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Sensenmann lädt ein.

landsdale

Der Sensenmann ist mir auf den Fersen. Er ist aus „Dunkle Gewässer“ hervorgekrochen. Nun hat er mich am Schopfe gepackt und meinen Kopf um 180 Grad gedreht. Bevor ich schreien konnte, flogen meine Gedanken quer und schräg vor mir nieder. Jetzt sortiere ich sie, grinse mir ins Fäustchen und spüre immer noch am ganzen Körper eine Gänsehaut. Joe R. Lansdale hat einen schrägen, unheimlichen Krimi geschrieben, bei dem die Welt verkehrt herum steht. Das ist verrückt und ein atemberaubendes Abenteuer!

Der erste Satz kneift mich wie eine Wäscheklammer, die man mir auf die Nase gesetzt hat und verrät, dass es sich hier wahrhaftig um ein sehr spezielles Buch handelt: „In jenem Sommer hörte Daddy auf, Fische mit dem Telefon oder mit Dynamit zu fangen, stattdessen vergiftete er sie mit grünen Walnüssen.“ Die Geschichte haucht mir an dieser Stelle ihren Atem ins Gesicht. Leicht würzig, sauer und auf eine besondere Weise süß. Ein seltsamer Mix, bei dem sich unweigerlich ein Kopfschütteln einstellt. Ist diese ganz spezielle Kombination doch recht bizarr und makaber. Zwei Adjektive, die mich im Verlauf des Lesens immer wieder anstupsen wie zwei Katzen, die nicht müde werden, mit mir zu spielen.

„Dunkle Gewässer“ beginnt – wie es sich für einen Krimi gehört – mit einer Leiche. Während die Ich-Erzählerin Sue Ellen mit ihrem Vater, Onkel und ihrem Freund Terry am Sabine River sitzt, beißt plötzlich etwas sehr Schweres an, so dass alle gemeinsam das Seil ziehen müssen, bis sie feststellen: Dies ist kein Fisch, sondern eine Leiche. May Lynn war eine gemeinsame Schulfreundin von Terry und Sue Ellen. Jetzt liegt sie vor ihnen, an eine Nähmaschine gebunden und ist mächtig aufgedunsen vom Wasserbad. Aus Lansdale Feder liest sich das so: „Urplötzlich fing May Lynn an zu zucken und auszulaufen. Sie hatte Blähungen, die wirklich furchtbar stanken, wie ein gewaltiger Furz.“ Erschaudern und Grinsen geben sich gegenseitig die Hand. Diese komische Wechselbeziehung ist eines der herausragenden Elemente, die oft wohlwollend hervorblitzen. So verliert die Geschichte an Schwere und spannt einen hellen Rettungsschirm über die Düsternis, die morastartig aus den Seiten sickert.

Aufgeklärt wird der Mord indes nicht, dafür findet die Beerdigung in Windeseile statt. Aus, vorbei. Doch nicht bei Lansdale. Der amerikanische Autor schickt seine Helden durch eine aufregende Abenteuerjagd. May Lynn wollte zu Lebzeiten unbedingt nach Hollywood. Eben diesen Wunsch holen die Freunde jetzt postum nach. Also wird die Leiche transportfähig gemacht, verbrannt und die Asche in einen Behälter gefüllt. Vor der Reise graben sie noch einen Schatz aus, der wie gerufen kommt. May Lynn hielt die Schatzkarte von ihrem verstorbenen Bruder in ihrem Tagebuch versteckt, das ihre Freunde gefunden haben. Leider bleibt die Tat nicht unentdeckt und so werden Terry, Sue Ellen und Jinx zu den Gejagten. Während sie zusammen mit Sue Ellens Mutter auf einem Floß flüchten, heften sich habgierige Angehörige und der Constable an ihre Fersen. Sie bleiben nicht die einzigen Jäger, haben sie noch schnell den Killer Skunk auf die Gruppe angesetzt. Ein Mann, bei dessen Beschreibung schon allein die Zähne klappern. Daher mag es nicht verwundern, dass sich mit seinem Erscheinen eine äußerst gruselige Stimmung über den Schauplatz erhebt.

So nervenaufreibend und gefährlich die Flucht für Sue Ellen und die anderen wird, so befreiend ist sie für alle. Sue Ellens Mutter erlebt einen Entzug von ihrem „Allheilmittel“. Sue Ellen, die zeitlebens Angst vor ihrem Stiefvater hatte, will ihm entkommen, und beweist mit ihren Taten eine ungeheure Stärke. Terry, gesteht sich endlich seine Homosexualität ein und die schwarze Jinx, von der Gesellschaft wegen ihrer Rasse diskriminiert, findet in der Gruppe eine zweite Familie. Joe R. Lansdale hat ein Händchen für spezielle Charaktere, die genauso mitreißend sind wie das ganze Abenteuer.

„Dunkle Gewässer“ ist genreübergreifend. Crime, dazwischen Horror, Sozialdrama, Mystik und Coming of Age. Diese Vielfalt zeichnet das Gesamtstück aus, wie die einnehmende Atmosphäre und nicht zuletzt auch die wunderbare Sprache des vielfach ausgezeichneten Autors. Lansdale schafft großartige, bildhafte Vergleiche. Sie zerschmelzen wie leckere Schokolade auf der Zunge und ziehen lautes Gekicher gleichermaßen aus mir heraus. Nehmen wir Sue Ellens Beschreibung über Jinxs Aussehen: „Ihr Gesicht war niedlich, aber ihre Augen wirkten alt, wie bei einem Großmütterchen, das in ein Kind hineingestopft worden war.“ Hier stößt man in eine wahre Goldgrube an wunderschönen Bildern.
Bis zum Schluss bleibt es spannend. Der Sensenmann schleudert seine Axt und raubt mir den Frieden. Aber ich bleibe standhaft und hänge mich an die Stärke der Romanhelden. Aufgegeben wird nicht. Durchhalten lautet die Devise. Da kann der Sensenmann noch aufdringlich an meinen Fersen kleben. Ich komme durch, irgendwie.

Joe R. Lansdale.
Dunkle Gewässer.
Aus dem Amerikanischen von Hannes Riffel.
Februar 2013, 320 Seiten, 19,95 €.
Tropen bei Klett-Cotta.

Zündstoff.

doris_knecht

Dieses Buch knallt – von der ersten bis zur letzten Seite. Es ist unglaublich laut, auf angenehme Weise laut, so dass ich Lust hatte, wie ein kreischender Groupie hin- und her zu hüpfen. Selbst jetzt versuche ich, mich zusammenzureißen, muss meine Finger wie eine Dirigentin bewusst koordinieren, damit sie nicht wild durcheinander wirbeln. So ist es wohl, bei Doris Knecht ruhig zu bleiben, kommt einem Kunststück gleich.

Eigentlich verbindet mich wenig mit der Ich-Erzählerin. Weder bin ich eine Mutter, noch bewege ich mich wie Antonia in gutsituierten Kreisen. Aber die Autorin ist meisterhaft darin, mitreißend zu erzählen und mich zu begeistern, weil sie alle Schranken mit einer Axt zerhackt. Hauptsächlich ist es ihrem besonderen Stil zu verdanken, diese schrägen, zum Brüllen komischen Töne bei denen ich mir das Lachen nicht verkneifen kann. Der Schelm sitzt auf der Schulter und pustet mir stürmisch ins Ohr. Und das obwohl die Geschichte im Kern nicht wirklich zum Lachen ist. Antonia erinnert mich an ein Rehkitz, das sich im Wald verlaufen und sich mit der aussichtslosen der Lage arrangiert hat: „Ich wollte diesen normalen, gutsituierten Mann und sein schönes Dasein und seine schöne Wohnung und seine warmen Augen und ich wollte das alles beglaubigt und vor Zeugen. Ich wollte Kinder mit ihm, genau zwei. Ich wollte zu ihm gehören, zu seiner Welt, auch wenn mir klar war, dass mir einiges davon immer fremd bleiben würde und unangenehm in vielerlei Weise. Und dass ich darin fremd bleiben würde.“ Dieses Fremde ist das tragende Element in der Geschichte. Es ist der Stachel, der dem Buch seine Schärfe verleiht. Spitze Zacken, die sich haifischgleich in der Haut festbeißen. Denn eins ist sicher: Doris Knecht haut die Dinge zynisch, nonchalant und glasklar auf den Tisch – ohne Schönfärberei. Sie sind bisweilen bitterböse, aufwühlend, aber zutiefst wahr, so dass ich mit dem Finger darauf zeige und rufe: „Genau! Weiter so! Herrlich!“

