Archiv der Kategorie: Kinder- und Jugendbuch

Zauberhaftes Gruselwittchen.

Die böse Königin hat mir meine Worte gestohlen und mich sprachlos zurückgelassen. Nun sitze ich gefangen im Käfig, starre ängstlich den Pfau an, in den sich die Königin verwandelt hat, und höre Kieselsteine auf den Boden fallen. Das Herz scheint zu zerspringen, so heftig klopft es in meiner Brust. Verzweifelt suche ich die Kieselsteine, will sie greifen und die Feindin damit bewerfen, doch ich erkenne, dass es sie gar nicht gibt. Es sind meine klappernden Zähne, die sich so anhören. Ich atme tief durch und versuche zu entkommen, aber es gelingt mir einfach nicht, denn Benjamin Lacombe hält mich mit seinen Bildern fest und zieht mich immer tiefer in den dunklen Märchenwald.

Selten habe ich solch eine Anziehungskraft aus dem Märchen gespürt wie bei diesem Buch, das der Jacoby & Stuart Verlag publiziert hat. Krallen verhindern meine Flucht und halten mich fest. Benjamin Lacombe hat „Schneewittchen“ von den Gebrüdern Grimm eindrucksvoll und einmalig illustriert. Es existieren bereits viele Versionen zum Märchen, doch diese ragt aus allen heraus wie ein fein geschliffener Diamant, der funkelt und funkelt. Für mich sind das nicht einfach nur Illustrationen, sondern wahre Kunstwerke, bei denen man erstarrt – vor Schrecken und vor Bewunderung zugleich. Zu bezaubernd, zu schön und zu dämonisch sind die Bilder, denen etwas Magisches innewohnt. Sie erheben sich wie Vögel aus dem Buch und fliegen in die Augen des Betrachters, der bald nicht anders kann, als sich von ihnen mitziehen zu lassen.

Die Worte spielen hier nur eine Nebenrolle und lassen damit den Bildern genügend Raum, sich zu entfalten. Auf diese Weise schwebt der Text sachte hinaus wie kleine Atemwölkchen, die das Märchen erzählen. Bislang haben mir immer sanfte Bilder den Schrecken genommen, Benjamin Lacombe hingegen stellt das Grauen direkt und kunstvoll dar. Er vereint in seinem Buch vielseitige Formen und entführt mich in einen verwunschenen Märchenwald, der das Geheimnisvolle, Verzauberte und Unheimliche ausatmet. Es gibt nichts, was es nicht gibt. So wechseln sich die Farbtöne ab und reflektieren die jeweilige Stimmung. Lacombe nutzt die Farben als Sprachrohr, wechselt vom unschuldigen Hell ins Angst einflößende Dunkel. Egal, wie weich die Formen und Figuren sind, überall erhebt sich ein Schaudern, das mich zutiefst erschreckt. Weiße Kaninchen blicken mich mit leuchtend-roten Augen an, die Zwerge sind alte, seltsame Wesen, die mir nicht das Herz öffnen, der rote Apfel hinterlässt rote Spuren an Schneewittchen, als würde es bluten und die böse Königin hat fauchende Schlangen auf der Schulter, deren Anblick das Blut zu Eis gefrieren lässt.

© Bilder: Benjamin Lacombe

Einerseits bin ich fasziniert von den fantastischen Bildern, andererseits sitzt mir die Angst im Nacken. Ich spüre ihren Atem und zittere wie Espenlaub. Die böse Königin schaut mir hasserfüllt ins Gesicht, zieht jeden Mut aus mir heraus und lässt meine Haut zusammenkräuseln. Ja, ich übertreibe nicht, wenn ich sage, Benjamin Lacombe lehrt mich das Fürchten und begeistert mich trotz aller Grausamkeit. Das Märchen ist düster und bleibt es mit Lacombes Bildern. Einige Szenen stellt der Franzose sogar mit Bleistiftzeichnungen dar und erreicht trotz der Farblosigkeit eine eindringliche Stimmung, die mich magisch anzieht und kleine Details gestochen scharf zeigen. Ich denke hierbei an die mächtigen Bäume im Wald, deren Äste wie durchtrainierte Muskeln aussehen, so stark stechen sie hervor.

Dieses Buch ist ein Meisterwerk, das ich mir am liebsten an die Wand hängen möchte! Besonders ein Bild hat es mir angetan: Das sehnsuchtsvolle Schneewittchen, das in den giftigen, roten Apfel beißt. Über zwei Seiten erstreckt sich diese Szene und bekommt somit eine besondere Eindringlichkeit. Ein Seufzer steigt aus den Tiefen meiner Seele nach draußen und legt sich um das beschützenswerte Schneewittchen.

Einige von euch werden sich jetzt bestimmt fragen: Gehört dieses Buch in ein Kinderzimmer? Bei der Frage bin ich ein wenig verunsichert. Die Bilder – so sehr sie mich faszinieren – sind sehr düster und furchterregend. Wenn ich als großes Mädchen schon die Angst im Nacken spüre, wie soll es dann einem kleinen Mädchen gehen? Also lege ich die Entscheidung in die Hände der Eltern. Eins weiß ich dafür auf jeden Fall: Ich bin begeistert von all dem kunstvoll dargestellten Bösen und empfehle es allen großen Kindern! Selten habe ich dem Grauen so direkt ins Gesicht geschaut und so nah gespürt. Sprachlos bleibe ich bis zum Schluss, aber ich konnte der bösen Königin zum Glück entkommen. Meinem geliebten Prinzen sei Dank!

Jacob und Wilhelm Grimm (Autoren) und Benjamin Lacombe (Illustrator).
Schneewittchen.
2012, 48 Seiten, 17,95 €.
Altersempfehlung ab 5 Jahren.
Jacoby & Stuart.

Eine bärenstarke Traumwelt.


Es ist lange her, dass ich mich in einem Bilderbuch verloren habe. Viel zu lange schon. Als großes Kind kehre ich gern in die vertraute Welt zurück. Dort, wo Buchstaben in die Ecke huschen, die Illustrationen den ganzen Raum einnehmen und sich vor meinen Augen ein Kino aufbaut. Bislang waren die Bilder meist bunt und hoffnungsfroh, verspielt oder übermütig, dieses Mal jedoch nicht, denn „Mias Traumbär“ springt aus der Reihe. Der koreanische Autor Beong-gi Bae und die Illustratorin Seung-min Oh haben ein sehr nachdenkliches Bilderbuch über Einsamkeit und Armut geschaffen.

