Archiv der Kategorie: Zeitgenössische Literatur

Wind von vorn.

greeneharbor

„Der Himmel über Greene Harbor“ von Nick Dybek brach wie eine große Welle über mich ein. War ich noch bis eben vollkommen überwältigt vom wunderschönen Cover, tauchte ich im nächsten Atemzug in den Roman, tiefer und tiefer. Plötzlich schwammen die Wörter wie Fische vor mir, Luftblasen stiegen nach oben und ich lächelte glücklich. Die Sätze waren so geschmeidig, unglaublich sanft und sehr verlockend. Sie umarmten mich, als wären wir schon immer beste Freunde gewesen.

Das große Thema von „Der Himmel über Greene Harbor“ ist die Beziehung zwischen Vätern und Söhnen. Folglich sah ich mich als Frau zunächst etwas im Abseits stehen. Nun, man sollte nicht vom Klappentext auf das Buch schließen und sich lieber seine eigene Meinung bilden. Bei mir waren die Väter und Söhne schnell vergessen, stattdessen ließ ich mich von den herrlich warmen Sätzen verführen und davontragen in eine fremde, windige und maritime Welt.

Nick Dybek wurde 1980 geboren und hat uns einen wunderbaren Roman geschenkt. Er entführt seine Leser nach Loyalty Island, eine Olympic-Halbinsel, die vom Pazifischen Ozean umgeben ist. Bereits der Anfang atmet Seeluft: „Loyalty Island – das war der Gestank von Hering, Lackfarbe und fauligem Seetang an Anlegestellen und auf Stränden. Der Geruch von Kiefernnadeln, die sich am Boden braun verfärbten.“ Dort richtet sich die Zeit nach dem Wetter. Im Herbst gehen die Männer auf Fischfang nach Alaska und lassen ihre Familien zurück. Dieses Mal gerät der Rhythmus in Schieflage, alle sind verunsichert.

Nachdem der Chef der Fischerei, John Gaunt, gestorben ist, will sein Sohn Richard die Loyalty Fishing an Asiaten verkaufen. Dieser Schritt wäre für die meisten Menschen auf Loyalty Island tödlich wie ein Schnitt durch die Halsschlagader, hängt doch so viel an dem jährlichen Krabbenfang in Alaska ab. Cal ist der Sohn eines Fischers und der 14-jährige Ich-Erzähler in dieser Geschichte. Eines Nachts belauscht der Junge seinen Vater, wie er mit anderen Fischern über den Konflikt spricht. Mehr darf ich nicht verraten, möchte ich euch doch nicht den Spannungsbogen rauben. Den Atem schon, aber nicht die Auflösung, den Zauber, den dieser Roman umgibt, die dunklen Gassen, bei denen sich die Haut kräuselt und die Herzfrequenz an Tempo zunimmt.

Die Väter und Söhne bleiben die treibende Kraft dieses Romans. Sie sind ein breiter Fluss, von dem viele Nebenarme abgehen. Sie führen auch zu den Kindern und den Frauen, die versuchen, mit dem Leben zurecht zu kommen. Folgender Auszug beschreibt die Atmosphäre auf sehr eindringliche Weise:
“Die Zurückbleibenden igelten sich ein. Den ganzen Herbst, den ganzen Winter lebten wir – so kam es uns vor – an der Grenze zum richtigen Leben, das sich woanders abspielte. Es schien, als ob wir die Abwesenden waren, nicht die anderen. Ist es dann vielleicht ein Wunder, dass so viele von uns alles dafür gegeben hätten, dieses Leben teilen zu können, egal, wie wenig es zu uns passte, wie wenig wir davon verstanden?”

Cals Mutter kapselt sich ab und vergräbt sich im Keller, der eigens für ihre große Schallplattensammlung eingerichtet wurde. Die Ehe seiner Eltern sackt nach John Gaunts Tod in sich zusammen: “Seit dem Tag war es zu Hause unerträglich geworden. Ich war daran gewöhnt, dass meine Elten sich wie Fremde in einem Flugzeug verhielten und sich an engen Stellen im Haus höflich aneinander vorbeidrückten. Aber seit Johns Tod kam es mir vor, als hätten sie jegliche Geduld im Umgang miteinander gänzlich verloren.” Dies spürt der Junge zunehmend, ist beunruhigt und fühlt sich allein. In Jamie findet er einen gleichaltrigen Verbündeten und Weggefährten. Ihm vertraut er auch seine erschreckende Entdeckung an, die er bald macht. Sie ist es, die unerwartet wie ein Tsunami in das Geschehen hineinbricht und jede Boje mitreißt.

Nick Dybek überrascht seine Leser mit unerwarteten Wendungen. Damit verwandelt sich das Lesen in eine große Abenteuerreise, die Wellen peitschen ins Gesicht und schießen das Blut durch die Laufbahn. Der junge Autor erfreut mich mit einem großen Seesack an Themen und philosophischen Betrachtungen. Dieser spannende Roman ist in eine grandiose Sprache verpackt, geschmeidig wie Seide und warm wie Sonnenschein. Das Erzählte pirscht sich ganz nah an mich heran und erfasst mich. So verwundert es auch nicht, dass der maritime Schauplatz ins heimische Wohnzimmer spritzt: „Graue Wolken glitten über den Himmel, türmten sich zu Haufen auf und schütteten den Regen ab wie Hunde.“ Nick Dybek erzählt nicht nur ein packendes Abenteuer, sondern genauso eine mitreißende Coming of Age Geschichte und stellt große Fragen des Lebens. Schuld und Verantwortung sind ebenfalls zwei tragende Säulen, die aus dem Roman wie Leuchttürme herausragen. Er hält uns das Gute und das Böse vor Augen, zieht keine Grenzen und ist in alldem unglaublich betörend. So beschwört Nick Dybek wunderschöne Bilder herauf, die selbst dann noch vor den Augen tanzen, nachdem das blaue Wunder ausgelesen neben mir liegt.

Nick Dybek: Der Himmel über Greene Harbor. Aus dem Amerikanischen von Frank Fingerhut. mare 2013, 320 Seiten, 19,90 €.

Glück unter der Sonne.

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Manche Bücher stoßen zur richtigen Zeit in unser Leben. Sie fallen wie unerwartete Glücksboten in unsere Hände. Als es draußen bitterkalt war und die Sonne in weiter Ferne, rettete mich Patric Marino vorm Erfrieren und schenkte mir solches Glück. Sein Debüt „Nonno spricht“ ist im Lokwort Verlag erschienen. Es ist ein Buch, das mich schon beim ersten Anblick entzückt hat. Auf dem Cover segelt ein einsames Basilikumblatt unter dem Titel direkt hinein ins Blickfeld. Ein Flirt besonderer Art, auf den ich gern eingegangen bin.

Der 1989 in Bern geborene Autor nimmt mich mit in eine Welt der zarten Raffinesse. Sie ist umhüllt von Sonnenschein, zauberhaften alltäglichen Momenten und ganz viel kulinarischen Verführungen. Der Ich-Erzähler ist der Sohn italienischer Einwanderer, die in der Schweiz leben. Er besucht seine Großeltern in Kalabrien, die man in Italien Nonni nennt. Nonno steht für Großvater und Nonna für Großmutter. Patrics Tage bewegen sich in einem kleinen leuchtenden Kosmos, der trotzdem so groß erscheint wie ein Fußballfeld, weil der Autor seine Liebe für Süditalien und seine Familie in die Sätze legt, die mit wenigen Worten viele Geschichten erzählen.

Patric Marino verwandelt das alltägliche Leben in Süditalien zu einem Fest, nicht zuletzt auch durch die kulinarischen Schätze, die sich dort finden lassen und aus denen Köstlichkeiten entstehen. Ich denke da an die Herstellung von Pomodori Secchi Sott’Olio. Der junge Autor hat ein feinfühliges Händchen, das Leben um sich herum authentisch zu beschreiben, so dass man das Gefühl hat, direkt vor Ort zu sein. Es flirrt, es leuchtet und es duftet so herrlich. Er begleitet seine Nonni zum Markt und schwimmt im tobenden Meer, trifft auf Verwandte und fließt durch wunderschöne Sommerwochen.