Antonia hat alles, wirklich alles, um glücklich zu sein. Ein warmes, schönes Nest mit einem liebevollen Ehemann und zwei Kindern. Dennoch schwebt vor ihrem Glück eine dicke, hässliche Regenwolke, die nicht abziehen will. Die Rolle als Mutter führt sie bisweilen an ihre Grenzen und das schildert sie ehrlich, täuschend echt. Sie macht manchmal Dinge, die nicht recht ins Bild einer fürsorglichen Mutter passen. Während der jüngste Sohn Juri schreit, zündet sich Antonia eine Zigarette an und schaut dem Kinderdrama zu. An diesen „ganz guten Tagen“ ist es ihr egal, „was die Leute über mich denken und ob sie denken, wie Unterschicht ist die denn…“ Eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit, ein unfassbares Szenario, bei dem sämtliche Mütter aufschreien würden, aber sie tut es einfach. Als Leserin begreife ich relativ schnell: Antonia ist eine Ausbrecherin, die sich das holt, was sie sich wünscht. Die Vernunft muss dann eben mal für bestimmte Zeit in den Keller ziehen. So hat sie einen Geliebten, der im Verborgenen bleibt und mit dem sie alles aufs Spiel setzt. Im Verlauf der Geschichte wird das Bild über die Protagonistin runder und erschreckend düster, indem sie ihre Kindheit rekapituliert. Sofort spüre ich frische Narben und das somit einhergehende Jucken und Ziehen. Die Rückblenden in Antonias Vergangenheit erinnern mich an Wespenstiche und singen ein trauriges, hoffnungsloses Lied. Kalte Schatten kriechen wie unangenehme Insekten an die Oberfläche: „Aber manchmal brennt es durch und das Dunkel explodiert in mir und breitet sich aus, übernimmt mich, und rund um mich herum wird alles zu laut und zu grell, und ich kann meine Kinder nicht mehr ansehen und nicht meinen Mann, und ich will nicht, dass sie mir zu nahe kommen, und ich will nicht, dass sie mich berühren, ich brauche Raum um mich herum, Wände und Stühle. Und dann bin ich meine Mutter. Genauso.“

Vorrangig steht eine Frau im Fokus dieser Geschichte, eine sich suchende Frau, deren Sehnsucht unersättlich scheint und deren Seele verletzt ist. Die Wunden sind tief, die Schmerzen schneidend und das Fremdsein pocht mit dem Herz im Duett. Darüber hinaus kommt das Buch einer Abrechnung mit der Gesellschaft gleich und verleiht dem Werk eine chilischarfe Note. „Es gibt bei uns auch keine dicken Kinder. Die gibt’s nur in der Unterschicht.“ Oder: “Heute muss natürlich jeder laufen, egal, was die Natur für einen vorgesehen hat: Yoga oder Laufen, eines von beidem muss man machen, dazu Massagen und Wellness, sonst gilt man als unverantwortlich seinem Körper, seiner Gesundheit und vor allem seinen Kindern gegenüber, denen man, wenn man nicht läuft, Yoga oder Wellness macht jederzeit an einer Herzkreislauferkrankung wegsterben kann. Ich kenne eigentlich niemand, der sich nicht traut, keinen Sport zu machen.“ Antonia spuckt Feuer, das nicht verschluckt, sondern auf seltsam angenehme Weise verbrennt. Ihr lest richtig, ich möchte den Finger von dem lodernden Feuer nicht wegziehen. Wer den Roman liest, wird verstehen, warum das so ist.

„Besser“ hat mich aus meinem winterschlafähnlichen Zustand wach gerüttelt. Doris Knecht schreibt für den „Kurier“ eine tägliche Kolumne, genau das merkt man dem bemerkenswerten Buch an. Es ist erfrischend, reflektierend und spannungsgeladen. Mit jedem Satz knallt es. Ihre Wortexplosionen hinterlassen Funken und beleben wie eine morgendlich kalte Dusche. Liebhaber von literarischem Zündstoff, die offen für kritische, zynische Töne sind, werden mit „Besser“ eine große Freude erleben.

Doris Knecht.
Besser.
März 2013, 288 Seiten, 19,95 €.
Rowohlt Berlin

Schicksalsschwestern.

weg_der_töchter

Ein starkes Buch für starke Frauen. Was passt besser zum Internationalen Frauentag? Daher ist es mir eine besondere Freude, euch von „Der Weg der Töchter“ zu berichten. Die nigerianische Autorin Yejide Kilanko erzählt von Frauen, denen in jungen Jahren Schmerzen zugefügt wurden und die trotzdem aufrecht weitergegangen sind.

Das Debüt der 1975 in Nigeria geborenen Autorin ist ein vielschichtiges, leuchtendes und bewegendes Buch. Yejide Kilanko wagt sich mit ihren Roman an ein schwieriges Thema, das beklemmt und fassungslos macht. Doch wirklich erdrückend bleibt es nicht die ganze Zeit, dafür ist der Stil zu herzerwärmend und mit einer großen Portion Leichtigkeit versehen.

Um Morayo und Morenike kreist der Roman, der in Morayos Kindheit beginnt. Die erste große Aufregung erlebt die kleine Morayo, als ihre Schwester zur Welt kommt. Sie ist nicht schwarz und verwirrt das Mädchen beim ersten Anblick: „Sie war mir kein bisschen ähnlich. Sie glich mehr der blonden, blauäugigen Puppe, die Daddy mir auf seiner letzten Reise nach Lagos bei Leventis gekauft hatte. Unser Baby war … weiß?“ Die rosafarbenen Augen ihrer kleinen Schwester erschrecken sie. Afin nennt man in Nigeria Albinos. Dieses Wort schnappt sie auf und hört die Geschichten, die um afins kreisen. So gibt ihre Urgroßmutter der Mutter die Schuld, nachdem sie erfahren hat, dass die Schwangere in der Mittagssonne draußen war. Bei solchen Bemerkungen schlage ich meine Hände über den Kopf, bin geschockt und bestürzt, aber im nächsten Atemzug wird mir klar: Dies ist hier eine andere Welt, als ich sie kenne. Eine Welt mit Traditionen und Bräuche, in der ich nur eine stille Beobachterin bin.

Morayo schließt ihre Schwester Eniayo ins Herz und verlebt eine unbeschwerte Kindheit – bis ihr Cousin zur Familie zieht. Seine Mutter ist mit dem Jungen überfordert. Bros T ist von der Privatschule geflogen, nachdem er geschwänzt hatte. Ihm fehlt offensichtlich eine männliche Erziehungsperson. Morayos Vater soll Bros T zur Vernunft bringen und sein Fleiß- und Pflichtgefühl stärken. Bros T integriert sich in das Familienleben, verbessert sein Verhalten, doch etwas ist komisch. Der Junge sucht die Nähe seiner Cousinen, lässt sie auf seinen Schoß krabbeln und kommt Morayo nah, indem er manchmal im Auto den Arm um ihre Schultern legt und dabei ihre Brust streift. Zudringlich wird Bro T, als Morayo an einem Wochenende krank allein zu Hause ist. Der Rest der Familie ist bei einer Hochzeit eingeladen und dort hingefahren. Die an Malaria erkrankte Morayo wird mitten in der Nacht von ihrem Cousin im Zimmer überfallen. Diese Szene brennt wie ein Messerschnitt. „Ich glaubte zu ersticken. Er rammte mir die Hand zwischen die Schenkel. Als er mein Höschen zerriss, zitterte ich am ganzen Leib. Ich wollte schreien, aber ich kriegte kaum Luft.“ Nach dieser Tat hüllt sich Morayo anfangs in einen Mantel des Schweigens, aus Angst, Bros T könnte sich, an Eniayo vergehen. Morayos Geschichte bleibt nicht die einzige, dunkle. In einem weiteren Teil erzählt die Autorin Morenikes Drama. Auch sie wurde in jungen Jahren missbraucht und schlimmer noch: von ihrem Peiniger schwanger.

Was das Buch an einigen Stellen so erdrückend macht, sind die Reaktionen der Familien und der Umgang mit dem Drama. Das Todschweigen über die brutalen Taten und fassungslose Sätze, die in die Tragik fallen. Granatengeschütze, die auch mich als Leserin umhauen. Statt Zuneigung und Unterstützung, treffen die Mädchen auf eiskalte Ausrufe wie die von Morenikes Vater: „An alledem ist deine Mutter schuld“, erklärte er grimmig. „Sie hätte dich lehren müssen, die Beine nicht breitzumachen.“ In diesen Momenten richten sich die Nackenhaare auf. Ich werde wütend, möchte diesen Menschen treten und schaue gebannt auf Morenike. Sie trägt wie Morayo ihr Schicksal mit Würde und Schmerzen, verfolgt trotzdem ihren Weg weiter. Beide Frauen werden zu Schicksalsschwestern, die sich an den Händen halten. Dabei blickt Morayo zu Morenike auf, die ihr wie ein Baum Stärke und Halt schenkt. Ihre weisen Sätze sind Balsam für die verletzte Seele: „Aber weißt du, Morayo, man verzichtet ebenso wenig darauf, sein Leben zu leben, nur weil die Leute einem etwas tun.“

Yejide Kilanko zeigt den schmalen Grad zwischen Moderne und Tradition. Morayos Familie ist modern, und verfällt dennoch in alte traditionelle Muster. Darüber hinaus erzählt die Autorin auf eindringliche Weise vom Missbrauch an jungen Frauen in ihrem Heimatland. Sie lässt ihre Frauen aber nicht in der Opferrolle zurück, sondern holt sie heraus. Ihre Romanheldinnen sind wie starke Löwinnen, die in Scherben getreten sind, sich die Wunden lecken und erhobenen Hauptes dem Leben ins Gesicht brüllen. Das ist zutiefst eindrucksvoll und unglaublich kraftvoll. Man no die, Man no rotten – die Hoffnung stirbt zuletzt”. – heißt es an einer Stelle. Ein besseres Motto kann es für dieses Debüt nicht geben. Stark – bis zur letzten Seite!