Mia ist unsere kleine Heldin. Sie lebt in einer großen Stadt, ziemlich weit draußen und hat es nicht leicht. Sie ist ganz allein zu Hause. Es gibt kein Spielzeug, mit dem sie sich beschäftigen kann, einzig ein Bilderbuch, in das sie eintaucht und die Dunkelheit draußen vergessen lässt. So kuschelt sie sich in den „weinroten Pullover“ der Mutter und trifft den großen, weißen Bären. In dem Buch besucht er ein Mädchen und verbringt mir ihr gemeinsam “den schönsten Tag ihres ganzen Lebens”. Als Mia zum wiederholten Male das Buch von vorn durchblättert, bleibt sie an ihrer liebsten Stelle stehen, und zwar dort, wo der Bär das Mädchen in den Arm nimmt. Da steigt ein sehsuchtsvoller Wunsch aus ihrem Herzen nach draußen und sie sagt: „Ach, wenn ich doch auch so einen Freund hätte…“ Je mehr sie sich in das Bild vertieft, um so mehr glaubt sie, dass er neben ihr steht. Genau das macht der Bär auf der nächsten Seite. Groß und weich steht er vor dem Mädchen, begrüßt Mia ganz herzlich. Gemeinsam begeben sie sich auf eine abenteuerliche Reise, die nicht in eine andere Welt führt, sondern nur ein Ziel hat: Mias Mama nach Hause zu holen.

© Bilder: aracari verlag.

Mit sanfter Hand erzählen der Autor und die Illustratorin eine Geschichte, die viel mit mir anstellt. Nachdenklich streife ich über die ersten Seiten, die von Kälte und Dunkelheit fast verschluckt werden. Dunkelgraue und tiefbraune Farbtöne drängen sich in den Vordergrund, so dass selbst die Katze auf der Tonne fast mit dem Hintergrund verschwimmt. So dominant das Dunkle auf dem ersten Blick scheinen mag, es gewinnt nie an Oberhand. Jedes Bild überrascht mit besonderen Lichtpunkten wie die hell erleuchteten Buchseiten, der schöne weinrote Pullover und natürlich der große Bär, der sofort eine wohlige Wärme und Gemütlichkeit verströmt. Er ist so groß, dass er stellenweise fast eine ganze Seite einnimmt und in mir den Wunsch weckt, mich an ihn zu schmiegen und getragen zu werden. Die beiden erleben allerhand Abenteuer, bei denen ich das Dunkle vergesse, lächle und vollkommen verzaubert bin. Ein pelziges Wesen auf dem kalten Taxi sitzen zu sehen, entlockt mir ein verzaubertes Lächeln. Genauso schön ist es, als ich die beiden im Zug entdecke. Viele kleine Fenster und in einem sehe ich Mia mit ihrem großen Freund. Bewegend hingegen ist das Wiedersehen mit der Mutter, die ihre Tochter so sehr im Arm hält, dass selbst ich die Umarmung spüren kann. Auch die Begegnung mit dem trinksüchtigen Vater hinterlässt eine große Nachdenklichkeit.

„Mias Traumbär“ ist eine zauberhafte Reise, die sich sehr feinfühlig und poetisch mit brisanten Themen wie Armut und Einsamkeit beschäftigt. Der Autor und die Illustratorin schauen nicht weg, sondern konfrontieren ihre Leser direkt, von Angesicht zu Angesicht. Dennoch erdrücken sie mich nicht, dafür ist das Weiche zu mächtig, das mich in den großflächigen Zeichnungen auffängt. Irgendwann spüre auch ich so etwas Warmes auf meiner Hand. War das etwa die Tatze vom großen weißen Bär? Oder einfach nur ein Traum? Nun, die Antwort weiß ich nicht. So ist es wohl, wenn die harte Realität mit der weichen Traumwelt zusammentrifft.

Beong-gi Bae, Seung-min Oh.
Mias Traumbär.
August 2011, 36 Seiten, 14,90 €.
Altersempfehlung: Ab 5 Jahren.
aracari verlag.

So gar nicht mittelmäßig.

Ich bin verzaubert, ja, so richtig verzaubert! Nicht etwa vom großen Herrn Copperfield, sondern vom kleinen Alexander. Wie hat er das nur angestellt?

Alexander ist der Held aus dem Kinderbuch „Supermittelmäßig“, das Susie Morgenstern geschrieben hat und von Claude K. Dubois illustriert wurde. Der kleine Junge hat es nicht gerade leicht, denn er ist „weder groß noch klein. Er ist einfach nur mittelmäßig, supermittelmäßig“, das behauptet er von sich und kann sich damit nicht anfreunden. Alexanders Kopf ist stets woanders, nur nicht da wo er sein sollte. So schaut er viel lieber aus dem Fenster, als dem Unterricht zu folgen. Nie hat er eine Antwort parat, wenn ihn die Lehrerin fragt. Immer kriecht ein „Weiß ich nicht“ aus seinem Mund, weil er nicht aufpasst. Beim Sport geht es ihm nicht besser, ständig verwechselt Alexander den rechten mit dem linken Fuß. Eigentlich ist Alexander gar nicht schlecht beim Sport, aber ich habe eins vergessen, zu erwähnen: „Er ist einfach nur mittelmäßig, supermittelmäßig.“ Nein, nicht ich wiederhole mich, sondern Alexander. Er beharrt auf sein „supermittelmäßig“, trägt es wie ein Schild mit sich herum und gibt dieses Wort einfach nicht her. Trotzdem – oder gerade deshalb – hat Alexander nur einen großen Wunsch: „Wie gern wäre er ab und an ein bisschen besser als der Durchschnitt.“

Ihr ahnt es sicherlich, ja, mein Mitgefühl wächst mit jeder Seite: Ich möchte Alexander in die Arme nehmen und ihm dieses Wort entreißen. Doch das brauche ich gar nicht, weiß er es doch eines Tages selbst: „Er beschließt, sich mehr anzustrengen! Er will versuchen, die Grenze der Mittelmäßigkeit zu überschreiten – und sei es nur ein winziges bisschen.“ Ein Gedanke hat ihn dazu gebracht, nämlich der, dass er nur ein Leben hat. Ganz schön weise der Kleine. Wie er das anstellt, ist so hinreißend, dass ich mit jeder Seite diesen Jungen noch mehr in mein Herz schließe und am Ende verzaubert bin. Gut, man muss an dieser Stelle auch seinem Patenonkel danken, der ihm eines Tages etwas nach Hause liefert, was sein Leben verändert und zeigt, was für ein Wunderknabe in Alexander steckt. Und auch Alexanders Lehrerin leistet einen großen Beitrag, indem sie ihren Schülern interessante Aufsatzthemen aufgibt, die zum Nachdenken anregen.

Susie Morgenstern und Claude K. Dubois haben ein großartiges Kinderbuch kreiert, das den großen Tiger weckt, den Mut anschubst und einfach sehr glücklich macht. Die Sätze und Illustrationen gehen Hand in Hand und wickeln mich um den kleinen Finger. Die Zeichnungen sind zart und ein wenig verwaschen, sie haben etwas Verträumtes und zeigen mit so viel Charme unseren kleinen Helden in verschiedenen Situationen. Ich weiß nicht, wie oft ich gelächelt habe, aber es waren viele entzückende Momente. Alexander über die Schulter zu schauen, erinnerte mich an das Auspacken von Geschenken. Eine kleine Überraschung reiht sich an die nächste und in alldem steckt ein Topf mit Weisheit, aus dem ich geschöpft habe.