Das Buch lebt von Momentaufnahmen und sinnlichen Beobachtungen: „Die Malariabäume sind voller Saft und Kraft, seit dem Winter haben sie armdicke Stämme gemacht. Sie wachsen am Hang, aus Mauern und zwischen den anderen Bäumen, und sie erwürgen die Oliven- und Orangenbäume.“ Patric Marino beschwört eine unglaublich schöne Atmosphäre herauf. Ich ertappe mich dabei, wie ich die Sonnenbrille aufsetzen und ein Sommerkleid anziehen möchte. Frischer Basilikum weht um meine Nase und ein Tomatensud kocht auf der Herdplatte, während das Meer sein Wellenrauschen in meine Ohrmuscheln spült und meine Füße im heißen Sand mit den Körnern spielen.

Die Zeit scheint in „Nonno spricht“ vollkommen stehengeblieben zu sein. Dort ist das Leben noch ursprünglich, fernab der schnellen Moderne. Die Uhr tickt langsamer, jeder Handgriff wird mit Bedacht und Sorgfalt ausgeführt. „Man verschwendet nichts, weder auf dem Feld noch in der Küche.“ Die Menschen atmen ihr eigenes Tempo und umarmen mich mit ihrer Herzlichkeit. Es ist ein großes Glück, den Erzählungen seiner Nonni zu lauschen und in die vergangene Zeit zu reisen. Und irgendwann wieder dem Basilikum zu begegnen: „Zio Mimmo hat ein Waschbecken voll mit Basilikum mitgebracht. Die Blätter sind so gross, dass Nonna ihr Gesicht hinter einem Blatt verstecken kann.“

Patric Marino entführt mich mit seinem feinen, zauberhaften Roman und beweist, dass es nicht immer laut zugehen muss, um sich für eine Geschichte zu begeistern. Es läuft mir beim Lesen das Wasser im Mund zusammen, sobald die frischen Zutaten ins Auge springen und ich bei der liebevollen, hingebungsvollen Zubereitung leckerer Speisen zuschaue. Der junge Autor hat einen Roman für alle Italienfreunde geschrieben und für diejenigen, die dem Zauber des kleinen Glücks erlegen. Das kann auch eine schlafende Katze sein: „Ein Kätzchen liegt im Schatten. Sein Fell ist verstrubbelt und seine Augen sind verkrustet, Fliegen umschwirren es. Ich wedle mit einem Grashalm vor seinen Schnurrhaaren und mache Schnurrgeräusche. Ich beuge mich zu ihm hinunter und halte die Hand über das verstrubbelte Fell.“ Oder eine Wassermelone, die mit weisen Sätzen verputzt wird. Oder ein Omelet mit frischer Ricotta und Kirschmarmelade.

So zieht mich Patric Marino mit seinem eindrucksvollen Debüt von Seite zu Seite, bis ich selbst anfange wie die Sonne zu leuchten und das Glück in meinem Herzen spüre. Da wünscht man sich fast, als Italienerin geboren zu sein und seine Großeltern unter der glücklich machenden Sonne besuchen zu dürfen.

Patric Marino.
Nonno spricht.
März 2012, 78 Seiten, 15,90 €.
Lokwort Verlag.

Und hier noch kleiner redaktioneller Hinweis:
Mara von buzzaldrins Bücher hat bereits eine schöne Rezension zu diesem Buch sowie ein interessantes Interview mit dem jungen Autor auf ihrem Blog veröffentlicht.

Über den Autor:

Patric Marino wurde 1989 in Bern geboren und lebt in Münsingen. Er hat am Schweizerischen Literaturinstitut studiert und danach mit zwei Absolventinnen das Literaturbüro Olten gegründet. Für die Recherche zu seinem Roman ist er sechsmal nach Guardavalle zu seinen Großeltern gereist.

Ein Vater, ein Sohn, ein Geheimnis.

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Es gibt Momente im Leben, die du nicht vergisst. Sie rauben dir die Sprache und schubsen dich in eine Wolke des Schweigens, weil du nicht glauben kannst, was dir passiert ist. Deine Worte fliegen wie Vögel davon und du schaust ihnen ratlos hinterher. So ist es mir mit „Wie keiner sonst“ von Jonas T. Bengtsson ergangen. Ein Buch von unglaublicher Intensität.

Der dänische Autor erzählt in seinem Roman die Geschichte eines Vaters und seines Sohnes. Beide führen ein recht seltsames Leben. So wohnen sie anonym in verschiedenen Unterkünften und ziehen ständig um. Besonders suspekt ist die gute Laune, die sich dann beim Vater einstellt. Warum sie wie Flüchtige umherziehen bleibt ein großes Geheimnis. Der Vater schickt seinen Sohn auf keine Schule, unterricht ihn stattdessen selbst und verrät ihm lebenskluge Weisheiten: „Wenn man die Dinge sieht, wie sie sind. Dann trägt man auch Verantwortung. Dann ist man gezwungen, etwas zu tun“.

Der Junge fügt sich dem Nomadenleben, wirkt erstaunlich erwachsen, hat jedoch keine Freunde. Stattdessen entdeckt er für sich das Zeichnen, taucht in eine Welt, mit der er sich die Zeit des Wartens vertreibt und später das Geschehen um ihn herum reflektiert, während der Vater unterschiedlichen Jobs nachgeht. Obwohl der Junge ein unstetes Leben führt, habe ich in keiner Minute das Gefühl, dass er viel vermisst, ist er doch erfüllt von der Vaterliebe, die ihn wie ein warmer Schal vor der Kälte beschützt. Immer wieder erzählt ihm sein Vater abends vorm Einschlafen das Märchen von der “Weißen Königin” und den “Weißen Männern”. “Vor den Weißen Männern muss man immer auf der Hut sein”, sagte er. Sie wollten immer den König und den Prinzen fangen. Damit erzeugt der Autor einen märchenhaften Glanz, der wie ein heller Lichtstrahl der düsteren Kulisse eine beruhigende, verträumte Nuance verleiht.

Der Vater bleibt ein Mysterium. Ein Nebelschleier durch den ich nicht schauen kann. So sehr ich die Augen auch zusammenkneife, ich steige nicht durch das Versteckspiel, bin wie ein Wachhund, der jede Regung des Vaters aufmerksam beobachtet, wie seine Eigenart, sich stundenlang in Zeitungen zu vertiefen und dabei alles um sich herum zu vergessen. Sucht er etwas Bestimmtes? An anderen Stellen beeindruckt er mich, indem es ihm wie von Zauberhand gelingt, Unwirkliches wahr werden zu lassen und seinem Sohn auch ohne Geld Dinge zu ermöglichen. Wie er das anstellt, ist sein Geheimnis. Doch manchmal öffnen sich die Schleusen zur verborgenen Vaterwelt. Wenn er nachts von Albträumen heimgesucht wird und sich sein Sohn rührend um ihn kümmert. Genau dann verschwindet der Nebelschleier, erahne ich den Kern des Ganzen und bleibe trotzdem enttäuscht mit leeren Händen zurück. Eine Auflösung gibt es nämlich nicht, nur eine Ahnung, die schattenhaft durch den Roman schleicht. Irgendetwas ist passiert. Nur was? Statt auf eine Antwort stoße ich auf tiefes Schweigen. Also bewege ich mich weiter mit den beiden durch dieses befremdliche Leben – bis es zum Eklat kommt. Eine unerwartete Wendung, mit der ich insgeheim gerechnet habe und doch kracht sie überraschend laut in den Lesefluss.

Der Roman erfasst mich wie ein Schlag. Obwohl der dänische Autor in einem nüchternen Ton erzählt, rüttelt er an den Festungen meiner Gefühle. Nicht zuletzt auch durch die Geschichte, die unter die Haut geht. Einerseits ist der Ich-Erzähler ein Verlorener am Rande der Gesellschaft, ein isolierter junger Mensch, der nie seinem Herzenswunsch – dem Schulbesuch – nachgehen kann und ganz allein bleibt. Andererseits ist er ein leuchtender Stern im dunklen Universum seines Vaters. Von ihm erhält er die Aufmerksamkeit und Zuneigung, die man sich als Kind wünscht. Nach dem großen Eklat seiner Kindheit, folgt bald der nächste, als er älter ist. Ein Ereignis, das kein Richtig und kein Falsch duldet. War es nur eine notwendige Konsequenz oder ein Akt der bedingungslosen Liebe?