Yejide Kilanko.
Der Weg der Töchter.
Aus dem Englischen von Uda Strätling.
März 2013, 384 Seiten, 18,- €.
Graf Verlag.

Über die Autorin:

Yejide Kilanko wurde 1975 in Ibadan, Nigeria, geboren. Als Jugendliche entdeckte sie für sich Autoren wie Nadine Gordimer, Wole Soyinka und Chinua Achebe. Sie studierte Politikwissenschaften in Ibadan und zog 2000 mit ihrem Mann in die USA, später nach Kanada. Dort arbeitet sie als Kindertherapeutin. Yejide Kilanko hat drei Kinder. “Der Weg der Töchter” ist ihr erster Roman.

Ein Teufelskerl.

moehringer

Darf man ein Herz für Bankräuber haben? Eigentlich nicht. Doch seit dem Buch schlägt es für den einen, der zum Volksheld wurde. Sein Name ist Willie Sutton. J.R. Moehringer erzählt in seinem jetzt erschienenen Roman “Knapp am Herz vorbei” die fiktionale Geschichte von Amerikas größtem Bankräuber. Willie Sutton selbst verfasste zwei Autobiographien, die sich widersprachen und kein klares Bild ergaben. J.R. Moehringer nahm das zum Anlass, um sein eigenes zu kreieren. Wie viel Wahrheit in der Geschichte steckt, werden wir nie erfahren, aber eins kann ich euch garantieren: Dieser Roman brennt sich mitten ins Herz.

Wir schreiben das Jahr 1969. Draußen ist es bitterkalt und New York feiert Weihnachten. Für Willie Sutton ist es das erste in Freiheit – nach siebzehn Jahren. Frisch aus den Gefängnismauern von Attica Correctional Facility entlassen, fährt er mit zwei Jungreportern durch New York. Die vergangene Nacht hat er schlaflos und trinkend im Hotel verbracht. Neben dem Schlafmangel bereitet ihm sein schlimmes Bein Probleme und er glaubt, dieser Tag sei sein letzter. Nun sitzt er im sienabraunen 1968 Dodge Polara und beginnt die Reise seiner Vergangenheit. Er trennt den Pullover seines Lebens auf, zieht jede Masche einzeln ab und erklärt, warum er so geworden ist. In seiner Brusttasche knistert ein weißer Umschlag. Er ist sein persönlicher Talisman, enthält er die Adresse zu seiner Herzensdame.

J.R. Moehringer wechselt zwischen der Gegenwart und der Vergangenheit. Im Jetzt fährt er mit zwei Jungreportern durchs eiskalte New York. Wie der alte Mann den Jungs vom Leben erzählt und sie auf seinen festgelegten Routen durch die große Stadt diktiert, ist unglaublich atmosphärisch. Diese Szenen glänzen neben den einnehmenden Bildern durch großartige und filmreife Dialoge. Sie sind frech, herausfordernd, stellenweise herzlich und erinnern mich an verspielte Hunde. Im Gestern zoomt uns J.R. Moehringer seinen Romanhelden heran und arbeitet sich mit feinfühliger Hand zum Kern vor. Er wollte Sutton einen besonderen Platz geben. Das ist ihm mit seinem Roman gelungen. Willie the Actor – wie er genannt wurde – berührt mich auf seinen zahlreichen Lebensstationen. Willies Kindheit war zappenduster, gepeinigt von etlichen Schlägen, die seine Brüder ausgeteilt haben. Seine Eltern haben nicht eingegriffen, weil sie zu sehr mit sich selbst beschäftigt waren. Der Vater mit den Zwölfstundentagen in der eigenen Schmiede und die Mutter mit dem Kummer über die verstorbene Tochter. Die großen Retter der Not waren Willies Freunde: Der gutaussehende Happy und der gefährliche Eddie, mit dem er seinen ersten Raubzug durchführt. Als Willie auf die hübsche wohlhabende Bess trifft, ändert sich sein Weg. Seine große Liebe, die ihm wegen seiner Herkunft für immer ein verbotener Garten Eden bleiben wird. Sie ist die Initialzündung seiner Verbrecherlaufbahn. Der Umschlag knistert weiter.

Willies Lebenslauf ist tragisch, wird von vielen Schmerzen und Verlusten getragen. Die schwierige Kindheit, die große, unerreichbare Liebe, die auswegslose Suche nach einem Job in Amerikas wirtschaftsklammen Zeiten, die Armut und die Hoffnungslosigkeit drücken zu Boden, Willie und mich. Willie wurde in einer schwierigen Zeit groß, eine Wirtschaftskrise jagte die nächste. Er ist ein strebsamer Schüler, der gute Noten nach Hause bringt, doch wegen Geldmangel bleibt ihm der Zugang zu einer höheren Schulbildung verwehrt. Sein Wissensdurst trocknet indes nicht aus, er folgt ihm wie der eigene Schatten mit jedem Schritt, den er unternimmt und manifestiert sich als sein Wesensmerkmal. Er liest leidenschaftlich gern, am liebsten die großen Klassiker. Die Raubzüge sind sein Lebenselixier, der Wind, der ihn frei pustet. Sie sind nicht einfach nur Überfälle, sie befriedigen ihn im tiefsten Inneren und schütten gießkannengleich Wasser in sein ausgetrocknetes Dasein. „Ihm gefällt alles an der neuen Arbeit. Er redet sich ein, dass das eigentlich nicht sein kann. Aber es ist so.“ Diese Gedanken kommen nach einem der ersten Überfälle auf. Neben dem neuen Reichtum schätzt er noch etwas: „Ihm gefällt sogar das Planen und Studieren der Materie.“ Doch der Hauptgrund für sein Handeln fasst dieser Satz zusammen: „Das Schönste allerdings ist, dass er endlich Arbeit hat.“

Willie zieht mich immer mehr auf seine Seite. Ich werde seine Komplizin, fiebernd, aufgeregt und ergriffen. Er ist clever und geht mit klugem Kopf an seine Taten. Der Autor stellt den Verbrecher nicht an die Wand, sondern zeigt ihn als menschliches Wesen mit seinen Sorgen und Träumen. Das ist es, was den Roman auszeichnet. Sutton nicht zu mögen, fällt mir schwer, ist gar nicht möglich. Er liebt nicht nur Bücher, er besucht das Theater, das Kino und Footballspiele. Vielleicht lässt sich meine Haltung am besten so beschreiben: Aus dem Bösen sickert das Gute, verschließt das Unheimliche. J.R. Moehringer geht wie ein Wissenschaftler vor, setzt die einzelnen Puzzleteile analytisch zusammen. So bezieht er das Umfeld mit ein, in dem sich Willie bewegt. Seine arme Herkunft, die Eltern sind irische Einwanderer, die in dem neuen Land schwer Fuß fassen. Auch das von Wirtschaftskrisen geplagte Amerika spielt eine große Rolle. Der Autor führt uns das teuflische Bankensystem vor Augen und legt die Wut darüber in Eddies Mund: „Ein Scheißsystem, sagt er. Alle zehn oder fünfzehn Jahre bricht es zusammen. Weil es kein System ist, das ist das Problem. Jeder Arsch kämpft für sich selber. Der Crash 1893? Mein alter Herr hat Leute gesehen, die standen mitten auf der Straße und haben geheult wie Babys. Die waren erledigt. Ruiniert. Aber wurden die Banker eingesperrt? Nein, die wurden reicher. Natürlich hat die Regierung versprochen, es würde nie mehr passieren. Aber es ist wieder passiert, hab ich recht? 1907. 1911. Und als die Banken draufgingen und der Markt am Ende war, wer ist da wieder ungeschoren davongekommen? Die Banker.“ Sofort gehen die Alarmglocken an und Erinnerungen an 2008 werden wach, als die Bankenkrise einsetzte und die Weltwirtschaftskrise ihren Lauf nahm.

J.R. Moehringer erzählt temporeich und spannend. Er streut nachdenkliche, bewegende Momente ein und wirft zum Ende das Lenkrad um. Danach erscheint das Vorangegangene im anderen Licht. Was für ein cleverer und hundsgemeiner Schachzug! Dieser Roman durchdringt den Verstand und krallt sich am Herzen fest. Darin liegt für mich die große Kraft. Hier ist alles drin, was eine gute Geschichte ausmacht und überzeugt mich vom Anfang bis zum Ende. Der Autor hat sich nach „Tender Bar“ weiter entwickelt, enorm gesteigert und das aus seinem schriftstellerischen Können herausgeholt, was ich seinerzeit ein wenig vermisst habe. Ich habe ihm damals die Sterne gewünscht. Die hat er sich mit seinem neuen Roman erschrieben. Ich werde ihn vermissen, diesen Willie Sutton, Bankräuber hin oder her. Ein Platz in meinem Herzen ist ihm gewiss.

J.R. Moehringer.
Knapp am Herz vorbei.
Aus dem Amerikanischen von Brigitte Jakobeit.
Februar 2013, 448 Seiten, 19,99 €.
S. Fischer

Ein Buch im Bernstein.

ambra

Wenn das erste Buch erfolgreich war, hat es das zweite schwer. Sabrina Janesch musste sich dieser großen Herausforderung stellen. Würde sie mich mit „Ambra“ genauso begeistern können wie mit „Katzenberge“?

