Übermut tut manchmal richtig gut.

Mathilda möchte man adoptieren. Sofort! Auf der Stelle! Obwohl sie als Kind nicht einfach ist. Jemand, der sich vornimmt, gemein zu sein und sich auch so nennt, kann nicht pflegeleicht sein. Neimeg. Diesen Namen gibt sie sich eines Tages in Anwesenheit ihrer schönen Freundin, die natürlich nicht merkt, was das Wort bedeutet. Das ist Mathilda, ein Mädchen, das andere gern austrickst. Sie fordert ihre Mitmenschen auf eine geschickte Art, dass man froh ist, nicht selbst einer von ihnen zu sein. Und doch geht davon eine Faszination aus, von der man sich nicht losreißen möchte.

Victor Ladato lässt in seinem Roman Mathilda Savitch die 13-Jährige Mathilda zu Wort gekommen. Das ist eine gute Idee gewesen, eine sehr gute sogar. Mathilda hat ihre Schwester Helena verloren. Irgendjemand hat sie vom Gleis geschubst, als der Zug einfuhr. Den Täter hat man bis heute nicht gefunden. Und so versucht Mathilda, ein Jahr danach, den Tod aufzuklären. Sie taucht ein in Helenas Leben, schreibt über deren Email-Account die Jungs an, mit denen Helena Kontakt hatte. Ehe sie sich versieht, steckt Mathilda mittendrin im geheimnisvollen Leben ihrer verstorbenen Schwester. Man ahnt schon, dass diese Aktion und auch ihre Gemeinheiten einen Sinn haben: Von sich abzulenken. Mathilda hat zu kämpfen mit sich und dem Verlust ihrer Schwester. In stillen Momenten kommt sie aus ihrer stolzen Fassade herausgekrochen und bewegt den Leser um so mehr. Sie ist ganz allein mit ihrem Schmerz. Eltern hat sie keine mehr, denn die hüllen sich seit dem Tod ihrer älteren Tochter in einen Mantel der Sprachlosigkeit.

Der Roman lebt vor allem durch die Gedanken. Man möchte gar nicht aufhören, Mathilda zuzuhören. So herrlich erfrischend ist ihr Wesen. Sie ist jemand, den man sich in eine Vitrine stellen will, weil sie einem trotz der schrecklichen Geschichte, die sie da erzählt, glücklich macht. Dieses Überhebliche, dieses Neumalkluge, dieses Philosophische – all das schwingt in fast jedem Satz mit und macht süchtig.

Victor Ladato hat Mathilda ihre eigene Stimme gegeben, ist dabei sehr authentisch vorgegangen, dass man als Leser denkt, Mathilda selbst hätte das Buch geschrieben, dieses Mädchen, das mit der Geburt die Weisheit mit den Löffeln gegessen haben muss.
Diese Lektüre ist so vieles: Erschütternd, traurig, unterhaltsam, mutig, frech, philosophisch. In all der Frische wird man leicht übermütig und vergisst jegliche Regeln, die einen die eigenen Eltern damals beigebracht haben. Bevor man sich versieht, sitzt man neben Mathilda und schmiedet zusammen mit ihr Pläne.

Mathilda Savitch.
Victor Ladato.
Juli 2009, 299 Seiten, 17,90 €.
C.H. Beck.

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