Wie es ist, wenn man sich verliert und die Hoffnung in der Tasche trägt.

Man möchte dieses Buch nur in kleinen Dosen lesen. Nicht in einem Ruck wie bei einem Krimi, sondern vorsichtige Schlucke als wäre es eine Teetasse, die noch ganz warm ist und ihren Dampf am frühen Morgen in die kalte Küche haucht.

Und im Zweifel für dich selbst hat Elisabeth Rank vom Anfang bis Ende in einer Sprache geschrieben, die mich daran erinnert, nach langem Hin- und Hergelaufe endlich in einem weichen gemütlichen und vertrauten Sessel zu fallen. Um mich herum tanzen Streichhölzer und Apfelkerne. Alles ist real und doch ist dies von einem leichten Zauber umgeben. Genauso wird es gewesen sein, was mich an diesem Roman gefesselt hat: Das Buch war ein kleines Märchen im Alltäglichen. Obwohl die Geschichte eigentlich kein Märchen ist. Es ist viel mehr eine Gruselgeschichte darüber, wie es ist, wenn man von heute auf morgen einen geliebten Menschen verliert, wie man sich selbst dabei verliert und nicht mehr stehen kann. Wie man als Freundin zusehen muss, wenn aus einer glücklichen, farbigen Blume trockener, grauer Blütenstaub wird. Wie man mit der Ohnmacht kämpft und irgendwann nicht mehr weiter weiß. Und im Zweifel für dich selbst bezaubert einerseits durch die Sprache, andererseits ist es nicht selten beklemmend.

Elisabeth Rank erzählt die Geschichte zweier Freundinnen, die im Auto vor dem Tod flüchten. Lenes Freund ist bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Zusammen mit Toni versucht sie, davonzulaufen. Die beiden fahren an die Ostsee, vorbei an einsamen Dörfern und weiten Feldern, treffen auf fremde Menschen und fahren weiter. Es gibt viele Momente des Schweigens und viele Momente des Weinens. Man spürt schnell, so sehr sie sich auch anstrengen, dass die Dunstglocke der Verzweiflung trotz allem über ihren Köpfen hängenbleibt und sie erstarren lässt. Flucht ist unmöglich. Hat man dies als Leser ausgesprochen, ist man selbst erschrocken und hält sich die Hände vor den Mund. So sehr ist man drin in der Geschichte, so nah.

Ich mag das Buch. Diese Melancholie, die ich dort wiederfinde, denn irgendwo dazwischen sitzt immer die Hoffnung, die verführerisch mit den Händen wedelt, die davon erzählt, was hinterm Horizont möglich sein kann. Ohne, dass man etwas davon bemerkt, setzt sie sich in deine Tasche und bleibt dort liegen, bis du sie findest und festhälst. Und ich mag dieses Buch, weil es wunderbar geschrieben ist. Es enthält Wörter, die raffiniert und sensibel aneinandergereiht großartige Sätze ergeben, die mich sanft im Nacken streicheln, dass ich sie am liebsten auf eine Leine hängen möchte, weil sie beim Lesen so ein OH! in die Augen formen und noch beim Betrachten wahre Glücksströme durch den Körper ziehen lassen. Ich erinnere mich an Sätze wie: „Ich zündete einen Streichholz an und pustete es sofort wieder aus. Für einen Moment roch es nach Weihnachten.“ / „Der Wald atmete uns an, nicht nass und warm, sondern kalt, nicht beruhigend, sondern bedrohlich.“ Während ich lese, innehalte, Tee trinke, Musik anmache, hin- und her laufe, mich wieder setze und weiterlese, fühle ich mich nicht allein, sondern glaube, jemanden zu kennen, den ich eigentlich nicht kenne. Ein wahrer Heimathafen an Gedanken. Deshalb und wegen all dem anderen werde ich dieses Buch nie vergessen und jedem in die Tasche stecken.

Und im Zweifel für dich selbst.
Elisabeth Rank.
Februar 2010, 17.90 €.
suhrkamp taschenbuch.

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3 Gedanken zu “Wie es ist, wenn man sich verliert und die Hoffnung in der Tasche trägt.

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