Zeit und Ruhe braucht man, wenn man sich diesem Buch öffnen möchte. Also nahm ich es an einem meiner freien Tag mit ins Bett, stellte eine Kanne Tee daneben, begann zu lesen. Und der Roman ließ mich nicht los. Aus ihm strömte etwas Geheimnisvolles, ein geradezu hypnotischer Lockstoff.

Sabrina Janesch rollt die Geschichte von hinten auf. So stehe ich zunächst mit der Ich-Erzählerin Kinga Mischa in der Küche und erfahre, dass sie von Bronka eingeschlossen worden ist. Weil sie die Wahrheit kennt, wohin Bronkas Sohn verschwunden ist. Erzählen soll Kinga, erzählen. Das kann sie nicht. Dann soll sie es schreiben, sagt Bronka, und legt Kinga zwei Hefte und einen Stift hin. In Kinga brodelt es: „Wenn ich die Wahrheit sagen soll, wird es länger dauern, als Bronka sich vorstellen kann, ich werde sie etwas hinhalten müssen, um Zeit zu gewinnen, ich muss mich richtig erinnern, an jedes Detail des vergangenen Jahres, mich erinnern an alles, was ich sah, was ich hörte und was ich, sagen wir: bemerkte, und worum es sich auch immer handelt, ich werde es einfügen, der Vollständigkeit halber.“ Nach dieser Stelle rutsche ich weiter in das Geschehen. Vorher hält sie Bronka noch den Bernstein vor die Augen, mit dem so viel zusammenhängt. Ambra ist ein altes Wort für Bernstein und als Leserin schiebt sich mir eine Ahnung vor die Augen, die mit jeder Seite näher an mich herankommt.

Der Roman teilt sich in verschiedene Erzählstränge. So ist es nicht immer Kinga, die erzählt. Eine objektive Stimme schiebt sich dazwischen wie die Vergangenheit und damit verbunden Kingas Familiengeschichte. Kinga hat von ihrem verstorbenen Vater eine Wohnung in Danzig geerbt. Der Name der Stadt fällt nicht, aber man spürt schnell, dass die Stadt als Schauplatz dient. Dorthin begibt sich die junge Frau und stößt auf einen Teil der Familie, den sie bis dahin nicht kannte. Sie wird von ihrem Cousin Bartosz, der Tante Bronka und dem Onkel Brunon nicht mit offenen Armen empfangen, denn sie fürchten um die zusätzliche Einnahmequelle, die ihnen die Wohnung bietet. Obendrein hat Kinga noch den Bernstein bei sich, ein Familienbesitz, um den sich viele Geschichten ranken. Die sind es auch, die Sabrina Janesch entfaltet. Nicht auf einmal, sondern mit Bedacht und mit einem geheimnisvollen Flunkern. Die junge Autorin schafft es meisterhaft, eine mystische Stimmung zu kreieren, so dass ich am eigenen Fenster hinter jedem Regentropfen etwas Verstecktes vermute. Sabrina Janesch ist einer Fee ähnlich, die mich zunehmend verzaubert, und in ihren Bann zieht. Da kann ich auch die anfänglichen Hindernisse wie die unzähligen fremden verwirrenden Vornamen, die alle mit B beginnen, ausblenden. Die Autorin entführt mich nicht nur in eine aufreibende Familiengeschichte, sondern auch in einen magischen Salon, wo Menschen mit kosmischen Begabungen auf der Bühne stehen, die jede greifbare Norm ausblenden.

Ein weiteres Stilelement sind die kursiven Einschübe, die sich plötzlich in das Geschriebene drängen. Anfangs verwirren diese Fremdkörper, später sind sie ein fester Bestandteil in dem Buch. Sabrina Janesch nutzt diese Form, um den Lesern u.a. Einblicke in Bartosz’ Gedankenwelt zu geben, eine bleischwere Welt. Er war als Soldat im Irak und trägt Wunden in der Seele, die in den aufblitzenden Momenten ans Licht kommen, indem er seine Erfahrungen rekapituliert. Diese Szenen gehen an die Substanz und sind äußerst beklemmend. Über diese Erzählebene tauche ich auch in Renias Leben, eine weitere wichtige Person in diesem Ensemble.

Sabrina Janesch gelingt mit ihrem Roman ein wunderbares Porträt über Danzig. Sie spürt Stimmungen auf, legt Bilder und Sinneseindrücke in ihre Sätze, dass man sich direkt dort wiederfindet. Feinfühlig schreibt sie über die polnische Stadt am Meer, in der sie selbst für ein halbes Jahr als Stadtschreiberin zu Gast war. Sie versteht es, Geschichte lesbar und fühlbar darzustellen, sei es die der Stadt oder die der Familie. Beides macht Freude und ist unwahrscheinlich bereichernd.

Die junge Autorin hat eine besondere Gabe. Ihr gelingt es, eine anziehende Atmosphäre heraufzubeschwören, die an Nebel verhangende Täler erinnert. Ein Bild, das ich bereits in ihrem Debüt „Katzenberge“ vor mir sah. Sie liebt das Verborgene und legt dies mit aller Kraft in ihre Sprache. So verwundert es mich nicht, dass ich plötzlich das Buch in einem Bernstein liegen sehe. Dort ist es gefangen und wartet auf unsere Befreiung. Ein flüchtiges Aufkratzen allein reicht nicht aus, man braucht Geduld und Zeit für dieses Vorhaben. Vieles ist in „Ambra“ versteckt und verschachtelt, dass es besonderer Konzentration bedarf, um zum Kern durchzudringen. Das störte mich keineswegs, als ich in meinem eingeschlossenen Lesereich lag, jenseits von Lärm und anderen ablenkenden Faktoren. Dennoch fehlte mir bis zum Schluss eine Komponente, die dem Buch eine goldene Krone aufsetzen konnte. War es diese seltsame Protagonistin, mit der ich nicht warm wurde? Selbst heute noch beschäftigt mich die Frage: Was war anders als bei „Katzenberge“? Ich weiß es nicht. Parallelen zum Erstling gab es einige: Neben der wunderbaren Atmosphäre und dem geschichtlichen Hintergrund, steht erneut eine junge suchende Frau im Mittelpunkt. Vielleicht schenkt mir die vielversprechende Autorin die Antwort mit ihrem nächsten Roman. Auf den freue ich mich schon jetzt. Denn eins ist gewiss: Sabrina Janesch hat großes Talent. Und verdient für dieses Buch eine silberne Krone.

Sabrina Janesch.
Ambra.
August 2012, 372 Seiten, 22,99 €.
Aufbau-Verlag.

Wenn ihr die Autorin näher kennenlernen wollt, möchte ich euch ihre Homepage ans Herz legen. Außerdem kam sie bereits bei Mara von buzzaldrins Bücher in einem Interview zu Wort und bei mir hier.

Ein literarischer Goldnugget.

sydney

Es geschah vollkommen unerwartet – wie eine Windböe, die hinter der Hausecke lauert. Ich öffnete „Sydney Bridge Upside Down“ von David Ballantyne und freute mich auf eine gute Lektüre. Doch der Roman war nicht nur gut, ich habe mich plötzlich wie eine Goldgräberin gefühlt, die ein Goldnugget in den Händen hielt. Dieses Buch wird nicht umsonst als neuseeländischer Klassiker bezeichnet. Ein Werk, das alles hat, um dieser Bezeichnung gerecht zu werden. 1968 ist es erschienen und jetzt liegt es erstmalig auf Deutsch vor. Der Hoffmann und Campe Verlag hat dem Autor damit ein würdiges Denkmal verliehen.

Es beginnt wie eine harmlose Jungsgeschichte, die in den sechziger Jahren an der neuseeländischen Küste spielt. Der Ich-Erzähler rauft sich mit dem jüngeren Bruder und macht mit seinem Freund Cal Schabernack. In ihrer Höhle rauchen sie heimlich Zigaretten, bis ihnen schwindelig wird. Von dort haben sie einen guten Ausblick auf den Hafen, um Leute beobachten zu können. Die neugierigen Jungs treiben sich genauso gern in einer stillgelegten Fleischfabrik herum.

Von Beginn an umgibt dieses Buch eine unheimliche, düstere Stimmung, eine dunkle Gewitterwolke, die über der Geschichte schwebt. Man erahnt es schon nach Sätzen wie diesen: „Es gibt im ganzen Land, auf der ganzen Welt, keinen abgeschiedeneren Ort. Und wenn die Menschen weit weg sind, wenn sie einsam sind, fangen sie oft an, sich merkwürdig zu verhalten, das ist bekannt.“ Nein, dies ist hier nicht nur eine Lausbubengeschichte, das ist viel mehr.