Susie Morgenstern schreibt, wie es Kindern gefällt, ein bisschen frech, gerade heraus und auf eine Weise liebenswert. Hier und da streut sie philosophische Gedanken ein, die zum Nachdenken anregen und einen gewissen Aha-Moment schenken. „Supermittelmäßig“ verscheucht Schlechtwettertage und zeigt, dass in jedem von uns etwas Großes steckt, wenn man nur… Nein, das werde ich natürlich nicht verraten, das ist deine Aufgabe, lieber Alexander!

Susie Morgenstern, Claude K. Dubois.
Supermittelmäßig.
Februar 2012, 64 Seiten, 10,- €.
Altersempfehlung: 8 bis 10 Jahre.
Boje Verlag.

Budde mit witziger Schnudde!

Es ist das kleinste Buch, das ich bisher gelesen habe und trotzdem hat es die Kraft eines großen. Nicht etwa, weil ich dort eine tiefe Weisheit finde, die mir erhaben zulächelt. Nein, es ist einfach herrlich witzig und ab sofort meine liebste Einschlafgeschichte. Genau darum geht es nämlich in dem Pixi „Flosse, Fell und Federbett“ von Nadia Budde. Hier dreht sich alles ums Einschlafen oder besser gesagt um das Nichteinschlafenkönnen.

Die erste Seite bringt es auf den Punkt: „Kannst du abends gar nicht schlafen und die Sache mit den Schafen funktioniert nicht mehr bei dir… … dann probier ein andres Tier!“ Ich blicke in die großen Augen eines Teddybären, der mit seinem riesigen Kopf ein bisschen gruselig aussieht und halte mich lieber an den kleinen Jungen auf dem Bett fest, obwohl er mich etwas verunsichert, so wie er mich anschaut. Er ist solch ein Junge, vor dem ich als kleines Mädchen immer abgehauen bin, weil ich ahnte, dass als Nächstes irgendwas passiert. Links in der Ecke hocken die Schafe, jedes trägt eine Nummer. Also flüchte ich lieber gleich auf die nächste Seite und werde dort vor die Entscheidung gestellt: „Ohne Zählen kannst du wählen zwischen Flosse, Flügel, Fell… entscheide dich schnell!“ Herrje! Da rattert es mächtig in meinem Kopf, jedes Tier sieht wirklich lustig aus und welches mag ich nun lieber? So blättere ich weiter, mein Lachen wird immer lauter, bis es auch die Lampe neben dem Bett erreicht und wir beide anfangen zu wackeln.

Nadia Budde macht etwas ganz Wunderbares! Sie begegnet einer ernsten Sache so wie es die Kinder gern haben: Mit einem lauten Lachen und einem Schelm, der an den Haaren zieht. Statt lange Sätze zu gebrauchen, nutzt sie Wortspiele, die sich reimen wie „Hasen rasen“ oder „Motten trotten“. Lustige Illustrationen verleihen der Geschichte ein wunderbar verrücktes Gesicht. Während die Wörter noch in den Augen kleben, wischen die vielen Bilder dazwischen und verscheuchen die Angst vor dem Nichteinschlafenkönnen. Nach dieser Lektüre, liebe großen und kleinen Kinder, werdet ihr ganz schnell die Äuglein schließen und lächelnd ins Traumland fliegen. Ich gebe mein Ehrenwort!

Das Pixi gibt es übrigens auch in Buchform. Erschienen ist es beim Peter Hammer Verlag und kostet 12,90 €. Das Pixi findet ihr mit Glück in einer Buchhandlung. Nehmt am besten die ISBN 978-3-551-05004-5 mit. Einzeln kann man Pixis nicht bestellen, weil es die immer in einer großen gemischten Verpackungseinheit gibt, die die Buchhändler einkaufen. Wenn ihr direkt bei Pixi stöbern wollt, dann schaut mal hier vorbei, da habe ich den Titel für euch entdeckt. Ich möchte an dieser Stelle der Weihnachtsfee Christin für dieses schöne Büchlein danken!

Als ein großer Autor ein kleiner Junge war.

Als ich ein kleines Mädchen war, kannte ich Erich Kästner noch nicht. Als ich ein mittelgroßes Mädchen war, dachte ich, ich bin nicht mehr klein genug für seine Kinderbücher. Und nun, wo ich ein großes Mädchen bin, taucht er plötzlich wieder auf und ich weiß: Jetzt möchte ich die Bekanntschaft mit dem Schriftsteller machen. Also habe ich sein persönliches Werk „Als ich ein kleiner Junge war“ aufgeschlagen und wurde wieder zu einem kleinen Mädchen mit großen, neugierigen Augen. Wie im Flug habe ich in einem grauen Wintermonat die grimmigen Gesichter um mich herum in der S-Bahn vergessen, stattdessen lauthals gelacht und die miese Laune wettgemacht.

Erich Kästners Worte haben einen feinen Witz, wie kleine Spiralen, die mit dem Wind spielen. Nein, da kann ich nicht lange ernst bleiben. Obwohl Kästner viele ernste Themen anschneidet wie die Armut in seiner Kindheit oder das mühevolle Leben in einer Zeit, als die Schüler noch von den Lehrern geschlagen wurden. Dennoch wird es in dem schmalen Band niemals zu düster, seiner schmunzelnden Feder sei Dank! Wie der junge Erich mit seiner Mutter auf Wanderschaft ging, so stolzierte ich durch die ersten Lebensjahre dieses Autors und lerne durch kleine Geschichten auch seine Vorfahren kennen.
Erich Kästner ist mit dem Werk ein wunderbares Stück Kindheitserinnerungen gelungen, es hat mir den Autor sehr nah gebracht und nicht nur das: Ich habe den gebürtigen Dresdner ins Herz geschlossen und weiß nun: Für die Kinderbücher von Erich Kästner ist man nie zu alt.

Erich Kästner.
Als ich ein kleiner Junge war.
2003, 208 Seiten, 7,90 €.
Altersempfehlung: 10 – 12 Jahre.
dtv.

Wie ich zu Frau Klappenquietsch wurde.

Puschimuschi gibt es nicht, zumindest nicht bei Tomi Ungerer. Das sagte er kürzlich in einem Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung. Puschimuschi heißt im Ungerer-Jargon: Heile-Welt-Mist. Man solle den Kindern zeigen, was los ist. Wie so eine Ungerer-Welt aussieht, wollte ich genau wissen und habe mir das Tomi Ungerer Kinderbuch Schatzkästlein nach Hause geholt. Anlässlich seines 80. Geburtstages hat der Diogenes Verlag einen Schuber mit vier Ungerer Kinderbuch-Klassikern herausgebracht.

