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Hungriger Nachwuchs.

Als meine Bücher anfingen, sich wieder zu stapeln, weil sie keinen richtigen Platz in den Regalen fanden und sogar nach anderen Aufenthaltsorten suchten…

… wusste ich: Es ist dringend an der Zeit, ein neues Regal heranzuschaffen, um einem nahenden Chaos auszuweichen. Nun steht es im *Wohnzimmer und wartet auf Fütterung, denn mein Nachwuchs ist ganz schön hungrig:

Also, in die Hände geklatscht und losgelegt! Ist es nicht wunderbar, ein neues leeres Bücherregal zu füllen?

*An dieser Stelle möchte ich auch meiner Aufbaufee herzlich danken, ohne die das Regal bis heute nicht stehen würde.


Ohne diese Bücher möchte ich nicht leben!

Das habe ich also davon, meine Freundinnen halten mich jetzt für verrückt. Und alles nur, weil ich an einem kalten Januarabend bei geselliger Runde etwas ausgeplaudert habe, was ich lieber hätte für mich behalten sollen. Doch kurz blitzt ein Gedanke in meinem Kopf auf: Ist das alles eine verrückte Idee oder eine Liebeserklärung an meine Bücher? Eine Frage, die ihr mir vielleicht nach diesem Beitrag beantworten könnt.

So, dann will ich euch von der verrückten Sache berichten. Einigen von euch dürfte sie schon bekannt sein, denn ich habe damals nach meinem Bücheraufräummarathon bereits darüber berichtet. Seit geraumer Zeit erfreuen sich meine Bücher daran, dass sie gut sortiert in den Regalen stehen. Nichts mehr mit lästigem Übereinandergestapel und wildem Durcheinander. Beim Einräumen kam mir damals die Idee für Themenregale. Und so entschied ich mich für ein japanisches Regal, für wichtige Neuheiten und für ein Notfallregal. Ja, ihr lest richtig, Notfallregal. Falls alles mal ganz schnell gehen muss, wenn es brennt oder ich flüchten muss. Wie schrecklich wäre es dann, meine liebsten Bücher zurückzulassen! Das Suchen nach einem Murakami oder Nooteboom könnte mehr Zeit in Anspruch nehmen, als ich es mir leisten kann. Deshalb habe ich mein Notfallregal erfunden. Sicherlich gibt es in solchen Fällen weit Wichtigeres als Bücher wie Dokumente oder andere nicht ersetzbare Dinge, doch Bücher gehören zu mir wie mein eigener Atem. Da setzt automatisch mein Beschützerinstinkt ein.

Ich lese viele Bücher, aber nicht alle haben Platz in meinem Herzen. Stellt euch mal vor, ich würde dort alle hinsetzen? Wie sollte ich mich dann nur fortbewegen können? Ich möchte mein flinkes Wesen ganz gern bewahren, deshalb ist der Platz dort begrenzt und natürlich sehr begehrt.

Im Notfallregal stehen meine ausgewählten Lieblinge zusammen und sind sehr glücklich. Manchmal höre ich ein Murmeln oder Rascheln einiger Seiten. Immerhin treffen hier auch verschiedene Welten aufeinander, die sich viel zu erzählen haben. Wie gern würde ich mich in ein Lesezeichen verwandeln und lauschen, wenn sich Erich Fried mit Dashiell Hammett unterhält. Und was sagt Alice Munro zu Haruki Murakami? Tauschen sie sich über ihre Erzählungen aus? Karen Russell und Gwendoline Riley haben sich bestimmt auch einiges zu erzählen. Ich lächle und freue mich darüber, dass ich hier Klassiker mit Zeitgenössischem genauso zusammengebracht habe wie junge und ältere AutorInnen.

Insgesamt handelt es sich um 29 Bücher. Die Frauen und Männer halten sich die Waage. (“Herzzeit” teilen sich Ingeborg Bachmann und Paul Celan, das ergibt die Punktgleichheit.) Mein Notfallregal ist international, dort tummeln sich u.a. deutsche, französische, amerikanische, englische, italienische und japanische Werke. Nachdenklich sind sie alle, kleine Nadeln, die beim Lesen in meinen Geist gepiekst haben. Bewegt haben sie mich, jedes auf seine Weise. Nein, ich möchte sie nicht missen, meine Herzensbücher und aus diesem Grund stehen sie dort gut oder anders ausgedrückt: Ohne diese Bücher möchte ich nicht leben!

Bin ich am Ende also verrückt oder einfach nur verliebt? Gibt es dort draußen noch andere Bücherfreunde, die wie ich ihre liebsten Werke zusammen gebracht haben, sei es für den Notfall oder nur, weil es ich gut anfühlt?

Bücherchaos beseitigt, Klappentexterin glücklich!

Wie ich ja neulich geschrieben habe, wollte ich der ständigen Suche nach einem Buch endlich ein Ende setzen. Gesagt, getan! Seit einigen Tagen gibt es auch bei der Klappentexterin in den Regalen eine vorbildliche Bücherordnung, doch der Weg dorthin verlief alles andere als einfach.

