Archiv der Kategorie: Klassiker

Eine Herausforderung – aber was für eine!

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Verdammt! Ich glaube, ich habe eben das erste graue Haar entdeckt. Und ich weiß auch, wo es herkommt: Von einer Lese-Odyssee, die unglaublich konträr war. Auf der einen Seite faszinierte sie mich, auf der anderen Seite trieb sie mich fast in den Wahnsinn. „Ada oder Das Verlangen“ von Vladimir Nabokov lautet das schillernde und herausfordernde Werk, das ich nach dem dritten Anlauf endlich bis zur letzten Seite durchgelesen habe.

Die über 700 Seiten habe ich wie dichte Wälder durchschritten, die ersten fünfzig auf Anraten einer begeisterten Ada-Leserin fast fliegend abgespeist (was ich ebenfalls nur raten kann). Jetzt weiß ich einiges mehr über das opulente Werk, bei dem allein der bloße Anblick eine große Ehrfurcht auslöst. „Ada oder Das Verlangen“ erinnert mich an ein altes Uhrwerk, das man sich mit Bedacht anschaut. Du stehst staunend davor, befühlst vertraute Dinge und im selben Moment tun sich dir fremde Gegenstände auf, die du nicht einordnen kannst und einem Maulwurf gleich hektisch nach Licht gräbst.

Vladimir Nabokov erzählt die Liebesgeschichte zwischen Ada und Van. Beide sind Cousin und Cousine, eigentlich Geschwister, wie sich später herausstellt und sehr jung, als sie sich ineinander verlieben. Ada ist 12 und Van 14. Der Beginn dieser Liebesgeschichte erstreckt sich über mehrere Kapitel und ist der Teil, der mich am meisten in den Bann schlug. Helles Licht drang in meine Augen, das Summen von Bienen sauste in meine Ohren und von hinten vernahm ich glückliches Kinderlachen, bei dem die Sonne neckisch in dein Antlitz strahlt und deine Unbeschwertheit wach küsst.

Als Schauplatz dieser traumhaften Kulisse dient ein altes Herrenhaus, Ardis Hall. Wir schreiben das Jahr 1884 und beobachten zwei Menschen, die sich wie zwei magnetische Teilchen anziehen. Die Annäherung knistert wie ein abendliches Kaminfeuer. Nabokov erzählt das auf unglaublich subtile Weise: „Als er sich zu ihr beugte (er war eine gute Handbreit größer und gar das Doppelte davon, als sie einen griechischen Katholiken heiratete und sein Schatten von hinten die Brautkrone über sie hielt), bewegte sie ihren Kopf, damit er den seinen in den erwünschten Winkel brächte, und ihr Haar rührte an seinem Hals. In seinen ersten Träumen von ihr stellte sich stets aufs neue heraus, daß dieser nachgespielte Kontakt, so leicht, so kurz, jenseits dessen lag, was der Träumer ertragen konnte und wie ein erhobenes Schwert Feuer und heftige Erlösung kundtat.“

Zauberhaft ist die Liebesgeschichte, weil sie unter einem geheimen Stern geboren wurde. Das Verbots-Schild prangert vor den Türen der beiden Herzen, Ada und Van lieben sich trotzdem wie gewöhnliche Liebende, indem sie sich Schlüpflöcher bauen, durch die sie kriechen. Die Liebesbeziehung wird durch zahlreiche Unterbrechungen auseinandergezogen. In den Jahren dazwischen nimmt das Leben seinen Lauf, Van wird Psychologe, schreibt Bücher und lebt in verwunschenen Villen sein sexuelles Vergnügen aus. Ada heiratet einen wohlhabenden Russen und tritt in die Fußstapfen ihrer Mutter: Sie wird Schauspielerin.

Das Buch fordert heraus – zum Beispiel durch die unruhige Erzählperspektive. So mischt sich ein agierendes Ich in den allwissenden Er-Erzähler und Ada meldet sich ebenfalls sporadisch zu Wort. Dazu sind die Sätze verschachtelt, durch Kommas und Klammern eingekeilt. Diese Konstruktion pustet das Licht aus und nimmt mir häufig den Durchblick. Gezwungenermaßen musste ich zu manchen Anfängen umkehren, um den Faden erneut aufnehmen zu können. Zwischen diese gefühlte Lesequal drängen sich Anagramme, Zitate – gern mehrsprachig – und Wortspiele, die um Aufmerksamkeit buhlen. Dennoch sind diese Elemente höchst interessant und stellenweise äußerst erheiternd. Hierzu fallen mir gleich zwei bemerkenswerte Beispiele ein. „Um Pottes Willen“ nutzt der Autor statt „Um Gottes Willen“. Und da wäre noch das Luftogramm. Das brachte mich in eine peinliche Verlegenheit, die ich eigentlich für mich behalten wollte, aber ich möchte euch diesen Spaß nicht verschweigen. Zunächst dachte ich, die Beschreibung sei der veraltete Ausdruck für Fax, bis mir aufging, dass es sich um eine Nabokov-Erfindung handeln muss. Eine Nachrichtenform der luftigen Art.

Unwahrscheinlich bereichernd und erkenntnisreich empfand ich das Becken raffinierter, psychologischer und philosophischer Betrachtungen, in die mich Nabokov taucht: „Was sind Träume? Eine willkürliche Folge von Szenen, die trivial oder tragisch, reisend oder rasend, phantastisch oder vertraut mehr oder weniger glaubhafte Ereignisse darstellen, aus grotesken Details zusammengeflickt sind und Tote auf neuen Schauplätzen von neuem agieren lassen.“ Oder: „Unsere bescheidene Gegenwart ist demnach die Zeitspanne, derer man sich direkt oder tatsächlich bewußt ist, wobei die verweilende Frische der Vergangenheit noch als Teil der Jetztheit wahrgenommen wird.“

Nabokov nimmt seine Leser mit auf eine große Reise, bringt sie mit den Reichen zusammen, verfrachtet sie auf Schiffe, setzt sie in Hotels inmitten Metropolen einer bizarren Welt ab. Er hat sich eine eigene Welt erschaffen, die sich Anti-Terra nennt. Nein, es ist zu verrückt, euch diese bis ins kleinste Detail zu erklären, verrückt wie das komplette Werk. Nabokov agiert als Teufel und Engel, zwischendurch ist er ein Schelm, ein tanzender Till Eulenspiegel. Er ist ein Don Juan, der mit unglaublichen schönen Beschreibungen verführt und im nächsten Augenblick wie ein Rumpelstilzchen alles zerstampft und mich zur Weißglut bringt.

Dieses Buch bleibt für mich unvergesslich und ist an dieser Stelle absolut erwähnenswert, weil es mich zum ersten Mal in eine Hass-Liebe zwischen Buch und Leserin versetzt hat. Anders kann ich diese Begegnung nicht beschreiben. Sie wirkt wie der Biss eine Giftschlange. Hat es dich erstmal erwischt, kommst du nicht davon los, da kannst du saugen, was das Zeug hält. Das Gift wandert durch deinen Blutkreislauf. Es versetzt dich in einen fiebrigen Zustand, dass du am Ende die Wirklichkeit mit der Phantasie verwechselst und aus einem Staubkrümel ein graues Haar machst. So verworren und skurril dieser Klassiker auch ist, so eindrucksvoll bleibt er und wandert deshalb schnurstracks in mein Notfall-Regal.

Vladimir Nabokov.
Ada oder Das Verlangen.
Gebundene Ausgabe: 1152 Seiten, übersetzt von Uwe Friesel und Dieter E. Zimmer, Gesammelte Werke, Band 11, Rowohlt, 38,- €.
Taschenbuch Ausgabe: 736 Seiten, übersetzt von Uwe Friesel und Marianne Therstappen, rororo, 11,- €.

Ein Dolchstoß ins Herz.

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Während ich diese Zeilen schreibe, fällt der Schnee bedächtig auf unsere große Stadt. Ich höre die umarmende Stille und denke: Eine schönere Kulisse könnte es für dieses Werk nicht geben. „Mein ärgster Feind“ von Willa Cather verdient diese Ruhe und Aufmerksamkeit, weil es ein Buch ist, das den Kopf erhitzt und im höchsten Maße beeindruckt.

Als dieser schmale Roman im Jahre 1926 erschien, war er ein Exot. Zur damaligen Zeit war es unüblich so offen über die Ehe und Liebe zu schreiben wie es Willa Cather mit „Mein ärgster Feind“ getan hat. Willa Cather erzählt die Geschichte aus der Sicht der jungen Nellie, die mit 15 Jahren zum ersten Mal auf Myra Henshawe trifft. Die extravagante Frau fasziniert Nellie sofort. „Obwohl sie nicht größer war als ich, fühlte ich mich vollkommen überwältigt von ihr – dumm, hoffnungslos plump und dumm.“ Nellie hatte bis dahin nur von Myra Henshawe und ihrer Legende gehört. Nun steht die Frau vor ihr und Nellie ist überwältigt, fühlt sich von ihrer direkten Art überfordert. Wurde Nellie doch bislang von ihrer Mutter und Tante mit Samthandschuhen angefasst, öffnet sich Myra Henshawe wie eine Schleuse.

