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Wind von vorn.

greeneharbor

„Der Himmel über Greene Harbor“ von Nick Dybek brach wie eine große Welle über mich ein. War ich noch bis eben vollkommen überwältigt vom wunderschönen Cover, tauchte ich im nächsten Atemzug in den Roman, tiefer und tiefer. Plötzlich schwammen die Wörter wie Fische vor mir, Luftblasen stiegen nach oben und ich lächelte glücklich. Die Sätze waren so geschmeidig, unglaublich sanft und sehr verlockend. Sie umarmten mich, als wären wir schon immer beste Freunde gewesen.

Das große Thema von „Der Himmel über Greene Harbor“ ist die Beziehung zwischen Vätern und Söhnen. Folglich sah ich mich als Frau zunächst etwas im Abseits stehen. Nun, man sollte nicht vom Klappentext auf das Buch schließen und sich lieber seine eigene Meinung bilden. Bei mir waren die Väter und Söhne schnell vergessen, stattdessen ließ ich mich von den herrlich warmen Sätzen verführen und davontragen in eine fremde, windige und maritime Welt.

Nick Dybek wurde 1980 geboren und hat uns einen wunderbaren Roman geschenkt. Er entführt seine Leser nach Loyalty Island, eine Olympic-Halbinsel, die vom Pazifischen Ozean umgeben ist. Bereits der Anfang atmet Seeluft: „Loyalty Island – das war der Gestank von Hering, Lackfarbe und fauligem Seetang an Anlegestellen und auf Stränden. Der Geruch von Kiefernnadeln, die sich am Boden braun verfärbten.“ Dort richtet sich die Zeit nach dem Wetter. Im Herbst gehen die Männer auf Fischfang nach Alaska und lassen ihre Familien zurück. Dieses Mal gerät der Rhythmus in Schieflage, alle sind verunsichert.

Nachdem der Chef der Fischerei, John Gaunt, gestorben ist, will sein Sohn Richard die Loyalty Fishing an Asiaten verkaufen. Dieser Schritt wäre für die meisten Menschen auf Loyalty Island tödlich wie ein Schnitt durch die Halsschlagader, hängt doch so viel an dem jährlichen Krabbenfang in Alaska ab. Cal ist der Sohn eines Fischers und der 14-jährige Ich-Erzähler in dieser Geschichte. Eines Nachts belauscht der Junge seinen Vater, wie er mit anderen Fischern über den Konflikt spricht. Mehr darf ich nicht verraten, möchte ich euch doch nicht den Spannungsbogen rauben. Den Atem schon, aber nicht die Auflösung, den Zauber, den dieser Roman umgibt, die dunklen Gassen, bei denen sich die Haut kräuselt und die Herzfrequenz an Tempo zunimmt.

Die Väter und Söhne bleiben die treibende Kraft dieses Romans. Sie sind ein breiter Fluss, von dem viele Nebenarme abgehen. Sie führen auch zu den Kindern und den Frauen, die versuchen, mit dem Leben zurecht zu kommen. Folgender Auszug beschreibt die Atmosphäre auf sehr eindringliche Weise:
“Die Zurückbleibenden igelten sich ein. Den ganzen Herbst, den ganzen Winter lebten wir – so kam es uns vor – an der Grenze zum richtigen Leben, das sich woanders abspielte. Es schien, als ob wir die Abwesenden waren, nicht die anderen. Ist es dann vielleicht ein Wunder, dass so viele von uns alles dafür gegeben hätten, dieses Leben teilen zu können, egal, wie wenig es zu uns passte, wie wenig wir davon verstanden?”

Cals Mutter kapselt sich ab und vergräbt sich im Keller, der eigens für ihre große Schallplattensammlung eingerichtet wurde. Die Ehe seiner Eltern sackt nach John Gaunts Tod in sich zusammen: “Seit dem Tag war es zu Hause unerträglich geworden. Ich war daran gewöhnt, dass meine Elten sich wie Fremde in einem Flugzeug verhielten und sich an engen Stellen im Haus höflich aneinander vorbeidrückten. Aber seit Johns Tod kam es mir vor, als hätten sie jegliche Geduld im Umgang miteinander gänzlich verloren.” Dies spürt der Junge zunehmend, ist beunruhigt und fühlt sich allein. In Jamie findet er einen gleichaltrigen Verbündeten und Weggefährten. Ihm vertraut er auch seine erschreckende Entdeckung an, die er bald macht. Sie ist es, die unerwartet wie ein Tsunami in das Geschehen hineinbricht und jede Boje mitreißt.

Nick Dybek überrascht seine Leser mit unerwarteten Wendungen. Damit verwandelt sich das Lesen in eine große Abenteuerreise, die Wellen peitschen ins Gesicht und schießen das Blut durch die Laufbahn. Der junge Autor erfreut mich mit einem großen Seesack an Themen und philosophischen Betrachtungen. Dieser spannende Roman ist in eine grandiose Sprache verpackt, geschmeidig wie Seide und warm wie Sonnenschein. Das Erzählte pirscht sich ganz nah an mich heran und erfasst mich. So verwundert es auch nicht, dass der maritime Schauplatz ins heimische Wohnzimmer spritzt: „Graue Wolken glitten über den Himmel, türmten sich zu Haufen auf und schütteten den Regen ab wie Hunde.“ Nick Dybek erzählt nicht nur ein packendes Abenteuer, sondern genauso eine mitreißende Coming of Age Geschichte und stellt große Fragen des Lebens. Schuld und Verantwortung sind ebenfalls zwei tragende Säulen, die aus dem Roman wie Leuchttürme herausragen. Er hält uns das Gute und das Böse vor Augen, zieht keine Grenzen und ist in alldem unglaublich betörend. So beschwört Nick Dybek wunderschöne Bilder herauf, die selbst dann noch vor den Augen tanzen, nachdem das blaue Wunder ausgelesen neben mir liegt.

Nick Dybek: Der Himmel über Greene Harbor. Aus dem Amerikanischen von Frank Fingerhut. mare 2013, 320 Seiten, 19,90 €.

Sensenmann lädt ein.

landsdale

Der Sensenmann ist mir auf den Fersen. Er ist aus „Dunkle Gewässer“ hervorgekrochen. Nun hat er mich am Schopfe gepackt und meinen Kopf um 180 Grad gedreht. Bevor ich schreien konnte, flogen meine Gedanken quer und schräg vor mir nieder. Jetzt sortiere ich sie, grinse mir ins Fäustchen und spüre immer noch am ganzen Körper eine Gänsehaut. Joe R. Lansdale hat einen schrägen, unheimlichen Krimi geschrieben, bei dem die Welt verkehrt herum steht. Das ist verrückt und ein atemberaubendes Abenteuer!

Der erste Satz kneift mich wie eine Wäscheklammer, die man mir auf die Nase gesetzt hat und verrät, dass es sich hier wahrhaftig um ein sehr spezielles Buch handelt: „In jenem Sommer hörte Daddy auf, Fische mit dem Telefon oder mit Dynamit zu fangen, stattdessen vergiftete er sie mit grünen Walnüssen.“ Die Geschichte haucht mir an dieser Stelle ihren Atem ins Gesicht. Leicht würzig, sauer und auf eine besondere Weise süß. Ein seltsamer Mix, bei dem sich unweigerlich ein Kopfschütteln einstellt. Ist diese ganz spezielle Kombination doch recht bizarr und makaber. Zwei Adjektive, die mich im Verlauf des Lesens immer wieder anstupsen wie zwei Katzen, die nicht müde werden, mit mir zu spielen.

„Dunkle Gewässer“ beginnt – wie es sich für einen Krimi gehört – mit einer Leiche. Während die Ich-Erzählerin Sue Ellen mit ihrem Vater, Onkel und ihrem Freund Terry am Sabine River sitzt, beißt plötzlich etwas sehr Schweres an, so dass alle gemeinsam das Seil ziehen müssen, bis sie feststellen: Dies ist kein Fisch, sondern eine Leiche. May Lynn war eine gemeinsame Schulfreundin von Terry und Sue Ellen. Jetzt liegt sie vor ihnen, an eine Nähmaschine gebunden und ist mächtig aufgedunsen vom Wasserbad. Aus Lansdale Feder liest sich das so: „Urplötzlich fing May Lynn an zu zucken und auszulaufen. Sie hatte Blähungen, die wirklich furchtbar stanken, wie ein gewaltiger Furz.“ Erschaudern und Grinsen geben sich gegenseitig die Hand. Diese komische Wechselbeziehung ist eines der herausragenden Elemente, die oft wohlwollend hervorblitzen. So verliert die Geschichte an Schwere und spannt einen hellen Rettungsschirm über die Düsternis, die morastartig aus den Seiten sickert.