Ganz ehrlich? Ich habe es mir anders vorgestellt. Leichter und irgendwie sinnlicher, aber am Ende war die Büchersortieraktion harte Arbeit und schweißtreibend dazu. Der erste und der letzte Tag sind meine absoluten Highlights. Erst in das Chaos pusten und dann hinterher vor dem großen Meisterwerk zu stehen, macht schlicht und ergreifend glücklich.

Nun aber zum Anfang.
Das war ein großer Spaß, all die Bücher aus den Regalen herauszuziehen und auf den Boden zu stellen. Damit man trotzdem noch laufen konnte, wurden einige Werke auch auf Möbelstücken zwischengelagert. Insgesamt glich das Wohnzimmer einer nicht enden wollenden Bücherwelle. Ich habe die Bücher in meiner Überheblichkeit natürlich so Reihe in Reihe gestellt, dass das Chaos bestehen blieb. Alice Munro fand ich gleich an vier Stellen wieder. Darüber dachte ich jedoch nicht nach. Gedacht werden durfte später. Erstmal alles raus aus den Regalen, Reinigungsmittel mit Wasser in eine Schüssel und wischen, was das Zeug hält. (Mein Staubwedel war gleich anfangs an akuter Staublunge verstorben und ich hab mich fast in Ohnmacht gehustet.)

Danach folgte das erste Sammeln. Wo fange ich an? Wo kommen die Klassiker hin? Wo die Krimis? Wo die Kinderbücher? Wo die Belletristik? Wo die Bildbände? Wo die Neuheiten? Ich habe ein einzelnes Bücherregal und zwei zusammenstehende. Also entschied ich mich, das Soloregal mit den Klassikern, den Neuheiten und den Krimis zu füllen. Alles nur nach Augenmaß, ohne Berechnung. Ich klopfe mir auf die Schulter, denn meine Rechnung bzw. mein fundiertes Buchhändlerinnen-Wissen kam auf. Perfekt! Erstaunt war ich darüber, dass ich so viele Krimis besitze, Asche auf mein Haupt! Und was für tolle Werke dabei sind. Dass ich die all die Zeit nicht gesehen habe. Schlimm! Böses Chaos, das!

Vor dem Einräumen musste ich natürlich alle Bücher sortieren und auf einzelne Stapel sammeln, auch um zu sehen, bei welchen Buchstaben ich die meisten habe. Die alphabetische Sortierung glich einer drehenden Schleife und war besonders nervig. Niederknien, suchen, Buch herausziehen, auf den A-Stapel, wieder aufstehen, suchen, herausfischen… und das alles bis zum Z. Mühselig war das. Eine spannende Beobachtung habe ich dabei übrigens gemacht. Die meisten Bücher habe ich unter den Buchstaben M und S zu verzeichnen. Bin ich da eigentlich die Einzige oder habt ihr das auch?

Das Doppelregal beginnt mit einer japanischen Reihe, die eigentlich zu 70 % aus Haruki Murakami besteht. Ihm sei der Platz auch gegönnt, denn ihm habe ich ja auch zu verdanken, dass mein Interesse für japanische Literatur geweckt wurde. Die zweite Reihe ist eine Idee, die ich schon lange mit mir herumtrage. Was passiert, wenn mal ein Feuer im Haus ausbricht und ich schnell meine liebsten Bücher greifen will? Fürs große Suchen bleibt dann bestimmt keine Zeit. Also gibt es nun auch ein Lieblingsbücher-Regal. Dort stehen all meine Lieblinge beisammen und sind jederzeit aufbruchbereit. Danach kommt die Belletristik, brav nach Alphabet sortiert. Leider blieb es oft nicht bei einer Reihe in einem Fach. Damit habe ich gerechnet. Früher oder später muss noch ein neues Regal her. Die Kinderbücher und Bildbände finden ihren Platz in einem Sideboard, das ich noch gar nicht erwähnt habe. So, alle untergebracht.

Ob ich auch aussortiert habe? Klar, jede Menge sogar: 130 Bücher!! Diese Aufgabe hat mein Herz übernommen, der Verstand musste in die Ecke verduften. Das ging dann so: Buch greifen, anschauen, Frage an Herz, Antwort vom Herz, auf den einen Stapel oder auf den anderen legen. So blieben am Ende jene Bücher bei mir, die mich berührt haben, die mir viel bedeuten oder die ich noch lesen möchte, irgendwann.

Einen Teil der aussortierten Bücher werde ich an Bücherfreunde verschenken und den anderen Teil verteilt meine Freundin an lesehungrige Freunde und an Bibliotheken. Das sind meine Spenden, auch wenn ich sie mir damals anders vorgestellt habe. Die Variante ist aber nicht so zeitaufwendig und ich beglücke Menschen, die ich direkt kenne oder über sieben Ecken.