Jonas T. Bengtsson verwandelt mit seiner Erzählkunst einen ruhigen Fluss in einen tobenden Strudel, darin liegt für mich die Kraft dieses Romans. Unglaublich, wie ihm das mit seiner schlichten Sprache gelingt. Er bringt Glas zum Dampfen. Im Mittelpunkt leuchtet die Liebe zwischen Vater und Sohn, die keine Schranken kennt und den Normen der Gesellschaft trotzt. Es zählt einzig und allein das Band, das sie verbindet. Ein Vater, der nur das Beste für seinen Jungen will und für ihn da ist. Eine Beziehung, die den Jungen für sein Leben prägt. Dieses Band ist widerstandsfähig, es brennt sich in das Herz des Jungen und der Leserin – bis zum Schluss.

Jonas T. Bengtsson.
Wie keiner sonst.
Aus dem Dänischen übersetzt von Frank Zuber.
Februar 2013, 448 Seiten, 22,90 €.
Kein & Aber.

Über den Autor:

Jonas T. Bengtsson wurde 1976 geboren, lebt in Kopenhagen und wurde 2005 für seinen ersten Roman “Aminas Briefe” mit dem Dänischen Debütantenpreis ausgezeichnet. Sein zweiter Roman, “Submarino”, wurde verfilmt. 2010 gewann der Autor den PO Enquist Literaturpreis. Die Filmrechte für seinen dritten Roman “Wie keiner sonst” sind bereits verkauft.

Scharfe Krallen und laute Beats.

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Das kann nicht sein! Nach jeder Erzählung in „Techno der Jaguare“ kam ich aus dem Staunen nicht heraus. Hatte ich bei diesem Titel etwas anderes erwartet? Sanft schnurrende Katzen etwa? Wohl kaum. Scharfe Krallen und laute Beats schon eher, dazu unerhörte Plots, die wie Kometen einschlugen. Diese Anthologie hinterlässt sichtbare Spuren und macht dem Titelnamen alle Ehre.

Die Frankfurter Verlagsanstalt vereint in dem Band sieben Autorinnen aus Georgien. Eine ist mir bereits vertraut: Nino Haratischwili. Sie hat mich seinerzeit mit dem Roman „Mein sanfter Zwilling“ sehr beeindruckt. Für dieses Werk wurde die junge Autorin 2011 mit dem Preis der Hotlist unabhängiger Verlage gekürt. Ebenfalls im deutschsprachigen Raum bekannt ist Tamta Melaschwili. Ihr Roman „Abzählen“ stand 2012 auf der Hotlist und wurde 2010 mit dem Georgischen Literaturpreis „Saba“ ausgezeichnet.

Die Erzählungen sind sehr unterschiedlich, aber in einem Punkt gleichen sich alle: sie explodieren. Im Mittelpunkt stehen Frauen, die neue Wege suchen und ausbrechen wollen, es werden die Rufe nach Unabhängigkeit und Selbstbestimmung laut. So wie jede Heldin für sich ihren eigenen Lebensentwurf sucht, so verströmt jede Schriftstellerin ihren ganz persönlichen Stil.

Die Erzählungen sind kraftvoll, bizarr und stellenweise surreal. Sie entspringen aus einem reichhaltigen Phantasiemeer wie „Eine mit Buch und ihre erlesene Leserschaft“. In Maka Mikeladze Geschichte wird Tino morgens überrascht: Der Protagonistin sind über Nacht zwei Bücher gewachsen. Das große sitzt auf ihrem Kopf, das kleinere im Nacken. Statt in Panik zu geraten, arrangiert sie sich mit dem neuen Erscheinungsbild. „Sie zuckte nur mit den Schultern. Dann legte sie ein leichtes Make-up auf und überlegte, wie sie sich nun frisieren sollte. Das frisch hervorgesprossene Buch ging ihr, ehrlich gesagt, schon ein wenig auf die Nerven. Heute passte ihr das nicht ganz und gar nicht. Ausgerechnet heute… aber auch nicht morgen, auch nicht gestern.“ Noch etwas beschäftigt sie: Tino möchte unbedingt wissen, was im großen Buch steht. Jeder Leser, den sie befragt, liest etwas anderes daraus vor. Beim Geliebten sind es Zahlen und Tabellen. Eine Freundin entdeckt in den Seiten eine herzzerreißende Seifenopern-Folge. Am Ende trifft Tino die Erkenntnis, dass nur sie allein ihr Buch lesen kann. Die Geschichten lösen sich nicht immer beruhigend klar auf. „Der andere W-E-G“ von Ekaterine Togonidze mündet an einer unerwarteten Stelle. Unheimlich ist die Erzählung von Beginn an. Der Journalistin Lisa gelingt etwas Grandioses: Sie kann ein Interview bei einem unnahbaren bekannten Künstler führen. Stößt sie zunächst bei ihrem Interviewpartner auf Widerstand, entwickelt sich die Beziehung bald schon in eine andere Richtung. Doch die Annäherung wird von dem dunklen Geheimnis des Künstlers aus seiner Kindheit überschattet und genau das zieht für Lisa eine folgenschwere Wendung nach sich.

Etwas leichter, auf charmante Weise frech und spritzig wie ein Glas Prosecco, empfand ich „Das historische Gedächtnis“ von Anna Kordzaia-Samadaschwili. Eine Lovestory mit einem unzuverlässigen Liebhaber und einem asiatischen Wilden, die unsere Titelheldin auf Trab halten. Eka Tchilawa schickt in ihrer Erzählung „In den neun Hütten“ ihre Protagonistin durch die Vergangenheit und schafft ein sehr eindringliches Leseerlebnis. In Tamta Melaschwilis „Killer’s Job“ begegne ich einer selbstbewussten Auftragskillerin. Sie bringt ihre Meinung über den Job klar auf den Punkt: „Wissen Sie, hier kann man nur zwischen zwei Möglichkeiten wählen: flachlegen oder flachgelegt werden. Ich habe keine Wahl. Ich habe etwas anderes: ich bin unsichtbar. Das ist meine Stärke.“ Die Killerin ist „eher klein und schmal, nur eins fünfundsechzig.“ So klein, doch so groß in ihren Handlungen. Knappe Sätze schießen aus der Protagonistin, als wären sie die Munition ihrer Waffe. Atemlos laufe ich durch die kurze Erzählung, weil alles so verdammt schnell geht: die Handlungen, das Erzählte – Peng! Die Luft in der Titelgeschichte „Techno der Jaguare“ ist unglaublich heiß und vibriert. Hier stoße ich auf Sätze wie: „Die Hellseher sagten, dass Georgien überleben würde, aber sie sagten nicht, auf wessen Kosten. Wir haben nur eine Chance: Wir müssen den Underground stärken!“ Nino Haratischwili erlebe ich in ihrem Einakter „Die zweite Frau“ wie gewohnt aufwühlend und poetisch. Die Dialoge zwischen Agnes, Lena und Laura sind schneidend scharf, bisweilen gehen sie an meine Substanz. Sie haben viel Zorn und aufgestaute Energie in sich, so dass mich einige Sätze wie Faustschläge treffen. Lange Monologe reihen sich an Dialoge und ziehen die innere Gedankenwelt nach draußen, wie Vulkane, die ihre Lava ausspucken. Es brennt lange auf meiner Haut.

Georgien war literarisch gesehen bisher für mich ein unbekannter Fleck. Das hat sich mit diesem Band schlagartig geändert. Man könnte auch sagen, es hat mich mit allen literarischen Sinnen erfasst. Die Geschichten lesen sich eindringlich und sind zutiefst bewegend. Sie fauchen und erheben ihre scharfen Tatzen, dringen durch die Netzhaut direkt den Kopf und beschäftigen mich noch lange nach dem Lesen. Den Herausgebern Manana Tandaschwili und Jost Gippert ist ein ausgezeichnetes Buch gelungen, das mir auf vielfältige Art die georgischen Autorinnen näher gebracht hat. Die biographischen Informationen zu jeder Autorin dienen als ausgezeichnete Ergänzung. Mehr über Georgien erfahrt ihr am Dienstag, 16.04., abends. Wie kürzlich berichtet, habe ich auf der diesjährigen Leipziger Buchmesse Ekaterine Togonidze, Tamta Melaschwili sowie Nino Haratischwili getroffen und interviewt.