Aufgeklärt wird der Mord indes nicht, dafür findet die Beerdigung in Windeseile statt. Aus, vorbei. Doch nicht bei Lansdale. Der amerikanische Autor schickt seine Helden durch eine aufregende Abenteuerjagd. May Lynn wollte zu Lebzeiten unbedingt nach Hollywood. Eben diesen Wunsch holen die Freunde jetzt postum nach. Also wird die Leiche transportfähig gemacht, verbrannt und die Asche in einen Behälter gefüllt. Vor der Reise graben sie noch einen Schatz aus, der wie gerufen kommt. May Lynn hielt die Schatzkarte von ihrem verstorbenen Bruder in ihrem Tagebuch versteckt, das ihre Freunde gefunden haben. Leider bleibt die Tat nicht unentdeckt und so werden Terry, Sue Ellen und Jinx zu den Gejagten. Während sie zusammen mit Sue Ellens Mutter auf einem Floß flüchten, heften sich habgierige Angehörige und der Constable an ihre Fersen. Sie bleiben nicht die einzigen Jäger, haben sie noch schnell den Killer Skunk auf die Gruppe angesetzt. Ein Mann, bei dessen Beschreibung schon allein die Zähne klappern. Daher mag es nicht verwundern, dass sich mit seinem Erscheinen eine äußerst gruselige Stimmung über den Schauplatz erhebt.

So nervenaufreibend und gefährlich die Flucht für Sue Ellen und die anderen wird, so befreiend ist sie für alle. Sue Ellens Mutter erlebt einen Entzug von ihrem „Allheilmittel“. Sue Ellen, die zeitlebens Angst vor ihrem Stiefvater hatte, will ihm entkommen, und beweist mit ihren Taten eine ungeheure Stärke. Terry, gesteht sich endlich seine Homosexualität ein und die schwarze Jinx, von der Gesellschaft wegen ihrer Rasse diskriminiert, findet in der Gruppe eine zweite Familie. Joe R. Lansdale hat ein Händchen für spezielle Charaktere, die genauso mitreißend sind wie das ganze Abenteuer.

„Dunkle Gewässer“ ist genreübergreifend. Crime, dazwischen Horror, Sozialdrama, Mystik und Coming of Age. Diese Vielfalt zeichnet das Gesamtstück aus, wie die einnehmende Atmosphäre und nicht zuletzt auch die wunderbare Sprache des vielfach ausgezeichneten Autors. Lansdale schafft großartige, bildhafte Vergleiche. Sie zerschmelzen wie leckere Schokolade auf der Zunge und ziehen lautes Gekicher gleichermaßen aus mir heraus. Nehmen wir Sue Ellens Beschreibung über Jinxs Aussehen: „Ihr Gesicht war niedlich, aber ihre Augen wirkten alt, wie bei einem Großmütterchen, das in ein Kind hineingestopft worden war.“ Hier stößt man in eine wahre Goldgrube an wunderschönen Bildern.
Bis zum Schluss bleibt es spannend. Der Sensenmann schleudert seine Axt und raubt mir den Frieden. Aber ich bleibe standhaft und hänge mich an die Stärke der Romanhelden. Aufgegeben wird nicht. Durchhalten lautet die Devise. Da kann der Sensenmann noch aufdringlich an meinen Fersen kleben. Ich komme durch, irgendwie.

Joe R. Lansdale.
Dunkle Gewässer.
Aus dem Amerikanischen von Hannes Riffel.
Februar 2013, 320 Seiten, 19,95 €.
Tropen bei Klett-Cotta.

Ein Teufelskerl.

moehringer

Darf man ein Herz für Bankräuber haben? Eigentlich nicht. Doch seit dem Buch schlägt es für den einen, der zum Volksheld wurde. Sein Name ist Willie Sutton. J.R. Moehringer erzählt in seinem jetzt erschienenen Roman “Knapp am Herz vorbei” die fiktionale Geschichte von Amerikas größtem Bankräuber. Willie Sutton selbst verfasste zwei Autobiographien, die sich widersprachen und kein klares Bild ergaben. J.R. Moehringer nahm das zum Anlass, um sein eigenes zu kreieren. Wie viel Wahrheit in der Geschichte steckt, werden wir nie erfahren, aber eins kann ich euch garantieren: Dieser Roman brennt sich mitten ins Herz.

Wir schreiben das Jahr 1969. Draußen ist es bitterkalt und New York feiert Weihnachten. Für Willie Sutton ist es das erste in Freiheit – nach siebzehn Jahren. Frisch aus den Gefängnismauern von Attica Correctional Facility entlassen, fährt er mit zwei Jungreportern durch New York. Die vergangene Nacht hat er schlaflos und trinkend im Hotel verbracht. Neben dem Schlafmangel bereitet ihm sein schlimmes Bein Probleme und er glaubt, dieser Tag sei sein letzter. Nun sitzt er im sienabraunen 1968 Dodge Polara und beginnt die Reise seiner Vergangenheit. Er trennt den Pullover seines Lebens auf, zieht jede Masche einzeln ab und erklärt, warum er so geworden ist. In seiner Brusttasche knistert ein weißer Umschlag. Er ist sein persönlicher Talisman, enthält er die Adresse zu seiner Herzensdame.

J.R. Moehringer wechselt zwischen der Gegenwart und der Vergangenheit. Im Jetzt fährt er mit zwei Jungreportern durchs eiskalte New York. Wie der alte Mann den Jungs vom Leben erzählt und sie auf seinen festgelegten Routen durch die große Stadt diktiert, ist unglaublich atmosphärisch. Diese Szenen glänzen neben den einnehmenden Bildern durch großartige und filmreife Dialoge. Sie sind frech, herausfordernd, stellenweise herzlich und erinnern mich an verspielte Hunde. Im Gestern zoomt uns J.R. Moehringer seinen Romanhelden heran und arbeitet sich mit feinfühliger Hand zum Kern vor. Er wollte Sutton einen besonderen Platz geben. Das ist ihm mit seinem Roman gelungen. Willie the Actor – wie er genannt wurde – berührt mich auf seinen zahlreichen Lebensstationen. Willies Kindheit war zappenduster, gepeinigt von etlichen Schlägen, die seine Brüder ausgeteilt haben. Seine Eltern haben nicht eingegriffen, weil sie zu sehr mit sich selbst beschäftigt waren. Der Vater mit den Zwölfstundentagen in der eigenen Schmiede und die Mutter mit dem Kummer über die verstorbene Tochter. Die großen Retter der Not waren Willies Freunde: Der gutaussehende Happy und der gefährliche Eddie, mit dem er seinen ersten Raubzug durchführt. Als Willie auf die hübsche wohlhabende Bess trifft, ändert sich sein Weg. Seine große Liebe, die ihm wegen seiner Herkunft für immer ein verbotener Garten Eden bleiben wird. Sie ist die Initialzündung seiner Verbrecherlaufbahn. Der Umschlag knistert weiter.

Willies Lebenslauf ist tragisch, wird von vielen Schmerzen und Verlusten getragen. Die schwierige Kindheit, die große, unerreichbare Liebe, die auswegslose Suche nach einem Job in Amerikas wirtschaftsklammen Zeiten, die Armut und die Hoffnungslosigkeit drücken zu Boden, Willie und mich. Willie wurde in einer schwierigen Zeit groß, eine Wirtschaftskrise jagte die nächste. Er ist ein strebsamer Schüler, der gute Noten nach Hause bringt, doch wegen Geldmangel bleibt ihm der Zugang zu einer höheren Schulbildung verwehrt. Sein Wissensdurst trocknet indes nicht aus, er folgt ihm wie der eigene Schatten mit jedem Schritt, den er unternimmt und manifestiert sich als sein Wesensmerkmal. Er liest leidenschaftlich gern, am liebsten die großen Klassiker. Die Raubzüge sind sein Lebenselixier, der Wind, der ihn frei pustet. Sie sind nicht einfach nur Überfälle, sie befriedigen ihn im tiefsten Inneren und schütten gießkannengleich Wasser in sein ausgetrocknetes Dasein. „Ihm gefällt alles an der neuen Arbeit. Er redet sich ein, dass das eigentlich nicht sein kann. Aber es ist so.“ Diese Gedanken kommen nach einem der ersten Überfälle auf. Neben dem neuen Reichtum schätzt er noch etwas: „Ihm gefällt sogar das Planen und Studieren der Materie.“ Doch der Hauptgrund für sein Handeln fasst dieser Satz zusammen: „Das Schönste allerdings ist, dass er endlich Arbeit hat.“