Kurze Zeit später reist Nellie mit ihrer Tante Lydia über die Weihnachtsfeiertage nach New York und besucht das Ehepaar Henshawe. Dort beobachtet Nellie zwischen Myra und ihrem Mann Oswald eine Auseinandersetzung, die sie zutiefst aufrüttelt: „Alles um mich wirkte bedrohlich. Wenn die Menschen ihre Freundlichkeit verlieren, und es nur für wenige Augenblicke, dann fürchten wir uns vor ihnen ebenso, als hätten sie den Verstand verloren. Wenn die Freundlichkeit nicht länger da ist, wo wir sie immer vorgefunden haben, ist es, als würden wir Schiffbruch erleiden; wir stürzen aus der Sicherheit in etwas Heimtückisches und Bodenloses.“ Danach bekommt Nellies romantisches Bild von der Liebe hässliche Risse. Sie verblassen Jahre später, als sie das Ehepaar unter anderen Umständen wieder trifft. Dann erkennt sie die andere Seite der Liebe.

Dieses Buch geht unter die Haut. Nicht plötzlich mit einem Schnitt, sondern langsam und sanft wie Schneeflocken. Willa Cather erzählt subtil und zieht die Tragödie aus der Tiefe bedächtig nach oben. Zunächst sieht man sie nicht, und doch nehme ich sie schattenhaft wahr. Die 1873 geborene Autorin hat mit Myra Henshawe eine schillernde, liebenswürdige und auffällige Frau erschaffen, ein Mensch so stark wie ein Baum. Die Sätze aus ihrem Mund treffen mich wie scharfes Geschütz und hinterlassen ein lautes Echo. Sie spricht, was sie denkt, ohne die Dinge zu beschönigen. „Wir waren nie wirklich glücklich. Ich bin eine habgierige, selbstsüchtige, oberflächliche Frau; ich wollte immer Erfolg und eine besondere Stellung in der Welt. Jetzt bin ich alt und krank und sehe aus wie eine Vogelscheuche, aber unter meinesgleichen hätte ich noch immer die rechte Gesellschaft; ich wäre von zuvorkommenden Menschen mit höflichen Manieren umgeben und müsste mir nicht von irgendwelchen Rohlingen das Hirn aus dem Kopf trampeln lassen.“ Dadurch erzeugt die Autorin ein Brodeln, das mich verunsichert. Einerseits horche ich erschrocken auf, andererseits schiebt sich ein Lächeln dazwischen, wenige Sekunden nur, aber es ist da, ein Lächeln der Kraft und der Hochachtung.

„Mein ärgster Feind“ ist nur knapp hundert Seiten lang, trotzdem hat das Buch das Gewicht eines umfangreichen Werkes. Stellt euch eine dünne Eisschicht vor, die mehr trägt als es eigentlich möglich ist. Wir schlagen die Hände vors Gesicht, sind fassungslos, überrascht und beeindruckt. So erging es mir mit diesem Werk. Willa Cather erzählt dicht und holt den Leser ganz nah heran.

Was mich besonders beeindruckt hat, sind die einzelnen perfekt gezeichneten Charaktere sowie das Wechselspiel zwischen den lauten Konflikten und den stillen Momenten. Ergreifend lesen sich Sätze wie dieser: „Die Liebe selbst bringt doch schon fast alles Unglück dieser Welt über eine Frau.“ Radikal und offen in der Sprache, fernab von den avantgardistischen Techniken ihrer europäischen Schriftstellerkolleginnen wie Gertrude Stein oder Djuna Barnes, entfaltet Willa Cather ihre eigene Stimme, die klare und bodenständige Züge aufweist. Der Roman ist schonungslos. Die Autorin rechnet mit der schönen Romantik ab und pustet einer Eiskönigin gleich schneidende Kälte in das Reich der Liebe. Ja, diese Geschichte ist wie ein Dolchstoß mitten ins Herz.

Für mich ist die Pulitzer-Preisträgerin eine bereichende Entdeckung, die ich Truman Capote zu verdanken habe. Capote verehrte Willa Cather und schrieb nur wenige Tage vor seinem Tod „Remembering Willa Cather“. In dem deutschsprachigen Buch „Die Hunde bellen“ – eine Sammlung von Capotes Reportagen und Porträts – ist diese Begegnung aufgeführt, eine zu Herzen gehende Geschichte vom jungen Capote und der erfahrenen Willa Cather.

Mehr über Willa Cather erfahrt ihr hier: (http://www.berlinerliteraturkritik.de/detailseite/artikel/truman-capotes-idol-willa-cather.html).

Willa Cather.
Mein ärgster Feind.
Mai 2011, 112 Seiten, 7,99 €.
btb.

Ein literarischer Goldnugget.

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Es geschah vollkommen unerwartet – wie eine Windböe, die hinter der Hausecke lauert. Ich öffnete „Sydney Bridge Upside Down“ von David Ballantyne und freute mich auf eine gute Lektüre. Doch der Roman war nicht nur gut, ich habe mich plötzlich wie eine Goldgräberin gefühlt, die ein Goldnugget in den Händen hielt. Dieses Buch wird nicht umsonst als neuseeländischer Klassiker bezeichnet. Ein Werk, das alles hat, um dieser Bezeichnung gerecht zu werden. 1968 ist es erschienen und jetzt liegt es erstmalig auf Deutsch vor. Der Hoffmann und Campe Verlag hat dem Autor damit ein würdiges Denkmal verliehen.

Es beginnt wie eine harmlose Jungsgeschichte, die in den sechziger Jahren an der neuseeländischen Küste spielt. Der Ich-Erzähler rauft sich mit dem jüngeren Bruder und macht mit seinem Freund Cal Schabernack. In ihrer Höhle rauchen sie heimlich Zigaretten, bis ihnen schwindelig wird. Von dort haben sie einen guten Ausblick auf den Hafen, um Leute beobachten zu können. Die neugierigen Jungs treiben sich genauso gern in einer stillgelegten Fleischfabrik herum.

Von Beginn an umgibt dieses Buch eine unheimliche, düstere Stimmung, eine dunkle Gewitterwolke, die über der Geschichte schwebt. Man erahnt es schon nach Sätzen wie diesen: „Es gibt im ganzen Land, auf der ganzen Welt, keinen abgeschiedeneren Ort. Und wenn die Menschen weit weg sind, wenn sie einsam sind, fangen sie oft an, sich merkwürdig zu verhalten, das ist bekannt.“ Nein, dies ist hier nicht nur eine Lausbubengeschichte, das ist viel mehr.

Um die Jungs herum scharren sich recht merkwürdige Gestalten wie der schweigsame Sam Phelps mit seinem alten Pferd, das den Namen Sydney Bridge Upside Down trägt. Statt sich ein jüngeres Pferd anzuschaffen, hält der Mann an dem alten Gaul fest und lässt seine Lore vom Fluss bis zum Hafen ziehen. Früher wohnte er „in einem ordentlichen Haus“ und hatte eine schöne Tochter, doch seit ihrem Verschwinden strahlt Sam Phelps etwas Geheimnisvolles aus. Genauso komisch scheint der Fleischer Mr Wiggins, der sich für junge Damen interessiert wie Caroline, Harrys Cousine, die seine Familie besucht. Sie wirbelt das Leben des Ich-Erzählers mächtig auf, nicht nur ihn, die Geschichte beginnt mit ihrem Eintreffen zu flirren. Es knistert, die Spannung steigt mit jeder Seite und bald merke ich: Hier ist keiner so lieb wie er auf den ersten Blick scheint. Harry und Caroline haben es faustdick hinter den Ohren. So überrascht mich das erste Unglück nur halb, wenngleich ich fassungslos auf das Geschriebene blicke, vor allem deshalb, wie es von Harry erzählt wird.

Permanent bin ich gebannt, habe ein klopfendes Herz und einen schnellen Atem. Ich bin wie ein geladenes Teilchen, das ständig vibriert, weil sich in dem ruhigen Erzählfluss bösartige Wellen mischen. David Ballantyne hat eine düstere Geschichte geschrieben, die zunehmend die verwinkelte Innenwelt von Harry an die Öffentlichkeit trägt, dass es mich gruselt, die Angst in mir nach oben krabbelt und ich mich vor diesem scheinbar netten Jungen verstecken möchte. Einerseits bin ich im Laufe der Geschichte eine gute Freundin geworden, der er seine Gedanken und Gefühle anvertraut. So verliebt sich Harry zum ersten Mal, muss aber gleichzeitig ein großes Stück Verantwortung für seinen Bruder übernehmen und den Großteil der Hausarbeit schmeißen, weil die Mutter auf unbestimmte Zeit in die Stadt gezogen ist und seine Cousine wie eine Drohne im Feriendomizil thront. Andererseits werde ich Zeugin seiner Taten, die eher verschwommen durchsickern, seine List, die mich an einen Fuchs denken lassen. Ich bewege mich auch aus Harrys Universum hinaus und stoße auf die seltsamen Eigenheiten des Dorfes, in dem nicht alles so friedlich ist wie zunächst angenommen. Die Menschen und das, was um sie herum passiert, sind äußerst merkwürdig. Schiefe Fensterläden, die sich nicht richtig schließen lassen. Stimmt das Erzählte oder hat sich Harry das alles nur ausgedacht? Eine Frage, die sich mit einem Fingerzeig dazwischen schiebt. Berechtigt, sehr berechtigt.

