punkt.

    Murakami schreibt umfangreicher, verschachtelter als Camus. Das entspricht genau seinen Geschichten. Die lassen sich nicht so leicht zusammnfassen und stellen nicht die Wissenschaft in den Vordergrund, sondern die Fantasie, das Surreale und die persönliche Deutung dessen.

    Camus ist der Kopf, Murakami das Herz, zusammen sind sie Teil einer Litaratur, der man auf den ersten Blick nicht ansieht, was in ihr vorgeht. Erst wenn man hinter die Fassade schaut und sie anfängt mit einem zu kommunizieren (Notizbuch), erschließt sich ihr eigentliches Gesicht.
    Und wie sagte Anais Nin: We don’t see things as they are, we see things as we are.

    Gefällt mir

  2. Liebe Ada,

    vielen Dank für deine ausführliche Erklärung. Jetzt hat sich die Tür etwas geöffnet. Allein die Tatsache: Camus = Kopf, Murakami = Herz ist eine schöne Antwort, plausibel und nachvollziehbar. Ich konnte nicht genau erkennen, um welches Camus-Buch es sich handelte, aber „Der Fremde“ war es nicht.

    Lieben Gruß

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s