Willie zieht mich immer mehr auf seine Seite. Ich werde seine Komplizin, fiebernd, aufgeregt und ergriffen. Er ist clever und geht mit klugem Kopf an seine Taten. Der Autor stellt den Verbrecher nicht an die Wand, sondern zeigt ihn als menschliches Wesen mit seinen Sorgen und Träumen. Das ist es, was den Roman auszeichnet. Sutton nicht zu mögen, fällt mir schwer, ist gar nicht möglich. Er liebt nicht nur Bücher, er besucht das Theater, das Kino und Footballspiele. Vielleicht lässt sich meine Haltung am besten so beschreiben: Aus dem Bösen sickert das Gute, verschließt das Unheimliche. J.R. Moehringer geht wie ein Wissenschaftler vor, setzt die einzelnen Puzzleteile analytisch zusammen. So bezieht er das Umfeld mit ein, in dem sich Willie bewegt. Seine arme Herkunft, die Eltern sind irische Einwanderer, die in dem neuen Land schwer Fuß fassen. Auch das von Wirtschaftskrisen geplagte Amerika spielt eine große Rolle. Der Autor führt uns das teuflische Bankensystem vor Augen und legt die Wut darüber in Eddies Mund: „Ein Scheißsystem, sagt er. Alle zehn oder fünfzehn Jahre bricht es zusammen. Weil es kein System ist, das ist das Problem. Jeder Arsch kämpft für sich selber. Der Crash 1893? Mein alter Herr hat Leute gesehen, die standen mitten auf der Straße und haben geheult wie Babys. Die waren erledigt. Ruiniert. Aber wurden die Banker eingesperrt? Nein, die wurden reicher. Natürlich hat die Regierung versprochen, es würde nie mehr passieren. Aber es ist wieder passiert, hab ich recht? 1907. 1911. Und als die Banken draufgingen und der Markt am Ende war, wer ist da wieder ungeschoren davongekommen? Die Banker.“ Sofort gehen die Alarmglocken an und Erinnerungen an 2008 werden wach, als die Bankenkrise einsetzte und die Weltwirtschaftskrise ihren Lauf nahm.

J.R. Moehringer erzählt temporeich und spannend. Er streut nachdenkliche, bewegende Momente ein und wirft zum Ende das Lenkrad um. Danach erscheint das Vorangegangene im anderen Licht. Was für ein cleverer und hundsgemeiner Schachzug! Dieser Roman durchdringt den Verstand und krallt sich am Herzen fest. Darin liegt für mich die große Kraft. Hier ist alles drin, was eine gute Geschichte ausmacht und überzeugt mich vom Anfang bis zum Ende. Der Autor hat sich nach „Tender Bar“ weiter entwickelt, enorm gesteigert und das aus seinem schriftstellerischen Können herausgeholt, was ich seinerzeit ein wenig vermisst habe. Ich habe ihm damals die Sterne gewünscht. Die hat er sich mit seinem neuen Roman erschrieben. Ich werde ihn vermissen, diesen Willie Sutton, Bankräuber hin oder her. Ein Platz in meinem Herzen ist ihm gewiss.

J.R. Moehringer.
Knapp am Herz vorbei.
Aus dem Amerikanischen von Brigitte Jakobeit.
Februar 2013, 448 Seiten, 19,99 €.
S. Fischer

Ein Dolchstoß ins Herz.

cather

Während ich diese Zeilen schreibe, fällt der Schnee bedächtig auf unsere große Stadt. Ich höre die umarmende Stille und denke: Eine schönere Kulisse könnte es für dieses Werk nicht geben. „Mein ärgster Feind“ von Willa Cather verdient diese Ruhe und Aufmerksamkeit, weil es ein Buch ist, das den Kopf erhitzt und im höchsten Maße beeindruckt.

Als dieser schmale Roman im Jahre 1926 erschien, war er ein Exot. Zur damaligen Zeit war es unüblich so offen über die Ehe und Liebe zu schreiben wie es Willa Cather mit „Mein ärgster Feind“ getan hat. Willa Cather erzählt die Geschichte aus der Sicht der jungen Nellie, die mit 15 Jahren zum ersten Mal auf Myra Henshawe trifft. Die extravagante Frau fasziniert Nellie sofort. „Obwohl sie nicht größer war als ich, fühlte ich mich vollkommen überwältigt von ihr – dumm, hoffnungslos plump und dumm.“ Nellie hatte bis dahin nur von Myra Henshawe und ihrer Legende gehört. Nun steht die Frau vor ihr und Nellie ist überwältigt, fühlt sich von ihrer direkten Art überfordert. Wurde Nellie doch bislang von ihrer Mutter und Tante mit Samthandschuhen angefasst, öffnet sich Myra Henshawe wie eine Schleuse.

Kurze Zeit später reist Nellie mit ihrer Tante Lydia über die Weihnachtsfeiertage nach New York und besucht das Ehepaar Henshawe. Dort beobachtet Nellie zwischen Myra und ihrem Mann Oswald eine Auseinandersetzung, die sie zutiefst aufrüttelt: „Alles um mich wirkte bedrohlich. Wenn die Menschen ihre Freundlichkeit verlieren, und es nur für wenige Augenblicke, dann fürchten wir uns vor ihnen ebenso, als hätten sie den Verstand verloren. Wenn die Freundlichkeit nicht länger da ist, wo wir sie immer vorgefunden haben, ist es, als würden wir Schiffbruch erleiden; wir stürzen aus der Sicherheit in etwas Heimtückisches und Bodenloses.“ Danach bekommt Nellies romantisches Bild von der Liebe hässliche Risse. Sie verblassen Jahre später, als sie das Ehepaar unter anderen Umständen wieder trifft. Dann erkennt sie die andere Seite der Liebe.

Dieses Buch geht unter die Haut. Nicht plötzlich mit einem Schnitt, sondern langsam und sanft wie Schneeflocken. Willa Cather erzählt subtil und zieht die Tragödie aus der Tiefe bedächtig nach oben. Zunächst sieht man sie nicht, und doch nehme ich sie schattenhaft wahr. Die 1873 geborene Autorin hat mit Myra Henshawe eine schillernde, liebenswürdige und auffällige Frau erschaffen, ein Mensch so stark wie ein Baum. Die Sätze aus ihrem Mund treffen mich wie scharfes Geschütz und hinterlassen ein lautes Echo. Sie spricht, was sie denkt, ohne die Dinge zu beschönigen. „Wir waren nie wirklich glücklich. Ich bin eine habgierige, selbstsüchtige, oberflächliche Frau; ich wollte immer Erfolg und eine besondere Stellung in der Welt. Jetzt bin ich alt und krank und sehe aus wie eine Vogelscheuche, aber unter meinesgleichen hätte ich noch immer die rechte Gesellschaft; ich wäre von zuvorkommenden Menschen mit höflichen Manieren umgeben und müsste mir nicht von irgendwelchen Rohlingen das Hirn aus dem Kopf trampeln lassen.“ Dadurch erzeugt die Autorin ein Brodeln, das mich verunsichert. Einerseits horche ich erschrocken auf, andererseits schiebt sich ein Lächeln dazwischen, wenige Sekunden nur, aber es ist da, ein Lächeln der Kraft und der Hochachtung.

„Mein ärgster Feind“ ist nur knapp hundert Seiten lang, trotzdem hat das Buch das Gewicht eines umfangreichen Werkes. Stellt euch eine dünne Eisschicht vor, die mehr trägt als es eigentlich möglich ist. Wir schlagen die Hände vors Gesicht, sind fassungslos, überrascht und beeindruckt. So erging es mir mit diesem Werk. Willa Cather erzählt dicht und holt den Leser ganz nah heran.

Was mich besonders beeindruckt hat, sind die einzelnen perfekt gezeichneten Charaktere sowie das Wechselspiel zwischen den lauten Konflikten und den stillen Momenten. Ergreifend lesen sich Sätze wie dieser: „Die Liebe selbst bringt doch schon fast alles Unglück dieser Welt über eine Frau.“ Radikal und offen in der Sprache, fernab von den avantgardistischen Techniken ihrer europäischen Schriftstellerkolleginnen wie Gertrude Stein oder Djuna Barnes, entfaltet Willa Cather ihre eigene Stimme, die klare und bodenständige Züge aufweist. Der Roman ist schonungslos. Die Autorin rechnet mit der schönen Romantik ab und pustet einer Eiskönigin gleich schneidende Kälte in das Reich der Liebe. Ja, diese Geschichte ist wie ein Dolchstoß mitten ins Herz.

Für mich ist die Pulitzer-Preisträgerin eine bereichende Entdeckung, die ich Truman Capote zu verdanken habe. Capote verehrte Willa Cather und schrieb nur wenige Tage vor seinem Tod „Remembering Willa Cather“. In dem deutschsprachigen Buch „Die Hunde bellen“ – eine Sammlung von Capotes Reportagen und Porträts – ist diese Begegnung aufgeführt, eine zu Herzen gehende Geschichte vom jungen Capote und der erfahrenen Willa Cather.

Mehr über Willa Cather erfahrt ihr hier: (http://www.berlinerliteraturkritik.de/detailseite/artikel/truman-capotes-idol-willa-cather.html).

Willa Cather.
Mein ärgster Feind.
Mai 2011, 112 Seiten, 7,99 €.
btb.

Großes, tragisches Theater.