Hier haben wir es wirklich mit einem eindrucksvollen Klassiker zu tun. Er ist von vorn bis hinten stimmig: klug durchdacht, sehr raffiniert und gut geschrieben, dicht, spannend und äußerst packend. Besonders großartig empfand ich die faszinierende Sogwirkung, die von ihm ausgeht, bei der man alles liegen lässt und nur eins macht: lesen. Ich tauchte komplett ab, befand mich in einer anderen düsteren Welt und wurde Teil eines bösartigen Schauspiels, das sich vor meinen lesenden Augen offenbarte. Dämonisch und erschreckend zugleich. Selten habe ich ein Buch so schnell verschlungen und es am Ende atemlos zugeschlagen wie dieses. Unerwartet. Mehr als gut und wertvoll, wie ein richtiger Goldnugget.

David Ballantyne.
Sydney Bridge Upside Down.
Aus dem neuseeländischen Englisch übersetzt von Gregor Hens.
August 2012, 333 Seiten, 19,99 €.
Hoffmann und Campe.

Spaziergang durch die Weltliteratur.

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Dieses Buch habe ich in mein Herz geschlossen. Weil es von den Königsfedern dieser Welt gefüllt ist und damit eine richtige Juwelensammlung darstellt. So eine, wie man sie sich zu gern an den Tannenbaum hängen möchte. Da sehe ich es als Selbstverständlichkeit, dass ich dieses fantastische Werk auf meinen Blog trage, um ihn damit zu schmücken.

Die wundervolle Anthologie „Jetzt auf allen Bestsellerlisten!“ wurde von Daniel Keel und Daniel Kampa zum 60-jährigen Verlagsjubiläum herausgegeben. Der verstorbene Daniel Keel hat somit ein besonderes Vermächtnis an seine Autoren und uns Lesern hinterlassen. Noch nicht aufgeschlagen, strömt mir bereits die Liebe zum besonderen Buch entgegen. Die entzückende Illustration von Jean-Jacques Sempé auf dem Buchcover beglückt und weckt die Vorfreude aus dem Winterschlaf. Beim Stöbern durch die Inhaltsangabe springen mir etliche „Ahs!“ und „Ohs!“ aus dem Mund, denn ich entdeckte viele mir wohlgesonnene Autoren. Sie winken mir zu und öffnen ihre Türen. Plötzlich sitze ich bei ihnen, lese erstaunt Neues, stoße auf vertraute Klänge, bin tief bewegt, doch schon im nächsten Moment kitzeln sie mir ein Lachen aus dem Bauch und verwöhnen mich mit Liebkosungen literarischer Art. Dies ist ein Hochgenuss des Lesens, so köstlich wie Champagner. Eine Juwelsammlung eben.

Dieses Buch ist wie ein Spaziergang durch die große Weltliteratur. Hier sind sie alle vereint: Patrick Süskind, John Irving, Bernhard Schlink, Ray Bradbury, Joachim Ringelnatz, Benedict Wells, Yael Hedaya, Donna Leon, Kurt Tucholsky, Joseph Roth, Conni Palmen, Carson McCullers, Meir Shalev, Andrea De Carlo, Friedrich Dürrenmatt, Raymond Chandler, Georges Simenon … 60 sind es an der Zahl – zeitgenössische treffen auf klassische SchriftstellerInnen und alle haben eins gemeinsam: Die Liebe zur Literatur. Das ist auch das große Thema, das sich in vier Kategorien aufteilt: Leser, Literaten, Literaturbetrieb, Leselaster. Die Erzählungen sind wie das Leben selbst – unwahrscheinlich abwechslungsreich, ein buntes Kaleidoskop, in das man immer wieder schauen möchte, weil es eine Menge zu entdecken gibt. Es sind nicht nur Kurzgeschichten dabei, auch Auszüge aus Romanen, die zum Thema passen. Die 65 Geschichten entführen mich in die Welt der Literatur. Sie zeigen wieder einmal wie reichhaltig sie ist und warum ich sie so liebe.

So gibt es Schmunzelmomente, wie mit Patrick Süskind, als er in „Amnesie in litteris“ von seinen Lesererlebnissen und den einsetzenden Lücken erzählt. Wie schnell er Gelesenes vergisst, sogar, dass er selbst ein Buch gelesen und wichtige Stelle angestrichen hat. Da nehmen Sie mir wirklich eine große Last, Herr Süskind! Wie oft habe ich an meinem Verstand gezweifelt, weil mir die Inhalte von Büchern nach einer bestimmten Zeit einfach entfallen sind. Als wäre ein Wüstensturm durch mein Gedächtnis gebraust. Viel gelacht habe ich auch beim kurzweiligen Stück von Kurt Tucholsky. „Wo lesen wir unsere Bücher?“ – die Überschrift sagt schon alles. Gleich der Beginn versetzt mich in großes Entzücken: „Wo-? Im Fahren. Denn in dieser Position, sitzend-bewegt, will der Mensch sich verzaubern lassen, besonders wenn er die Umgebung so genau kennt wie der Fahrgast der Linie 57 morgens um halb neun. Da liest er die Zeitung. Wenn er aber zurückfährt, dann liest er ein Buch.“ Ist denn das die Möglichkeit? Kurt Tucholsky hat mich ertappt. Gut, die Bahnlinie ist eine andere, mit der ich morgens fahre, und ich lese bereits auf dem Hinweg ein Buch, aber ansonsten stimmt alles haargenau. Danach folgen weitere Beschreibungen der Leseorte, die äußerst erheiternd und erhellend sind. Als bibliophiler Mensch schaut man die ganze Zeit in den Spiegel, so vertraut ist das Erzählte. Der Mund zieht sich nach oben und grinst sich eins. Herrlich ist das! Die Sammlung enthält aber auch melancholische und nachdenkliche Geschichten wie „Ein Schriftstellerpaar“ von Raymond Chandler oder eine meine Lieblingserzählungen von Carson McCullers „Wer hat den Wind gesehen?“. In den Momenten wird es plötzlich still in mir und mein Atem geht langsamer.

Wie oft hat man das schon? So ein besonderes Buch mit so vielen erstklassigen Autoren. Ein Buch, das in jede heimische Bibliothek gehört und manchmal sogar unters Kopfkissen. Ja, ihr lest richtig. Dorthin habe ich die schöne Leinenausgabe mitgenommen und mir vorgestellt, wie die gesamte Autorenmannschaft in der Nacht in meine Träume marschiert, mit mir tanzt oder bei einem Glas Wein aus dem Schriftstellerleben berichtet.

Ich bin mir sicher, dieses Buch schleicht sich nicht nur in mein Herz. Und ist das ideale Weihnachtsgeschenk an alle Bücherfreunde dieser Welt. Ein Buch zum Gernhaben, zum Bestaunen und zum Verweilen. Und ein besonderes Geschenk vom Verlag mit den schönen weißen Büchern an seine Leser. Vielen Dank dafür, lieber Diogenes Verlag!

Jetzt auf allen Bestsellerlisten. Geschichten vom Lesen, Schreiben und Büchermachen.
Daniel Keel, Daniel Kampa. (Hg)
September 2012, 827 Seiten, 19,90 €.
Diogenes Verlag.

Große Literatur, menschliches Drama.

                                           Foto: Olwyn Hughes.

Zu manchen Autoren und Autorinnen haben wir eine ganz besondere Beziehung. Wir wissen meist nicht, wo dieses vertraute Gefühl herrührt. Es ist einfach da wie der Wind, der unser Gesicht streift. Ich habe aufgehört, zu hinterfragen, warum das so ist, freue mich lieber über dieses exklusive Geschenk des Himmels und schreibe über Sylvia Plath, die heute 80 Jahre alt geworden wäre. Eine Autorin, die viel zu früh selbstbestimmt aus dem Leben gegangen ist und eindrucksvolle Literatur hinterlassen hat.

