Wenn das Leben und der Tod sich gegenüberstehen.

Wie mag es sich wohl anfühlen, auf einem zugefrorenen See zu stehen und nicht zu wissen, ob das Eis tatsächlich dick genug ist, dass es auch dem eigenen Gewicht standhält? Schweben möchte man dann sicherlich gern oder wie ein Schwan auf- und davonflattern. Um das Halbe und nicht das Ganze geht es in dem neuen Buch von Audrey Niffenegger. Sie erzählt die Geschichte von Elspeth, die verstorben ist und die Wohnung ihren beiden Nichten, den Zwillingen, Valentina und Julia vererbt. Die beiden jungen Frauen aus Amerika nehmen das Angebot an und ziehen nach London. Was die beiden bis dahin noch nicht wissen: Es wird sich mehr ändern, als sie es je für möglich gehalten haben.

Elspeth liegt nebenan auf dem Highgate Friedhof im Familiengrab, doch sie lebt noch weiter, zumindest in der anderen Welt, als durchsichtiger Schatten fliegt sie durch ihre Wohnung und ist den beiden Zwillingen auf den Fersen, neugierig umschwebt sie die beiden und versucht bald, Kontakt mit ihnen und Robert, Elspeths Freund, aufzunehmen.
Robert arbeitet nebenan auf dem Friedhof, dadurch erfährt man einiges über die bekannte Ruhestätte, wo u.a. Karl Marx unter der Erde liegt. Valentina fühlt sich zu Robert hingezogen, dieser wiederum kann sich durch deren Ähnlichkeit mit Elspeth ihr nicht entziehen. Valentina wacht schon bald aus ihrem Dornröschenschlaf auf, will sich von ihrer Schwester freischwimmen. Aber zwischen dem Wollen und dem ersten Schritt können manchmal hunderte gefühlte Kilometer liegen. Als der Kontakt mit ihrer Tante intensiver wird, beginnt ein Spiel, das bald nicht mehr aufzuhalten ist.

Julia freundet sich mit Martin an, ein Freund von Robert und Elspeth, der ebenfalls in dem Haus wohnt. Er leidet unter Angstzuständen, verpackt alles Mögliche in Folien und schafft es nicht einmal, ins Treppenhaus zu gehen. Seine Frau hat ihn jetzt nach Jahren verlassen und ist zurück in ihre Heimatstadt Amsterdam gegangen.

Audrey Niffenegger hat einen ruhigen, melancholischen Roman geschrieben, den man irgendwie nicht ganz zu fassen bekommt. Dadurch verliert er jedoch nicht an Reiz, ganz im Gegenteil, immer wieder schlägt man das Buch auf, um Robert, Martin, Julia, Valentina und Elspeth zu folgen. Leser, die Ganzes suchen, werden hier schnell ihren Anreiz verlieren, denn die Geschichte ist vom Anfang bis Ende irgendwie unbestimmt wie ein Nebelschleier zieht sie vor den Augen vorüber, ohne einen groß anzustoßen, doch wer ihr folgt, spürt ihn bald, einen schüchternen Hauch an den Wimpern. Das Ungewisse weicht nicht, ist standhaft, so stark, dass am Ende der Leser mit der Frage zurückbleibt: Bricht nun das Eis oder nicht? Oder anders: Gibt es ein Leben nach dem Tod oder nicht?

Die Zwillinge von Highgate.
Audrey Niffenegger.
Oktober 2009, 19.95 €.
Fischer.

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