Manana Tandaschwili, Jost Gippert (Hrsg.)
Techno der Jaguare. Neue Erzählerinnen aus Georgien.
Die Erzählungen wurden aus dem Georgischen übersetzt von Maia Tabukaschwili, Maka Kandelaki, Anastasia Kamarauli, Irma Schiolaschwili, Susanne Schmidt und Mariam Kamarauli.
Februar 2013, 256 Seiten, 19,90 €.
Frankfurter Verlagsanstalt.

Zündstoff.

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Dieses Buch knallt – von der ersten bis zur letzten Seite. Es ist unglaublich laut, auf angenehme Weise laut, so dass ich Lust hatte, wie ein kreischender Groupie hin- und her zu hüpfen. Selbst jetzt versuche ich, mich zusammenzureißen, muss meine Finger wie eine Dirigentin bewusst koordinieren, damit sie nicht wild durcheinander wirbeln. So ist es wohl, bei Doris Knecht ruhig zu bleiben, kommt einem Kunststück gleich.

Eigentlich verbindet mich wenig mit der Ich-Erzählerin. Weder bin ich eine Mutter, noch bewege ich mich wie Antonia in gutsituierten Kreisen. Aber die Autorin ist meisterhaft darin, mitreißend zu erzählen und mich zu begeistern, weil sie alle Schranken mit einer Axt zerhackt. Hauptsächlich ist es ihrem besonderen Stil zu verdanken, diese schrägen, zum Brüllen komischen Töne bei denen ich mir das Lachen nicht verkneifen kann. Der Schelm sitzt auf der Schulter und pustet mir stürmisch ins Ohr. Und das obwohl die Geschichte im Kern nicht wirklich zum Lachen ist. Antonia erinnert mich an ein Rehkitz, das sich im Wald verlaufen und sich mit der aussichtslosen der Lage arrangiert hat: „Ich wollte diesen normalen, gutsituierten Mann und sein schönes Dasein und seine schöne Wohnung und seine warmen Augen und ich wollte das alles beglaubigt und vor Zeugen. Ich wollte Kinder mit ihm, genau zwei. Ich wollte zu ihm gehören, zu seiner Welt, auch wenn mir klar war, dass mir einiges davon immer fremd bleiben würde und unangenehm in vielerlei Weise. Und dass ich darin fremd bleiben würde.“ Dieses Fremde ist das tragende Element in der Geschichte. Es ist der Stachel, der dem Buch seine Schärfe verleiht. Spitze Zacken, die sich haifischgleich in der Haut festbeißen. Denn eins ist sicher: Doris Knecht haut die Dinge zynisch, nonchalant und glasklar auf den Tisch – ohne Schönfärberei. Sie sind bisweilen bitterböse, aufwühlend, aber zutiefst wahr, so dass ich mit dem Finger darauf zeige und rufe: „Genau! Weiter so! Herrlich!“

Antonia hat alles, wirklich alles, um glücklich zu sein. Ein warmes, schönes Nest mit einem liebevollen Ehemann und zwei Kindern. Dennoch schwebt vor ihrem Glück eine dicke, hässliche Regenwolke, die nicht abziehen will. Die Rolle als Mutter führt sie bisweilen an ihre Grenzen und das schildert sie ehrlich, täuschend echt. Sie macht manchmal Dinge, die nicht recht ins Bild einer fürsorglichen Mutter passen. Während der jüngste Sohn Juri schreit, zündet sich Antonia eine Zigarette an und schaut dem Kinderdrama zu. An diesen „ganz guten Tagen“ ist es ihr egal, „was die Leute über mich denken und ob sie denken, wie Unterschicht ist die denn…“ Eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit, ein unfassbares Szenario, bei dem sämtliche Mütter aufschreien würden, aber sie tut es einfach. Als Leserin begreife ich relativ schnell: Antonia ist eine Ausbrecherin, die sich das holt, was sie sich wünscht. Die Vernunft muss dann eben mal für bestimmte Zeit in den Keller ziehen. So hat sie einen Geliebten, der im Verborgenen bleibt und mit dem sie alles aufs Spiel setzt. Im Verlauf der Geschichte wird das Bild über die Protagonistin runder und erschreckend düster, indem sie ihre Kindheit rekapituliert. Sofort spüre ich frische Narben und das somit einhergehende Jucken und Ziehen. Die Rückblenden in Antonias Vergangenheit erinnern mich an Wespenstiche und singen ein trauriges, hoffnungsloses Lied. Kalte Schatten kriechen wie unangenehme Insekten an die Oberfläche: „Aber manchmal brennt es durch und das Dunkel explodiert in mir und breitet sich aus, übernimmt mich, und rund um mich herum wird alles zu laut und zu grell, und ich kann meine Kinder nicht mehr ansehen und nicht meinen Mann, und ich will nicht, dass sie mir zu nahe kommen, und ich will nicht, dass sie mich berühren, ich brauche Raum um mich herum, Wände und Stühle. Und dann bin ich meine Mutter. Genauso.“

Vorrangig steht eine Frau im Fokus dieser Geschichte, eine sich suchende Frau, deren Sehnsucht unersättlich scheint und deren Seele verletzt ist. Die Wunden sind tief, die Schmerzen schneidend und das Fremdsein pocht mit dem Herz im Duett. Darüber hinaus kommt das Buch einer Abrechnung mit der Gesellschaft gleich und verleiht dem Werk eine chilischarfe Note. „Es gibt bei uns auch keine dicken Kinder. Die gibt’s nur in der Unterschicht.“ Oder: “Heute muss natürlich jeder laufen, egal, was die Natur für einen vorgesehen hat: Yoga oder Laufen, eines von beidem muss man machen, dazu Massagen und Wellness, sonst gilt man als unverantwortlich seinem Körper, seiner Gesundheit und vor allem seinen Kindern gegenüber, denen man, wenn man nicht läuft, Yoga oder Wellness macht jederzeit an einer Herzkreislauferkrankung wegsterben kann. Ich kenne eigentlich niemand, der sich nicht traut, keinen Sport zu machen.“ Antonia spuckt Feuer, das nicht verschluckt, sondern auf seltsam angenehme Weise verbrennt. Ihr lest richtig, ich möchte den Finger von dem lodernden Feuer nicht wegziehen. Wer den Roman liest, wird verstehen, warum das so ist.

„Besser“ hat mich aus meinem winterschlafähnlichen Zustand wach gerüttelt. Doris Knecht schreibt für den „Kurier“ eine tägliche Kolumne, genau das merkt man dem bemerkenswerten Buch an. Es ist erfrischend, reflektierend und spannungsgeladen. Mit jedem Satz knallt es. Ihre Wortexplosionen hinterlassen Funken und beleben wie eine morgendlich kalte Dusche. Liebhaber von literarischem Zündstoff, die offen für kritische, zynische Töne sind, werden mit „Besser“ eine große Freude erleben.

Doris Knecht.
Besser.
März 2013, 288 Seiten, 19,95 €.
Rowohlt Berlin

Schicksalsschwestern.

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Ein starkes Buch für starke Frauen. Was passt besser zum Internationalen Frauentag? Daher ist es mir eine besondere Freude, euch von „Der Weg der Töchter“ zu berichten. Die nigerianische Autorin Yejide Kilanko erzählt von Frauen, denen in jungen Jahren Schmerzen zugefügt wurden und die trotzdem aufrecht weitergegangen sind.

Das Debüt der 1975 in Nigeria geborenen Autorin ist ein vielschichtiges, leuchtendes und bewegendes Buch. Yejide Kilanko wagt sich mit ihren Roman an ein schwieriges Thema, das beklemmt und fassungslos macht. Doch wirklich erdrückend bleibt es nicht die ganze Zeit, dafür ist der Stil zu herzerwärmend und mit einer großen Portion Leichtigkeit versehen.