Was für eine liebevoll gestaltete Buchkassette! Ich habe noch nicht mal ein Buch herausgeholt und rieche den herrlichen Duft von glücklichen Papier. Die Sammlung enthält „Die drei Räuber“, „Der Mondmann“, „Papa Schnapp und seine noch-nie-dagewesenen Geschichten“ und „Crictor, die gute Schlange“. Gute Feen gibt es keine, dafür bemerkenswerte Wesen, die komische Sachen veranstalten. Nehmen wir zum Beispiel die drei grimmigen Räuber. Sie versetzen die Menschen in Angst und Schrecken, weil sie sich nachts auf die Lauer legen und Kutschen überfallen. Nicht auf die sanfte Tour, sondern auf sehr gemeine Art und Weise. Den Pferden blasen sie Pfeffer in die Nüstern, dann zertrümmern sie die Wagenräder, schnappen sich die Beute und eilen zurück in ihr Versteck. Auf einem ihrer Beutezüge treffen sie auf ein trauriges Waisenmädchen, das zu seiner wunderlichen, alten Tante soll, was dem Mädchen gar nicht gefällt. Deshalb ist die Freude groß, als Tiffany den Räubern begegnet. Weil in der Kutsche nichts weiter zu holen ist, nehmen die Räuber Tiffany mit, bereiten dem Mädchen ein warmes Bett. Am nächsten Tag entdeckt Tiffany all die Schätze und fragt die Räuber: „Was macht ihr denn damit?“ Verblüfft stellen die drei fest, dass sie sich darum bislang keine Gedanken gemacht hatten. Vollkommen begeistert von Tiffany machen sich die drei Räuber auf die Suche nach weiteren unglücklichen Waisenkindern.

Was mag man angesichts dieser Geschichte denken? In jedem Menschen steckt auch eine gute Seite? Das Böse ist nur so lange böse, bis es auf das Gute trifft? Es klappen einige Fragen auf und so unheimlich die Räubergeschichte auf der einen Seite auch ist, so menschlich und liebenswert ist sie auf der anderen.
Besonders skurril ist „Crictor, die gute Schlange“. Hier nimmt mir Tomi Ungerer die Angst vor Schlangen. Madame Louise Bodot erhält von ihrem Sohn, ein Reptilienforscher in Brasilien, eines Tages ein seltsames Geschenk. Als sie das runde Päckchen auspackt, erschreckt sie, kreischt, da sie plötzlich ins Gesicht einer Schlange schaut. Nach dem ersten Schock macht sich die Madame auf den Weg in den Zoo, um sich zu erkundigen, was für ein Exemplar dieses Tier ist. Nicht, dass sie am Ende noch giftig ist. Als Madame Louise Bodot erfährt, dass es sich hierbei um eine ungefährliche Boa Constrictor handelt, ist sie erleichtert und verpasst der Schlange den Namen Crictor. Liebevoll gibt sie ihr die Flasche, richtet es ihr schön ein, kauft sogar extra eine Palme und zieht sie groß. Auf jeder einzelnen Seite erwartet mich eine neue Überraschung, über die ich herzlich lache und staune. Ehe ich mich versehe, schrumpft mein Unbehagen diesem unheimlichen, exotischen Tier gegenüber.

Ungewöhnlich geht es auch im nächsten Buch zu. „Papa Schnapp und seine noch-nie-dagewesenen Geschichten“ enthält wundersame Geschichten, die unerhört gut, ironisch, witzig und schräg sind. Gleich am Anfang stoße ich auf Karl Kasimir Karnickel, der verbotenerweise angelt. „Wen kümmert’s? Im See sind keine Fische.“ Was? Wie? Möchte ich laut rufen. Ist das denn möglich? Bei Tomi Ungerer schon. Dort gibt es auch Frau und Herrn Kabuddel, die sich ein neues Nest kaufen und leider enttäuscht werden, weil ihr neues Heim schon nach einer Woche auseinanderfällt. „Das hat man nun davon, wenn man anfängt, Geld auszugeben“, überlegte Herr Kabuddel. Ziemlich verrückt sind die kleinen Geschichten, sehr unterhaltsam, frech und ein bisschen verdreht wie die Namen der vielen Helden: Sir Schicky Schenkelson, die Gebrüder Ohrentaub, Fester, Fister, Faster und Foster, Balduin Brösel und und und. Dabei kräuselt sich die Nase und ein Quietschen kriecht aus meinem Hals nach draußen. Frau Klappenquietsch wäre an dieser Stelle ein passender Name für mich.
Ein bisschen Wehmut steigt aus dem vierten Band „Der Mondmann“. Ihm ist es in seiner silbernen Wohnung am Himmel langweilig. Von dort oben sieht er auf der Erde all die tanzenden Menschen und möchte auch dorthin. Also springt er eines Nachts auf einen Komet und landet auf der Erde. Leider ist es dort unten nicht so herzlich, wie er vermutet hat und wird er erst einmal ins Gefängnis gesteckt. Traurig sitzt er in der Zelle und denkt darüber nach, warum die Menschen ihn so grausam behandelten. Doch plötzlich geschieht ein Wunder, denn der Mondmann durchlebt – wie wir alle wissen – Mondphasen. Und siehe da, erst verschwindet die eine Hälfte, bald die andere und der Mondmann kann seinen großen Traum weiterleben…

Die Reise durch die Kinderbuch-Welt von Tomi Ungerer ist eine einzigartige. Die Geschichten strecken gern die Zunge raus und schrecken nicht vor dem Frechen zurück. Warum soll man das auch verstecken? Die Linien meiden das Geradlinige und entführen mich in schräge Gefilde. Der Autor erzählt mit wenigen Sätzen und nutzt dafür seine Illustrationen, die genial und unterschiedlich sind wie Tag und Nacht. An einigen Stellen bedient er sich sparsam mit Farben und lässt dafür die Figuren ganz allein für sich sprechen. „Crictor“ beispielsweise lebt von Bildern, die sehr zart, fein sind und auf wenigen Millimetern etliche Details enthalten, die man nicht mit einem Blick erhascht. Kräftiger und einnehmender sind im Gegensatz dazu sind die Illustrationen in „Die drei Räuber“. Sogar aus den Bildern stampfen die Furcht und das Unheimliche an den Leser heran. Da beschleunigt sich die Pulsfrequenz ganz automatisch, doch keine Angst, das legt sich relativ schnell, spätestens dann, wenn die reizende Tiffany auftaucht. Ja, es gibt in der Kinderbuch-Welt von Tomi Ungerer jede Menge zu entdecken, sodass ein einmaliges Lesen nicht ausreicht, um in die Geschichten einzutauchen. Und ganz ehrlich: Nur einmal lesen möchte ich die Geschichten nicht, dafür entzücken sie mich viel zu sehr. Ein pures Bad in Lebensfreude! Puschimuschi ist hier wahrlich fehl am Platze, dafür gesellen sich großes Staunen und lautes Lachen dazu. Tomi Ungerer begeistert nicht nur die kleinen Leser, auch große werden mit seinen fantastischen Kinderbüchern unvergessliche Lesestunden erleben.

Tomi Ungerer.
Das Tomi Ungerer Kinderbuch Schätzkästlein: Die drei Räuber. Der Mondmann. Papa Schnapp. Crictor.
Oktober 2011, 152 Seiten, 19,90 €.
Altersempfehlung: 4 – 7 Jahre.
Diogenes Verlag.

Mein Weihnachts-Spezial: Empfehlungen und ein Buchpaket gewinnen.

Ein Blick auf den Kalender verrät mir, in einigen Tagen ist Weihnachten. Das Fest der Liebe und Geschenke. Weil es in meinen Fingern kribbelte, in meinem Kopf ratterte und ich einige Ideen hatte, habe ich auch wie bereits im vergangenen Jahr Anregungen für euch.

