Auch Ehen können Abenteurromane sein.

Es bleibt die große Frage, ob in jedem Friedlichen eine unruhige Vergangenheit liegt. Ich kann und will sie nicht beantworten. Also überlasse ich sie weiterhin Sally und Alfred, dem Ehepaar aus Arno Geigers neuem Roman Alles über Sally wie es der Autor getan hat.

Die beiden sind schon viele Jahre lang verheiratet, haben drei Kinder, Alice, Emma und Gustav, wohnen in einem Haus in der Wiener Vorstadt. Als Sally und Alfred gerade im Urlaub sind, ereilt sie plötzlich ein Anruf, dass in ihrem Haus eingebrochen worden ist. Schnell fliegen sie zurück und stehen vor einem Chaos. Sally, die stets alles im Griff hat, spuckt in die Hände, packt an, räumt auf und streicht gleich noch die einzelnen Zimmer neu, während Alfred sich vollkommen verliert durch diesen Vorfall. Das tut er sowieso sehr gern. Sally wiederum, eine Frau, die ich gern mit einer Chili vergleiche, weil so feurig, findet bei ihrem Alfred schon lange kein Feuer mehr. Dafür entdeckt sie es bei einem anderen – dem Mann eines befreundeten Pärchens.

Schon zu Beginn denkt man, dass die beiden eher an eine Hauswand erinnern, deren Farbe längst verblasst ist. Und doch finden sich dort Rillen über die man lächelnd, leicht verträumt, mit der Fingerkuppe fahren möchte, weil sie einem so vertraut vorkommen. Man möchte nicht weggehen, viel lieber bleiben, sich dazu setzen und abwarten. Der Autor zeichnet das Bild einer Beziehung, der man fraglos ihre Jahre ansieht und spürt, die sich aber in seinen Schilderungen nicht in Langweile erstreckt, sondern sich wie ein Abenteur anfühlt, ja Alles über Sally liest sich tatsächlich als wäre es ein Abenteuerroman.

Der Autor findet stets die richtigen Worte und noch viel mehr. Er ist ein wahrer Künstler des alltäglichen Scheiterns, in dem er den Situationen die passenden Töne verpasst und als feinfühliger Dirigent agiert. Sehr geschickt wechselt er die verschiedenen Erzählstränge, fühlt sich bestens in die jeweilige Person ein als wären alle Handlungen schon von vornherein miteinander verschweißt. Auf jeder zweiten Seite – so scheint es zumindest – stehen Wahrheiten über die Liebe und über das Leben, die einem bis dahin selbstverständlich erschienen sind, doch Arno Geiger lässt den Leser durch eine Lupe schauen, fordert ihn heraus als wäre er der Krieger und der Leser sein Untertan. Oft bleibt man folglich an seinen Sätzen und Gedanken kleben, die man nicht einfach überlesen mag, sondern stattdessen denkt, denkt und irgendwann nachdenkt. Zum Schluss schlägt man das Buch zu und ist immer noch leicht betäubt vom letzten langen Monolog Alfreds. Eine Handlung mit welcher der Leser bis dahin so nicht gerechnet hat. Das zeichnet gute Autoren aus, dass sie dem Leser nie die Oberhand überlassen, stets darauf bedacht sind, seinem Leser zu überraschen bis zum letzten Augenblick. Arno Geiger hat zurecht den 2005 den Buchpreis erhalten. Auch sein neuestes Werk ist eine qualitative hochwertige Kost, die sich dennoch gut im Alltag verputzen lässt, ohne Angst haben zu müssen, später an Verstopfung zu leiden.

Alles über Sally.
Arno Geiger.
Februar 2010, 21,50 €.
Hanser.

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