Um die Jungs herum scharren sich recht merkwürdige Gestalten wie der schweigsame Sam Phelps mit seinem alten Pferd, das den Namen Sydney Bridge Upside Down trägt. Statt sich ein jüngeres Pferd anzuschaffen, hält der Mann an dem alten Gaul fest und lässt seine Lore vom Fluss bis zum Hafen ziehen. Früher wohnte er „in einem ordentlichen Haus“ und hatte eine schöne Tochter, doch seit ihrem Verschwinden strahlt Sam Phelps etwas Geheimnisvolles aus. Genauso komisch scheint der Fleischer Mr Wiggins, der sich für junge Damen interessiert wie Caroline, Harrys Cousine, die seine Familie besucht. Sie wirbelt das Leben des Ich-Erzählers mächtig auf, nicht nur ihn, die Geschichte beginnt mit ihrem Eintreffen zu flirren. Es knistert, die Spannung steigt mit jeder Seite und bald merke ich: Hier ist keiner so lieb wie er auf den ersten Blick scheint. Harry und Caroline haben es faustdick hinter den Ohren. So überrascht mich das erste Unglück nur halb, wenngleich ich fassungslos auf das Geschriebene blicke, vor allem deshalb, wie es von Harry erzählt wird.

Permanent bin ich gebannt, habe ein klopfendes Herz und einen schnellen Atem. Ich bin wie ein geladenes Teilchen, das ständig vibriert, weil sich in dem ruhigen Erzählfluss bösartige Wellen mischen. David Ballantyne hat eine düstere Geschichte geschrieben, die zunehmend die verwinkelte Innenwelt von Harry an die Öffentlichkeit trägt, dass es mich gruselt, die Angst in mir nach oben krabbelt und ich mich vor diesem scheinbar netten Jungen verstecken möchte. Einerseits bin ich im Laufe der Geschichte eine gute Freundin geworden, der er seine Gedanken und Gefühle anvertraut. So verliebt sich Harry zum ersten Mal, muss aber gleichzeitig ein großes Stück Verantwortung für seinen Bruder übernehmen und den Großteil der Hausarbeit schmeißen, weil die Mutter auf unbestimmte Zeit in die Stadt gezogen ist und seine Cousine wie eine Drohne im Feriendomizil thront. Andererseits werde ich Zeugin seiner Taten, die eher verschwommen durchsickern, seine List, die mich an einen Fuchs denken lassen. Ich bewege mich auch aus Harrys Universum hinaus und stoße auf die seltsamen Eigenheiten des Dorfes, in dem nicht alles so friedlich ist wie zunächst angenommen. Die Menschen und das, was um sie herum passiert, sind äußerst merkwürdig. Schiefe Fensterläden, die sich nicht richtig schließen lassen. Stimmt das Erzählte oder hat sich Harry das alles nur ausgedacht? Eine Frage, die sich mit einem Fingerzeig dazwischen schiebt. Berechtigt, sehr berechtigt.

Hier haben wir es wirklich mit einem eindrucksvollen Klassiker zu tun. Er ist von vorn bis hinten stimmig: klug durchdacht, sehr raffiniert und gut geschrieben, dicht, spannend und äußerst packend. Besonders großartig empfand ich die faszinierende Sogwirkung, die von ihm ausgeht, bei der man alles liegen lässt und nur eins macht: lesen. Ich tauchte komplett ab, befand mich in einer anderen düsteren Welt und wurde Teil eines bösartigen Schauspiels, das sich vor meinen lesenden Augen offenbarte. Dämonisch und erschreckend zugleich. Selten habe ich ein Buch so schnell verschlungen und es am Ende atemlos zugeschlagen wie dieses. Unerwartet. Mehr als gut und wertvoll, wie ein richtiger Goldnugget.

David Ballantyne.
Sydney Bridge Upside Down.
Aus dem neuseeländischen Englisch übersetzt von Gregor Hens.
August 2012, 333 Seiten, 19,99 €.
Hoffmann und Campe.

kleiner zwerg GANZ GROSS.

Manche Menschen gehen sonntags in die Kirche, ich lese „Owen Meany“. Dieses Ritual hat sich eines Tages so eingeschlichen, wie eine Mücke, die durchs offene Fenster schlüpft. So ist es geblieben bis zum Schluss. Seit ich die über 853 Seiten beendet habe, ist mir ein wenig mulmig zumute, fast so, als hätte ich eine ganze Tüte Salzige Heringe auf einmal aufgefuttert. Der eigentümliche Geschmack des Abschieds schiebt sich zwischen vollem Bauch und glücklichem Herzen. Die Wehmut steigt in den nächtlichen Himmel und hinterlässt einen hellen Schweif auf meinem Gesicht. Die Sache mit dem Abschied stimmt allerdings nicht ganz, denn ein Owen Meany verschwindet nicht, er bleibt bei uns, selbst wenn das Buch längst wieder im Regal steht. Owen Meany ist nicht nur Owen Meany, denn während ich diese Zeilen schreibe, sitzt er bei mir, der kleine Zwerg mit der kratzigen Stimme. Ist das schön? Ja, das ist! Und vollkommen verrückt!

„Owen Meany“ ist das zweite Buch, das ich von John Irving gelesen habe und ich kann sagen, die Liebe bleibt erhalten. Noch befindet sich unsere Autor-Leserin-Beziehung in der Probephase, in der man sich vorsichtig annähert. Im Nachhinein finde ich, dass ich sehr mutig gewesen bin, seinen dicken Wälzer als Zweites zu lesen, doch meine Neugier war zu groß, hatten mir doch viele Menschen gerade diesen Roman ans Herz gelegt und ein guter Freund sagte mir am Telefon: „Die letzten Sätze sind es, auf das alles hinausläuft. Unglaublich, wie John Irving das gemacht hat!“

Bereits auf der dritten Seite verliebe ich mich in den Roman oder viel mehr in Owen Meany, als Irving seinen Helden aus der Sicht des Ich-Erzählers beschreibt, so liebevoll und menschlich. Ich lese Worte, die wie warme Schokoladensoße über meine Zunge fließen. Entzückt klatsche ich in die Hände, spüre eine Wärme in mir aufsteigen und die Süße überall kleben. Ich bin eine Schokoladen schleckende Bärin, so würde mich Irving bestimmt beschreiben. Wie komme ich eigentlich zu diesem Bild, wo es in diesem Roman keinen Bären gibt? Und Bären wohl eher Honig schlecken. Das sind die Nebenwirkungen einer Irving-Lektüre, würde ich jetzt einfach behaupten. Statt der Bären treffe ich auf eine Handvoll Menschen, die der Autor wieder bis zur Vollendung ausschmückt, ihnen Eigenheiten an die Fersen klebt und unerwartete Wendungen in die Taschen legt.

Im Mittelpunkt steht die besondere Freundschaft zwischen John und Owen. Sie beginnt in den zarten Kinderschuhen und hält viele Jahre lang an. Owen schillert aus dem Buch hervor wie ein eckiger Diamant, dem ich mich nicht entziehen kann. Seine direkte Art, dem Leben und den Menschen zu begegnen, ist sehr eigenwillig und eindrucksvoll zugleich. An einer Stelle heißt es, dass er wie „ein vom Himmel herabgestiegener Engel“ aussieht, „ein kleiner, aber feuriger Gott, gesandt, über unsere Irrwege zu richten.“ Das trifft es auf den Punkt und zeigt, was für ein Wesen sich hinter dem kleinwüchsigen Owen verbirgt, dessen Stimme so schrill ist, dass jeder Owen-Satz in Großbuchstaben geschrieben ist. Seine Eltern betreiben einen Steinbruch, schenken ihrem Sohn wenig Zuneigung. Die Liebe bekommt der Junge hingegen bei Johns Familie, die immer einen Platz für ihn hat. Selbst nach einem fatalen Ereignis, auf das ich nicht näher eingehen möchte, denn dort draußen gibt es sicherlich noch einige, die dieses epische Werk entdecken werden. John Irving reißt seine Leser mit, überrascht sie mit unerwarteten Wendungen, das möchte ich ihm nicht wegnehmen. Gerade dann, wenn man sich eingerichtet hat, dreht er das Ruder um und der Kopf sieht für einige Augenblicke Sterne.

„Owen Meany“ ist für mich vor allem ein Werk voller Menschlichkeit, das mir selbst an Regentagen eine Sonne ins Gesicht gemalt hat. John Irving gelingt etwas Unglaubliches: Er öffnet die Tür zu meinem Herzen und lässt Owen Meany hineinspazieren. Was er natürlich mit Freude macht. Ich finde einfach keine Worte für diese besondere Begegnung.
Der Roman umfasst ein halbes Jahrhundert und fokussiert neben der Freundschaft auch den Glauben und Amerikas Geschichte. Der Vietnamkrieg ist ein tragendes Element, der wie eine schwingende Keule in das friedliche Szenerie schlägt. John Irving führt das ganze Ausmaß vor Augen, indem er mit Zahlen der in Vietnam stationierten amerikanischen Soldaten und Gefallenen untermalt. Selbst seine Helden bleiben davor nicht verschont und letztlich ist es der Krieg, der das große Drama zum Ende nach sich zieht. Gleichzeitig erzählt er aus dem Leben einer amerikanischen Kleinstadt und von den Dingen, die Menschen beschäftigen. Manches schmückt der Autor besonders aus, wie das Weihnachtsfest im Jahr 1953 und führt mir erneut vor Augen, was er für ein begnadender Erzähler ist, der seine wahre Freude daran hat, sich bis in die hinterste Ecke zu bewegen, ohne dabei vom Weg abzukommen. Am schönsten sind die Menschen selbst, ihre Beziehungen untereinander und ihre Dialoge. Das absolute Highlight – eine wahre Explosion – passiert auf der letzten Seite. Ich nenne es einen professionellen und raffinierten schriftstellerischen Schachzug, vor dem ich niederknie. Mein besagter Freund hatte Recht: Die letzten Sätze leuchten durch die Augen hindurch in meinen Kopf und bringen ihn zum Strahlen. So sah ich am Ende aus wie eine glühende schokoladenverschmierte Bärin, die weiß, dass sie von einem Fieber befallen ist, dem John Irving Fieber. Heilung unmöglich!