Zu schön waren die diesjährigen Begegnungen, als dass ich all die feinen Entdeckungen für mich behalten möchte. Auf anderen Literaturblogs bin ich auf interessante Bücher gestoßen und habe sie mitgebracht. Sie reihen sich zu meinen persönlichen Lesetipps. Dieses Mal gibt es eine kleine Neuheit: Ich breche teilweise aus der Literaturwelt aus und stelle Dinge vor, die mir eine Herzensangelegenheit sind. So ist eine ziemlich lange Liste entstanden.

Mit meinem Geschenke-Spezial möchte ich mich auch bei euch bedanken, für eure Treue und den gemeinsamen Austausch. Es ist immer wieder eine Freude, die Literaturwelt mit euch zu teilen. Und weil ich genauso gern verschenke wie ich Geschenketipps verteile, verlose ich ein Buchpaket. Verratet mir einfach im Kommentarfeld, welche Bücher ihr dieses Jahr verschenkt. Einsendeschluss ist der 26.12.2011. Am 27.12.2011 gebe ich dann den glücklichen Gewinner oder die glückliche Gewinnerin hier bekannt. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Viel Glück und Freude beim Stöbern wünscht,

eure Klappentexterin.

_______________________________________________________

Beginnen möchte ich mit den Entdeckungen auf anderen Literaturblogs. Wenn ihr auf den jeweiligen Namen des Blogs klickt, gelangt ihr automatisch zu den ausführlichen Rezensionen. Ein Dankeschön sende ich hierbei an meine geschätzten LiteraturbloggerInnen-Nachbarn: Ada Mitsou, Ailis, caterina, nantik, Mariki, Svenja und flattersatz.

Entdeckt bei My Crime Time.
Für Wissensdurstige.

“Eschbach breitet unglaubliche Weltenkonstrukte vor seinen Lesern aus und nimmt sie mit auf eine Reise voller faszinierender und auch erschütternder Zukunftsvisionen, die derart spannend sind, dass ich das Buch einfach nicht aus der Hand legen konnte. Und dann erst all das Wissen, das er da von sich gibt und geschickt in die Geschichte einbindet!”

Andreas Eschbach: Herr aller Dinge, 2011, 22,- €, Bastei Lübbe.

Entdeckt bei Ada Mitsou liest…
Bemerkenswerte Alltagsgeschichten.

“Sonja Heiss greift Themen des Alltags auf und macht aus ihnen etwas Bemerkenswertes. In zehn Geschichten erzählt sie von einer tragischen Familienplanung, von genervten Töchtern und besorgten Eltern, der Trauer um ein vereinsamtes Familienmitglied, den großen Plänen, die man doch nie umsetzt und dem Gefühl, es dem anderen nie recht machen zu können.”

Sonja Heiss: Das Glück geht aus, 2011, 9,95 €, bloomsbury.

Entdeckt bei Bücherwurmloch.
Ein Meisterwerk.

“Virtuos und mit Fingerspitzengefühl dirigiert Carmen Bregy in Nicolas schläft ein Orchester aus Worten, das eine zarte, unendlich schöne und sehr traurige Melodie spielt. Man muss ganz leise sein und genau hinhören. Dies ist ein Roman, der klingt, der flüstert und singt, metrisch ist er und sehr poetisch. »Nicolas schläft« ist ungeheuer kraftvoll, dicht, lyrisch und gefühlvoll – eine Entdeckung!”

Carmen Bregy: Nicolas schläft, 2011, 15,90 €, Limbus Verlag.

Entdeckt bei Ailis’ Leseturm.
Mit Charme und Herz.

»Der Poet der kleinen Dinge« ist wieder so zauberhaft ehrlich, unprätentiös und liebevoll in seinen Schilderungen wie »Das Labyrinth der Wörter«. Diese Geschichte hat so viel Charme, so viel Wärme und am Ende auch noch einen Hoffnungsschimmer – es ist großartig! Marie-Sabine Rogers Figuren nehmen kein Blatt vor den Mund, sie sind freiheraus und ehrlich, und dabei sehr liebenswert.”

Marie-Sabine Roger: Der Poet der kleinen Dinge, 2011, 18,99 €,
Hoffmann und Campe.

Entdeckt bei aus.gelesen.
Eine starke Frau.

“Ein farbenprächtiger, fesselnder Roman aus der Anfangszeit der Sandinistischen Befreiungsbewegung in Nicaragua, der mit viel poetischer Kraft an die kulturellen Wurzeln des Landes erinnert und der die von Zweifel, Angst und Entschlossenheit geprägte Annäherung einer jungen Frau an die Befreiungsbewegung schildert.”

Gioconda Belli: Bewohnte Frau, 2011, 10,- €, dtv.

Entdeckt bei Synästhetisch.
Das Berlin der 1910er Jahre.

»Tanz unter Sternen« ist ein Streifzug durch das Berlin der 1910er Jahre, der Roman fängt die aufgeheizte, militaristische Grundstimmung jener Zeit ein und hält sich an die Fakten, die ohnehin spannend genug sind. »Tanz unter Sternen« ist für mich ein historischer Roman, mit dem ich nicht erst warm werden musste, hier war ich sofort mittendrin. Ein idealer Schmöker für lange Winterabende!”

Titus Müller: Tanz unter Sternen, 2011, 19,95 €, Blessing Verlag.

Entdeckt bei SchöneSeiten.
Bewegend und märchenhaft.

»Der stumme Pianist« ist eine überzeugende Mischung aus Drama und Märchen und als solche sehr empfehlenswert. Die Autorin hat sich von einem wahren Fall dazu inspirieren lassen. Was den Text so märchenhaft macht, ist, dass dieses Ganze kein rationales ist: Am Ende bleiben sämtliche Fragen offen, und der Protagonist hat manchmal etwas vom Kleinen Prinzen, nur unendlich viel tragischer.”

Paola Capriolo: Der stumme Pianist, 2011, 19,99 €,
Edition Elke Heidenreich bei C. Bertelsmann.

_______________________________________________________

Weiter geht es mit meinen persönlichen Lieblingen.

Das Notizbuch verzaubert.

Dieses Notizbuch ist eine Gebrauchsanweisung, die uns raffiniert und zauberhaft durchs Leben balanciert. Einfach so oder wenn wir mal nicht wissen, wo lang es gehen soll. Es gibt ja solche Tage. Mädchenkatzentage. Mit dem „Lily Lux Notizbuch“ fühlen sie sich nicht mehr so schlimm an. Ich weiß, wovon ich spreche. Hab’s längst ausprobiert.

Iris Luckhaus/Matthias Klesse: Lily Lux Notizbuch, 2010, 15,- €,
Hoffmann und Campe.

Krzgschchtn.

Wenn es das ideale unverfängliche Buchgeschenk gibt, dann ist es dieses hier. Mit nur 140 Zeichen erzählt Florian Meimberg Geschichten, die es in sich haben. Und man muss kein Twitter-Fan sein, um das Buch zu schätzen. Genauso wenig muss man ein Bücherwurm sein, um das Buch zu lesen. Es passiert so viel Kopf, knallt und zischt, einfach genial!