Unsere erste Begegnung ist viele Jahre her. Damals, in einer Zeit eines persönlichen Umbruchs, hat mich Sylvia Plath mit ihrem autobiographischen Roman „Die Glasglocke“ aufgefangen. Ich fühlte mich verloren in der Welt, wie die Ich-Erzählerin Esther Greenwood. Eine erfolgsverwöhnte 20-Jährige fällt durch die Absage für einen Schriftstellerkurs in ein tiefes Loch und leidet zunehmend an einer schweren Depression. Ich steckte in einer ähnlichen Situation, erfolgsverwöhnt wie ich war, schlitterte ich orientierungslos durchs Leben, weil plötzlich nichts mehr so lief, wie ich es mir vorgestellt hatte. Sylvia Plath traf eine Ader in mir, nicht zuletzt auch durch ihre eindrucksvolle Sprache. Sie reichte mir ihre Hand und zog mich vom Boden nach oben. Dieses Buch blieb wohl auch aus diesem Grund bis heute in meinem Herzen. Riesengroß war demnach die Freude, als ich entdeckte, dass die Frankfurter Verlagsanstalt dieses Jahr zwei Erzählbände neu aufgelegt hat, die ich bis dato nicht gelesen hatte. „Die Bibel der Träume“ heißt das eine, das andere „Zungen aus Stein“ und über letzteres möchte ich euch heute berichten.

„Zungen aus Stein“ enthält 16 Erzählungen, bei denen überwiegend junge Frauen im Mittelpunkt stehen. Die Geschichten sind melancholisch und wiegen schwer im Herzen. Oft sah ich das Bild einer kalten Mondnacht vor mir aufblitzen. Ich lief allein durch die Plath-Welt, einzig meine Atemwölkchen begleiteten mich durch die Dunkelheit.
Sylvia Plath erzählt von jungen Frauen, die im Amerika der vierziger Jahre umherirren. Ja, sie irren umher, viele von ihnen sind vom Weg abgekommen. Sie sind verletzte Wesen, denen das Leben schmerzhafte Wunden zugefügt hat. Da ist das Mädchen aus der Titelgeschichte. Eindringlich und beklemmend lesen sich die Seiten von dem Mädchen, das sich in einer Nervenheilanstalt befindet. Ihr Drama macht Plath bereits auf der zweiten Seite deutlich: „Zwei Monate lang hatte sie weder geweint noch geschlafen, und jetzt schlief sie immer noch nicht, aber es kamen immer mehr Tränen, den ganzen Tag.“ Jegliches Gefühl ist aus ihrem Körper gewichen, er fühlt sich an wie „eine dumpfe Marionette aus Haut und Knochen, die Tag für Tag für Tag gewaschen und gefüttert werden mußte.“ Sylvia Plath beschreibt das Bild einer depressiven Frau, ein Bild, das ihr vertraut war und hier so authentisch wirkt, beißend echt, dass ich die schwere Last der Seele in meiner Brust spüre.

In „Superman und Paula Browns neuer Schneeanzug“ macht Sylvia Plath deutlich, wie hässlich und gemein Kinder sein können. Das Schicksal spielt dem Ich-Erzähler einen bösen Streich. Wobei man nach dem Ende nicht mehr an Schicksal denken möchte, sondern die bloße, erschütternde Absicht sieht, jemanden die Schuld zu geben. Genau das macht die Geschichte noch tragischer als sie ohnehin schon ist. Raffiniert verarbeitet Plath etwas, dass wir allzu kennen, nämlich die eigene Schuld auf andere abzuladen. Hier ist es Paula Brown, die nicht eingestehen will, dass sie auf einer Ölpfütze ausgerutscht ist und ihren neuen Schneeanzug beschmutzt hat. In einer blitzschnellen Reaktion zeigt sie auf den Ich-Erzähler und ruft laut aus, dass er es war, der sie geschubst hat. Von da an ist er der Geächtete, der Ausgegrenzte, der an der Ungerechtigkeit beinah zerbricht. Als sei das nicht schon genug, untermalt die Autorin das Drama mit einer weiteren brutalen Komponente, denn dieser Vorfall ereignet sich in dem Jahr, als der Krieg begann.

Im „Tag des Erfolgs“ konfrontiert mich Sylvia Plath mit dem damaligen Frauenbild und dann seinen Folgen. Als Ellen davon erfährt, dass das Theaterstück ihres Mannes Jacob mit Begeisterung aufgenommen wurde, überrollt sie eine Welle der Zweifel und drückt sie nieder. Die Überbringerin dieser Nachricht versetzt Ellen in Angst und Schrecken, ist es doch jene brillante junge Fernsehredakteurin, mit der sich Jacob kürzlich getroffen hat. Die Eifersucht keimt in Ellen auf, die Stacheln verletzten ihr Herz, erschüttert ihr Kopf mit vielen Gedanken. Eigentlich sollte sie sich über diesen Erfolg ihres Mannes freuen. Hatten sie harte Zeiten hinter sich, doch über das Glück stülpt sich eine betäubende luftdichte Maske, die sie einfach nicht absetzen kann und sich spinnenartig in ihren eigenen Gedanken verwebt. Plötzlich fängt sie an, sich kritisch zu betrachten: „Ich passe schon jetzt nicht mehr. Ich bin hausbacken, unmodern wie die Rocklänge vom letzten Jahr.“ Ellen wird bewusst, wie sehr sie ihre anziehende Weiblichkeit als Hausfrau und Mutter verloren hat. Angst macht sich breit, ihrem Mann nicht mehr zu gefallen und ihn damit in die Arme von attraktiven Frauen zu werfen.

Das Spektrum der Erzählungen ist reichhaltig, und ich habe nur einen Bruchteil angerissen. So vielfältig sie auch sind, eins vereint sie alle: der Verlust. Über allem schwebt dieses tragende Element, ein Gefühl, mit dem die Autorin seit frühen Kindheitstagen selbst konfrontiert wurde. Sie war 8 Jahre, als ihr Vater starb. Vielleicht führte dieses tragische Ereignis dazu, dass dieses Thema so häufig auftaucht. Ob es sich um einen besonderen Tag handelt, der nie wiederkehrt, oder um einen Ort der Kindheit, der nicht mehr so ist, wie er einst mal war oder um einen verlorenen Menschen oder eine sich verändernde Beziehung. All das hält mir die Autorin mit ihren Geschichten vor Augen, diese ständige Bewegung des Lebens, die die Dinge und Menschen ändert, ob wir es wollen oder nicht. Aus vielen Seiten vernehme ich Rufe nach mehr selbstbestimmtem Leben. Einige Mädchen rufen nicht nur, sie handeln, brechen aus, befreien sich von den Handschnellen, die man ihnen angelegt hat und treffen mutige Entscheidungen. Für wenige Augenblicke verblasst die Schwermütigkeit, und wird von leichten Wolken überdeckt. Übermut macht sich dort bemerkbar, wo sonst nur lähmende Ohnmacht saß. Ein Lächeln fährt über das sonst so ernste Gesicht und übertüncht den angespannten Ausdruck mit einem beruhigenden Frieden und hoffnungsfroher Zuversicht.

Der Erzählband enthält Plaths nachdenkliche Handschrift. Sie war eine sehr reflektierende und empfindsame Person, dies entfalten ihre persönlichen Aufzeichnungen, die ich euch als ergänzende Lektüre empfehlen möchte. Sie lassen uns in ihre Seele blicken und manch einer findet dort vielleicht eine Antwort, warum diese talentierte Schriftstellerin und Lyrikerin so früh aus dem Leben gegangen ist. „Briefe nach Hause 1950-1963“ und „Die Tagebücher“ geben einen Einblick und sind auf besondere Weise eine literarische Bereicherung. Einmal aufgeschlagen, wollte ich nicht wieder hinaussteigen. Sie führen hinein in das Leben einer jungen Frau, die vor Leben und Schreiblust brennt, die hochfliegt, so viel vom Universum möchte, dabei oft tief fällt und von schwermütigen Phasen niedergedrückt wird. Ich erlebe sie als kreischende, juchzende Biene und als sentimentale, nachdenkliche junge Frau, die ihre Schmerzen ihren Tagebüchern und ihren Briefen anvertraut. 1953 unternahm sie mit 20 Jahren den ersten Selbstmordversuch. Der Brief an E. gibt Aufschluss darüber, was Sylvia Plath zu diesem Schritt geführt hat. In ihren Erklärungen berichtet sie von der Absage für einen Schreibkurs, auf den sie so sehr gehofft und mit dem sie fest gerechnet hatte. Dieses einschneidende Erlebnis greift sie später in ihrem Roman „Die Glasglocke“ auf. Das Zerfallen und Verlieren in dem kalten See der Enttäuschung entfaltet sie hier in diesem Brief und gibt Antworten auf Fragen nach dem Wieso und Warum. Sylvia Plath vergleicht sich mit ihren Freundinnen, die in Europa Romane schreiben, bald heiraten oder Medizin studieren. Sie zerfällt in ihren Sorgen, kann nicht mehr schlafen, weil sie gegen Schlaftabletten immun wird und erlebt traumatische Erfahrungen mit Elektroschockbehandlungen. Als einzigen Ausweg sieht sie am Ende nur noch den Selbstmord, um der Irrenanstalt – wie sie die psychiatrische Klinik selbst bezeichnet – zu entkommen.