John Irving.
Owen Meany.
Dezember 1998, 853 Seiten, 12,90 €.
Diogenes Verlag.

Große Literatur, menschliches Drama.

                                           Foto: Olwyn Hughes.

Zu manchen Autoren und Autorinnen haben wir eine ganz besondere Beziehung. Wir wissen meist nicht, wo dieses vertraute Gefühl herrührt. Es ist einfach da wie der Wind, der unser Gesicht streift. Ich habe aufgehört, zu hinterfragen, warum das so ist, freue mich lieber über dieses exklusive Geschenk des Himmels und schreibe über Sylvia Plath, die heute 80 Jahre alt geworden wäre. Eine Autorin, die viel zu früh selbstbestimmt aus dem Leben gegangen ist und eindrucksvolle Literatur hinterlassen hat.

Unsere erste Begegnung ist viele Jahre her. Damals, in einer Zeit eines persönlichen Umbruchs, hat mich Sylvia Plath mit ihrem autobiographischen Roman „Die Glasglocke“ aufgefangen. Ich fühlte mich verloren in der Welt, wie die Ich-Erzählerin Esther Greenwood. Eine erfolgsverwöhnte 20-Jährige fällt durch die Absage für einen Schriftstellerkurs in ein tiefes Loch und leidet zunehmend an einer schweren Depression. Ich steckte in einer ähnlichen Situation, erfolgsverwöhnt wie ich war, schlitterte ich orientierungslos durchs Leben, weil plötzlich nichts mehr so lief, wie ich es mir vorgestellt hatte. Sylvia Plath traf eine Ader in mir, nicht zuletzt auch durch ihre eindrucksvolle Sprache. Sie reichte mir ihre Hand und zog mich vom Boden nach oben. Dieses Buch blieb wohl auch aus diesem Grund bis heute in meinem Herzen. Riesengroß war demnach die Freude, als ich entdeckte, dass die Frankfurter Verlagsanstalt dieses Jahr zwei Erzählbände neu aufgelegt hat, die ich bis dato nicht gelesen hatte. „Die Bibel der Träume“ heißt das eine, das andere „Zungen aus Stein“ und über letzteres möchte ich euch heute berichten.

„Zungen aus Stein“ enthält 16 Erzählungen, bei denen überwiegend junge Frauen im Mittelpunkt stehen. Die Geschichten sind melancholisch und wiegen schwer im Herzen. Oft sah ich das Bild einer kalten Mondnacht vor mir aufblitzen. Ich lief allein durch die Plath-Welt, einzig meine Atemwölkchen begleiteten mich durch die Dunkelheit.
Sylvia Plath erzählt von jungen Frauen, die im Amerika der vierziger Jahre umherirren. Ja, sie irren umher, viele von ihnen sind vom Weg abgekommen. Sie sind verletzte Wesen, denen das Leben schmerzhafte Wunden zugefügt hat. Da ist das Mädchen aus der Titelgeschichte. Eindringlich und beklemmend lesen sich die Seiten von dem Mädchen, das sich in einer Nervenheilanstalt befindet. Ihr Drama macht Plath bereits auf der zweiten Seite deutlich: „Zwei Monate lang hatte sie weder geweint noch geschlafen, und jetzt schlief sie immer noch nicht, aber es kamen immer mehr Tränen, den ganzen Tag.“ Jegliches Gefühl ist aus ihrem Körper gewichen, er fühlt sich an wie „eine dumpfe Marionette aus Haut und Knochen, die Tag für Tag für Tag gewaschen und gefüttert werden mußte.“ Sylvia Plath beschreibt das Bild einer depressiven Frau, ein Bild, das ihr vertraut war und hier so authentisch wirkt, beißend echt, dass ich die schwere Last der Seele in meiner Brust spüre.

In „Superman und Paula Browns neuer Schneeanzug“ macht Sylvia Plath deutlich, wie hässlich und gemein Kinder sein können. Das Schicksal spielt dem Ich-Erzähler einen bösen Streich. Wobei man nach dem Ende nicht mehr an Schicksal denken möchte, sondern die bloße, erschütternde Absicht sieht, jemanden die Schuld zu geben. Genau das macht die Geschichte noch tragischer als sie ohnehin schon ist. Raffiniert verarbeitet Plath etwas, dass wir allzu kennen, nämlich die eigene Schuld auf andere abzuladen. Hier ist es Paula Brown, die nicht eingestehen will, dass sie auf einer Ölpfütze ausgerutscht ist und ihren neuen Schneeanzug beschmutzt hat. In einer blitzschnellen Reaktion zeigt sie auf den Ich-Erzähler und ruft laut aus, dass er es war, der sie geschubst hat. Von da an ist er der Geächtete, der Ausgegrenzte, der an der Ungerechtigkeit beinah zerbricht. Als sei das nicht schon genug, untermalt die Autorin das Drama mit einer weiteren brutalen Komponente, denn dieser Vorfall ereignet sich in dem Jahr, als der Krieg begann.

Im „Tag des Erfolgs“ konfrontiert mich Sylvia Plath mit dem damaligen Frauenbild und dann seinen Folgen. Als Ellen davon erfährt, dass das Theaterstück ihres Mannes Jacob mit Begeisterung aufgenommen wurde, überrollt sie eine Welle der Zweifel und drückt sie nieder. Die Überbringerin dieser Nachricht versetzt Ellen in Angst und Schrecken, ist es doch jene brillante junge Fernsehredakteurin, mit der sich Jacob kürzlich getroffen hat. Die Eifersucht keimt in Ellen auf, die Stacheln verletzten ihr Herz, erschüttert ihr Kopf mit vielen Gedanken. Eigentlich sollte sie sich über diesen Erfolg ihres Mannes freuen. Hatten sie harte Zeiten hinter sich, doch über das Glück stülpt sich eine betäubende luftdichte Maske, die sie einfach nicht absetzen kann und sich spinnenartig in ihren eigenen Gedanken verwebt. Plötzlich fängt sie an, sich kritisch zu betrachten: „Ich passe schon jetzt nicht mehr. Ich bin hausbacken, unmodern wie die Rocklänge vom letzten Jahr.“ Ellen wird bewusst, wie sehr sie ihre anziehende Weiblichkeit als Hausfrau und Mutter verloren hat. Angst macht sich breit, ihrem Mann nicht mehr zu gefallen und ihn damit in die Arme von attraktiven Frauen zu werfen.

Das Spektrum der Erzählungen ist reichhaltig, und ich habe nur einen Bruchteil angerissen. So vielfältig sie auch sind, eins vereint sie alle: der Verlust. Über allem schwebt dieses tragende Element, ein Gefühl, mit dem die Autorin seit frühen Kindheitstagen selbst konfrontiert wurde. Sie war 8 Jahre, als ihr Vater starb. Vielleicht führte dieses tragische Ereignis dazu, dass dieses Thema so häufig auftaucht. Ob es sich um einen besonderen Tag handelt, der nie wiederkehrt, oder um einen Ort der Kindheit, der nicht mehr so ist, wie er einst mal war oder um einen verlorenen Menschen oder eine sich verändernde Beziehung. All das hält mir die Autorin mit ihren Geschichten vor Augen, diese ständige Bewegung des Lebens, die die Dinge und Menschen ändert, ob wir es wollen oder nicht. Aus vielen Seiten vernehme ich Rufe nach mehr selbstbestimmtem Leben. Einige Mädchen rufen nicht nur, sie handeln, brechen aus, befreien sich von den Handschnellen, die man ihnen angelegt hat und treffen mutige Entscheidungen. Für wenige Augenblicke verblasst die Schwermütigkeit, und wird von leichten Wolken überdeckt. Übermut macht sich dort bemerkbar, wo sonst nur lähmende Ohnmacht saß. Ein Lächeln fährt über das sonst so ernste Gesicht und übertüncht den angespannten Ausdruck mit einem beruhigenden Frieden und hoffnungsfroher Zuversicht.