Florian Meimberg: Auf die Länge kommt es an, 2011, 7,99 €, Fischer Tb.

Ein atemloses Roadmovie.

Benedict Wells hat einen aufwühlenden Roman geschrieben, der nicht nur an der Oberfläche kratzt, sondern zum Nachdenken anregt. Er hat einige Themen verarbeitet, die eine Spannung erzeugen und nicht loslassen, den Geist anregen und lebendig machen. Es ist wie bei „Becks letzter Sommer“ erneut ein Roadmovie geworden, das ein bisschen Unruhe in den Beinen stiftet.

Benedict Wells: Fast genial, 2011, 19,90 €, Diogenes Verlag.

Ein Fest fürs Lesen!

„Madame Hemingway“ ist ein bemerkenswertes Porträt über eine starke Frau und eine hinreißende Liebesgeschichte. Wie gut Fiktion und Realität Hand in Hand gehen und begeistern können, zeigt dieser eindrucksvolle Roman, der nicht nur einen informativen Charakter hat, sondern ebenso auf besondere Weise bewegt. „Madame Hemingway“ ist wahrlich ein Fest fürs Lesen!

Paula McLain: Madame Hemingway, 2011, 19,99 €, Aufbau Verlag.

Woody Allen würde das Buch lieben!

Die Juden nehmen sich bekanntlich selbst gerne auf die Schippe, das zeigt Lena Gorelik in ihrem Werk. Das Buch macht glücklich! Es ist eine liebevolle Hommage an eine Religion, die sehr menschlich und alles andere als missionarisch ist. Und sie ist eine exzellente Einführung in das Judentum, die unwahrscheinlich bereichert, vor allem durch die Weisheit, die sich durch die 192 Seiten zieht.

Lena Gorelik: Lieber Mischa: … der Du fast Schlomo Adolf Grinblum geheißen hättest, es tut mir so leid, dass ich Dir das nicht ersparen konnte:
Du bist ein Jude. 2011, 18,- €, Graf Verlag.

Ein Freund, ein guter Freund…

An einen Buchhändler, der in der Mittagspause eine Jugendgeschichte aufschreibt, wollte ich nicht vorbeilaufen. Die Entscheidung war Gold wert. Robert Williams erzählt auf eine warmherzige Art über zwei Außenseiter, denen das Schicksal hart zusetzt. Er zeichnet atmosphärische Bilder und lässt uns darin aufgehen wie Blumen, die aus einem Winterschlaf erweckt werden.

Robert Williams: Luke und Jon, 2010, 8,95 €, BVT.

Sehnsucht Afrika.

Gina Mayer entführt in „Die Wildnis in mir“ nach Namibia um 1900, als das Land noch von Kolonialmächten aufgeteilt worden war. Sehr authentisch, spannend und gefühlvoll erzählt die Autorin die Geschichte von der 16-jährigen Henrietta und hat darüber hinaus ein sehr wichtiges Thema, den Rassenkonflikt, angesprochen. So ist ein wunderbares Jugendbuch entstanden, das perfekt ist!

Gina Mayer: Die Wildnis in mir, 2011, 16,95 €, Thienemann Verlag.

Ungewöhnliche Tierfreundschaften.

Dies ist ein ungewöhnliches Buch mit ungewöhnlichen Tierfreundschaften. Beziehungen zwischen großen und kleinen Tieren, da bleibt ein Schmunzeln und Lächeln nicht aus. Berührend und einzigartig sind die Bilder und Geschichten, die Jennifer Holland gesammelt hat.

Jennifer Holland: Unlikely Friendships, 2011, aktuell 10,30 €,
Workman Publishing
.

_______________________________________________________

Schätze jenseits der Literaturwelt.

Amerika, ungeschminkt und lebensecht.

Diese Krimi-Serie begeistert mich, nicht nur für einen Moment, sondern noch Stunden, Tage danach. Sie bewegt durch die unzähligen Geschichten von den vielen Menschen, auf die ich hier treffe: den Dealern, den Gangstern, den Polizisten. Und manchmal überschneidet das Böse das Gute, aus Verbrechern werden Menschen wie du und ich.

The Wire: Die komplette erste Staffel, 5 DVDs, 2010, Preis
variiert je nach Anbieter, Warner Home Video.

The Golden Sixties in New York.

Mir fällt zu “Mad Men” nur eins ein: Eleganz. Diese Serie ist ein Augenschmaus, man merkt den Machern ein Feinsinn für hohe Qualität an. Jede Einstellung sitzt, jeder Dialog überzeugt durch Witz und Raffinesse. In “Mad Men” tauchen wir in die New Yorker Werbewelt der besonders stilvollen 60er Jahre. Und bleiben so lange, bis der letzte Abspann läuft.

Mad Men – Season 1, 2010, 4 DVDs, Preis variiert je nach Anbieter, Universal.

Eine leuchtende Zauberwelt zwischen Zahlen.

Einige Jahre schon bin ich ein großer Fan von dem Mädchenkalender, den Martina Hoffmann liebevoll gestaltet. Für mich ist es eine leuchtende Zauberwelt zwischen Zahlen und ein ideales Weihnachtsgeschenk.

Große und kleine Mädchen dürfen sich 2012 auf den Mädchenkalender freuen…

… wie große und kleine Jungs sich auf den Jungskalender.

Die Kalender gibt es in verschiedenen Größen. Schaut einfach im Shop, welches Format euch zusagt.

Kaufen könnt ihr die Kalender im Internet bei www.stiftundpapier.de/shop oder in Berlin in diesen Buchhandlungen:

Lesen und Lesen lassen in der Wühlischstraße 30 (Friedrichshain)
Modern Graphics in der Oranienstraße 22 (Kreuzberg)
HundtHammerStein in der Alten Schönhauser 23/24 (Mitte)
Nimmersatt in der Dieffenbachstraße 53 (Kreuzberg)
Leseglück in der Ohlauerstraße 38 (Kreuzberg)
ebertundweber in der Falckensteinstraße 44 (Kreuzberg)

Musique de la France.

Die CD beschert mir Gänsehaut, schenkt mir ein Lächeln und nimmt die Geschwindigkeit aus dem Alltag. Ich groove mit ruhigen Elektrobeats durch die Straßen und lasse mich davontragen. Ein wunderbares Album, das ein herrlicher Gegenpol zur Hektik der Zeit ist.

Verschiedene Künstler, La Musique du Faubourg, 2011,
Preis variiert je nach Anbieter.

Sehnsucht Afrika.

Wie fange ich nur eine Rezension über ein Buch an, das einfach perfekt ist? Von Stolpersteinen oder windigen Zügen fehlte jede Spur, ans Hadern und Zögern war erst gar nicht zu denken. Stattdessen hatte ich nur einen Wunsch: Lesen! Die Lektüre hat mich von der ersten Seite bis zum Ende begeistert und zog sich geradlinig durch meinen hungrigen Lesefluss. Wie eine Schiffsschraube drehe ich selbst jetzt noch unendliche Runden in der Geschichte, rudere mit den Armen und weiß gar nicht so recht, wie beginnen soll.