Die persönlichen Aufzeichnungen sind eine Reise durch Sylvia Plaths Seele. Ihr Innenleben fließt nach draußen direkt auf das Papier und in den Kopf des Lesers. Sylvia Plath erzählt von den hohen Anforderungen der Gesellschaft, denen sie sich beugt und die sie trotzdem kritisch hinterfragt: „Doch, genaugenommen, wieviel davon war eigentlich freier Wille? Wieviel davon war Denkfähigkeit, die ich von meinen Eltern mitbekommen habe, wieviel elterlicher Druck, zu lernen und gute Noten nach Hause zu bringen, die Notwendigkeit, eine Alternative zur gesellschaftlichen Welt der Jungs und Mädchen zu finden, zu der ich nicht zugelassen war? Und stammt der Wunsch zu schreiben nicht aus einer Neigung mich nach innen zu orientieren, die sich bei mir schon als Kind zeigte, als ich in der Märchenwelt lebte, mit Mary Poppins und Winnie-the-Pooh?“

Sie ist eine strebsame Studentin, die nach dem abgeschlossen College sogar ein Stipendium für Cambridge erhält. Sie arbeitet als Gastredakteurin bei der „Mademoiselle“ und bietet ihre literarischen Werke Zeitungen an, wartet auf Zusagen für Veröffentlichungen, hadert mit Absagen und nimmt die Ratschläge der Redakteure für Verbesserungen der Texte an. Ich komme manchmal als Leserin kaum zum Luftholen, so viel passiert in dem Leben dieser bemerkenswerten Frau. Ich schätze die offene und reflektierende Art, die eine eigene Welt und die der anderen zu betrachten. An einer Stelle analysiert sie ein Gedicht, das sie verfasst hat, betrachtet es, legt es geradezu unters Mikroskop – so fühlt sich die Analyse für mich an und erklärt, warum sie so schreibt wie sie schreibt: „Da meine weibliche Welt stark durch Gefühle und Sinne wahrgenommen wird, behandle ich sie auch dementsprechend in meinem Schreiben, und das ist dann oft überladen mit langweiligen Beschreibungen und einem Kaleidoskop von Vergleichen“. Zwischen den zahlreichen Betrachtungen und Reflexionen stoßen aber weise Gedanken an die Oberfläche, sie legen sich wie Balsam auf die Seele: „Ob man in einem Streit gewinnt oder verliert, ob man eine Zu- oder Absage erhält, sagt noch nichts über Gültigkeit und Wert der persönlichen Identität. Man kann sich irren, einen Fehler machen, handwerklich schlecht oder bloß unwissend sein – das alles entspricht in keinster Weise dem wahren Wert der gesamten eigenen Identität als Mensch: weder der früheren, noch der gegenwärtigen, noch der zukünftigen!“

Die privaten Aufzeichnungen sind literarisch und menschlich gesehen einmalig und äußerst beeindruckend. Es ist die poetische und kraftvolle Sprache, die aus den vielen Briefen und Tagebucheinträgen hervorsticht. Kleine glitzernde Wortdiamanten, von denen ich nie genug kriegen konnte. Sie sind brillant und für mich unvergesslich. Mögen einige Täler in Sylvia Plaths Seele bisweilen finster sein und jedes Tageslicht schlucken, enthalten die Seiten auch so unendlich viele kraftvolle Passagen, die stark machen. Während ich dies schreibe, überlege ich: Gehört das auch nicht alles dazu? Das Fallen und das Sich-Suchen und das Sich-Finden? Die kritische Auseinandersetzung mit dem eigenen Leben und den persönlichen Befindlichkeiten? Nur tragisch, dass die Autorin am Ende für sich keinen anderen Ausweg mehr sah, als sich umzubringen. Da war sie gerade mal 31 Jahre jung. Ein Jahr jünger als ich. Dies macht mich unendlich traurig, aber ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass sie mir von da oben zuschaut und jetzt in dem Augenblick lächelt, in dem ich über das literarische Erbe lächle, das sie uns zurückgelassen hat.

Sylvia Plath.
Zungen aus Stein. Erzählungen.
September 2012, 300 Seiten, 14,90 €.
Frankfurter Verlagsanstalt.

Und hier sind noch weiterführende Links zu Sylvia Plath:
http://cms.frankfurter-verlagsanstalt.de/fva.php?page&p=DE,2416,,,,
http://www.suhrkamp.de/autoren/sylvia_plath_3747.html?d_view=veroeffentlichungen
http://www.sylviaplath.de/
http://www.facebook.com/SylviaPlathAuthor

Ein Zauber. In Extraklasse!

Mit Tauben fängt alles an, mit einer Krone hört dieses brillante Buch auf. Genauso schräg, wie es sich anhört ist es auch. Als Russell H. Greenan „In Boston?“ geschrieben hat, gab es mich noch gar nicht. Trotzdem glaube ich, er hat es auch für mich verfasst. Der Amerikaner wusste genau, dass es 44 Jahre nach Erscheinen immer noch jemanden auf der Welt gibt, der diesen Roman mit Begeisterung verschlingen wird. Das Buch wurde 1968 unter dem Titel „It Happened in Boston?“ von Random House herausgebracht und hat mich vollkommen begeistert. Es ist unwahrscheinlich erfrischend, facettenreich und bleibt für mich unvergesslich.

Nun, kehren wir zu den Tauben zurück. Der Ich-Erzähler glaubt, „dass die Tauben mich ausspionieren.“ Sie hocken auf dem Fenstersims und glotzen in seine Wohnung. Im gegenüberliegenden Park betrachtet Alfred das Haus genauer, zählt sechsundvierzig Fenster, „aber nur eins – meins – war mit diesen böse dreinblickenden Vögeln garniert. Fünfundvierzig ohne, eins mit. Das kann kein Zufall sein.“ Alfred probiert alles, um sie zu verjagen, hat vergiftete Brotkrumen verstreut und hofft so, dass er sie endlich loswird. Alfred sitzt gern im Bostoner Public Garden, dort kann er sich den Tagträumen hingeben. Seine Bewusstseinsverschiebung führt ihn an „verschiedene Orte in Zeit und Raum“. So findet er sich mal auf dem Bord eines Schiffes wieder, ein anderes Mal in Sibirien, auf einem einsamen Berg oder auf einem anderen Planeten. Er hüpft zwischen den Epochen hin und her. Ich frage verwundert, wo will der Autor mit mir hin? Will er mich auf den Arm nehmen? Es bleibt bei den Reisen wie Alfred sie selbst nennt, sie sind ganz normal wie der morgendliche Kaffee, den er zum Frühstück trinkt. Wenn Alfred nicht verreist, unterhält er sich mit einem altklugen Jungen. Randolph ist sieben oder acht Jahre alt und trägt als besten Freund eine Frosch-Handpuppe mit sich herum. Ausflüge ins Café und in die Bibliothek gehören genauso in Alfreds Tagesablauf wie die Platten, die er abends hört. Ein ruhiges Leben, das trotzdem auf eine bestimmte Weise aufregend ist und mich sofort an Haruki Murakami denken lässt. Denn es hat was von den Alltagshelden aus der Welt des Japaners, in der sich eigentlich nichts ereignet und doch so viel passiert. Die Wolken am Himmel brauen sich zusammen und verschlucken allmählich die Sonne, so ungefähr. Sei auf der Hut, lieber Leser, und ruh dich nicht aus, denn der Wolkenbruch naht…

Aus dem Buch strömen zunächst entspannte Melodien, die mir öfter bei den amüsanten Dialogen und den Gedanken des Ich-Erzählers ein Schmunzeln entlocken. Ich mag Alfred sofort. Der Kerl ist mir sehr sympathisch, ein bisschen eigen vielleicht, aber bemerkenswert. Ich mag seine Art durchs Leben zu laufen und die Lebensweisheiten, die er mir vor die Augen streut: „Unglück ist ein Zufall, der nichts kostet.“ Herrlich komisch! Das ist Alfred. Er malt auch Bilder, keine modernen, sondern die der Alten Meister, die ihm ein exzentrischer italienischer Maestro in den jungen Jahren beigebracht hat. Daran hält er bis heute fest, nur hat Alfred damit in der modernen Welt wenig Erfolg, bis er eines Tages auf den Kunsthändler Victor Darius trifft.

