Großes Buchstabenkino, das wie eine Achterbahn daherkommt.

So und nicht anders stelle ich mir großartiges Buchstabenkino vor: Die Augen hüpfen von links nach rechts, stolpern zwischendurch vor Aufregung des Nichtnachdenkens darüber, was sie gerade tun, weil sie einfach nicht glauben können, was sie da lesen, dennoch laufen sie weiter, immer weiter, weiter, Buchstabe über Buchstabe, Satz über Satz, um schließlich fröhlich glucksend zu tanzen, glücklich darüber ein Teil vom Buchstabenkino zu sein und mitzurocken in der Geschichte. Ging das jetzt alles zu schnell? Tun sich etwa erste Brummkreisel im Kopf auf? Dann sollte man den Text hier lieber nicht weiterlesen, denn langsamer wird es nicht, weder hier noch bei Iris Hanika, die Macherin des Buchstabenkinos.

Boy meets girl. Darüber ist schon tausendfach geschrieben wurden, aber selten oder gar nie wie es Iris Hanika in ihrem Roman Treffen sich zwei vollbracht hat. Bereits am Anfang wundert man sich als Leser nicht, dass Iris Hanika 2008 auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises gestanden hat, denn ihr Stil ist einzigartig, herrlich erfrischend, unwahrscheinlich menschlich und äußerst witzig.

Sie erzählt die Geschichte zwischen Senta und Thomas, die sich eines Abends im Kreuzberger O-Paradies treffen. Beide sind sprachlos und jeder dreht sich in seinem eigenen Liebeskosmos, fast der Ohnmacht nahe, weil sie davon bisher nur geträumt haben. Obwohl Thomas für Senta rein äußerlich nicht den perfekten Mann darstellt, ist er doch der Mann, der die Liebe für sie präsentiert und seine Augen, „in die sie immer wieder reinschaut“, fangen sie. Sein Silberblick, Heterophorie, wie es im Fachjargon heißt und nicht oft genug erwähnt wird. All das verwirrt Senta und noch viel mehr. Das bleibt, wen sollte es wundern, nicht ohne Folgen.

Iris Hanika schreibt unglaublich. Anders kann ich es nicht sagen. Sie ist dabei sehr vielfältig vorgegangen: Sensibel, nachdenklich, hat aber trotz aller Gefühlsdusselei den Witz nicht vergessen, ganz im Gegenteil: Er hockt auf jeder Seite und grinst den Leser frech an. Eben hat man noch zusammen mit Senta geseufzt, hat sich fast verloren in ihrem um sich schießenden „Herzgewehr“ und schon lächelt man wieder im Sumpf der Verzweiflung.

Neben der Liebesgeschichte hat Iris Hanika interessante Zitate hineingestreut (die ich irgendwann sicherlich nochmal recherchiere), welche stets genau in die jeweilige Situation passen. Außerdem hat sie den historischen Background vom Ort des Geschehens, u.a. das Engelbecken geschildet und andere sehr spannende Nebensächlichkeiten erwähnt. Doch was mit das Schönste an der Geschichte ist: Wir finden uns alle drin wieder: Du, der Mann. Ich, die Frau. Zwischen uns eine Hoffnung, die bald heißen könnte: Liebe. Dicht gefolgt nach dem ersten körperlichen Rausch: Die erste Ungewissheit und die ersten Zweifel. Dennoch: Keine Sekunde erstickt man in Gefühlen, man jauchzt, nickt und ist einfach nur begeistert.

Treffen sich zwei hat was von einer Achterbahnfahrt. Der Bauch kribbelt, man weiß nicht was kommt und ist die ganze Zeit gespannt. Schade, dass der Buchpreis nicht an die Autorin gegangen ist, aber sie bleibt am Ball. Das hofft und wünscht man sich. Aktuell ist ihr neuestes Buch Das Eigentliche erschienen. Der deuschte Literaturmarkt kann sich über die Schriftstellerin freuen und sollte sie unbedingt im Auge behalten.

Treffen sich zwei.
Iris Hanika.
Februar 2010, 240 Seiten, 8,95 €.
btb.

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