Am besten mache ich es wie die Protagonistin gleich zu Beginn des Buches und erzähle ebenfalls „hübsch ordentlich der Reihe nach“. Gina Mayer entführt mich in ihrem neuen Buch „Die Wildnis in mir“ nach Namibia um 1900, als das Land noch von Kolonialmächten aufgeteilt worden war. Im Mittelpunkt steht die junge Henrietta, die ich zunächst in Deutschland kennenlerne, in der Wuppertaler Kohlstraße. Dort fristet sie mit ihrer Mutter ein armes Dasein. Der Vater ist verstorben und das vererbte Geld an die Tochter hat die Mutter längst aufgebraucht. Als eines Tages ein zweiter Brief aus Afrika ins Haus flattert, schiebt sich eine kleine Aufregung in Henriettas freudloses Leben. Was dort wohl drinnen steht? Neugierig schleicht sie um ihre Mutter und fragt sie aus, doch die entgegnet ihr, das sei nichts von Belang. Mit dieser einfachen Antwort kann sich die aufgeweckte Henrietta nicht zufriedengeben. „Nichts von Belang. Als ob einer einen Brief durch die halbe Welt schicken würde, wenn er nichts wirklich Wichtiges mitzuteilen hätte.“ Die Mutter verscheucht weitere Fragen der Tochter und beendet abrupt das Gespräch, selbst später beim Abendbrot geht sie nicht mehr auf den Brief ein. Stattdessen eröffnet sie ihrer Tochter, dass Henrietta als Dienstmagd anfangen wird. Das erzürnt Henrietta innerlich so sehr, hat sie doch ganz andere Zukunftspläne: Im nächsten Sommer soll ihre Ausbildung am Lehrerinnenseminar beginnen! Mit einer Lüge gelingt es dem 15-jährigen Mädchen relativ schnell, sich dem Job zu entziehen. Die daraus schwindende Geldeinnahme treibt die Mutter in Verzweiflung, bis sie nur noch eine Chance sieht, der Armut zu entfliehen: Sie nimmt das Angebot an, das sich im weitgereisten Brief befindet. Der Missionar Freudenreich hat um die Hand der Mutter angehalten. Also brechen die beiden ihre Zelte in Deutschland ab und nehmen Kurs auf Afrika.

Eine atemberaubende Reise erstreckt sich über die vielen Seiten, mit der ich nicht gerechnet habe. Ein Hindernis schiebt sich über das nächste, an ein entspanntes Ankommen ist in keiner Sekunde zu denken. Dem Klappentext zufolge dachte ich, es geht auf nach Afrika und dort endet die Reise. Weit gefehlt! Gina Mayer schiebt mich zusammen mit Henrietta durch das heiße, unbekannte Land, treibt mir Schweißperlen auf die Stirn, weckt meinen Entdeckergeist und entlockt das Abenteuer in mir. Der Hals ist trocken, das Herz pumpt und versetzt mir einen Adrenalinschub nach dem anderen.

Henrietta ist eine bemerkenswerte Person, die ich sofort ins Herz geschlossen habe. Ich liebe ihre Zielstrebigkeit, Träume, Sensibilität und Kraft, von der sie sicherlich damals in der Kohlstraße nicht ansatzweise geahnt hat. Gina Mayer stellt nicht nur das Leben der jungen Frau in den Vordergrund, sie hat noch eine zarte Liebesgeschichte hinzugefügt, die bewegt und nicht einen Moment in den Kitsch abknickt. In einer sehr schnörkellosen, feinfühligen Sprache erzeugt die Autorin viel Gefühl, eine knisternde Spannung und legt der Ich-Erzählerin kluge, selbstbewusste Gedanken in den Kopf. Um Henriettas Geschichte herum hat Gina Mayer das Namibia vergangener Jahre authentisch beschrieben, mir die unendliche, verdorrte Landschaft nach Berlin geschafft und darüber hinaus ein sehr wichtiges Thema, den Rassenkonflikt, angesprochen. So ist ein wunderbares Jugendbuch entstanden, das einfach perfekt ist und all das bietet, was junge Menschen begeistert. „Die Wildnis in mir“ ist mehr als nur ein Abenteuer, es ist… hach, lest es selbst!

Gina Mayer.
Die Wildnis in mir.
August 2011, 336 Seiten, 16,95 €.
Altersempfehlung: 13 bis 16 Jahre.
Thienemann Verlag.

Arme, reiche Welt.

Jeder kennt die erschreckenden Nachrichten über Flüchtlinge, die mit Booten aus Afrika nach Europa flüchten und nicht selten auf dem Seeweg zu Tode kommen. Die Kanaren, Lamedusa und Malta sind die Hauptziele der Flüchtlinge, da die Länder am dichtesten an Afrika liegen. „Allein im Jahr 2006 erreichten 32.000 Flüchtlinge die Kanaren und zwischen Juli 2008 und 2009 strandeten etwa 20.000 Menschen auf der italienischen Insel Lampedusa.“ Danach ist die Zahl erheblich geschrumpft, waren es im Jahr 2010 „nur noch knapp 200 Menschen“, die auf den Kanaren ankamen. Diese drastische Abnahme ist mit darauf zurückzuführen, “dass Europa den Seeweg zunehmend absichert und die betroffenen europäischen Staaten mit vielen Herkunftsländern Vereinbarungen geschlossen haben, die eine sofortige Abschiebung der Flüchtlinge erlauben (Rückführungsabkommen).” Entnommen habe ich die Fakten aus dem Jugendbuch „Barsakh“, in dem sich Simon Stranger mit dem Thema auseinandergesetzt.

Der norwegische Autor führt in „Barsakh“ zwei Menschen zusammen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Die 15-jährige Emilie kommt aus Norwegen und verbringt mit ihrer Familie auf Gran Canaria die Ferien. Emilies Leben dreht sich einzig nur um sich selbst. Verbissen achtet sie auf ihre Figur, isst zu wenig, um nur kein Fett anzusetzen und geht viel Laufen. Anfangs stand die Gewichtabnahme im Mittelpunkt, doch bald empfand sie das Laufen als kleines Ventil, das ihr beim Abschalten half. Darauf kann sie auch im Urlaub nicht verzichten und so dreht Emilie regelmäßig ihre Laufrunden. Auf einer ihrer Joggingtouren entdeckt sie eines Tages ein „kleines zerbrechliches Holzboot“, das vor der Küste liegt, von wo aus ihr ein Junge zuwinkt. Geschockt bringt Emilie nur die Worte „Mein Gott“ heraus und erwidert den Gruß.

Der 18-jährige Junge heißt Samuel und kommt aus Ghana. Von dort ist er aus Hoffnungslosigkeit in die andere Welt aufgebrochen. Gesehen hat er sie u.a. in einem Café, in dem sich die Einheimischen Friends, Seinfeld und Ally McBeal im Fernsehen anguckten. „Serien mit hübschen jungen Menschen. Mit schicken Wohnungen und teuren Klamotten. Hier wurde der Samen für die Idee gesät. Der Idee, dass es eine andere Welt gab als die, in der er lebte. Eine Welt des Überflusses, direkt auf der anderen Seite des Meeres.“ In dieses schillernde Paradies will Samuel hin, um mehr Geld zu verdienen und seine Familie zu unterstützen. Andere haben es bereits vor ihm getan, jetzt ist es an der Zeit, ihnen zu folgen und auch scheint dies sein einziger Ausweg aus der Armut zu sein.