Jonathan Lethem spricht in dem Nachwort von einem „Zauberbuch“. Ja, das ist es, aus dem Bereich der Extraklasse wohlbemerkt! Es berührt die Sinne und offenbart Geheimnisse, von denen du nicht ansatzweise geahnt hast. Gerade zum Ende hin wird es äußerst rasant und skurril. Der Wahnsinn kriecht wie eine Maus aus dem Loch und hängt sich dem Protagonisten ans Hosenbein. Erst jetzt weiß ich, was mit dem Ausspruch gemeint ist: „Ich weiß nicht, warum ich das alles aufschreibe. Wen interessiert es schon? Es gibt keine Action, die dem Leser wacklige Knie machen oder einen Schauer über den Rücken jagen, nichts Nervenaufreibendes, Blutrünstiges, Zähneklapperndes, Haarsträubendes oder Herzergreifendes, um ihn bei der Stange zu halten. Zumindest noch nicht. Aber ich bin auf der Hälfte mit meinem Bericht – wenn überhaupt. Was noch kommt, ist interessant; zumindest glaube ich es.“ Hiermit streiche ich einfach mal das „glaube“, denn es knallt gewaltig. Der Ich-Erzähler schleudert mich aus dem Sitz, später erst, wenn ich nicht damit rechne und noch die Wolken betrachte. Plötzlich weht ein Orkan durch die Seiten, der messerscharf alle Sinne ergreift.

Überraschende Wendungen bringen mich vom Weg ab und jagen meinen Puls in die Höhe. „In Boston?“ ist ein Spaziergang durch alle Genres der Literatur und Jahreszeiten. Es ist verheißungsvoll wie der Frühling, erhitzend wie der Sommer, melancholisch wie der Herbst und fröstelnd wie kalte Wintertage. Russell H. Greenan entführt mich in die Kunstwelt, bringt mich zu den Kunst-Revoluzzern Benjamin Littleboy und Alfred. Jeder hält an seinem Stil fest, hungert lieber, anstatt sich zu verbiegen. Littleboy sucht irgendwann Geld auf der Straße, um seine Familie zu ernähren. Leo Faber, der Dritte im Bunde, vertritt eher das konservative Glied in der Kette, die von tiefer Freundschaft geprägt ist.
Ich sehe jedes Kunstwerk vor mir, so exakt beschreibt der Autor die Bilder und die Ansichten des Künstlers: „Es ist traurig, aber wahr, dass gute Gesichter in der heutigen Zeit eine Seltenheit sind, denn der Wert eines Gesichts hängt von seinem Ausdruck ab, und moderne Züge haben entweder keinen Charakter oder sind von Aspekten geprägt, die dem Auge unangenehm sind.“

Das Buch wird bei mir bleiben, im Regal und im Kopf gleichermaßen. Unsere Begegnung war schicksalhaft. Ich habe den Roman 2007 das erste Mal im Vorbeigehen als gebundene Ausgabe irgendwo liegen sehen. Jetzt fiel es mir durch Zufall wieder ein, wie ein Staubfusel tauchte es unerwartet auf. Es war nur eine logische Schlussfolgerung, dass ich es mir dieses Mal anschaffen und endlich lesen sollte. Welch gute Entscheidung, welch Genuss, welch Glück! Eben ein Zauber.

Russell H. Greenan.
In Boston?
Februar 2010, 400 Seiten, 9,90 €.
Diogenes Verlag.

Der Geschmack von Aufbruch und Abenteuer.

In diesen Roman fällt man wie in ein wärmendes Bett, aus dem man nicht wieder hinaus möchte. „Das Beste von allem“ gehört zu den besten Büchern, die ich in letzter Zeit gelesen habe. Welch’ glücklicher Zufall, dass ausgerechnet meine Lieblingsserie „Mad Men“ den Ullstein Verlag angestoßen hat, diesen Roman aus dem Jahr 1958 jetzt in einer Neuübersetzung herauszubringen. In einer Folge der Erfolgsserie liest der gutaussehende Don Draper in genau diesem Buch, es ist seine Bettlektüre. So steht es auch auf einem Button, der auf dem Cover wie eine goldene Münze schimmert.

Am Anfang herrscht eine Atmosphäre, die ein Prickeln auf der Haut erzeugt. Sie elektrisiert und reißt mich mit. Ich befinde mich nicht mehr in Berlin des 21. Jahrhunderts, sondern fließe im Strom der Berufstätigen im New York vergangener Jahre mit. Rona Jaffe begeistert mich gleich mit dem ersten Satz: „Jeden Morgen um Viertel vor neun sieht man sie: Sie strömen aus dem Schlund des Subway-Tunnels, eilen aus der Grand Central Station und überqueren die Avenues – Lexington, Park, Madison und Fifth -, Hunderte und Aberhunderte junger Frauen. Manche wirken fröhlich, andere missmutig und andere wiederum so verschlafen, als lägen sie noch in ihren Betten.“ Spätestens an der Stelle stehe ich senkrecht und folge dem Geschehen mit wachen Augen, voller Vorfreude, auf das, was kommt.

Es ist das besondere „Mad Men“-Gefühl, das nach Aufbruch und Abenteuer schmeckt. Die Geschichte führt direkt ins New York der fünfziger Jahre und erzählt von fünf jungen Frauen. Sie sind hungrig nach dem Leben und auf der Suche nach dem Glück, das für jede ein anderes Gesicht hat. Caroline will ihre gescheiterte Liebesbeziehung vergessen und strebt danach, eine erfolgreiche Lektorin zu werden. April ist eine große Tagträumerin und verliebt in New York. Mary Agnes plant ihre Hochzeit, Barbara war schon verheiratet und steht nun mit ihrer Tochter allein da, sie teilt sich die Wohnung mit Kind und Mutter. Gregg hingegen träumt von einer Schauspielkarriere. Die blutjungen Frauen treffen sich alle beim großen Fabian Verlag und werden bald zu Weggefährtinnen, die Höhen und Tiefen gemeinsam durchlaufen. Und noch mehr: Alle erliegen dem Zauber, der verlockenden Verheißung, die das Leben und die Großstadt für sie bereithält.

Rona Jaffe fühlt sich in jedes Mädchen ein und lässt sie auf ihrer Bühne tanzen. Mit feinfühliger Hand beschreibt sie die unterschiedlichen Lebensentwürfe. Nicht selten finde ich Parallelen zu mir und meinen Freundinnen. Da ist Carolines Ehrgeiz, der mich an meinen eigenen denken lässt, damals, als ich davon träumte, eine erfolgreiche Journalistin zu werden.

Was für uns heute selbstverständlich ist, war es vor 60 Jahren ganz bestimmt nicht. Rona Jaffe legt Dinge offen, über die man in den fünfziger Jahren geschwiegen hat. Im Nachwort von 2005 schreibt sie:„Damals sprachen Frauen nicht darüber, wenn sie nicht mehr Jungfrauen waren. Sie sprachen nicht darüber, wenn sie ein Verhältnis mit einem verheirateten Mann hatten. Sie sprachen nicht über Abtreibungen. Sie sprachen nicht über sexuelle Belästigung, es gab nicht einmal einen Begriff dafür.“ Nach Interviews mit fünfzig Frauen wurde ihr klar, „dass alle diese Dinge auch im Leben dieser Frauen existierten. Ich dachte, wenn ich einem jungen Mädchen helfen konnte, das in seiner winzigen Wohnung saß und glaubte, mit ihrem Problem allein zu sein, und sich als „gefallenes“ Mädchen betrachtete, dann hätte sich dieses Buch schon gelohnt.“ Und das hat es. Die Autorin greift all die Themen auf, schreibt von lüsternen Chefs, die sich an die jungen Mitarbeiterinnen heranmachen, genauso berichtet sie von einer Abtreibung sowie vom Liebesleben und sie erzählt von Frauen, die selbstbewusst ihren Weg gehen wollen. Frauen, die sich in der harten Männerwelt behaupten, ihren Stolz zeigen und selbstbewusst den Rücken strecken. Sicherlich sind manche Situationen für uns heute ein wenig befremdlich, wie die Bedeutung der Hochzeit, der sehr viel Raum gegeben wird. Oder das Rollenbild der Frau, das nach der Eheschließung feststand: Mann ging arbeiten und Frau blieb daheim. Über das konnte ich hinweglesen und irgendwie gehört es auch dazu: Andere Zeiten, andere Begebenheiten. Trotz der festgesetzten gesellschaftlichen Regeln verströmt der Roman so viel Esprit, der leicht betrunken macht, vor Glück und Abenteuerlust.

Besonders begeistert haben mich die Mädchen, die all das nach draußen tragen, was uns bekannt ist: die unbändige Neugier und das Frische, die Leichtigkeit und das Nachdenkliche, das Naive und die Ernsthaftigkeit. Sie laufen in das Leben so wie es kommt, stürzen manchmal ab, als wären sie junge Vögel, die zu weit geflogen sind. Genau das gehört zum Leben, das Sammeln von schmerzhaften und erkenntnisreichen Erfahrungen, vor denen man vielleicht auch mal erschreckt und sich fragt: „Was habe ich da nur angestellt?“
Obwohl ich mich heute in einer anderen Zeit bewege, ist der Roman nach wie vor noch aktuell, wenn es um die Selbstverwirklichung und die eigenen Träume geht. Für erfahrene Frauen ist es eine Reise in die Vergangenheit, in der die Zukunft noch verlockend wie reife Äpfel an den Bäumen hingen und für die jungen ist es ein Blitz, der leuchtend am Himmel zischt und die eigenen Träume elektrisiert. Sie wollen den Geschmack von Aufbruch und Abenteuer auf ihrer Zunge spüren.

