Von der Einsamkeit, die man schmecken kann.

Halbes Leid ist geteiltes Leid. Es nimmt dem Leben die Schwere, die uns manchmal wie ein Schlag in den Nacken trifft. Manchmal kommen auch Menschen zusammen, die bisher allein gewesen sind mit ihrem Leid, weil sie beispielsweise nicht in das übliche Raster passen, den anderen irgendwie seltsam erscheinen, dass man lieber Abstand zu ihnen hält, aus Unsicherheit und Verlegenheit vielleicht.
Über genau solche Menschen hat die junge Carson McCullers mit 23 Jahren einen eindrucksvollen Roman geschrieben. In ihrem Buch Das Herz ist ein einsamer Jäger erzählt sie über das hoch talentierte Mädchen Mick Kelly, die nur zwei Wünsche hat: Allein zu sein und ein Klavier zu besitzen. Biff Brannon, dem ein Café gehört und der seine Frau verloren hat. Jake Blount, der Marxist ist die kapitalistische Welt verachtet und viel trinkt. Der schwarze Arzt Benedict Copeland. Der Taubstumme Mister Singer, der zum Angelpunkt aller vier Einzelgänger wird. Ihm schütten sie ihr Herz aus, ihnen hört er zu und schenkt ihnen ein Zuhause für ihre Einsamkeit.

Mich hat das Buch unwahrscheinlich elektrisiert und gleichzeitig berührt, weil dort so enorm viel Kraft, positive wie auch negative, enthalten ist. Die Geschichte spielt in einer Kleinstadt im Südosten Amerikas – kurz vorm Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Die Schriftstellerin hat den Rassenkonflikt ebenso geschickt eingearbeitet wie gesellschaftskristische Aspekte, die selbst heute noch aktuell sind.
Der Grundtenor in dem Buch ist melancholisch und ich übertreibe nicht, wenn ich sage, man kann die Einsamkeit förmlich schmecken. Sie tut nicht weh, sondern schmiegt sich zart um die Seele des Lesers. Es passiert nicht wirklich viel in der Geschichte, doch die Menschen, vor allem die Protagonisten, füllen dieses Buch mit einer enormen Leuchtkraft, wie man es sonst nur von der Sonne klingt. Sonne und Einsamkeit passt das zusammen? Manchmal schon, wenn man den richtigen Ton findet. Wie hier.

Das Herz ist ein einsamer Jäger.
Carson McCullers.
1974, 9.95 €.
Diogenes Verlag.

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2 Gedanken zu “Von der Einsamkeit, die man schmecken kann.

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