Simon Stranger hat in seiner Geschichte zwei Extreme zusammengeführt, die essensgestörte Emilie und den hungrigen Samuel. In klar getrennten Kapiteln gibt er beiden Protagonisten Raum, berichtet von einem Mädchen, das sich in ihrem Körper nicht wohl fühlt und Hunger leidet. Sie könnte, wenn sie wollte essen, aber sie tut es nicht. Samuel hingegen hat Hunger und kann nicht essen, weil er auf dem Meer nichts mehr hat, erlebt wie zahlreiche Mitreisende vor seinen Augen sterben. Das Wort Enthaltsamkeit bekommt in dem Buch zwei Gesichter, die in sich so perplex sind, dass sie an schon fast an Wahnsinn grenzen. Und es geschieht noch mehr: Plötzlich gerät Emilies Problem in den Hintergrund, als sie die afrikanischen Flüchtlinge retten will. Jetzt steht nicht mehr sie ganz oben, sondern viel mehr die Hilfe für die Gestrandeten. Aus einem Ich-allein wird ein Ich-für-die-anderen.

Der Jugendroman ist brisant, beklemmend und er klärt über ein Thema auf, das uns bekannt ist. Die eine arme Welt, die sich in die andere reiche Welt retten will. Authentisch zeichnet der Autor das Leid und die Verzweiflung der afrikanischen Menschen, rückt sie noch näher in den Fokus als es vielleicht distanzierte Nachrichten können. Schnell taucht dabei die Frage auf: Kann man so viel Gegenwart Jugendlichen zutrauen? Ja, man kann. Anhand von Emilie sieht man, wie sich der eigene Blick verschieben kann. Auch wenn sich das Mädchen nicht komplett ändert, wird sie mit einer Situation konfrontiert, die ihr Leben in einem anderen Licht erstrahlen lässt. Ohne sich darüber bewusst zu sein, nimmt sie sich selbst zurück und schaut über den eigenen Tellerrand hinaus. Zudem verdeutlicht das Buch, wie schwer die einzelnen Schicksale der Menschen wiegen, die wir aus den Nachrichten kennen. Es zeigt nur ein Beispiel von vielen und hinterlässt eine große Nachdenklichkeit, mit denen sich die jungen Leute aus der reichen Welt auseinandersetzen können und auch sollten.

Simon Stranger.
Barsakh.
September 2011, 144 Seiten, 8,95 €.
Altersempfehlung: 14 bis 15 Jahre.
bloomsbury taschenbuch.

Getrübtes Waisenjungenglück.

Es hätten die schönsten Ferien ihres Lebens werden können, wäre da nicht dieses Geheimnis gewesen, das sich wie eine dunkle Wolke vor die Sonne geschoben hat. „The December Boys“ von Michael Noonan erzählt eine aufregende Sommergeschichte in Australien, die nicht nur leuchtet, sondern auch finstere Ecken hat.

Die fünf Waisenjungen Spark, Fido, Maps, Misty und Choker haben das Glück, neun Wochen am Meer zu verbringen. Was für ein Geschenk! Fristen sie doch sonst ein tristes Dasein in den kalten Gemäuern von St. Roderick, ein Waisenhaus im australischen Hinterland, das unter der strengen Aufsicht von Nonnen geleitet wird. Dort ist kein Raum für Freiheit, in Captain’s Folly hingegen schon, wo das Meer seine Arme ausbreitet und die Jungs mit einem lauten Rauschen empfängt. Das raubt den Jungs fast die Sprache, so kannten sie das Meer bisher nur von Bildern, und die entsprachen gar nicht der Wirklichkeit, wie sie jetzt feststellen: „Kein Gemälde hatte uns darauf vorbereitet. Ganz bestimmt nicht der blaue Teich hinter Unsere Herrin, Stern der Meere auf dem großen Bilderdruck in der Kapelle von St. Roderick. Das war nicht mehr als ein müder Abklatsch. Ebenso wenig waren die Reiseplakate an der Bahnstation vergleichbar mit dem, was wir jetzt vor uns hatten, so verführerisch ihre Landspitzen und Brandungswellen uns auch zugewinkt hatten jenseits der Hitzewellen, die von den Ziegelsteinen abstrahlten.“

Es dauert nicht lange, bis sich die Fünf in ihrem Feriendomizil eingelebt haben und erste Kontakte knüpfen. Zunächst sind da ihre Gasteltern, die McAnshes, die gern mal ein Glas Wein trinken. Zur Freude der Jungen hat das Ehepaar ihr gesamtes Haus und die Schlafbaracke, in der die Jungen leben, mit Signal- und Staatsflaggen ausgestattet. „Sie tauchten auf als Gardinen, Tischtücher, Abwaschtücher und verliehen dem Haus etwas unbekümmert Verrücktes, das gut zu den beiden Eigentümern passte.“

Bald schon treffen die Jungen auf weitere liebenswerte Gestalten. Da wären beispielsweise Alter Seebär O’Leary, Teresa und ihr Motorrad rasender Ehemann Furchtloser Foley, Doppelter Martin und Hundertfinger. Jeder hat seine Eigenart, die ich an der Stelle für mich behalten möchte, ebenso das Geheimnis, das Choker eines Tages aufschnappt und die Köpfe der Jungs so zerreibt wie Sand, der zwischen den Zehen liegt. Es knirscht gewaltig, die Unbeschwertheit fällt ins Meer und fließt davon.

Ich habe mich anfangs mit dem Buch ein bisschen schwer getan. Die Sprache hat ihr Eigenleben, sie ist wie ein alter Motor, der langsam erwacht, erst stotternd, bald flüssiger. Im Nachhinein bin ich glücklich darüber, dass ich weiter gelesen habe und dem Zauber der Geschichte, die in den 30er Jahren spielt, gefolgt bin. Sie blieb selbst dann bei mir, als das Buch zugeschlagen neben dem Bett lag. Sie glühte vor sich hin, der australische Sommer strahlte heraus, spülte die Meeresgeräusche direkt in die Ohren und in alldem sah ich die Jungen, die sich aus der Kindheit in das nahende Erwachsenenleben bewegten. Ich genoss die Wärme der Menschen, die sich liebevoll um die einsamen Jungs kümmerten. Allein sind sie lange schon, denn im Gegensatz zu anderen Waisenkindern haben sie bisher kein neues Zuhause bekommen und sehnen sich insgeheim nach Geborgenheit. Und natürlich schwappte das große Aneinanderreiben der Jungen, das wie eine hungrige Welle auf mich zuraste, irgendwann über, riss die Leichtigkeit der Kindheit fort und hielt mich bis zum Schluss in Atem, mit einem Lächeln und einem Erschaudern gleichermaßen.

Michael Noonan.
The December Boys.
Altersempfehlung: 12 bis 13 Jahre.
Mai 2011, 256 Seiten, 7,99 €.
Baumhaus Taschenbuch.