Plötzlich lächelt man das Lächeln, das normalerweise nur Verliebte kennen.

Wenn man morgens mit der Bahn zu Arbeit fährt, kann man leicht sabbernd mit dem Kopf am Fenster angelehnt schnarchen und dabei von einem Leben in der Südsee träumen. Man kann aber auch ein Buch oder eine Zeitung lesen, Musik hören oder schreiben. Andrew Nicoll hat sich fürs Letztere entschieden, was eine hervorragende Idee war, denn sein Roman Die Liebeslotterie weckt jeden noch so verschlafenen Leser, kitzelt ihn keck an den richtigen Stellen, lässt jedes Herz Purzelbäume schlagen. Ehe man sich versieht, sitzt man in der Bahn und lächelt ein Lächeln, das normalerweise nur Verliebte kennen.

Andrew Nicoll macht eigentlich nicht viel. Er erzählt lediglich davon, wie es ist, sich zu verlieben, in der Unwissenheit von frischer Liebe zu baden, angeschubst von Leidenschaft und Träumerei. Genauer gesagt schwimmen Agathe und Tibo. Agathe ist Tibos Sekretärin. Tibo ist der Bürgermeister in einer kleinen Stadt namens Dot. Hier fahren alle noch mit der Tram zur Arbeit. Hier gehen alle Punkt Ein Uhr zu Mittag. Hier ist irgendwie die Zeit stehen geblieben, aber die Ereignisse sind die gleichen wie dort – bei uns. Und auch die Liebe holt sich das, wonach es ihr gelüstet. Agathe ist unglücklich, weil ihr Mann, Stopak, nach dem Tod ihres gemeinsamen Kindes im Alkohol ertrinkt und seine Frau ignoriert. Egal, was seine Agathe probiert – sei es mit köstlichem Essen oder das Vorführen von Reizwäsche – alles endet in einem hohlen Nichts. Tibo hingegen ist schon lange von Agathe hingerissen. Jeden Morgen liegt er auf dem Teppichboden, um durch den Türschlitz zu beobachten, wie seine Sekretärin ihre Galoschen gegen hochhackige, zehenfreie Sandaletten ersetzt. Schon bald bleibt es nicht beim nur heimlichen Beobachten, weil das Schicksal freundlicherweise nachhilft. Auslöser ist Agathes Brotdose, die in den Brunnen fällt. Absurd, ein klein wenig verrückt liest sich das alles – genau das ist es ja, was die Geschichte auszeichnet.

Andrew Nicoll hat dies alles wunderbar erzählt, hat seine Lovestory mit einer Frische und Lebendigkeit versehen, die selbst aus Greisen wieder feurige Liebhaber machen, keineswegs kitschig, obwohl es um jede Menge Gefühle geht. Der Autor rast durch die Geschichte als wäre er die Lok eines Schnellzuges. Stets in Eile, aber gleichzeitig mit einem tiefen Blick bedacht, das Wesentliche nicht zu vergessen. Häufig ringt man um Atem, wischt sich den Schweiß aus den Augen, die nicht genug bekommen können, ja, es ist nicht gelogen, wenn ich behaupte, dass diese reizende Liebesgeschichte, die alles in sich hat, was eine Liebe ausmacht – Leidenschaft und Drama – an einen bunten Bonbon erinnert, den man sehnsuchtsvoll auspackt, mit Entzücken luscht. Eine wahre Köstlichkeit, von der man nicht genug kriegen kann, weil sie förmlich auf der Zunge explodiert, dass man nicht anders kann als zu lachen, zu lieben und dabei fast vergisst, aus der Bahn auszusteigen.

Die Liebeslotterie.
Andrew Nicoll.
März 2010, 19,95 €.
Rowohlt.

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