Balancieren auf dem Seil des Lebens.


Was am Ende bleibt, ist das Leben selbst, in dem jeder gefangen ist und man nur sich selbst befreien kann. Es steht in keinem Lehrbuch dieser Welt geschrieben, wie man das am besten macht. So balancieren wir alle auf unsere eigene Weise auf einem Seil, ständig bemüht, nicht herunterzufallen oder uns gar zu verletzen.

Dieses Streben nach dem Gleichgewicht ist das dominierende Thema des neuestem Romans von Colum McCann „Die große Welt“. Inspiriert von einem Seilakrobaten in New York, der zwischen den beiden Türmen des World Trade Centers getänzelt ist, hat der irische Autor ein opulentes Werk über diejenigen geschrieben, die in dieser pulsierenden Stadt leben. Man könnte aber auch meinen, er hat über dich oder über mich geschrieben, so nah ist er an die Menschen herangegangen. Er erzählt die Geschichte von Corrigan, einen aufopferungswürdigen Iren, der seinen Sinn bei den Huren der Bronx findet. In seiner Wohnung dürfen sie sein Bad benutzen, um sich den nächsten Schuss zu setzen, um auf Toilette zu gehen oder um einfach kurz Ruhe zu haben, für wenige Minuten nur, bevor sie wieder ihren Körper verkaufen müssen. Der Ire ist für Tillie, die jahrelang schon anschaffen geht und deren Tochter Jazzlyn es ihr gleichtut, so etwas wie ein Heimathafen. Sie haben sich alle arrangiert, gehen Hand in Hand, doch das Schicksal schlägt genau dann zu, wenn man es am wenigsten erwartet. Während in der Bronx Polizisten Corrigans Wohnung stürmen, sitzt Claire in ihrem Appartment in der Park Avenue. Sie ist eine weitere Hauptperson in dem Roman und hat ihren einzigen Sohn dem Vietnamkrieg opfern müssen.
Einige Straßenzüge weiter tanzt der Akrobat in schwindelerregender Höhe, es ist ein sonnendurchflutender Wochentag im Jahr 1974 und Claire wartet nervös auf ihre Weggenossinnen, die durch eine Anzeige zueinander gefunden haben, weil sie alle Mütter von verstorbenen Soldaten sind. Einzig eine Zigarette kann ihr für den Bruchteil weniger Minuten die tiefe Trauer, die sich schmerzend zwischen ihre Brust gesetzt hat, betäuben. „Sie nimmt einen weiteren tiefen Zug und behält den Rauch lange in der Lunge – sie hat irgendwo gehört, dass Zigaretten gut sind, wenn man traurig ist. Ein tiefer Zug und man vergisst zu weinen. Der Körper ist zu sehr mit dem Gift beschäftigt.“

Colum McCann wurde 1965 in Dublin geboren und lebt heute in New York. Schon in seinen Romanen „Der Tänzer“ und „Zoli“ bewies er seine Vielschichtigkeit und sein starkes Einfühlunsgvermögen. Er hat in seinem neuen Werk erneut wie eine fleißige und äußerst intelligente Spinne die einzelnen Schicksale, zwölf sind es an der Zahl, miteinander zu einem großen Netz an Geschichten gewoben, so dass man von einem Leben in das andere fällt. Dem Autor gelingt es dabei meisterhaft jedem einzelnen Protagonisten eine eigene Stimme zu geben. Er ist wahrlich ein Zauberer, der in die Seelen der verschiedensten Menschen schlüpft. Wenn man nicht schon als erfahrener McCann-Leser sein Talent kennen würde, käme man leicht auf die Idee er hätte in den Köpfen und Herzen gesessen und hungrig alles aufgesogen als gäbe es keinen Morgen.

Dieser Roman, so lasst euch sagen, liebe Leser, berauscht einen mit seiner gewaltigen Intensität, vom ersten Buchstaben bis zum letzten Punkt. Ehe man sich versieht, wirbelt einen die Geschichte durch die Luft, durch die Zeit oder anders gesagt: Es ist ein fesselndes Vergnügen! Der Autor hält uns vor Augen, wieviel Macht Sprache haben kann. So ist es nicht verwunderlich, dass man zahlreiche Sätze am liebsten wie ein sauberes Wäschestück auf eine Leine hängen und sie nie abnehmen möchte, weil sich die Worte so wunderbar im Geist anfühlen. „Wir stolpern durch die Gegenwart dahin, und wir entziehen der Dunkelheit das Licht, damit es länger anhält.“ / „Familie ist wie Wasser, das sich an das erinnert, was es früher war, und an seinen Ursprung zurückkehren will.“ / „ Die große Welt dreht sich. Wir stolpern dahin. Das ist genug.“

Wie gut, dass in der großen Welt dort draußen vor unseren Fenstern ein Autor wie Colum McCann existiert und verhindert, dass uns schwindelig wird und wir das Gleichgewicht zu schnell verlieren.

Die große Welt.
Colum McCann.
September 2009, 19.90 €.
Rowohlt.

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