Um Morayo und Morenike kreist der Roman, der in Morayos Kindheit beginnt. Die erste große Aufregung erlebt die kleine Morayo, als ihre Schwester zur Welt kommt. Sie ist nicht schwarz und verwirrt das Mädchen beim ersten Anblick: „Sie war mir kein bisschen ähnlich. Sie glich mehr der blonden, blauäugigen Puppe, die Daddy mir auf seiner letzten Reise nach Lagos bei Leventis gekauft hatte. Unser Baby war … weiß?“ Die rosafarbenen Augen ihrer kleinen Schwester erschrecken sie. Afin nennt man in Nigeria Albinos. Dieses Wort schnappt sie auf und hört die Geschichten, die um afins kreisen. So gibt ihre Urgroßmutter der Mutter die Schuld, nachdem sie erfahren hat, dass die Schwangere in der Mittagssonne draußen war. Bei solchen Bemerkungen schlage ich meine Hände über den Kopf, bin geschockt und bestürzt, aber im nächsten Atemzug wird mir klar: Dies ist hier eine andere Welt, als ich sie kenne. Eine Welt mit Traditionen und Bräuche, in der ich nur eine stille Beobachterin bin.

Morayo schließt ihre Schwester Eniayo ins Herz und verlebt eine unbeschwerte Kindheit – bis ihr Cousin zur Familie zieht. Seine Mutter ist mit dem Jungen überfordert. Bros T ist von der Privatschule geflogen, nachdem er geschwänzt hatte. Ihm fehlt offensichtlich eine männliche Erziehungsperson. Morayos Vater soll Bros T zur Vernunft bringen und sein Fleiß- und Pflichtgefühl stärken. Bros T integriert sich in das Familienleben, verbessert sein Verhalten, doch etwas ist komisch. Der Junge sucht die Nähe seiner Cousinen, lässt sie auf seinen Schoß krabbeln und kommt Morayo nah, indem er manchmal im Auto den Arm um ihre Schultern legt und dabei ihre Brust streift. Zudringlich wird Bro T, als Morayo an einem Wochenende krank allein zu Hause ist. Der Rest der Familie ist bei einer Hochzeit eingeladen und dort hingefahren. Die an Malaria erkrankte Morayo wird mitten in der Nacht von ihrem Cousin im Zimmer überfallen. Diese Szene brennt wie ein Messerschnitt. „Ich glaubte zu ersticken. Er rammte mir die Hand zwischen die Schenkel. Als er mein Höschen zerriss, zitterte ich am ganzen Leib. Ich wollte schreien, aber ich kriegte kaum Luft.“ Nach dieser Tat hüllt sich Morayo anfangs in einen Mantel des Schweigens, aus Angst, Bros T könnte sich, an Eniayo vergehen. Morayos Geschichte bleibt nicht die einzige, dunkle. In einem weiteren Teil erzählt die Autorin Morenikes Drama. Auch sie wurde in jungen Jahren missbraucht und schlimmer noch: von ihrem Peiniger schwanger.

Was das Buch an einigen Stellen so erdrückend macht, sind die Reaktionen der Familien und der Umgang mit dem Drama. Das Todschweigen über die brutalen Taten und fassungslose Sätze, die in die Tragik fallen. Granatengeschütze, die auch mich als Leserin umhauen. Statt Zuneigung und Unterstützung, treffen die Mädchen auf eiskalte Ausrufe wie die von Morenikes Vater: „An alledem ist deine Mutter schuld“, erklärte er grimmig. „Sie hätte dich lehren müssen, die Beine nicht breitzumachen.“ In diesen Momenten richten sich die Nackenhaare auf. Ich werde wütend, möchte diesen Menschen treten und schaue gebannt auf Morenike. Sie trägt wie Morayo ihr Schicksal mit Würde und Schmerzen, verfolgt trotzdem ihren Weg weiter. Beide Frauen werden zu Schicksalsschwestern, die sich an den Händen halten. Dabei blickt Morayo zu Morenike auf, die ihr wie ein Baum Stärke und Halt schenkt. Ihre weisen Sätze sind Balsam für die verletzte Seele: „Aber weißt du, Morayo, man verzichtet ebenso wenig darauf, sein Leben zu leben, nur weil die Leute einem etwas tun.“

Yejide Kilanko zeigt den schmalen Grad zwischen Moderne und Tradition. Morayos Familie ist modern, und verfällt dennoch in alte traditionelle Muster. Darüber hinaus erzählt die Autorin auf eindringliche Weise vom Missbrauch an jungen Frauen in ihrem Heimatland. Sie lässt ihre Frauen aber nicht in der Opferrolle zurück, sondern holt sie heraus. Ihre Romanheldinnen sind wie starke Löwinnen, die in Scherben getreten sind, sich die Wunden lecken und erhobenen Hauptes dem Leben ins Gesicht brüllen. Das ist zutiefst eindrucksvoll und unglaublich kraftvoll. Man no die, Man no rotten – die Hoffnung stirbt zuletzt”. – heißt es an einer Stelle. Ein besseres Motto kann es für dieses Debüt nicht geben. Stark – bis zur letzten Seite!

Yejide Kilanko.
Der Weg der Töchter.
Aus dem Englischen von Uda Strätling.
März 2013, 384 Seiten, 18,- €.
Graf Verlag.

Über die Autorin:

Yejide Kilanko wurde 1975 in Ibadan, Nigeria, geboren. Als Jugendliche entdeckte sie für sich Autoren wie Nadine Gordimer, Wole Soyinka und Chinua Achebe. Sie studierte Politikwissenschaften in Ibadan und zog 2000 mit ihrem Mann in die USA, später nach Kanada. Dort arbeitet sie als Kindertherapeutin. Yejide Kilanko hat drei Kinder. “Der Weg der Töchter” ist ihr erster Roman.

Ein Teufelskerl.

moehringer

Darf man ein Herz für Bankräuber haben? Eigentlich nicht. Doch seit dem Buch schlägt es für den einen, der zum Volksheld wurde. Sein Name ist Willie Sutton. J.R. Moehringer erzählt in seinem jetzt erschienenen Roman “Knapp am Herz vorbei” die fiktionale Geschichte von Amerikas größtem Bankräuber. Willie Sutton selbst verfasste zwei Autobiographien, die sich widersprachen und kein klares Bild ergaben. J.R. Moehringer nahm das zum Anlass, um sein eigenes zu kreieren. Wie viel Wahrheit in der Geschichte steckt, werden wir nie erfahren, aber eins kann ich euch garantieren: Dieser Roman brennt sich mitten ins Herz.

Wir schreiben das Jahr 1969. Draußen ist es bitterkalt und New York feiert Weihnachten. Für Willie Sutton ist es das erste in Freiheit – nach siebzehn Jahren. Frisch aus den Gefängnismauern von Attica Correctional Facility entlassen, fährt er mit zwei Jungreportern durch New York. Die vergangene Nacht hat er schlaflos und trinkend im Hotel verbracht. Neben dem Schlafmangel bereitet ihm sein schlimmes Bein Probleme und er glaubt, dieser Tag sei sein letzter. Nun sitzt er im sienabraunen 1968 Dodge Polara und beginnt die Reise seiner Vergangenheit. Er trennt den Pullover seines Lebens auf, zieht jede Masche einzeln ab und erklärt, warum er so geworden ist. In seiner Brusttasche knistert ein weißer Umschlag. Er ist sein persönlicher Talisman, enthält er die Adresse zu seiner Herzensdame.

J.R. Moehringer wechselt zwischen der Gegenwart und der Vergangenheit. Im Jetzt fährt er mit zwei Jungreportern durchs eiskalte New York. Wie der alte Mann den Jungs vom Leben erzählt und sie auf seinen festgelegten Routen durch die große Stadt diktiert, ist unglaublich atmosphärisch. Diese Szenen glänzen neben den einnehmenden Bildern durch großartige und filmreife Dialoge. Sie sind frech, herausfordernd, stellenweise herzlich und erinnern mich an verspielte Hunde. Im Gestern zoomt uns J.R. Moehringer seinen Romanhelden heran und arbeitet sich mit feinfühliger Hand zum Kern vor. Er wollte Sutton einen besonderen Platz geben. Das ist ihm mit seinem Roman gelungen. Willie the Actor – wie er genannt wurde – berührt mich auf seinen zahlreichen Lebensstationen. Willies Kindheit war zappenduster, gepeinigt von etlichen Schlägen, die seine Brüder ausgeteilt haben. Seine Eltern haben nicht eingegriffen, weil sie zu sehr mit sich selbst beschäftigt waren. Der Vater mit den Zwölfstundentagen in der eigenen Schmiede und die Mutter mit dem Kummer über die verstorbene Tochter. Die großen Retter der Not waren Willies Freunde: Der gutaussehende Happy und der gefährliche Eddie, mit dem er seinen ersten Raubzug durchführt. Als Willie auf die hübsche wohlhabende Bess trifft, ändert sich sein Weg. Seine große Liebe, die ihm wegen seiner Herkunft für immer ein verbotener Garten Eden bleiben wird. Sie ist die Initialzündung seiner Verbrecherlaufbahn. Der Umschlag knistert weiter.