Rona Jaffe.
Das Beste von allem.
Mai 2012, 656 Seiten, 9,99 €.
Ullstein Taschenbuch.

Große Geschichte im Spiegel der kleinen Leute.

Die Angst ist allgegenwärtig. Sie kriecht aus der Geschichte direkt in mich hinein. So sehr ich mich winde, sie bleibt und kommt mir immer näher. Bald krallt sie sich mit ihren Klauen an mich fest. Ich winde mich atemlos und komme zum ersten Mal an einen Punkt, an dem ich mich frage, ob ich ein Hörbuch beenden soll oder nicht. Ich bleibe. Zu groß und wichtig scheint mit „Jeder stirbt für sich allein“ von Hans Fallada, das Ulrich Noethen eindrucksvoll vorliest.

Als Hans Fallada aus einer Gestapo-Akte vom Schicksal eines Berliner Ehepaars erfuhr, schrieb er 1946 in nur vier Wochen „Jeder stirbt für sich allein“. Im Mittelpunkt stehen Anna und Otto Quangel, die im Zweiten Weltkrieg ihren geliebten Sohn, Ottochen, verloren haben. Während Otto Quangel seiner Schwiegertochter Trudel die Nachricht überbringt, keimt in ihm der erste zarte Samen des Widerstandes. In seinem Kopf klopfen Sätze wie: „Dieser verdammte Krieg!“ „Was allein wichtig ist, das ist: Ich muss rauskriegen, was das mit dem Hitler ist. Erst schien doch alles gut zu sein, und nun plötzlich ist alles schlimm. Plötzlich sehe ich nur Unterdrückung und Hass und Zwang und Leid, so viel Leid…“ Otto Quangel hinterfragt erstmalig den Staat und sein Tun, fühlt sich dennoch unfähig zu handeln. Trudel erzählt ihm ganz aufgebracht, dass man etwas dagegen unternehmen muss und sie das im Verborgenen mit einer kommunistischen Zelle macht. Trudel merkt zu spät, dass sie sich verplappert hat und bittet Otto Quangel nichts davon zu sagen. Er verspricht es, hat er sich noch nie was aus Politik gemacht. Und doch sollte dies der Auslöser für einen Plan sein, der sich in ihm breit macht. Im Stillen reift aus dem Samen eine Pflanze, die wächst und größer wird, bis sie in die Höhe schießt und nicht mehr anders kann, als nach draußen zu dringen. Karten will er schreiben und sie verteilen, seinen kleinen Widerstand gegen die Diktatur und den Krieg in die Öffentlichkeit bringen. Dies vertraut er seiner Anna an jenem Sonntag an, als er zum ersten Mal keinen Nachmittagsschlaf hält.

Um die Quangels herum webt Hans Fallada das Schicksal weiterer Menschen aus der Berliner Jablonskistraße wie das der Postbotin Eva Kluge, die sich mit ihrem Ehemann Enno herumplagt. Hatte sie ihn eines Tages aus der Wohnung gejagt, nachdem sie genug hatte von seinen Frauengeschichten und seiner faulen Haut. Enno Kluge ging schon lange nicht mehr arbeiten und sie musste für die Familie sorgen. Interessant und bewegend sind die Wendungen, die sich in dem Buch leise bemerkbar machen. Ich denke dabei an den Kommissar Escherich von der Gestapo, dem der Fall „Klabautermann“ – so bezeichnet er den Schuldigen, der die Postkarten verteilt – zum persönlichen Verhängnis wird.

Der Ton der Geschichte erinnert mich an eine raue, kalte, abgenutzte Wand. Genau das transportiert Ulrich Noethen mehr als mir manchmal lieb ist. Die bissigen Flüche der Regimeanhänger schießen wie Schüsse aus Maschinengewehre in mein Ohr. Schneidende Buchstaben machen mich fast taub und ich muss öfter die Stopp-Taste drücken. Irgendwann sehe ich die Angst nicht nur vor mir, sondern spüre sie in mir, ein stechender Schmerz, den ich nicht abschütteln kann. Ulrich Noethen hat kein Erbarmen, er schießt und schießt. Ich schwanke und verliere den Halt. Durch seine Stimme, die sich meisterhaft in jeden Protagonisten einfühlt, nähert sich mir jede Szenerie und Person, dass ich das Gefühl habe, plötzlich dort drin zu stehen. Jede Nuance bahnt sich ihren Weg. Ulrich Noethen verleiht Falladas Roman eine bewegende, beklemmende Note und mir wird wieder einmal bewusst, wie wichtig Literatur sein kann, vor allem dann, wenn sie mir wie bei dem Hörbuch sehr nah kommt.

Über dieses Werk ist schon viel geschrieben worden und ich wusste, worauf ich mich einlasse, dennoch bin ich überwältig und betroffen, beinah sprachlos. „Jeder stirbt für sich allein“ klärt auf eine besondere Weise über die Schrecken des Zweiten Weltkrieges auf. Nicht nur das. Hans Fallada betrachtet in seinem Roman den Krieg aus der Sicht der kleinen Leute. Das große Ganze zerlegt sich in kleine Teile, die dadurch noch greifbarer und deutlicher herausstechen. Nicht, dass das Schicksal ohne die Bewohner der Jablonskistraße weniger einschneidend ist, nein, aber das Kriegsdrama rückt auf diese Weise noch direkter an mich heran. Dadurch, dass Fallada alle Facetten offenlegt, strömt aus dem Werk eine gewaltige Kraft, der ich mich nicht entziehen kann, so sehr sie aufrüttelt. Ich spüre den Hass, die unerbittliche Systemtreue, den Widerstand und am schlimmsten für mich: das Menschenunwürdige und die Angst. Mein Blut rast durch meinen Körper und ich bin froh, dass ich alldem entkommen kann, wenn ich auf Stopp drücke. In Anbetracht dessen erscheinen mir einige Probleme der heutigen Zeit in einem anderen Licht. Ich bin zutiefst dankbar, dass diese furchtbare Angst nach dem Ende der Geschichte in ihr Loch zurückgekrochen ist. Die Menschen damals konnten das nicht.

Hans Fallada.
Jeder stirbt für sich allein.
Vorgelesen von Ulrich Noethen.
09 Std. 23 Min. (gekürzt), 20,95 €.
audible.de

Der perfekte Liebeskummerroman!

Wenn ich könnte, dann würde ich mit Dominique einen Kaffee trinken, irgendwo in einem Pariser Café. Um uns herum gäbe es ein lautes Stimmengewirr. Ich würde sie fragen, wie es ihr geht und was aus der Sache mit Luc geworden ist. Aber das funktioniert nicht, weil es sich bei Dominique nur um eine Romanfigur von Françoise Sagan handelt. So bleibe ich schweigend zurück, blicke auf „Ein gewisses Lächeln“ von der französischen Schriftstellerin, in dem Dominique von ihrer Affäre mit Luc erzählt. Was für eine mitreißende, sinnliche und tragische Liebesgeschichte, die wieder den typisch französischen Charme versprüht.

Dominiques Leben hat etwas von einem ruhigen See. Die Studentin lebt in den Tag hinein, studiert an der Sorbonne und ist mit Bertrand zusammen. Er ist ihr erster Liebhaber, mit dem sie den Duft ihres Körpers kennengelernt hat. Françoise Sagan entzückt mich mit einer wunderschönen Beschreibung: „Man entdeckt den eigenen Körper, seine Länge, seinen Geruch, immer an den Körpern der anderen – erst mit Mißtrauen, dann mit Dankbarkeit.“ Eine wohlige Zärtlichkeit setzt sich zu mir und haucht ihren sanften Atem aus. Trotzdem nehme ich eine Unruhe in Dominiques weiteren Gedanken wahr, etwa eine bestimmte Sehnsucht, bei der die Füße unruhig hin und her wippen. Die Sehnsucht bekommt bald einen Namen, nur drei Buchstaben: Luc. Er ist der weitgereiste Onkel von Bertrand, der sie mit ihm bekannt macht. Das Eis zwischen den Fremden schmilzt und Dominique weiß sehr schnell: „Er mußte mein Freund werden.“ Das wird er auch, zusammen mit seiner liebenswürdigen Frau Françoise. Beide schließen Dominique ins Herz, sie kaufen ihr sogar einen Mantel, den sie zum Ärger von Bertrand annimmt. Bereits hier zeigt sich, dass Bertrand ein vollkommen anderer Mensch als Dominique ist, so anders, dass ich schon jetzt einen Riss in der jungen Liebe wahrnehme.