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Womit fange ich am besten an? Die Frage treibt mich immer um, sobald ich ein Buch von John Irving beendet habe. Sie schleicht wie eine Katze durch meinen Kopf. Auf und ab, schnurr, schnurr. Den richtigen Einstieg zu finden, ist gar nicht so einfach, denn Irvings Romane erinnern mich an aufregende, schillernde Jahrmärkte, auf denen es vor Buden und Karussells nur so wimmelt. Es hupt, es schimmert und es knallt. Die große Vielfalt öffnet ihre Arme, in die ich mich fallen lasse. Wenn ich John Irving lese, vergesse ich alles um mich herum, auch, dass ich im Anschluss an die Lektüre noch eine Rezension schreiben möchte. Das heißt, ich mache mir keine Notizen und sitze am Ende mit staunendem Mund vor dem Buch und frage mich: Womit fange ich nur an?

Am besten mit dem Anfang von „In einer Person“. Der ist skurril und herrlich genug, um ihn an dieser Stelle zu erwähnen. Dort erzählt der fast siebzigjährige Ich-Erzähler den Zusammenhang zwischen seinem sexuellen Erwachen und der „Sturzgeburt“ seiner Phantasie. Dazu kehrt er zurück in seine Jungend. Der junge William, genannt Billy Abbott, fühlt sich zu Miss Frost, der älteren Bibliothekarin der Gemeindebücherei von First Sister in Vermont, hingezogen. Und – schwupp – schlüpfte aus ihm der Wunsch, später Schriftsteller zu werden und Sex mit Miss Frost zu haben. Irving legt seinem Erzähler dabei einen klugen Satz in den Mund: „Was wir begehren, prägt uns.“ Auf der ersten Seite erfahre ich außerdem, dass unser Romanheld Schwierigkeiten damit hat, bestimmte Wörter auszusprechen. Es dauert nicht lange, und schon habe ich Billy in mein Herz geschlossen. Während mir diese Gedanken durch den Kopf fahren, stelle ich fest, dass ich bereits nach der ersten Seite einiges über den Protagonisten erfahren habe. Das ist Irving! Er liebt es, seine Figuren auszuschmücken und sie wie Weihnachtsbäume mit besonderen Eigenheiten zu behängen. Nach Billy stoße ich auf seine Familie, die ein bisschen aus der Reihe tanzt. Den Vater gibt es nicht mehr, zumindest nicht zu Hause. Die Mutter angelt sich einen Lehrer, der sich fürs Theater begeistert und ein großes Herz für Shakespeare-Stücke hat. Ein großes Theater. Und alle spielen mit. Billys Großvater schlüpft am liebsten in Frauenrollen und seine „besserwisserische“ Tante liebt das Schauspielern nur, um „ihrer erhaben klingenden Stimme etwas Originelles zu sagen zu geben.“ Billys Mutter ist Souffleuse.

Das Wesentliche, der zentrale Mittelpunkt, ist und bleibt Billy, der als Teenager entdeckt, das er sich nicht nur zu Mädchen hingezogen fühlt, sondern überdies noch andere Vorlieben hat. So fragt er seine besten Freundin Elaine nach ihrem BH, den er selbst gern tragen möchte. Seine gute Freundin Elaine, mit der Billy seine ersten sexuellen Erfahrungen sammelt und die wie Billy für einen Ringer schwärmt. Jacques Kittredge heißt der Rotzlümmel. Frech ist er und überheblich, ein starker Platzregen, vor dem man sich nicht schützen kann. Das hält beide dennoch nicht davon ab, für den Ringer zu schwärmen. Er ist nicht der einzige Mensch, für den Billys Herz schlägt, so liebt er ebenfalls ältere Frauen – neben Miss Frost, also die bereits erwähnte Bibliothekarin, gehört Elaines Mutter in den engen Kreis seine Träume. In der heutigen Zeit wäre all dies kein großes Problem, doch Billy besucht zur damaligen Zeit, Ende der fünfziger, Anfang der sechziger Jahre, eine konservative Jungenschule und genau das macht alles verzwickt. Ja, bei diesem ganzen Durcheinander kann einem schon schwindelig werden. Obwohl ich mich prächtig amüsiert habe, befand ich mich in keiner Komödie, sondern in einem Film, der vom Suchen und Sich-Finden erzählt.

John Irving macht eine große Schleife. Er beginnt in den fünfziger Jahren und führt den Leser bis in die Gegenwart. Es geht von Amerika aus nach Europa, und von dort wieder zurück. Im Fokus drehen sich Billy und die Menschen, die sich um ihn finden. Mal ist es Donna, ein Transvestit, mal der schwule Professor Larry und mal Elaine, seine langjährige Freundin, die für mich eine der schönsten Beziehungen in diesem Roman darstellt. Die beiden verbindet eine Freundschaft, die zu Herzen geht und glücklich macht.

Das letzte Drittel hebt sich aus dem Roman ab, als wäre es eine Straße, die viele Löcher hat. Plötzlich drosselt sich die Geschwindigkeit. Irving schreibt von der großen Seuche – Aids – die etliche von Billys Freunden und Liebhabern tötet. Diese Seiten haben einen eigenen Ton, der mich an das Knarzen von alten Dielen erinnert. Bewegende und eindringliche Szenen umgeben die Momente der Ohnmacht und Verzweiflung, in denen Billy seine Freunde am Sterbebett besucht und sich auf eine Art schuldig fühlt, weil er gesund ist. „Ich fürchtete mich nicht vor dem Sterben; ich fürchtete mich vor endlosen Schuldgefühlen, weil ich nicht starb.“

John Irving konnte mich erneut auf seine Seite ziehen. Ich habe seinen Roman genüsslich aufgesogen und überhaupt nichts vermisst. Selbst in den schlimmsten Augenblicken scheut er nicht davor, komische Szenen einzubauen wie die Tochter von Billys todkranken Freund Tom, die jedes Mal schreit, sobald sie Männer sieht. Dieser Roman strahlt wie eine glückliche warme Sommersonne vor Menschlichkeit, Freundschaft und Liebe, so wird mir wieder bewusst, warum ich Irving schätze: für seine süffige Sprache, die seltsamen Akteure und die unzähligen abgedrehten Situationen, die berühren und mir Tränen in die Augen schießen lassen – ob vor lauter Lachen, vor Rührung oder Trauer.

John Irving.
In einer Person.
September 2012, 725 Seiten, 24,90 €.
Diogenes Verlag.

kleiner zwerg GANZ GROSS.

Manche Menschen gehen sonntags in die Kirche, ich lese „Owen Meany“. Dieses Ritual hat sich eines Tages so eingeschlichen, wie eine Mücke, die durchs offene Fenster schlüpft. So ist es geblieben bis zum Schluss. Seit ich die über 853 Seiten beendet habe, ist mir ein wenig mulmig zumute, fast so, als hätte ich eine ganze Tüte Salzige Heringe auf einmal aufgefuttert. Der eigentümliche Geschmack des Abschieds schiebt sich zwischen vollem Bauch und glücklichem Herzen. Die Wehmut steigt in den nächtlichen Himmel und hinterlässt einen hellen Schweif auf meinem Gesicht. Die Sache mit dem Abschied stimmt allerdings nicht ganz, denn ein Owen Meany verschwindet nicht, er bleibt bei uns, selbst wenn das Buch längst wieder im Regal steht. Owen Meany ist nicht nur Owen Meany, denn während ich diese Zeilen schreibe, sitzt er bei mir, der kleine Zwerg mit der kratzigen Stimme. Ist das schön? Ja, das ist! Und vollkommen verrückt!

„Owen Meany“ ist das zweite Buch, das ich von John Irving gelesen habe und ich kann sagen, die Liebe bleibt erhalten. Noch befindet sich unsere Autor-Leserin-Beziehung in der Probephase, in der man sich vorsichtig annähert. Im Nachhinein finde ich, dass ich sehr mutig gewesen bin, seinen dicken Wälzer als Zweites zu lesen, doch meine Neugier war zu groß, hatten mir doch viele Menschen gerade diesen Roman ans Herz gelegt und ein guter Freund sagte mir am Telefon: „Die letzten Sätze sind es, auf das alles hinausläuft. Unglaublich, wie John Irving das gemacht hat!“

Bereits auf der dritten Seite verliebe ich mich in den Roman oder viel mehr in Owen Meany, als Irving seinen Helden aus der Sicht des Ich-Erzählers beschreibt, so liebevoll und menschlich. Ich lese Worte, die wie warme Schokoladensoße über meine Zunge fließen. Entzückt klatsche ich in die Hände, spüre eine Wärme in mir aufsteigen und die Süße überall kleben. Ich bin eine Schokoladen schleckende Bärin, so würde mich Irving bestimmt beschreiben. Wie komme ich eigentlich zu diesem Bild, wo es in diesem Roman keinen Bären gibt? Und Bären wohl eher Honig schlecken. Das sind die Nebenwirkungen einer Irving-Lektüre, würde ich jetzt einfach behaupten. Statt der Bären treffe ich auf eine Handvoll Menschen, die der Autor wieder bis zur Vollendung ausschmückt, ihnen Eigenheiten an die Fersen klebt und unerwartete Wendungen in die Taschen legt.