Willies Lebenslauf ist tragisch, wird von vielen Schmerzen und Verlusten getragen. Die schwierige Kindheit, die große, unerreichbare Liebe, die auswegslose Suche nach einem Job in Amerikas wirtschaftsklammen Zeiten, die Armut und die Hoffnungslosigkeit drücken zu Boden, Willie und mich. Willie wurde in einer schwierigen Zeit groß, eine Wirtschaftskrise jagte die nächste. Er ist ein strebsamer Schüler, der gute Noten nach Hause bringt, doch wegen Geldmangel bleibt ihm der Zugang zu einer höheren Schulbildung verwehrt. Sein Wissensdurst trocknet indes nicht aus, er folgt ihm wie der eigene Schatten mit jedem Schritt, den er unternimmt und manifestiert sich als sein Wesensmerkmal. Er liest leidenschaftlich gern, am liebsten die großen Klassiker. Die Raubzüge sind sein Lebenselixier, der Wind, der ihn frei pustet. Sie sind nicht einfach nur Überfälle, sie befriedigen ihn im tiefsten Inneren und schütten gießkannengleich Wasser in sein ausgetrocknetes Dasein. „Ihm gefällt alles an der neuen Arbeit. Er redet sich ein, dass das eigentlich nicht sein kann. Aber es ist so.“ Diese Gedanken kommen nach einem der ersten Überfälle auf. Neben dem neuen Reichtum schätzt er noch etwas: „Ihm gefällt sogar das Planen und Studieren der Materie.“ Doch der Hauptgrund für sein Handeln fasst dieser Satz zusammen: „Das Schönste allerdings ist, dass er endlich Arbeit hat.“

Willie zieht mich immer mehr auf seine Seite. Ich werde seine Komplizin, fiebernd, aufgeregt und ergriffen. Er ist clever und geht mit klugem Kopf an seine Taten. Der Autor stellt den Verbrecher nicht an die Wand, sondern zeigt ihn als menschliches Wesen mit seinen Sorgen und Träumen. Das ist es, was den Roman auszeichnet. Sutton nicht zu mögen, fällt mir schwer, ist gar nicht möglich. Er liebt nicht nur Bücher, er besucht das Theater, das Kino und Footballspiele. Vielleicht lässt sich meine Haltung am besten so beschreiben: Aus dem Bösen sickert das Gute, verschließt das Unheimliche. J.R. Moehringer geht wie ein Wissenschaftler vor, setzt die einzelnen Puzzleteile analytisch zusammen. So bezieht er das Umfeld mit ein, in dem sich Willie bewegt. Seine arme Herkunft, die Eltern sind irische Einwanderer, die in dem neuen Land schwer Fuß fassen. Auch das von Wirtschaftskrisen geplagte Amerika spielt eine große Rolle. Der Autor führt uns das teuflische Bankensystem vor Augen und legt die Wut darüber in Eddies Mund: „Ein Scheißsystem, sagt er. Alle zehn oder fünfzehn Jahre bricht es zusammen. Weil es kein System ist, das ist das Problem. Jeder Arsch kämpft für sich selber. Der Crash 1893? Mein alter Herr hat Leute gesehen, die standen mitten auf der Straße und haben geheult wie Babys. Die waren erledigt. Ruiniert. Aber wurden die Banker eingesperrt? Nein, die wurden reicher. Natürlich hat die Regierung versprochen, es würde nie mehr passieren. Aber es ist wieder passiert, hab ich recht? 1907. 1911. Und als die Banken draufgingen und der Markt am Ende war, wer ist da wieder ungeschoren davongekommen? Die Banker.“ Sofort gehen die Alarmglocken an und Erinnerungen an 2008 werden wach, als die Bankenkrise einsetzte und die Weltwirtschaftskrise ihren Lauf nahm.

J.R. Moehringer erzählt temporeich und spannend. Er streut nachdenkliche, bewegende Momente ein und wirft zum Ende das Lenkrad um. Danach erscheint das Vorangegangene im anderen Licht. Was für ein cleverer und hundsgemeiner Schachzug! Dieser Roman durchdringt den Verstand und krallt sich am Herzen fest. Darin liegt für mich die große Kraft. Hier ist alles drin, was eine gute Geschichte ausmacht und überzeugt mich vom Anfang bis zum Ende. Der Autor hat sich nach „Tender Bar“ weiter entwickelt, enorm gesteigert und das aus seinem schriftstellerischen Können herausgeholt, was ich seinerzeit ein wenig vermisst habe. Ich habe ihm damals die Sterne gewünscht. Die hat er sich mit seinem neuen Roman erschrieben. Ich werde ihn vermissen, diesen Willie Sutton, Bankräuber hin oder her. Ein Platz in meinem Herzen ist ihm gewiss.

J.R. Moehringer.
Knapp am Herz vorbei.
Aus dem Amerikanischen von Brigitte Jakobeit.
Februar 2013, 448 Seiten, 19,99 €.
S. Fischer

Ein Buch im Bernstein.

ambra

Wenn das erste Buch erfolgreich war, hat es das zweite schwer. Sabrina Janesch musste sich dieser großen Herausforderung stellen. Würde sie mich mit „Ambra“ genauso begeistern können wie mit „Katzenberge“?

Zeit und Ruhe braucht man, wenn man sich diesem Buch öffnen möchte. Also nahm ich es an einem meiner freien Tag mit ins Bett, stellte eine Kanne Tee daneben, begann zu lesen. Und der Roman ließ mich nicht los. Aus ihm strömte etwas Geheimnisvolles, ein geradezu hypnotischer Lockstoff.

Sabrina Janesch rollt die Geschichte von hinten auf. So stehe ich zunächst mit der Ich-Erzählerin Kinga Mischa in der Küche und erfahre, dass sie von Bronka eingeschlossen worden ist. Weil sie die Wahrheit kennt, wohin Bronkas Sohn verschwunden ist. Erzählen soll Kinga, erzählen. Das kann sie nicht. Dann soll sie es schreiben, sagt Bronka, und legt Kinga zwei Hefte und einen Stift hin. In Kinga brodelt es: „Wenn ich die Wahrheit sagen soll, wird es länger dauern, als Bronka sich vorstellen kann, ich werde sie etwas hinhalten müssen, um Zeit zu gewinnen, ich muss mich richtig erinnern, an jedes Detail des vergangenen Jahres, mich erinnern an alles, was ich sah, was ich hörte und was ich, sagen wir: bemerkte, und worum es sich auch immer handelt, ich werde es einfügen, der Vollständigkeit halber.“ Nach dieser Stelle rutsche ich weiter in das Geschehen. Vorher hält sie Bronka noch den Bernstein vor die Augen, mit dem so viel zusammenhängt. Ambra ist ein altes Wort für Bernstein und als Leserin schiebt sich mir eine Ahnung vor die Augen, die mit jeder Seite näher an mich herankommt.

Der Roman teilt sich in verschiedene Erzählstränge. So ist es nicht immer Kinga, die erzählt. Eine objektive Stimme schiebt sich dazwischen wie die Vergangenheit und damit verbunden Kingas Familiengeschichte. Kinga hat von ihrem verstorbenen Vater eine Wohnung in Danzig geerbt. Der Name der Stadt fällt nicht, aber man spürt schnell, dass die Stadt als Schauplatz dient. Dorthin begibt sich die junge Frau und stößt auf einen Teil der Familie, den sie bis dahin nicht kannte. Sie wird von ihrem Cousin Bartosz, der Tante Bronka und dem Onkel Brunon nicht mit offenen Armen empfangen, denn sie fürchten um die zusätzliche Einnahmequelle, die ihnen die Wohnung bietet. Obendrein hat Kinga noch den Bernstein bei sich, ein Familienbesitz, um den sich viele Geschichten ranken. Die sind es auch, die Sabrina Janesch entfaltet. Nicht auf einmal, sondern mit Bedacht und mit einem geheimnisvollen Flunkern. Die junge Autorin schafft es meisterhaft, eine mystische Stimmung zu kreieren, so dass ich am eigenen Fenster hinter jedem Regentropfen etwas Verstecktes vermute. Sabrina Janesch ist einer Fee ähnlich, die mich zunehmend verzaubert, und in ihren Bann zieht. Da kann ich auch die anfänglichen Hindernisse wie die unzähligen fremden verwirrenden Vornamen, die alle mit B beginnen, ausblenden. Die Autorin entführt mich nicht nur in eine aufreibende Familiengeschichte, sondern auch in einen magischen Salon, wo Menschen mit kosmischen Begabungen auf der Bühne stehen, die jede greifbare Norm ausblenden.

