Ein warmer Schal schmiegt sich um die Seele.


Die Nostalgie hatte schon immer einen besonderen Charme. In einem liebevollen Roman verpackt, kann das Ganze leicht an kleine Wundertüte erinnern, die man nur ganz vorsichtig öffnen möchte aus Angst, der Glanz könne bald verpuffen wie bei Die Eleganz des Igels liest. Nur dass man hier nicht nascht, sondern liest, aber irgendwie ist es mit dem Buch das Gleiche. Jede Seite ist eine Köstlichkeit.

Muriel Barbery erzählt raffiniert und mit einem herzlichen Ton die Geschichte einer Concierge, die ein Doppelleben führt. Nach außen hin gibt sie sich als gewöhnliche Hausdame, die angeblich nichts von der Welt weiß – außer vielleicht, wie man Mülltonnen an die richtige Stelle stellt oder Postpakete entgegennimmt. Der Schein trügt, denn es sei Vorsicht vor dieser Concierge geboten.
Man ahnt es schon nach den ersten Seiten, wieviel Freude es dem Leser bereitet, stiller Zuschauer dieser bemerkenswerten Frau zu sein. Renée hat es faustdick hinter den Ohren. Man rauscht durch ihre Gedanken und vergisst schnell, dass dies keine studierte Kulturwissenschaftlerin ist, sondern eine ganz normale Frau, die sich ihre Wohnung mit einem alten Kater teilt und sich lediglich für gute Literatur, Kunst und klassische Musik interessiert. Renées Leben hätte bestimmt noch jahrelang so unentdeckt weitergehen können, wenn sie nicht die intelligente zwölfjährige Paloma und dem neuem Mieter, einem stilvollen und charmanten Japaner getroffen hätte.

Ich habe das Buch nicht konsumiert, wie ich es sonst mache, sondern in vollen Zügen genossen wie ein Eis, dessen Ende man nicht kommen sehen mag. In den 364 Seiten stecken neben der kleinen kulturwissenschaftlichen Reise auch zahlreiche Weisheiten und Denkanstöße, dass man öfter innehält, manchmal lächelt, weil es sich einfach nur gut im Geist anfühlt. Ein anderes Mal verharrt man als würde man mit beiden Füßen am Boden festgehalten… Die S-Bahn verliert an Tempo, die Menschen reden langsamer – und das alles nur, weil die Sätze sich um die Seele legen wie ein vertrauter Schal, den man lange gesucht und endlich gefunden hat.

Die Eleganz des Igels.
Muriel Barbery.
Oktober 2009, 9.90 €.
dtv.

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2 Gedanken zu “Ein warmer Schal schmiegt sich um die Seele.

  1. Du konsumierst Bücher?
    Respekt :]
    Mein Ziel ist es lediglich, jeden Tag mindestens 100 Seiten zu lesen…
    Deine Leistung dagegen erscheint mir wahrhaft meisterlich.
    Mein Lesegeschmack ist ähnlich und einige meiner Wunschbücher hast du so großartig rezensiert, dass es mich danach giert, sie nun ebenfalls zu ‚konsumieren‘ ;]
    Wunderbar.

    Grüßerle

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