Im Mittelpunkt steht die besondere Freundschaft zwischen John und Owen. Sie beginnt in den zarten Kinderschuhen und hält viele Jahre lang an. Owen schillert aus dem Buch hervor wie ein eckiger Diamant, dem ich mich nicht entziehen kann. Seine direkte Art, dem Leben und den Menschen zu begegnen, ist sehr eigenwillig und eindrucksvoll zugleich. An einer Stelle heißt es, dass er wie „ein vom Himmel herabgestiegener Engel“ aussieht, „ein kleiner, aber feuriger Gott, gesandt, über unsere Irrwege zu richten.“ Das trifft es auf den Punkt und zeigt, was für ein Wesen sich hinter dem kleinwüchsigen Owen verbirgt, dessen Stimme so schrill ist, dass jeder Owen-Satz in Großbuchstaben geschrieben ist. Seine Eltern betreiben einen Steinbruch, schenken ihrem Sohn wenig Zuneigung. Die Liebe bekommt der Junge hingegen bei Johns Familie, die immer einen Platz für ihn hat. Selbst nach einem fatalen Ereignis, auf das ich nicht näher eingehen möchte, denn dort draußen gibt es sicherlich noch einige, die dieses epische Werk entdecken werden. John Irving reißt seine Leser mit, überrascht sie mit unerwarteten Wendungen, das möchte ich ihm nicht wegnehmen. Gerade dann, wenn man sich eingerichtet hat, dreht er das Ruder um und der Kopf sieht für einige Augenblicke Sterne.

„Owen Meany“ ist für mich vor allem ein Werk voller Menschlichkeit, das mir selbst an Regentagen eine Sonne ins Gesicht gemalt hat. John Irving gelingt etwas Unglaubliches: Er öffnet die Tür zu meinem Herzen und lässt Owen Meany hineinspazieren. Was er natürlich mit Freude macht. Ich finde einfach keine Worte für diese besondere Begegnung.
Der Roman umfasst ein halbes Jahrhundert und fokussiert neben der Freundschaft auch den Glauben und Amerikas Geschichte. Der Vietnamkrieg ist ein tragendes Element, der wie eine schwingende Keule in das friedliche Szenerie schlägt. John Irving führt das ganze Ausmaß vor Augen, indem er mit Zahlen der in Vietnam stationierten amerikanischen Soldaten und Gefallenen untermalt. Selbst seine Helden bleiben davor nicht verschont und letztlich ist es der Krieg, der das große Drama zum Ende nach sich zieht. Gleichzeitig erzählt er aus dem Leben einer amerikanischen Kleinstadt und von den Dingen, die Menschen beschäftigen. Manches schmückt der Autor besonders aus, wie das Weihnachtsfest im Jahr 1953 und führt mir erneut vor Augen, was er für ein begnadender Erzähler ist, der seine wahre Freude daran hat, sich bis in die hinterste Ecke zu bewegen, ohne dabei vom Weg abzukommen. Am schönsten sind die Menschen selbst, ihre Beziehungen untereinander und ihre Dialoge. Das absolute Highlight – eine wahre Explosion – passiert auf der letzten Seite. Ich nenne es einen professionellen und raffinierten schriftstellerischen Schachzug, vor dem ich niederknie. Mein besagter Freund hatte Recht: Die letzten Sätze leuchten durch die Augen hindurch in meinen Kopf und bringen ihn zum Strahlen. So sah ich am Ende aus wie eine glühende schokoladenverschmierte Bärin, die weiß, dass sie von einem Fieber befallen ist, dem John Irving Fieber. Heilung unmöglich!

John Irving.
Owen Meany.
Dezember 1998, 853 Seiten, 12,90 €.
Diogenes Verlag.

Große Literatur, menschliches Drama.

                                           Foto: Olwyn Hughes.

Zu manchen Autoren und Autorinnen haben wir eine ganz besondere Beziehung. Wir wissen meist nicht, wo dieses vertraute Gefühl herrührt. Es ist einfach da wie der Wind, der unser Gesicht streift. Ich habe aufgehört, zu hinterfragen, warum das so ist, freue mich lieber über dieses exklusive Geschenk des Himmels und schreibe über Sylvia Plath, die heute 80 Jahre alt geworden wäre. Eine Autorin, die viel zu früh selbstbestimmt aus dem Leben gegangen ist und eindrucksvolle Literatur hinterlassen hat.

Unsere erste Begegnung ist viele Jahre her. Damals, in einer Zeit eines persönlichen Umbruchs, hat mich Sylvia Plath mit ihrem autobiographischen Roman „Die Glasglocke“ aufgefangen. Ich fühlte mich verloren in der Welt, wie die Ich-Erzählerin Esther Greenwood. Eine erfolgsverwöhnte 20-Jährige fällt durch die Absage für einen Schriftstellerkurs in ein tiefes Loch und leidet zunehmend an einer schweren Depression. Ich steckte in einer ähnlichen Situation, erfolgsverwöhnt wie ich war, schlitterte ich orientierungslos durchs Leben, weil plötzlich nichts mehr so lief, wie ich es mir vorgestellt hatte. Sylvia Plath traf eine Ader in mir, nicht zuletzt auch durch ihre eindrucksvolle Sprache. Sie reichte mir ihre Hand und zog mich vom Boden nach oben. Dieses Buch blieb wohl auch aus diesem Grund bis heute in meinem Herzen. Riesengroß war demnach die Freude, als ich entdeckte, dass die Frankfurter Verlagsanstalt dieses Jahr zwei Erzählbände neu aufgelegt hat, die ich bis dato nicht gelesen hatte. „Die Bibel der Träume“ heißt das eine, das andere „Zungen aus Stein“ und über letzteres möchte ich euch heute berichten.

„Zungen aus Stein“ enthält 16 Erzählungen, bei denen überwiegend junge Frauen im Mittelpunkt stehen. Die Geschichten sind melancholisch und wiegen schwer im Herzen. Oft sah ich das Bild einer kalten Mondnacht vor mir aufblitzen. Ich lief allein durch die Plath-Welt, einzig meine Atemwölkchen begleiteten mich durch die Dunkelheit.
Sylvia Plath erzählt von jungen Frauen, die im Amerika der vierziger Jahre umherirren. Ja, sie irren umher, viele von ihnen sind vom Weg abgekommen. Sie sind verletzte Wesen, denen das Leben schmerzhafte Wunden zugefügt hat. Da ist das Mädchen aus der Titelgeschichte. Eindringlich und beklemmend lesen sich die Seiten von dem Mädchen, das sich in einer Nervenheilanstalt befindet. Ihr Drama macht Plath bereits auf der zweiten Seite deutlich: „Zwei Monate lang hatte sie weder geweint noch geschlafen, und jetzt schlief sie immer noch nicht, aber es kamen immer mehr Tränen, den ganzen Tag.“ Jegliches Gefühl ist aus ihrem Körper gewichen, er fühlt sich an wie „eine dumpfe Marionette aus Haut und Knochen, die Tag für Tag für Tag gewaschen und gefüttert werden mußte.“ Sylvia Plath beschreibt das Bild einer depressiven Frau, ein Bild, das ihr vertraut war und hier so authentisch wirkt, beißend echt, dass ich die schwere Last der Seele in meiner Brust spüre.

In „Superman und Paula Browns neuer Schneeanzug“ macht Sylvia Plath deutlich, wie hässlich und gemein Kinder sein können. Das Schicksal spielt dem Ich-Erzähler einen bösen Streich. Wobei man nach dem Ende nicht mehr an Schicksal denken möchte, sondern die bloße, erschütternde Absicht sieht, jemanden die Schuld zu geben. Genau das macht die Geschichte noch tragischer als sie ohnehin schon ist. Raffiniert verarbeitet Plath etwas, dass wir allzu kennen, nämlich die eigene Schuld auf andere abzuladen. Hier ist es Paula Brown, die nicht eingestehen will, dass sie auf einer Ölpfütze ausgerutscht ist und ihren neuen Schneeanzug beschmutzt hat. In einer blitzschnellen Reaktion zeigt sie auf den Ich-Erzähler und ruft laut aus, dass er es war, der sie geschubst hat. Von da an ist er der Geächtete, der Ausgegrenzte, der an der Ungerechtigkeit beinah zerbricht. Als sei das nicht schon genug, untermalt die Autorin das Drama mit einer weiteren brutalen Komponente, denn dieser Vorfall ereignet sich in dem Jahr, als der Krieg begann.