Der Erzählband enthält Plaths nachdenkliche Handschrift. Sie war eine sehr reflektierende und empfindsame Person, dies entfalten ihre persönlichen Aufzeichnungen, die ich euch als ergänzende Lektüre empfehlen möchte. Sie lassen uns in ihre Seele blicken und manch einer findet dort vielleicht eine Antwort, warum diese talentierte Schriftstellerin und Lyrikerin so früh aus dem Leben gegangen ist. „Briefe nach Hause 1950-1963“ und „Die Tagebücher“ geben einen Einblick und sind auf besondere Weise eine literarische Bereicherung. Einmal aufgeschlagen, wollte ich nicht wieder hinaussteigen. Sie führen hinein in das Leben einer jungen Frau, die vor Leben und Schreiblust brennt, die hochfliegt, so viel vom Universum möchte, dabei oft tief fällt und von schwermütigen Phasen niedergedrückt wird. Ich erlebe sie als kreischende, juchzende Biene und als sentimentale, nachdenkliche junge Frau, die ihre Schmerzen ihren Tagebüchern und ihren Briefen anvertraut. 1953 unternahm sie mit 20 Jahren den ersten Selbstmordversuch. Der Brief an E. gibt Aufschluss darüber, was Sylvia Plath zu diesem Schritt geführt hat. In ihren Erklärungen berichtet sie von der Absage für einen Schreibkurs, auf den sie so sehr gehofft und mit dem sie fest gerechnet hatte. Dieses einschneidende Erlebnis greift sie später in ihrem Roman „Die Glasglocke“ auf. Das Zerfallen und Verlieren in dem kalten See der Enttäuschung entfaltet sie hier in diesem Brief und gibt Antworten auf Fragen nach dem Wieso und Warum. Sylvia Plath vergleicht sich mit ihren Freundinnen, die in Europa Romane schreiben, bald heiraten oder Medizin studieren. Sie zerfällt in ihren Sorgen, kann nicht mehr schlafen, weil sie gegen Schlaftabletten immun wird und erlebt traumatische Erfahrungen mit Elektroschockbehandlungen. Als einzigen Ausweg sieht sie am Ende nur noch den Selbstmord, um der Irrenanstalt – wie sie die psychiatrische Klinik selbst bezeichnet – zu entkommen.

Die persönlichen Aufzeichnungen sind eine Reise durch Sylvia Plaths Seele. Ihr Innenleben fließt nach draußen direkt auf das Papier und in den Kopf des Lesers. Sylvia Plath erzählt von den hohen Anforderungen der Gesellschaft, denen sie sich beugt und die sie trotzdem kritisch hinterfragt: „Doch, genaugenommen, wieviel davon war eigentlich freier Wille? Wieviel davon war Denkfähigkeit, die ich von meinen Eltern mitbekommen habe, wieviel elterlicher Druck, zu lernen und gute Noten nach Hause zu bringen, die Notwendigkeit, eine Alternative zur gesellschaftlichen Welt der Jungs und Mädchen zu finden, zu der ich nicht zugelassen war? Und stammt der Wunsch zu schreiben nicht aus einer Neigung mich nach innen zu orientieren, die sich bei mir schon als Kind zeigte, als ich in der Märchenwelt lebte, mit Mary Poppins und Winnie-the-Pooh?“

Sie ist eine strebsame Studentin, die nach dem abgeschlossen College sogar ein Stipendium für Cambridge erhält. Sie arbeitet als Gastredakteurin bei der „Mademoiselle“ und bietet ihre literarischen Werke Zeitungen an, wartet auf Zusagen für Veröffentlichungen, hadert mit Absagen und nimmt die Ratschläge der Redakteure für Verbesserungen der Texte an. Ich komme manchmal als Leserin kaum zum Luftholen, so viel passiert in dem Leben dieser bemerkenswerten Frau. Ich schätze die offene und reflektierende Art, die eine eigene Welt und die der anderen zu betrachten. An einer Stelle analysiert sie ein Gedicht, das sie verfasst hat, betrachtet es, legt es geradezu unters Mikroskop – so fühlt sich die Analyse für mich an und erklärt, warum sie so schreibt wie sie schreibt: „Da meine weibliche Welt stark durch Gefühle und Sinne wahrgenommen wird, behandle ich sie auch dementsprechend in meinem Schreiben, und das ist dann oft überladen mit langweiligen Beschreibungen und einem Kaleidoskop von Vergleichen“. Zwischen den zahlreichen Betrachtungen und Reflexionen stoßen aber weise Gedanken an die Oberfläche, sie legen sich wie Balsam auf die Seele: „Ob man in einem Streit gewinnt oder verliert, ob man eine Zu- oder Absage erhält, sagt noch nichts über Gültigkeit und Wert der persönlichen Identität. Man kann sich irren, einen Fehler machen, handwerklich schlecht oder bloß unwissend sein – das alles entspricht in keinster Weise dem wahren Wert der gesamten eigenen Identität als Mensch: weder der früheren, noch der gegenwärtigen, noch der zukünftigen!“

Die privaten Aufzeichnungen sind literarisch und menschlich gesehen einmalig und äußerst beeindruckend. Es ist die poetische und kraftvolle Sprache, die aus den vielen Briefen und Tagebucheinträgen hervorsticht. Kleine glitzernde Wortdiamanten, von denen ich nie genug kriegen konnte. Sie sind brillant und für mich unvergesslich. Mögen einige Täler in Sylvia Plaths Seele bisweilen finster sein und jedes Tageslicht schlucken, enthalten die Seiten auch so unendlich viele kraftvolle Passagen, die stark machen. Während ich dies schreibe, überlege ich: Gehört das auch nicht alles dazu? Das Fallen und das Sich-Suchen und das Sich-Finden? Die kritische Auseinandersetzung mit dem eigenen Leben und den persönlichen Befindlichkeiten? Nur tragisch, dass die Autorin am Ende für sich keinen anderen Ausweg mehr sah, als sich umzubringen. Da war sie gerade mal 31 Jahre jung. Ein Jahr jünger als ich. Dies macht mich unendlich traurig, aber ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass sie mir von da oben zuschaut und jetzt in dem Augenblick lächelt, in dem ich über das literarische Erbe lächle, das sie uns zurückgelassen hat.

Sylvia Plath.
Zungen aus Stein. Erzählungen.
September 2012, 300 Seiten, 14,90 €.
Frankfurter Verlagsanstalt.

Und hier sind noch weiterführende Links zu Sylvia Plath:
http://cms.frankfurter-verlagsanstalt.de/fva.php?page&p=DE,2416,,,,
http://www.suhrkamp.de/autoren/sylvia_plath_3747.html?d_view=veroeffentlichungen
http://www.sylviaplath.de/
http://www.facebook.com/SylviaPlathAuthor

Vom Gestern und vom Heute.


Ich weiß nicht, wie viele Sekunden ein Atemzug braucht, aber ich weiß, dass er sich mit diesem Buch sehr intensiv anfühlt, unwahrscheinlich lange, Zeitlupentempo wäre vielleicht ein passender Begriff dafür. Es ist ein bewusstes Senken und Heben des Brustkorbes, ein Auf und Ab, die Augen fahren über Marica Bodrožićs Worte, in denen ich aufgehe, innehalte, verweile, aus der S-Bahn schaue und dem Echo des Geschriebenen lausche. Ich habe für “kirschholz und alte gefühle” mehr Tage gebraucht als ich zunächst annahm und das aus einem einfachen Grund: Marica Bodrožić liest man nicht nebenbei, man atmet ihre Sprache und damit ihre Geschichten, die mit vielen Gedanken und Gefühlen gefüllt sind.

“kirschholz und alte gefühle” ist der zweite Teil einer Trilogie. “Das Gedächtnis der Libellen” nennt sich das erste Buch, das Ada Mitsou wundervoll besprochen hat. In ihrem neuen Roman schenkt die Autorin Arjeta Filipo eine Stimme. Durch die Ich-Erzählperspektive radiert Marica Bodrožić jede Distanz aus und holt mir Arjeta ganz nah heran. Es dauert nicht lange und schon ist die Protagonistin eine Vertraute, die mir ihre Geschichte erzählt und von ihren Absencen berichtet: “Unser Arzt sprach von Anfällen. Pétit mal. So nannte er die Pausen in meinem Gedächtnis. Manchmal wurde mein Kopf von einer mir unbekannten Kraft nach hinten gezogen. Vor den Augen meiner Familie war kein Entkommen. Und wenn das kleine Übel vorbeigezogen war, nannten mich meine Eltern ihre Sternenguckerin.” Diese Lücken will sie nun in ihrer neuen Wohnung in Berlin füllen, indem sie sich mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzt. Sieben Tage lässt sie mich an ihrem Leben teilhaben, das einige bewegende und schmerzvolle Erfahrungen in sich trägt.

Die neue Wohnung ist leer, darin finden sich nur Kartons und Fotos, die sie auf dem geliebten Kirschholztisch ihrer Großeltern ausbreitet. Dieser Tisch ist etwas Besonderes und macht Arjeta glücklich. Draußen fliegen Schwalben, die Arjeta anfängt zu zählen und zu denen sie eine besondere Beziehung hat: “Ich fühle mich von ihnen begrüßt, stelle mir vor, dass ein kleiner blauer Vogel durch meinen Verstand fliegt. Vielleicht kann er mir helfen, in der Gegenwart zu leben.” Das Vögelchenzimmer wird ihr Rückzugsort, “einfach nur ein Raum, kein Gegenstand, kein Gedanke soll ihn verstellen.” Mit diesem Zimmer hofft sie, endlich zur Ruhe zu kommen.