Wie es mir jetzt geht? So viele Gefühle rasen durch mein Herz und ich weiß nicht, wie oft ich in der Zwischenzeit vor meinen Regalen gestanden habe. Obwohl sie immer noch prall gefüllt sind, versprühen sie eine herrliche Leichtigkeit, ich habe das Gefühl, dass sie bald davon fliegen könnten. Noch eins: Sie atmen und zwinkern mir dankbar zu. Die vier Tage haben sich durchaus gelohnt und unter uns: Ich würde es immer wieder tun! Nur nicht gleich morgen oder übermorgen. Drückt mir also bitte die Daumen, dass die Ordnung jetzt eine Weile anhält. Ich werde mein Bestes geben. Versprochen! Großes Bücherchaotinnenehrenwort!

Fast vom Bücherchaos erschlagen.

Nein, nein – so geht es nicht weiter! Der ständigen Suche nach einem Buch muss endlich ein Ende gesetzt werden. Auslöser für diese Entscheidung ist ein Buch, von dem ich in der Nacht zuvor geträumt habe. Genau das will ich jetzt, auf der Stelle! So begebe ich mich auf die Suche. Irgendwo war es doch. Verdammt! Hier? Nein, vielleicht dahinter? Auch nicht. So grabe ich wie ein Maulwurf nach dem Buch, stöhne, fluche und spüre, wie das Blut allmählich in den Kopf steigt und mein Puls Richtung 180 schlägt.

Ich sehne mich nach Ordnung, aber davon sind meine Bücherregale weit entfernt. Ich suche schon seit gefühlten Stunden und bin mir so was von sicher, dass das Buch hier irgendwo sein muss. Erst kürzlich hatte ich es doch in der Hand gehabt, aber es will und will einfach nicht auftauchen. Kein Wunder bei der Unordnung, die vorherrscht und mich förmlich anschreit. Und das als Buchliebhaberin. Pfui, schäm dich! Ist das wirklich ein hausgemachtes Chaos? Inwiefern kann ein Bücherregal ordentlich sein, wo es doch fast immer in Bewegung ist. Hat es nicht einen eigenen Rhythmus? Ein Buch zieht man raus, ein neues kommt hinein, ein anderes zieht man heraus…

Richtig, da haben wir eine Schuldige: die Vermehrung. Wie ein Mixer rührt sie alles durcheinander und spuckt hinterher einen undurchsichtigen Saft an Büchern aus. Einerseits. Andererseits ist sie es, die meine Regale erst lebendig macht. Ja, so kann man das Dilemma auf liebevolle Art bezeichnen.

Bei mir ist nichts starr und systematisch wie in einer Buchhandlung sortiert, sondern frei nach Raumlage. In den letzten Jahren kamen nach dem Einzug in die Wohnung etliche neue Bücher dazu und ich habe es nie geschafft, sie alle fein säuberlich hineinzustellen oder gar in Reih und Glied anzuordnen. Wenn ein Regalboden voll war, wurden die Bücher übereinander gestapelt, basta! Nebenbei wurde Platz für die nächsten geschaffen. Das hatte ich nun davon. Eine Bibliothek ohne Sinn und Verstand, dafür jedoch mit viel Liebe. Das möchte ich an der Stelle nochmals ausdrücklich betonen, denn ich liebe meine zahlreichen Werke – sie brauchen nur ein bisschen Zuwendung. Lässt sich am Ende vielleicht Sinn, Verstand und Liebe nicht doch irgendwie zusammenbringen? Auf einen Versuch kann man es ja ankommen lassen.

So plane ich ein Mammutprojekt vom größeren Ausmaß: Ich werde das Chaos besiegen! Nein, ich weiß nicht, wieviele Bücher ich wirklich besitze, aber es sind nicht wenige. Ist das eigentlich wichtig? Für mich nicht, dennoch gebe ich ehrlich zu, es wäre schön zu wissen, wieviele es tatsächlich sind und ob ich nun wirklich alle behalten will.

Die große alles entscheidende Frage lautet nun: Wie werde ich meine Bücher sortieren? Möglichkeiten gibt es unendlich viele – alphabetisch, nach Genre, Verlagen, Aktualität, Farbe… um nur einige Varianten zu nennen. Nach Farbe ist zwar ganz hübsch, doch sehr kompliziert, denn ich müsste wissen, wie jedes Buch aussieht, welche Farbe es hat. Klar, bei meinen Lieblingen weiß ich es sofort. „Mister Aufziehvogel“ ist rot, „Frau Paula Trousseau“ ist weiß und „Das Herz ist ein einsamer Jäger“ ist rosa. Trotz meines großen Bücherwissens habe ich aber nicht alle Bücher farblich im Kopf und insgeheim bin ich wohl zu sehr Buchhändlerin als dass ich mich nur vom Optischen verführen lasse. Demnach wird es wohl ein Mix aus Genre und Alphabet werden.

Puh, durchatmen und jetzt einen Schlachtplan entwerfen. Besonders schwierig wird ja das Herausräumen der Bücher und danach die Sortierung. Leider besitze ich keinen Bücherwagen, wie ihn die Buchhandlungen haben. Damit kann man die Bücher fein vorsortieren. Deshalb befürchte ich schon, Couch, Sessel und noch allerlei andere Möbel müssen herhalten. Mal sehen, ich werde euch auf dem Laufenden halten und alles schön protokollieren. Moment mal, da schleicht sich von hinten eine Frage an: Bin ich eigentlich die einzige Bücherchaotin?