Im „Tag des Erfolgs“ konfrontiert mich Sylvia Plath mit dem damaligen Frauenbild und dann seinen Folgen. Als Ellen davon erfährt, dass das Theaterstück ihres Mannes Jacob mit Begeisterung aufgenommen wurde, überrollt sie eine Welle der Zweifel und drückt sie nieder. Die Überbringerin dieser Nachricht versetzt Ellen in Angst und Schrecken, ist es doch jene brillante junge Fernsehredakteurin, mit der sich Jacob kürzlich getroffen hat. Die Eifersucht keimt in Ellen auf, die Stacheln verletzten ihr Herz, erschüttert ihr Kopf mit vielen Gedanken. Eigentlich sollte sie sich über diesen Erfolg ihres Mannes freuen. Hatten sie harte Zeiten hinter sich, doch über das Glück stülpt sich eine betäubende luftdichte Maske, die sie einfach nicht absetzen kann und sich spinnenartig in ihren eigenen Gedanken verwebt. Plötzlich fängt sie an, sich kritisch zu betrachten: „Ich passe schon jetzt nicht mehr. Ich bin hausbacken, unmodern wie die Rocklänge vom letzten Jahr.“ Ellen wird bewusst, wie sehr sie ihre anziehende Weiblichkeit als Hausfrau und Mutter verloren hat. Angst macht sich breit, ihrem Mann nicht mehr zu gefallen und ihn damit in die Arme von attraktiven Frauen zu werfen.

Das Spektrum der Erzählungen ist reichhaltig, und ich habe nur einen Bruchteil angerissen. So vielfältig sie auch sind, eins vereint sie alle: der Verlust. Über allem schwebt dieses tragende Element, ein Gefühl, mit dem die Autorin seit frühen Kindheitstagen selbst konfrontiert wurde. Sie war 8 Jahre, als ihr Vater starb. Vielleicht führte dieses tragische Ereignis dazu, dass dieses Thema so häufig auftaucht. Ob es sich um einen besonderen Tag handelt, der nie wiederkehrt, oder um einen Ort der Kindheit, der nicht mehr so ist, wie er einst mal war oder um einen verlorenen Menschen oder eine sich verändernde Beziehung. All das hält mir die Autorin mit ihren Geschichten vor Augen, diese ständige Bewegung des Lebens, die die Dinge und Menschen ändert, ob wir es wollen oder nicht. Aus vielen Seiten vernehme ich Rufe nach mehr selbstbestimmtem Leben. Einige Mädchen rufen nicht nur, sie handeln, brechen aus, befreien sich von den Handschnellen, die man ihnen angelegt hat und treffen mutige Entscheidungen. Für wenige Augenblicke verblasst die Schwermütigkeit, und wird von leichten Wolken überdeckt. Übermut macht sich dort bemerkbar, wo sonst nur lähmende Ohnmacht saß. Ein Lächeln fährt über das sonst so ernste Gesicht und übertüncht den angespannten Ausdruck mit einem beruhigenden Frieden und hoffnungsfroher Zuversicht.

Der Erzählband enthält Plaths nachdenkliche Handschrift. Sie war eine sehr reflektierende und empfindsame Person, dies entfalten ihre persönlichen Aufzeichnungen, die ich euch als ergänzende Lektüre empfehlen möchte. Sie lassen uns in ihre Seele blicken und manch einer findet dort vielleicht eine Antwort, warum diese talentierte Schriftstellerin und Lyrikerin so früh aus dem Leben gegangen ist. „Briefe nach Hause 1950-1963“ und „Die Tagebücher“ geben einen Einblick und sind auf besondere Weise eine literarische Bereicherung. Einmal aufgeschlagen, wollte ich nicht wieder hinaussteigen. Sie führen hinein in das Leben einer jungen Frau, die vor Leben und Schreiblust brennt, die hochfliegt, so viel vom Universum möchte, dabei oft tief fällt und von schwermütigen Phasen niedergedrückt wird. Ich erlebe sie als kreischende, juchzende Biene und als sentimentale, nachdenkliche junge Frau, die ihre Schmerzen ihren Tagebüchern und ihren Briefen anvertraut. 1953 unternahm sie mit 20 Jahren den ersten Selbstmordversuch. Der Brief an E. gibt Aufschluss darüber, was Sylvia Plath zu diesem Schritt geführt hat. In ihren Erklärungen berichtet sie von der Absage für einen Schreibkurs, auf den sie so sehr gehofft und mit dem sie fest gerechnet hatte. Dieses einschneidende Erlebnis greift sie später in ihrem Roman „Die Glasglocke“ auf. Das Zerfallen und Verlieren in dem kalten See der Enttäuschung entfaltet sie hier in diesem Brief und gibt Antworten auf Fragen nach dem Wieso und Warum. Sylvia Plath vergleicht sich mit ihren Freundinnen, die in Europa Romane schreiben, bald heiraten oder Medizin studieren. Sie zerfällt in ihren Sorgen, kann nicht mehr schlafen, weil sie gegen Schlaftabletten immun wird und erlebt traumatische Erfahrungen mit Elektroschockbehandlungen. Als einzigen Ausweg sieht sie am Ende nur noch den Selbstmord, um der Irrenanstalt – wie sie die psychiatrische Klinik selbst bezeichnet – zu entkommen.

Die persönlichen Aufzeichnungen sind eine Reise durch Sylvia Plaths Seele. Ihr Innenleben fließt nach draußen direkt auf das Papier und in den Kopf des Lesers. Sylvia Plath erzählt von den hohen Anforderungen der Gesellschaft, denen sie sich beugt und die sie trotzdem kritisch hinterfragt: „Doch, genaugenommen, wieviel davon war eigentlich freier Wille? Wieviel davon war Denkfähigkeit, die ich von meinen Eltern mitbekommen habe, wieviel elterlicher Druck, zu lernen und gute Noten nach Hause zu bringen, die Notwendigkeit, eine Alternative zur gesellschaftlichen Welt der Jungs und Mädchen zu finden, zu der ich nicht zugelassen war? Und stammt der Wunsch zu schreiben nicht aus einer Neigung mich nach innen zu orientieren, die sich bei mir schon als Kind zeigte, als ich in der Märchenwelt lebte, mit Mary Poppins und Winnie-the-Pooh?“

Sie ist eine strebsame Studentin, die nach dem abgeschlossen College sogar ein Stipendium für Cambridge erhält. Sie arbeitet als Gastredakteurin bei der „Mademoiselle“ und bietet ihre literarischen Werke Zeitungen an, wartet auf Zusagen für Veröffentlichungen, hadert mit Absagen und nimmt die Ratschläge der Redakteure für Verbesserungen der Texte an. Ich komme manchmal als Leserin kaum zum Luftholen, so viel passiert in dem Leben dieser bemerkenswerten Frau. Ich schätze die offene und reflektierende Art, die eine eigene Welt und die der anderen zu betrachten. An einer Stelle analysiert sie ein Gedicht, das sie verfasst hat, betrachtet es, legt es geradezu unters Mikroskop – so fühlt sich die Analyse für mich an und erklärt, warum sie so schreibt wie sie schreibt: „Da meine weibliche Welt stark durch Gefühle und Sinne wahrgenommen wird, behandle ich sie auch dementsprechend in meinem Schreiben, und das ist dann oft überladen mit langweiligen Beschreibungen und einem Kaleidoskop von Vergleichen“. Zwischen den zahlreichen Betrachtungen und Reflexionen stoßen aber weise Gedanken an die Oberfläche, sie legen sich wie Balsam auf die Seele: „Ob man in einem Streit gewinnt oder verliert, ob man eine Zu- oder Absage erhält, sagt noch nichts über Gültigkeit und Wert der persönlichen Identität. Man kann sich irren, einen Fehler machen, handwerklich schlecht oder bloß unwissend sein – das alles entspricht in keinster Weise dem wahren Wert der gesamten eigenen Identität als Mensch: weder der früheren, noch der gegenwärtigen, noch der zukünftigen!“

Die privaten Aufzeichnungen sind literarisch und menschlich gesehen einmalig und äußerst beeindruckend. Es ist die poetische und kraftvolle Sprache, die aus den vielen Briefen und Tagebucheinträgen hervorsticht. Kleine glitzernde Wortdiamanten, von denen ich nie genug kriegen konnte. Sie sind brillant und für mich unvergesslich. Mögen einige Täler in Sylvia Plaths Seele bisweilen finster sein und jedes Tageslicht schlucken, enthalten die Seiten auch so unendlich viele kraftvolle Passagen, die stark machen. Während ich dies schreibe, überlege ich: Gehört das auch nicht alles dazu? Das Fallen und das Sich-Suchen und das Sich-Finden? Die kritische Auseinandersetzung mit dem eigenen Leben und den persönlichen Befindlichkeiten? Nur tragisch, dass die Autorin am Ende für sich keinen anderen Ausweg mehr sah, als sich umzubringen. Da war sie gerade mal 31 Jahre jung. Ein Jahr jünger als ich. Dies macht mich unendlich traurig, aber ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass sie mir von da oben zuschaut und jetzt in dem Augenblick lächelt, in dem ich über das literarische Erbe lächle, das sie uns zurückgelassen hat.