Ein weiteres Stilelement sind die kursiven Einschübe, die sich plötzlich in das Geschriebene drängen. Anfangs verwirren diese Fremdkörper, später sind sie ein fester Bestandteil in dem Buch. Sabrina Janesch nutzt diese Form, um den Lesern u.a. Einblicke in Bartosz’ Gedankenwelt zu geben, eine bleischwere Welt. Er war als Soldat im Irak und trägt Wunden in der Seele, die in den aufblitzenden Momenten ans Licht kommen, indem er seine Erfahrungen rekapituliert. Diese Szenen gehen an die Substanz und sind äußerst beklemmend. Über diese Erzählebene tauche ich auch in Renias Leben, eine weitere wichtige Person in diesem Ensemble.

Sabrina Janesch gelingt mit ihrem Roman ein wunderbares Porträt über Danzig. Sie spürt Stimmungen auf, legt Bilder und Sinneseindrücke in ihre Sätze, dass man sich direkt dort wiederfindet. Feinfühlig schreibt sie über die polnische Stadt am Meer, in der sie selbst für ein halbes Jahr als Stadtschreiberin zu Gast war. Sie versteht es, Geschichte lesbar und fühlbar darzustellen, sei es die der Stadt oder die der Familie. Beides macht Freude und ist unwahrscheinlich bereichernd.

Die junge Autorin hat eine besondere Gabe. Ihr gelingt es, eine anziehende Atmosphäre heraufzubeschwören, die an Nebel verhangende Täler erinnert. Ein Bild, das ich bereits in ihrem Debüt „Katzenberge“ vor mir sah. Sie liebt das Verborgene und legt dies mit aller Kraft in ihre Sprache. So verwundert es mich nicht, dass ich plötzlich das Buch in einem Bernstein liegen sehe. Dort ist es gefangen und wartet auf unsere Befreiung. Ein flüchtiges Aufkratzen allein reicht nicht aus, man braucht Geduld und Zeit für dieses Vorhaben. Vieles ist in „Ambra“ versteckt und verschachtelt, dass es besonderer Konzentration bedarf, um zum Kern durchzudringen. Das störte mich keineswegs, als ich in meinem eingeschlossenen Lesereich lag, jenseits von Lärm und anderen ablenkenden Faktoren. Dennoch fehlte mir bis zum Schluss eine Komponente, die dem Buch eine goldene Krone aufsetzen konnte. War es diese seltsame Protagonistin, mit der ich nicht warm wurde? Selbst heute noch beschäftigt mich die Frage: Was war anders als bei „Katzenberge“? Ich weiß es nicht. Parallelen zum Erstling gab es einige: Neben der wunderbaren Atmosphäre und dem geschichtlichen Hintergrund, steht erneut eine junge suchende Frau im Mittelpunkt. Vielleicht schenkt mir die vielversprechende Autorin die Antwort mit ihrem nächsten Roman. Auf den freue ich mich schon jetzt. Denn eins ist gewiss: Sabrina Janesch hat großes Talent. Und verdient für dieses Buch eine silberne Krone.

Sabrina Janesch.
Ambra.
August 2012, 372 Seiten, 22,99 €.
Aufbau-Verlag.

Wenn ihr die Autorin näher kennenlernen wollt, möchte ich euch ihre Homepage ans Herz legen. Außerdem kam sie bereits bei Mara von buzzaldrins Bücher in einem Interview zu Wort und bei mir hier.

Eiszeit in New York.

was_verborgen

Dieser Roman schmeckt nach kaltem Abschied. So kalt, dass ich meinen Mantelkragen hochschlagen möchte. Die Wärme hat sich zwischen der Decke und dem Bett verzogen. Auf und davon. Ich verwandle mich wie die Ich-Erzählerin in eine fröstelnde Gestalt, die entsetzt vor diesem Drama steht, sprachlos, machtlos und unendlich traurig.

„Was verborgen bleibt“ von Britta Boerdner ist ein eindrucksvolles Debüt, das zutiefst bewegt und direkt in die Herzkammern kriecht. Die Autorin erzählt von einem der schlimmsten Dinge dieser Welt: vom Zerfall der Liebe. Wenn glühende Hoffnungen zu Asche werden. Wenn sich zwei Liebende plötzlich wie Fremde gegenüberstehen. Wenn zwei Herzen nicht mehr das gleiche Lied singen – dann fühlt es sich so an wie in diesem Roman.

Die Ich-Erzählerin besucht nach sieben Monaten ihren Freund Gregor in New York. „Wer es zuerst schafft, zieht den anderen nach.“ Dieses Versprechen haben sich beide einst gegeben, ein Liebesschwur der besonderen Art. Gregor gewann eine Greencard und hat in New York einen Job gefunden. Nun ist sie da und alles ist anders, ganz anders. Statt sich mit vollem Enthusiasmus auf die Jobsuche zu begeben – immerhin will sie die drei Wochen nutzen, um ihr Leben in New York auszurichten – verfällt die Romanheldin in eine Art Dämmerzustand. Die junge Frau lässt sich treiben und gibt zunächst dem Jetlag die Schuld für die tauben Gefühle der Stadt gegenüber. Gregor macht es ihr da nicht leichter: Er hält sich distanziert, macht viele Überstunden und hat kaum Zeit für seine Freundin. Noch etwas fehlt, etwas sehr Wichtiges: liebevolle, vertraute Momente der Innigkeit. Dafür gibt es ein Geheimnis auf vier Beinen, die Katze aus dem Schacht, die die Ich-Erzählerin entdeckt wie das abgepackte Fleisch im Kühlschrank.

Die junge Frau legt sich in die Arme der Lethargie, schleicht durch die freien Tage, streift durch New Yorks Straßen und lässt die Liebesgeschichte noch einmal vor ihrem inneren Auge vorüberziehen. Sie erinnert sich an die erste magische Begegnung: „Von Anfang an waren wir einander vollkommen zugewandt und schlossen damit die anderen aus, schon nach der ersten Nacht bezogen wir uns nur auf uns selbst, bald zählten wir diejenigen auf, die wir nicht mehr brauchten, unsere Welt war komplett, sie war die reichste, die wir kannten.“ Die Erzählerin taucht in die leidenschaftlichen Anfänge zweier einsamer Herzen mit ähnlicher Kindheit, die endlich zusammengefunden hatten und sich später nach einer gemeinsamen Reise dieses große Versprechen gaben. Doch jetzt ist alles anders. Was macht man, wenn einem das Leben einen Strich durch Liebe zieht?

Britta Boerdner schickt ihre Protagonistin durch New York und fängt das winterlich trübe, kalte Flair ein. Ein Gefühl des Verlorenseins macht sich in den Spaziergängen bemerkbar: „Der Wind ist zurückgekehrt, er weht vom East River herüber und bringt einen dunklen Geruch nach Wasser mit sich. Es ist kurz nach zwei Uhr, der Nachmittag fängt erst an, und ich habe nur bis zum Mittag gedacht, nur bis zum Lunch mit Gregor. Ich schimpfe mich aus, beschließe, einen Plan zu machen für jeden Tag, ich muss meine dunklen Gedanken in den Griff bekommen, will ja die Stadt erobern, deshalb bin ich hier.“ Obwohl die ewige sehnsuchtsvolle Stadt eine große Rolle in der Geschichte spielt, taucht der Leser vor allem ins Innenleben einer jungen Frau. Genau darin liegt für mich die Kraft dieses Debüts. Die Innenansicht, die den dünnen Roman so gewaltig füllt und zum Kochen bringt. Britta Boerdner erzählt pointiert und feinfühlig von einer jungen Frau, die sich den Scherben der eigenen Liebe immer mehr bewusst wird und erkennt, wie sich eine Entfernung zwischen beide Liebende geschoben hat: „Es macht keinen Sinn, ihn aufhalten zu wollen. Es macht keinen Sinn, die Zeit durch Worte zu dehnen.“ Gregor ist ein Anderer geworden ist. Er ist jetzt jemand, der die Geschwindigkeit liebt. Und sie schafft es nicht, ihm zu folgen.

