Auch Augen können Pirouetten drehen.

Der Tänzer liest sich wie ein Kaleidoskop. Immer wieder entdeckt der Leser auf den 472 Seiten kleine wunderbare Schätze, die man am liebsten wegschließen möchte, nur für sich behalten will, um sie in aller Ruhe zu genießen.
Colum McCann erzählt die Geschichte von dem russischen Tänzer Rudolph Nurejew, eine schillernde Gestalt des modernen Balletts. Das ist der Kern. Doch um ihn herum hat der Autor feine Linien gezogen und somit andere Menschen und deren Schicksale mit einfließen lassen.

Alles beginnt in den Kriegswirren in einem Hospital in Ufa. Die russischen Soldaten kehren heim, haben ihre Schuldigkeit getan, werden in Ufa abgeladen, wo sie keiner sieht, mit amputierten Gliedmaßen, mit schwersten Verletzungen. Und das Kind “Rudik” tanzt für sie, da tanzt er zum ersten Mal, findet sein erstes Publikum, erhält den ersten Beifall von diesen schwer verletzten Soldaten. Ein unter die Haut gehendes Kapitel. Schon hier ahnt man, dass da etwas mit dem jungen Mann passieren muss.

Und dann sind da die anderen Seiten der Geschichte, die der Autor mit den Gedanken und Erlebnissen der eigenen Familie Nurejews gefüllt hat. McCann hat die einzelnen Stränge geschickt und spannend miteinander verbunden, denn gerade dann, wenn man in dem einen Kapitel glaubt angekommen zu sein, zieht einem der Autor wieder weg in eine vollkommen andere Welt.

Die Lebensdaten des russischen Tänzers sind bekannt, doch McCann interessieren sie nur am Rande. Er rückt den Menschen vor dem Hintergrund seiner Zeit ins Bild: Diesseits und jenseits des Eisernen Vorhangs. Kalter Krieg und Erstarrung auf der einen, rauschendes Kultur- und Partyleben auf der anderen Seite. Wie in einem lyrisch choreographierten Tanz nähert McCann sich Nurejew, entfernt sich wieder, um ihn erneut zu finden, zu berühren. Wenn man das liest, scheint es, als würden die eigenen Augen Pirouetten drehen.
Was mich am meisten fasziniert hat, waren Sätze und Beschreibungen, wie sie nur große Schriftsteller zu Papier bringen können. Am Ende der Lektüre schaut man sie sich immer wieder noch mal an und denkt: Das kann nicht sein! Doch es kann. Zumindest bei einem Autor wie Colum McCann.

Der Tänzer.
Colum McCann.
Dezember 2004, 9.95 €.
Rowohlt Verlag.

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