Sylvia Plath.
Zungen aus Stein. Erzählungen.
September 2012, 300 Seiten, 14,90 €.
Frankfurter Verlagsanstalt.

Und hier sind noch weiterführende Links zu Sylvia Plath:
http://cms.frankfurter-verlagsanstalt.de/fva.php?page&p=DE,2416,,,,
http://www.suhrkamp.de/autoren/sylvia_plath_3747.html?d_view=veroeffentlichungen
http://www.sylviaplath.de/
http://www.facebook.com/SylviaPlathAuthor

Ein episches Überraschungsei.

Steht euch der Sinn nach einem überraschenden Roman? Dann solltet ihr an „Ed King“ von David Guterson nicht vorbeigehen! Es ist ein Buch, bei dem man gar nicht weiß, wo man zuerst anfangen soll, so viel passiert auf den Seiten. Stellt euch ein Meer aus Überraschungseiern vor, in dem ihr badet und nach Luft schnappen müsst.

Mit seinem Debüt „Schnee, der auf Zedern fällt“ wurde David Guterson weltberühmt, danach folgten vier weitere Romane. Für mich ist sein fünftes Buch eine Premiere. In seinem aktuellen Buch hat er sich dem Ödipuskomplex angenommen. Von vornherein weiß ich als Leserin, worauf es hinausläuft, doch zum großen Showdown braucht es einige Kapitel, denn erst auf Seite 297 eröffnet der Autor: „Also gut. Wir nähern uns dem Teil der Geschichte, bei dem wir es dem Leser nicht verübeln können, wenn er gleich bis hierher gesprungen ist – entweder durch Blättern, sollte er oder sie ein Buch in der Hand halten, oder durch Scrollen oder die Benutzung der Suchfunktion bei einer digitalen Lektüre-, dem Teil, in dem eine Mutter Sex mit ihrem Sohn hat.“ Hier muss ich einschreiten, denn es wäre echt schade, wenn ihr die anderen Seiten überblättern würdet. Ist das Schöne an Geschenken nicht gerade das Auspacken? Eben! So verhält es sich mit diesem Roman. Es leben die Überraschung und Spannung – und die gibt es in diesem Roman zur Genüge.

Die Geschichte beginnt 1962 mit Walter Cousins, der mit seinem Au-Pair Mädchen schläft. Diane Burroughs ist minderjährig und hütet die beiden Kinder, weil Walters Frau nach einem Nervenzusammenbruch im Krankenhaus liegt. Der Versicherungsmathematiker wagt das Risiko und wird eines Tages von Diane überrascht, als sie ihm gesteht, dass sie von ihm schwanger ist. In der Zwischenzeit ist Lydia – Walters Ehefrau – zurück aus dem Krankenhaus. Jetzt muss schnell eine Lösung her. Walter zwingt Diane zur Adoption, sie hingegen will das Kind behalten. Und dann? Schweige ich und lehne mich zurück. Ich will euch doch den Spaß nicht verderben!

Was diesen Roman auszeichnet, sind die vielen unerwarteten Momente. Sie spazieren im Gänsemarsch vor die Augen. Das machen sie perfekt, nichts wirkt überladen. Zeitweise fühle ich mich an einen Almodóvar-Film erinnert, in dem sich eine Episode an die nächste reiht. Es fällt mir schwer, alles bis ins kleinste Detail auf den Tisch zu legen. Selbst beim groben Umriss überfallen mich Schwindelanfälle, und meine Zunge kringelt sich zu einem Knoten. Das habe ich kürzlich gemerkt, als ich meinem Liebsten von dem Buch berichtete. Eigentlich ist „Ed King“ so ein Roman, den man anderen in die Hand drückt und sagt: „Lies! Du wirst begeistert sein. Jedes Wort vorab ist zu viel.“

Was ist mit Ed King? Der Namensgeber des Romans und Dianes Sohn hat die mathematische Intelligenz seines Vaters geerbt. Nach seinem Studium zündet er mit seiner Begeisterung für Computer die Zukunftsbombe. Er entwickelt Internetsuchmaschinen und ein klug ausgefeiltes, sprechendes Computersystem, das mich in eine Science Fiction Maschine versetzt. Sein Konto füllt sich, sein Imperium wächst, er fühlt sich wie ein Gott unsterblich und eines Tages passiert dann das Unerwartete.

Guterson versteht es, seine Leser zu unterhalten, indem er ihnen gern zuzwinkert und einen gelungenen Spannungsbogen zieht, obwohl er in einem ruhigen Ton erzählt. Er schafft interessante Figuren, schmückt sie aus und beäugt kritisch den amerikanischen Traum. Bei ihm stimmt jeder Winkel, jede Wendung, so verdreht sie an manchen Stellen auch ist, aber das Gesamtkonzept überzeugt mich im hohen Maße. Mit anderen Worten: Dieses Buch möchte sofort verspeist werden und seine Leser mit jeder Seite überraschen, bis sie vollkommen atemlos im Lesesessel den letzten Buchstaben vernaschen und ein Überraschungsei in jedem Auge zu stecken haben.

David Guterson.
Ed King.
März 2012, 382 Seiten, 22,99 €.
Hoffmann und Campe.

Ein Zauber. In Extraklasse!

Mit Tauben fängt alles an, mit einer Krone hört dieses brillante Buch auf. Genauso schräg, wie es sich anhört ist es auch. Als Russell H. Greenan „In Boston?“ geschrieben hat, gab es mich noch gar nicht. Trotzdem glaube ich, er hat es auch für mich verfasst. Der Amerikaner wusste genau, dass es 44 Jahre nach Erscheinen immer noch jemanden auf der Welt gibt, der diesen Roman mit Begeisterung verschlingen wird. Das Buch wurde 1968 unter dem Titel „It Happened in Boston?“ von Random House herausgebracht und hat mich vollkommen begeistert. Es ist unwahrscheinlich erfrischend, facettenreich und bleibt für mich unvergesslich.

Nun, kehren wir zu den Tauben zurück. Der Ich-Erzähler glaubt, „dass die Tauben mich ausspionieren.“ Sie hocken auf dem Fenstersims und glotzen in seine Wohnung. Im gegenüberliegenden Park betrachtet Alfred das Haus genauer, zählt sechsundvierzig Fenster, „aber nur eins – meins – war mit diesen böse dreinblickenden Vögeln garniert. Fünfundvierzig ohne, eins mit. Das kann kein Zufall sein.“ Alfred probiert alles, um sie zu verjagen, hat vergiftete Brotkrumen verstreut und hofft so, dass er sie endlich loswird. Alfred sitzt gern im Bostoner Public Garden, dort kann er sich den Tagträumen hingeben. Seine Bewusstseinsverschiebung führt ihn an „verschiedene Orte in Zeit und Raum“. So findet er sich mal auf dem Bord eines Schiffes wieder, ein anderes Mal in Sibirien, auf einem einsamen Berg oder auf einem anderen Planeten. Er hüpft zwischen den Epochen hin und her. Ich frage verwundert, wo will der Autor mit mir hin? Will er mich auf den Arm nehmen? Es bleibt bei den Reisen wie Alfred sie selbst nennt, sie sind ganz normal wie der morgendliche Kaffee, den er zum Frühstück trinkt. Wenn Alfred nicht verreist, unterhält er sich mit einem altklugen Jungen. Randolph ist sieben oder acht Jahre alt und trägt als besten Freund eine Frosch-Handpuppe mit sich herum. Ausflüge ins Café und in die Bibliothek gehören genauso in Alfreds Tagesablauf wie die Platten, die er abends hört. Ein ruhiges Leben, das trotzdem auf eine bestimmte Weise aufregend ist und mich sofort an Haruki Murakami denken lässt. Denn es hat was von den Alltagshelden aus der Welt des Japaners, in der sich eigentlich nichts ereignet und doch so viel passiert. Die Wolken am Himmel brauen sich zusammen und verschlucken allmählich die Sonne, so ungefähr. Sei auf der Hut, lieber Leser, und ruh dich nicht aus, denn der Wolkenbruch naht…

Aus dem Buch strömen zunächst entspannte Melodien, die mir öfter bei den amüsanten Dialogen und den Gedanken des Ich-Erzählers ein Schmunzeln entlocken. Ich mag Alfred sofort. Der Kerl ist mir sehr sympathisch, ein bisschen eigen vielleicht, aber bemerkenswert. Ich mag seine Art durchs Leben zu laufen und die Lebensweisheiten, die er mir vor die Augen streut: „Unglück ist ein Zufall, der nichts kostet.“ Herrlich komisch! Das ist Alfred. Er malt auch Bilder, keine modernen, sondern die der Alten Meister, die ihm ein exzentrischer italienischer Maestro in den jungen Jahren beigebracht hat. Daran hält er bis heute fest, nur hat Alfred damit in der modernen Welt wenig Erfolg, bis er eines Tages auf den Kunsthändler Victor Darius trifft.