Dominique fühlt sich zu Luc hingezogen, „möchte dieses Gesicht“ in ihre Hände nehmen. Ganz zart, wie ein Schneeglöckchen, das sich durch die kalte Erde nach oben kämpft, nimmt die Beziehung zwischen Luc und der Studentin Gestalt an, ohne dass zunächst etwas passiert. Bis Luc ihr eines Abends einen Vorschlag unterbreitet: Er will ein Abenteuer. Dominique fühlt sich zunächst ein wenig überrumpelt: „Ich begann dumm zu lachen. Ich war unfähig zu reagieren.“ Aber Luc, der Charmeur, scharwenzelt um seine Katze, raubt ihr die Angst und spricht aus, was beide verbindet: „In gewisser Hinsicht“, sagte Luc ernsthaft, „gibt es da etwas. Ich will sagen: zwischen uns. Sonst habe ich im allgemeinen für junge Mädchen nicht sehr viel übrig. Aber wir sind vom gleichen Schlag. Ich meine, es wird weder so dumm noch so abgedroschen sein. Und das kommt selten vor. Also denken Sie darüber nach.“

Und so kommt, was kommen muss. Beide nähern sich wie zwei Tropfen aufeinander zu, die zu einem Fleck werden. Luc und Dominique sind Seelenzwillinge, die sich einfach finden mussten. Françoise beschreibt es Dominique so: „Sie haben die gleiche Natur wie Luc. Ihr seid beide etwas unglückliche Naturen, dazu bestimmt, von Venusmenschen wie mir getröstet zu werden. Sie können dem nicht entgehen…“ Während die eine Natur oben schwimmt, in dem Fall Luc, versinkt die andere immer mehr und verliert ihr Herz an diesem Mann, ohne es zunächst selbst wahrhaben zu wollen. Beide verbringen zwei Wochen an der Riviera, zwei glückliche Wochen, aus denen Dominique zum Ende nicht aussteigen möchte und die mehr nach sich ziehen werden, als sie es sich zunächst eingestehen will.

Wenn es einen idealen Liebeskummerroman gibt, dann diesen! Françoise Sagan begibt sich vollkommen in die Lage einer unglücklich Verliebten. Niemals wird es zu rührselig oder schwer, vielmehr sitzt eine Leichtigkeit zwischen den Zeilen und verscheucht das Tragische auf die letzten Reihen. Ich finde eine stille Melancholie, die sich hinter klaren und bildhaften Wörtern versteckt, beinahe so als würde der Mond leise seufzen und den Sternen zu zwinkern.
Die französische Autorin zeichnet auch das Bild einer Affäre, von der man von vornherein weiß, dass es nur einen Gewinner und eine Verliererin gibt. Obwohl ich Dominique nicht als solche bezeichnen möchte, denn sie ist ein Mädchen mit Kopf und Verstand, selbst wenn das Gefühl der Liebe sie zunehmend aufsaugt. Vieles kann ich nachempfinden wie die Worte, die sie anfangs über Luc fallen lässt: „Wahrscheinlich war er der erste Mensch, mit dem ich mich vollkommen wohl fühlte und nicht im geringsten langweilte.“ Vielleicht ist es das, was mich auf besondere Weise an das Buch bindet, denn wie Dominique kenne ich so einen Menschen. Nur hatte ich das Glück, dass ich ihn mir nicht teilen musste. Schade, ich hätte es Dominique gern erzählt. So bleibt mir das gewisse Lächeln, das ich insgeheim auf meinen Lippen aufblitzen lasse.

Françoise Sagan.
Ein gewisses Lächeln.
2011, 144 Seiten, 9,90 €.
Verlag Klaus Wagenbach.

Eine Reise in die Seele der Menschen.

Holz ist das erste Wort, das mir zu diesem Buch einfällt. Das zweite lautet Reise und zusammen ergeben sie: Eine hölzerne Reise. Das mag vielleicht ein bisschen komisch klingen, bisweilen ein Stirnrunzeln erzeugen, doch genau das beschreibt für mich „Winesburg, Ohio“ von Sherwood Anderson. Das Buch ist 1919 erschienen und wurde jetzt von Eike Schönfeld neu übersetzt.

Verwundert ist noch ein Wort, das mir in den Sinn kommt. So fühle ich mich auf den ersten Seiten dieses Klassikers. Die Sätze sind alles andere als geschmeidig. Vielmehr sind sie unruhig, krächzend wie eine Schar schwarzer Raben, die von einem Baum aufsteigen und ihre scharfen Laute in die Luft ausatmen. Der amerikanische Schriftsteller hält mich trotzdem fest, zieht mich mit einem nüchternen Ton und einer unbekannten Form des Geschichtenerzählens in sein bekanntestes Werk.
Sherwood Anderson hat die „interlinking short stories“ erfunden. Bei dieser Gattung gehen der Roman und die Kurzgeschichte eine Symbiose ein, ohne dass sie sich zu nahe kommen. Die Kapitel sind in sich abgeschlossen, können unabhängig von einander gelesen werden, doch sie gehören aufs Ganze gesehen zusammen wie eine Stadt mit vielen Häusern. Darum geht es auch in dem Buch, um eine Ansammlung von Häusern, das Leben einzelner Menschen in Winesburg, Ohio.

Für mich ist es eine Zeitreise in die Vergangenheit, als das Pferd noch zum Hauptverkehrsmittel zählte. Und es ist eine Reise in die Seele verschiedener Menschen. In den meisten Geschichten finde ich eine Tragik, die wie Raureif in den Herzen liegt und durch das Erzählen aus der Tiefe des Schweigens nach oben getragen wird. Ich denke da an Wing Biddlebaum in „Hände“. Anderson beschreibt den Protagonisten so exakt, dass sich mir gleich danach ein Bild von einer alten Trauerweide formt: „Wing Biddlebaum, ständig verängstigt und verfolgt von einer gespenstischen Gedankenschar, betrachtete sich in keiner Weise als Teil des Lebens dieser Stadt, in der schon seit zwanzig Jahren lebte.“ Ich horche auf. Was mag mit diesem Mann passiert sein? Die Hände, es sind die Hände, die sein Schicksal gelenkt haben. Das verrät der Autor vor Beginn der Geschichte und später in der Erzählung selbst. Die Kapitel-Überschriften sind ein verlässliches Mittel, an denen ich mich festhalte. Sie sind klar, präzise, halten stets ihr Wort und fungieren als Namenschilder, die vor jedem Haus unter dem Klingelschild angebracht sind.

Oberflächlich gesehen sind die meisten Personen verrückt. In ihnen scheint der Teufel zu tanzen, wenn ich zum Pfarrer Curtis Hartman in „Die Kraft Gottes“ schaue. Er entdeckt eines Sonntagmorgens im oberen Zimmer des Nachbarhauses eine junge Dame, die rauchend in ihrem Bett ein Buch liest. Diese Szene hat etwas leicht Verwegenes, bei dem die Neugier wie eine Fontäne empor schießt. Den Pastor erfasst sofort eine Lawine an wilden Gedanken: „Bei der Vorstellung einer rauchenden Frau packte ihn Entsetzen, und er zitterte bei dem Gedanken, dass sein Blick, nachdem er ihn vom Buch Gottes erhoben hatte, auf die bloßen Schultern und den weißen Hals der Frau gefallen war. Ganz schwindelig im Kopf ging er hinab auf die Kanzlei und hielt eine lange Predigt ohne auch nur einen Gedanken an seine Gebärden oder seine Stimme.“

So wie der Pfarrer verlieren die Personen in den Episoden für Momente den festen Halt, taumeln unsicher durch ihr Dasein, werden hin- und hergeschaukelt wie auf stürmischer See. Je weiter ich in die Erzählungen eintauche, um so mehr stellt sich heraus, dass die Menschen nicht verrückt sind, sondern einsam, verloren und melancholisch. Und in alldem bleibt es still, es kommt kaum zu großen explosionsartigen Ausbrüchen. Bei manchen setzt die Erkenntnis ein, der Gedanke an Flucht packt sie, doch die verdampft schneller im Boden als sie sehen können. Nur einem Stadtbewohner gelingt der Wendepunkt: George Willard, der junge Reporter beim „Winesburg Eagle“. Das überrascht mich nicht, denn in ihm finde ich die frische Lebendigkeit, die den meisten im Laufe der Jahre abhanden gekommen ist. George Willard taucht übrigens in jeder Geschichte auf, wie eine Fliege summt er durch alle Lebenshäuser. Wer ist George Willard? Vielleicht der Autor selbst?

Und was bleibt mir am Ende meiner hölzernen Reise? Viel mehr als ich zunächst dachte. Sherwood Anderson gelingt es trotz seines eigenwilligen Stils, mich zu fangen. Ich, die sonst nur in wunderschönen geschriebenen Werken aufblühe, erwache auch hier und strahle. In der Editorischen Notiz heißt es: „Winesburg, Ohio ist ein sprödes Werk, sprachlich passend zu seinen ungewöhnlichen, schweigsamen oder um Worte ringenden Akteuren – ein Werk der Abweichung.“ Besser hätte ich es nicht schreiben können.

Sherwood Anderson.
Winesburg, Ohio.
2012, 299 Seiten, 21,95 €.
Manesse Verlag.