Ich ertappe mich dabei, wie ich öfter einfach nur schreien möchte. Zu stark sind die Emotionen, die von der Autorin aufgeweckt werden. Die schmerzvollen Fragen nach dem Warum, die sich zurückziehende Wärme, die zusehends verschwindet, die Kälte, die sich ausbreitet und Atemwölkchen ausatmet. Das passiert nicht einfach so, sondern in einem Wortfluss, den dieser beeindruckende Roman erzählt. Atmosphärisch dicht, spannend und mitziehend. Die Autorin überspringt jede Lücke, füllt sie mit Metaphern, Beobachtungen und Gedankenbildern aus, ohne dabei überladen zu wirken. Britta Boerdner findet für jede Situation, jedes Gefühl und jeden Gedanken die richtige Umschreibung, selbst wenn es weh tut: „Es ist, als spielten wir heiß und kalt mit den Gefühlen, wo die Katze ist, ist es heiß, wo ich bin, ist es kalt.“ So unendlich traurig die Geschichte auch ist, so kraftvoll trat sie in meine Augen. Britta Boerdner hat mir ein intensives, melancholisches und nachdenkliches Leseerlebnis geschenkt, das ich so schnell nicht vergessen werde.

Britta Boerdner.
Was verborgen bleibt.
September 2012, 160 Seiten, 18,90 €.
Frankfurter Verlagsanstalt.

Ein interessantes Interview mit der Autorin sowie eine lesenswerte Rezension findet ihr auch bei buzzaldrins Bücher.

Großes, tragisches Theater.

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Womit fange ich am besten an? Die Frage treibt mich immer um, sobald ich ein Buch von John Irving beendet habe. Sie schleicht wie eine Katze durch meinen Kopf. Auf und ab, schnurr, schnurr. Den richtigen Einstieg zu finden, ist gar nicht so einfach, denn Irvings Romane erinnern mich an aufregende, schillernde Jahrmärkte, auf denen es vor Buden und Karussells nur so wimmelt. Es hupt, es schimmert und es knallt. Die große Vielfalt öffnet ihre Arme, in die ich mich fallen lasse. Wenn ich John Irving lese, vergesse ich alles um mich herum, auch, dass ich im Anschluss an die Lektüre noch eine Rezension schreiben möchte. Das heißt, ich mache mir keine Notizen und sitze am Ende mit staunendem Mund vor dem Buch und frage mich: Womit fange ich nur an?

Am besten mit dem Anfang von „In einer Person“. Der ist skurril und herrlich genug, um ihn an dieser Stelle zu erwähnen. Dort erzählt der fast siebzigjährige Ich-Erzähler den Zusammenhang zwischen seinem sexuellen Erwachen und der „Sturzgeburt“ seiner Phantasie. Dazu kehrt er zurück in seine Jungend. Der junge William, genannt Billy Abbott, fühlt sich zu Miss Frost, der älteren Bibliothekarin der Gemeindebücherei von First Sister in Vermont, hingezogen. Und – schwupp – schlüpfte aus ihm der Wunsch, später Schriftsteller zu werden und Sex mit Miss Frost zu haben. Irving legt seinem Erzähler dabei einen klugen Satz in den Mund: „Was wir begehren, prägt uns.“ Auf der ersten Seite erfahre ich außerdem, dass unser Romanheld Schwierigkeiten damit hat, bestimmte Wörter auszusprechen. Es dauert nicht lange, und schon habe ich Billy in mein Herz geschlossen. Während mir diese Gedanken durch den Kopf fahren, stelle ich fest, dass ich bereits nach der ersten Seite einiges über den Protagonisten erfahren habe. Das ist Irving! Er liebt es, seine Figuren auszuschmücken und sie wie Weihnachtsbäume mit besonderen Eigenheiten zu behängen. Nach Billy stoße ich auf seine Familie, die ein bisschen aus der Reihe tanzt. Den Vater gibt es nicht mehr, zumindest nicht zu Hause. Die Mutter angelt sich einen Lehrer, der sich fürs Theater begeistert und ein großes Herz für Shakespeare-Stücke hat. Ein großes Theater. Und alle spielen mit. Billys Großvater schlüpft am liebsten in Frauenrollen und seine „besserwisserische“ Tante liebt das Schauspielern nur, um „ihrer erhaben klingenden Stimme etwas Originelles zu sagen zu geben.“ Billys Mutter ist Souffleuse.

Das Wesentliche, der zentrale Mittelpunkt, ist und bleibt Billy, der als Teenager entdeckt, das er sich nicht nur zu Mädchen hingezogen fühlt, sondern überdies noch andere Vorlieben hat. So fragt er seine besten Freundin Elaine nach ihrem BH, den er selbst gern tragen möchte. Seine gute Freundin Elaine, mit der Billy seine ersten sexuellen Erfahrungen sammelt und die wie Billy für einen Ringer schwärmt. Jacques Kittredge heißt der Rotzlümmel. Frech ist er und überheblich, ein starker Platzregen, vor dem man sich nicht schützen kann. Das hält beide dennoch nicht davon ab, für den Ringer zu schwärmen. Er ist nicht der einzige Mensch, für den Billys Herz schlägt, so liebt er ebenfalls ältere Frauen – neben Miss Frost, also die bereits erwähnte Bibliothekarin, gehört Elaines Mutter in den engen Kreis seine Träume. In der heutigen Zeit wäre all dies kein großes Problem, doch Billy besucht zur damaligen Zeit, Ende der fünfziger, Anfang der sechziger Jahre, eine konservative Jungenschule und genau das macht alles verzwickt. Ja, bei diesem ganzen Durcheinander kann einem schon schwindelig werden. Obwohl ich mich prächtig amüsiert habe, befand ich mich in keiner Komödie, sondern in einem Film, der vom Suchen und Sich-Finden erzählt.

John Irving macht eine große Schleife. Er beginnt in den fünfziger Jahren und führt den Leser bis in die Gegenwart. Es geht von Amerika aus nach Europa, und von dort wieder zurück. Im Fokus drehen sich Billy und die Menschen, die sich um ihn finden. Mal ist es Donna, ein Transvestit, mal der schwule Professor Larry und mal Elaine, seine langjährige Freundin, die für mich eine der schönsten Beziehungen in diesem Roman darstellt. Die beiden verbindet eine Freundschaft, die zu Herzen geht und glücklich macht.

Das letzte Drittel hebt sich aus dem Roman ab, als wäre es eine Straße, die viele Löcher hat. Plötzlich drosselt sich die Geschwindigkeit. Irving schreibt von der großen Seuche – Aids – die etliche von Billys Freunden und Liebhabern tötet. Diese Seiten haben einen eigenen Ton, der mich an das Knarzen von alten Dielen erinnert. Bewegende und eindringliche Szenen umgeben die Momente der Ohnmacht und Verzweiflung, in denen Billy seine Freunde am Sterbebett besucht und sich auf eine Art schuldig fühlt, weil er gesund ist. „Ich fürchtete mich nicht vor dem Sterben; ich fürchtete mich vor endlosen Schuldgefühlen, weil ich nicht starb.“

John Irving konnte mich erneut auf seine Seite ziehen. Ich habe seinen Roman genüsslich aufgesogen und überhaupt nichts vermisst. Selbst in den schlimmsten Augenblicken scheut er nicht davor, komische Szenen einzubauen wie die Tochter von Billys todkranken Freund Tom, die jedes Mal schreit, sobald sie Männer sieht. Dieser Roman strahlt wie eine glückliche warme Sommersonne vor Menschlichkeit, Freundschaft und Liebe, so wird mir wieder bewusst, warum ich Irving schätze: für seine süffige Sprache, die seltsamen Akteure und die unzähligen abgedrehten Situationen, die berühren und mir Tränen in die Augen schießen lassen – ob vor lauter Lachen, vor Rührung oder Trauer.

John Irving.
In einer Person.
September 2012, 725 Seiten, 24,90 €.
Diogenes Verlag.