Altherrenschokolade, die erleuchtet.


Es gibt Bücher, die kann man nicht mit einem Ruck lesen. Das geht nicht. Nein! Allein schon deshalb, weil man nicht möchte, dass sie enden. Aber auch, weil man mehr Zeit braucht, um die Zeilen zu inhalieren, sie für sich entdecken will. Weil die Macht der Worte einen fast erschlägt und man irgendwann hechelnd im Sessel sitzt und sagt: „Genug, heute genug. Morgen mehr!“

Genauso ist es mir bei Cees Nooteboom Nachts kommen die Füchse ergangen. Ich habe anfangs den Fehler gemacht und das Buch auf dem Weg zur Arbeit gelesen, bin jedoch nie wirklich hineingekommen. Aber zurück ins Regal stellen, wollte ich es nicht. Dazu bewegte es mich zu sehr – mich und das Leben, das zwischen der fahrenden S-Bahn und mir saß.

Die Erzählungen atmen den Hauch des Vergangenen, des Gewesenen und spielen sich gleichzeitig im Hier und Jetzt ab. Nooteboom schreibt über Liebesbeziehungen, die sich nie ganz aufgelöst haben und er erzählt von besonderen Menschen, die nie mit der wirklichen Welt zurecht gekommen sind. Er berichtet auch über Verschwiegenes, über Lügen, die die Menschen nicht wahrhaben wollen, selbst bis zu ihrem Tod nicht.

Ich hatte beim Lesen die ganze Zeit den Geschmack von Altherrenschokolade auf der Zunge – bitter und gleichzeitig verführerisch. Der Autor begeistert mich. Immer noch, weil er Großes in kleinen, wunderbaren Worten sagt. Weisheiten, die einen wachrütteln. Erkenntnisse, die hängende Köpfe wieder in gerade Häupter verwandeln. Nooteboom geht dabei sehr zurückhaltend vor. Er schreit nicht, sondern flüstert und manchmal denkt man sogar: Er spricht mir aus der Seele.

Der niederländische Autor hat bewiesen, dass selbst in Erzählungen reichhaltige Geschichten stecken, Romanen gleich, die man für sich entdecken will. Jeden Tag, jeden Abend. Nur nicht überall. Ein Lesesessel, ein Gartenstuhl, irgendwo da, wo man Ruhe hat für großartige Gedanken. Altherrenschokolade vernascht man ja auch nicht mit einem Biss zwischen Fahrgästen, sondern genießt sie mit allen Sinnen an besonderen Orten.

Nachts kommen die Füchse.
Cees Nooteboom.
März 2009, 152 Seiten, 19,80 €.
Suhrkamp.

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