Noch ist die Ruhe ein ferner Geselle. Ihre Erinnerungen, die aufblitzen und die sie mit mir abgeht, führen mich zuweilen an meine Grenzen. Als Arjeta damals Jugoslawien verließ, um in Paris Philosophie zu studieren, begann der Balkankrieg, vor dem sie in ihren Erzählungen nicht haltmacht. Es fallen furchtbare Zahlen: 1425 Tage dauerte die Belagerung, es fielen durchschnittlich pro Tag 329 Granaten. Aber auch in Worten bringt die Autorin das Grauen zum Ausdruck, dass ich den Schmerz fühle, das Blut förmlich rieche und zittere.

Es stürmt nicht die ganze Zeit in ihren Erinnerungen, es gibt auch sanfte Momente des Aufatmens wie die mit einem guten alten Freund. “Mischa Weisband war kein Mensch, der die Straßen und die Sprache seiner Kindheit hassen konnte”. Er ist ein deutscher Jude, der in Paris lebt, ein Nachbar im Haus Arjetas Tante, den sie kennenlernt. Eine Begegnung, aus der sich eine besondere Freundschaft fürs Leben entwickelt, eine starke Hand und ein Geschenk des Schicksals, wie er es an einer Stelle so schön beschreibt. Nicht so warm ist die Beziehung zu Arik, einem Künstler, der nie ganz in Arjetas Leben bleibt, immer wieder flüchtet, ein Schatten, der schnell um die Ecke huscht und in der Dunkelheit verschwindet. An ihn verliert Arjeta ihr Herz und fast sich selbst.

Es ist ein Ziehen und Dehnen, ein ständiges Flattern der Gedanken und Gefühle, die Marica Bodrožić bei mir auslöst. Arjeta bewegt sich in den sieben Tagen zwischen gestern und heute. Sie kehrt zurück nach Paris, das sie mit zwei besonderen Freundinnen gemeinsam erlebt hat, Hiromi und Nadeshda. Während Hiromi wieder nach Japan ging, zog Nadeshda nach Berlin und kümmerte sich um einen Job für Arjeta, als sie ihre Zeit in Paris beenden wollte. Und nicht zuletzt der wunderbare Mischa Weisband und der anstrengende Arik. Sie sind Fäden, die sich durch Arjetas Leben ziehen, genauso wie die Familiengeschichte, in der neben hellen Augenblicken auch Reibungen und schmerzvolle Erfahrungen lauern wie das große Loch, das der Krieg hinterlassen hat mit den Verlusten und Brüchen. Arjeta beugt sich der Vergangenheit, verlässt die Gegenwart, öffnet den Erinnerungen die Tür und kehrt abwechselnd zurück in das Jetzt.

Marica Bodrožić erzählt mit einem unglaublichen Sprachgefühl, jedes Wort entstammt einer inneren Stille, wurde mit Bedacht gewählt und entfaltet sich auf seine Weise. Ich konnte das Buch nicht verschlingen, ich habe es gelöffelt wie eine heiße Hühnersuppe. Zwischendurch habe ich dem Dampf zugeschaut, wie er sich verflüchtet hat, die Worte hingegen blieben in mir. “kirschholz und alte gefühle” ist genau das Richtige, wenn einem die Welt draußen zu schnell und laut wird. Das Buch setzt vieles in Bewegung und verströmt trotzdem eine Ruhe, in die ich mich jetzt im Herbst so gern lege. Einerseits löst die Geschichte eine Anspannung aus, andererseits führt sie zu einer inneren Einkehr der eigenen Gedanken über Familie, Liebe, Freundschaft und den Wurzeln. Der Roman lässt dich spüren, was es bedeutet, anzuhalten und auf die Stille zu hören, den Weg deines eigenen Atems zu verfolgen und zu fühlen, wie schön es sein kann, anzukommen, egal, wie lang und anstrengend deine Reise auch sein mag.

Marica Bodrožić.
kirschholz und alte gefühle.
September 2012, 224 Seiten, 19,99 €.
Luchterhand Literaturverlag.

Über die Autorin:

Marica Bodrožić wurde 1973 in Svib/Dalmatien, dem heutigen Kroatien, geboren. Sie lebt seit 1983 in Deutschland und schreibt Gedichte, Essays, Romane sowie Erzählungen. Ihre Bücher wurden mit zahlreichen Preisen und Stipendien ausgezeichnet. So erhielt sie den Förderpreis für Literatur von der Akademie der Künste in Berlin. Claudio Magris über Marica Bodrožić: “Eine der ungewöhnlichsten frischesten und originellsten Stimmen der zeitgenössischen deutschsprachigen Literatur.”

Mit dem Buch ist an dieser Stelle nun Schluss, doch am Donnerstag geht es mit einem Interview weiter. Seid gespannt!

Weich wie der Regen, stürmisch wie der Wind.

Was für Maggie ihre Katze, ist für mich dieses Buch: Das besondere Glück, das uns in den Himmel trägt. Es braucht nicht viel, nur ein Augenblick und schon schnurrt der Bauch. Ja, es muss nicht immer eine Katze sein, das weiß ich nun.

Maggie ist die Ich-Erzählerin, der die Autorin Frances Greenslade in ihrem Romandebüt “Der Duft des Regens” eine Stimme gegeben hat. „Jenny hat mich gebeten, das Ganze aufzuschreiben. Sie wollte, dass ich es für sie sortiere, auffädele, Perle um Perle, eine Geschichte daraus mache, wie einen Rosenkranz, den sie abzählen und immer wieder aufsagen kann. Aber ich habe es auch für sie geschrieben. Für Mom, oder Irene, wie die anderen sie nannten, denn den Teil von sich, der »Mom« war, hatte sie schon vor langer Zeit hinter sich gelassen.“ So beginnt dieser Roman, der mir bereits nach den ersten Sätzen eine Melancholie in die Augen legt. Ich spüre, wie ich allein durch eine verregnete Landschaft laufe. Irgendwo am Horizont sehe ich ein einsames helles Häuschen, das mir die Hoffnungslosigkeit aus den Poren zieht.

Jenny ist die ältere von den beiden Schwestern und doch strahlt Maggie mehr Stärke aus. Vielleicht kommt dies von ihrer Nachdenklichkeit, die sie oft in einen See aus Sorgen schubst. Maggie grübelt über so viel und wird deshalb von ihrer Familie liebevoll die Sorgenmacherin getauft. Ihr Dad befreit sie von dem schweren Paket und sagt, er sei Mister Sicherheit, um ihn müsse sie sich nun gar nicht sorgen. Ihr Dad ist es auch, der mit Maggie im Spätsommer und Herbst fast jedes Wochenende in den Wald geht. Manchmal angeln sie, fahren mit einem Boot hinaus, suchen Pilze und Beeren oder bauen einen Unterschlupf. Ich höre förmlich das Rascheln der Blätter, atme den würzigen Wind des Herbstes ein und genieße die Ruhe, die sich in mir breit macht. Plötzlich stehe ich in einem kanadischen Wald und tanze mit dem Regen.

Doch so harmonisch, wie sich die Geschichte anhört, bleibt sie nicht: „Wir waren eine normale Familie; das ist unsere Geschichte. Unsere Tage bestanden aus Flussufern und Schotterstraßen, Fahrrädern und Grashüpfern. Aber sobald du Gedanken spinnst, öffnest du eine Tür. Du lockst die Tragödie an. Das hat meine Sorge mich gelehrt.“ Ich möchte nichts vorwegnehmen und die Tragödie in dem Buch lassen. Keine kann sie so schön erzählen wie Frances Greenslade. Sie hat eine weiche Sprache, die sie mit wunderschönen Bildern schmückt und mich berührt, sanft streichelt, wenn ich aufgeregt atme. An vielen Stellen wird es warm, als hätte die Sonne dort ihre Strahlen ausgestreckt. Die Autorin schafft eine Nähe zwischen mir und Maggie und den anderen, als wäre ich direkt bei ihnen.

Frances Greenslade verarbeitet in ihren Roman viele Themen: die Familie, die eigenen Wurzeln und das Erwachsenwerden mit allem, was dazu gehört. Sie entführt ihre Leser auch in den Westen Kanadas, erzählt von Maggies Dad, der sich manchmal von der Welt entfernt und für Maggie nicht da ist. Genauso bewegt mich die Autorin durch eine Geschichte, die nach Abschied und einer unendlichen Suche schmeckt. In alldem begleite ich Maggie mehrere Jahre, sehe sie heranwachsen, erfreue mich an ihrer Katze Cinnamon, deren Liebe sie mir zärtlich beschreibt, und lausche ihren Gedanken, die sie nicht ablegt. Die Sorgen hingegen schon, damit es nicht noch schlimmer wird. Maggie ist ein Hoffnungsschimmer, so wie sie sich der Vergangenheit stellt und nach Antworten sucht. Der Roman ist weich wie der Regen und stürmisch wie der Wind. Er atmet viel Sanftmütigkeit aus und erschaudert durch bewegende Ereignisse. „Der Duft des Regens“ ist ein Buch, wie ich es mir wünsche, weil es angefangen vom wunderschönen Cover bis zur Geschichte alles hat, was mich glücklich macht und meinen Bauch schnurren lässt. Miau!

Frances Greenslade.
Der Duft des Regens.
Aus dem kanadischen Englisch von Claudia Feldmann.
Juli 2012, 368 Seiten, 19,90 €.
Mareverlag.