Jonathan Lethem spricht in dem Nachwort von einem „Zauberbuch“. Ja, das ist es, aus dem Bereich der Extraklasse wohlbemerkt! Es berührt die Sinne und offenbart Geheimnisse, von denen du nicht ansatzweise geahnt hast. Gerade zum Ende hin wird es äußerst rasant und skurril. Der Wahnsinn kriecht wie eine Maus aus dem Loch und hängt sich dem Protagonisten ans Hosenbein. Erst jetzt weiß ich, was mit dem Ausspruch gemeint ist: „Ich weiß nicht, warum ich das alles aufschreibe. Wen interessiert es schon? Es gibt keine Action, die dem Leser wacklige Knie machen oder einen Schauer über den Rücken jagen, nichts Nervenaufreibendes, Blutrünstiges, Zähneklapperndes, Haarsträubendes oder Herzergreifendes, um ihn bei der Stange zu halten. Zumindest noch nicht. Aber ich bin auf der Hälfte mit meinem Bericht – wenn überhaupt. Was noch kommt, ist interessant; zumindest glaube ich es.“ Hiermit streiche ich einfach mal das „glaube“, denn es knallt gewaltig. Der Ich-Erzähler schleudert mich aus dem Sitz, später erst, wenn ich nicht damit rechne und noch die Wolken betrachte. Plötzlich weht ein Orkan durch die Seiten, der messerscharf alle Sinne ergreift.

Überraschende Wendungen bringen mich vom Weg ab und jagen meinen Puls in die Höhe. „In Boston?“ ist ein Spaziergang durch alle Genres der Literatur und Jahreszeiten. Es ist verheißungsvoll wie der Frühling, erhitzend wie der Sommer, melancholisch wie der Herbst und fröstelnd wie kalte Wintertage. Russell H. Greenan entführt mich in die Kunstwelt, bringt mich zu den Kunst-Revoluzzern Benjamin Littleboy und Alfred. Jeder hält an seinem Stil fest, hungert lieber, anstatt sich zu verbiegen. Littleboy sucht irgendwann Geld auf der Straße, um seine Familie zu ernähren. Leo Faber, der Dritte im Bunde, vertritt eher das konservative Glied in der Kette, die von tiefer Freundschaft geprägt ist.
Ich sehe jedes Kunstwerk vor mir, so exakt beschreibt der Autor die Bilder und die Ansichten des Künstlers: „Es ist traurig, aber wahr, dass gute Gesichter in der heutigen Zeit eine Seltenheit sind, denn der Wert eines Gesichts hängt von seinem Ausdruck ab, und moderne Züge haben entweder keinen Charakter oder sind von Aspekten geprägt, die dem Auge unangenehm sind.“

Das Buch wird bei mir bleiben, im Regal und im Kopf gleichermaßen. Unsere Begegnung war schicksalhaft. Ich habe den Roman 2007 das erste Mal im Vorbeigehen als gebundene Ausgabe irgendwo liegen sehen. Jetzt fiel es mir durch Zufall wieder ein, wie ein Staubfusel tauchte es unerwartet auf. Es war nur eine logische Schlussfolgerung, dass ich es mir dieses Mal anschaffen und endlich lesen sollte. Welch gute Entscheidung, welch Genuss, welch Glück! Eben ein Zauber.

Russell H. Greenan.
In Boston?
Februar 2010, 400 Seiten, 9,90 €.
Diogenes Verlag.

Eine Reise in die Seele der Menschen.

Holz ist das erste Wort, das mir zu diesem Buch einfällt. Das zweite lautet Reise und zusammen ergeben sie: Eine hölzerne Reise. Das mag vielleicht ein bisschen komisch klingen, bisweilen ein Stirnrunzeln erzeugen, doch genau das beschreibt für mich „Winesburg, Ohio“ von Sherwood Anderson. Das Buch ist 1919 erschienen und wurde jetzt von Eike Schönfeld neu übersetzt.

Verwundert ist noch ein Wort, das mir in den Sinn kommt. So fühle ich mich auf den ersten Seiten dieses Klassikers. Die Sätze sind alles andere als geschmeidig. Vielmehr sind sie unruhig, krächzend wie eine Schar schwarzer Raben, die von einem Baum aufsteigen und ihre scharfen Laute in die Luft ausatmen. Der amerikanische Schriftsteller hält mich trotzdem fest, zieht mich mit einem nüchternen Ton und einer unbekannten Form des Geschichtenerzählens in sein bekanntestes Werk.
Sherwood Anderson hat die „interlinking short stories“ erfunden. Bei dieser Gattung gehen der Roman und die Kurzgeschichte eine Symbiose ein, ohne dass sie sich zu nahe kommen. Die Kapitel sind in sich abgeschlossen, können unabhängig von einander gelesen werden, doch sie gehören aufs Ganze gesehen zusammen wie eine Stadt mit vielen Häusern. Darum geht es auch in dem Buch, um eine Ansammlung von Häusern, das Leben einzelner Menschen in Winesburg, Ohio.

Für mich ist es eine Zeitreise in die Vergangenheit, als das Pferd noch zum Hauptverkehrsmittel zählte. Und es ist eine Reise in die Seele verschiedener Menschen. In den meisten Geschichten finde ich eine Tragik, die wie Raureif in den Herzen liegt und durch das Erzählen aus der Tiefe des Schweigens nach oben getragen wird. Ich denke da an Wing Biddlebaum in „Hände“. Anderson beschreibt den Protagonisten so exakt, dass sich mir gleich danach ein Bild von einer alten Trauerweide formt: „Wing Biddlebaum, ständig verängstigt und verfolgt von einer gespenstischen Gedankenschar, betrachtete sich in keiner Weise als Teil des Lebens dieser Stadt, in der schon seit zwanzig Jahren lebte.“ Ich horche auf. Was mag mit diesem Mann passiert sein? Die Hände, es sind die Hände, die sein Schicksal gelenkt haben. Das verrät der Autor vor Beginn der Geschichte und später in der Erzählung selbst. Die Kapitel-Überschriften sind ein verlässliches Mittel, an denen ich mich festhalte. Sie sind klar, präzise, halten stets ihr Wort und fungieren als Namenschilder, die vor jedem Haus unter dem Klingelschild angebracht sind.

Oberflächlich gesehen sind die meisten Personen verrückt. In ihnen scheint der Teufel zu tanzen, wenn ich zum Pfarrer Curtis Hartman in „Die Kraft Gottes“ schaue. Er entdeckt eines Sonntagmorgens im oberen Zimmer des Nachbarhauses eine junge Dame, die rauchend in ihrem Bett ein Buch liest. Diese Szene hat etwas leicht Verwegenes, bei dem die Neugier wie eine Fontäne empor schießt. Den Pastor erfasst sofort eine Lawine an wilden Gedanken: „Bei der Vorstellung einer rauchenden Frau packte ihn Entsetzen, und er zitterte bei dem Gedanken, dass sein Blick, nachdem er ihn vom Buch Gottes erhoben hatte, auf die bloßen Schultern und den weißen Hals der Frau gefallen war. Ganz schwindelig im Kopf ging er hinab auf die Kanzlei und hielt eine lange Predigt ohne auch nur einen Gedanken an seine Gebärden oder seine Stimme.“

So wie der Pfarrer verlieren die Personen in den Episoden für Momente den festen Halt, taumeln unsicher durch ihr Dasein, werden hin- und hergeschaukelt wie auf stürmischer See. Je weiter ich in die Erzählungen eintauche, um so mehr stellt sich heraus, dass die Menschen nicht verrückt sind, sondern einsam, verloren und melancholisch. Und in alldem bleibt es still, es kommt kaum zu großen explosionsartigen Ausbrüchen. Bei manchen setzt die Erkenntnis ein, der Gedanke an Flucht packt sie, doch die verdampft schneller im Boden als sie sehen können. Nur einem Stadtbewohner gelingt der Wendepunkt: George Willard, der junge Reporter beim „Winesburg Eagle“. Das überrascht mich nicht, denn in ihm finde ich die frische Lebendigkeit, die den meisten im Laufe der Jahre abhanden gekommen ist. George Willard taucht übrigens in jeder Geschichte auf, wie eine Fliege summt er durch alle Lebenshäuser. Wer ist George Willard? Vielleicht der Autor selbst?

Und was bleibt mir am Ende meiner hölzernen Reise? Viel mehr als ich zunächst dachte. Sherwood Anderson gelingt es trotz seines eigenwilligen Stils, mich zu fangen. Ich, die sonst nur in wunderschönen geschriebenen Werken aufblühe, erwache auch hier und strahle. In der Editorischen Notiz heißt es: „Winesburg, Ohio ist ein sprödes Werk, sprachlich passend zu seinen ungewöhnlichen, schweigsamen oder um Worte ringenden Akteuren – ein Werk der Abweichung.“ Besser hätte ich es nicht schreiben können.

Sherwood Anderson.
Winesburg, Ohio.
2012, 299 Seiten, 21,95 €.
Manesse Verlag.