„Der Himmel über Greene Harbor“ von Nick Dybek brach wie eine große Welle über mich ein. War ich noch bis eben vollkommen überwältigt vom wunderschönen Cover, tauchte ich im nächsten Atemzug in den Roman, tiefer und tiefer. Plötzlich schwammen die Wörter wie Fische vor mir, Luftblasen stiegen nach oben und ich lächelte glücklich. Die Sätze waren so geschmeidig, unglaublich sanft und sehr verlockend. Sie umarmten mich, als wären wir schon immer beste Freunde gewesen.
Das große Thema von „Der Himmel über Greene Harbor“ ist die Beziehung zwischen Vätern und Söhnen. Folglich sah ich mich als Frau zunächst etwas im Abseits stehen. Nun, man sollte nicht vom Klappentext auf das Buch schließen und sich lieber seine eigene Meinung bilden. Bei mir waren die Väter und Söhne schnell vergessen, stattdessen ließ ich mich von den herrlich warmen Sätzen verführen und davontragen in eine fremde, windige und maritime Welt.
Nick Dybek wurde 1980 geboren und hat uns einen wunderbaren Roman geschenkt. Er entführt seine Leser nach Loyalty Island, eine Olympic-Halbinsel, die vom Pazifischen Ozean umgeben ist. Bereits der Anfang atmet Seeluft: „Loyalty Island – das war der Gestank von Hering, Lackfarbe und fauligem Seetang an Anlegestellen und auf Stränden. Der Geruch von Kiefernnadeln, die sich am Boden braun verfärbten.“ Dort richtet sich die Zeit nach dem Wetter. Im Herbst gehen die Männer auf Fischfang nach Alaska und lassen ihre Familien zurück. Dieses Mal gerät der Rhythmus in Schieflage, alle sind verunsichert.
Nachdem der Chef der Fischerei, John Gaunt, gestorben ist, will sein Sohn Richard die Loyalty Fishing an Asiaten verkaufen. Dieser Schritt wäre für die meisten Menschen auf Loyalty Island tödlich wie ein Schnitt durch die Halsschlagader, hängt doch so viel an dem jährlichen Krabbenfang in Alaska ab. Cal ist der Sohn eines Fischers und der 14-jährige Ich-Erzähler in dieser Geschichte. Eines Nachts belauscht der Junge seinen Vater, wie er mit anderen Fischern über den Konflikt spricht. Mehr darf ich nicht verraten, möchte ich euch doch nicht den Spannungsbogen rauben. Den Atem schon, aber nicht die Auflösung, den Zauber, den dieser Roman umgibt, die dunklen Gassen, bei denen sich die Haut kräuselt und die Herzfrequenz an Tempo zunimmt.
Die Väter und Söhne bleiben die treibende Kraft dieses Romans. Sie sind ein breiter Fluss, von dem viele Nebenarme abgehen. Sie führen auch zu den Kindern und den Frauen, die versuchen, mit dem Leben zurecht zu kommen. Folgender Auszug beschreibt die Atmosphäre auf sehr eindringliche Weise:
“Die Zurückbleibenden igelten sich ein. Den ganzen Herbst, den ganzen Winter lebten wir – so kam es uns vor – an der Grenze zum richtigen Leben, das sich woanders abspielte. Es schien, als ob wir die Abwesenden waren, nicht die anderen. Ist es dann vielleicht ein Wunder, dass so viele von uns alles dafür gegeben hätten, dieses Leben teilen zu können, egal, wie wenig es zu uns passte, wie wenig wir davon verstanden?”
Cals Mutter kapselt sich ab und vergräbt sich im Keller, der eigens für ihre große Schallplattensammlung eingerichtet wurde. Die Ehe seiner Eltern sackt nach John Gaunts Tod in sich zusammen: “Seit dem Tag war es zu Hause unerträglich geworden. Ich war daran gewöhnt, dass meine Elten sich wie Fremde in einem Flugzeug verhielten und sich an engen Stellen im Haus höflich aneinander vorbeidrückten. Aber seit Johns Tod kam es mir vor, als hätten sie jegliche Geduld im Umgang miteinander gänzlich verloren.” Dies spürt der Junge zunehmend, ist beunruhigt und fühlt sich allein. In Jamie findet er einen gleichaltrigen Verbündeten und Weggefährten. Ihm vertraut er auch seine erschreckende Entdeckung an, die er bald macht. Sie ist es, die unerwartet wie ein Tsunami in das Geschehen hineinbricht und jede Boje mitreißt.
Nick Dybek überrascht seine Leser mit unerwarteten Wendungen. Damit verwandelt sich das Lesen in eine große Abenteuerreise, die Wellen peitschen ins Gesicht und schießen das Blut durch die Laufbahn. Der junge Autor erfreut mich mit einem großen Seesack an Themen und philosophischen Betrachtungen. Dieser spannende Roman ist in eine grandiose Sprache verpackt, geschmeidig wie Seide und warm wie Sonnenschein. Das Erzählte pirscht sich ganz nah an mich heran und erfasst mich. So verwundert es auch nicht, dass der maritime Schauplatz ins heimische Wohnzimmer spritzt: „Graue Wolken glitten über den Himmel, türmten sich zu Haufen auf und schütteten den Regen ab wie Hunde.“ Nick Dybek erzählt nicht nur ein packendes Abenteuer, sondern genauso eine mitreißende Coming of Age Geschichte und stellt große Fragen des Lebens. Schuld und Verantwortung sind ebenfalls zwei tragende Säulen, die aus dem Roman wie Leuchttürme herausragen. Er hält uns das Gute und das Böse vor Augen, zieht keine Grenzen und ist in alldem unglaublich betörend. So beschwört Nick Dybek wunderschöne Bilder herauf, die selbst dann noch vor den Augen tanzen, nachdem das blaue Wunder ausgelesen neben mir liegt.
Nick Dybek: Der Himmel über Greene Harbor. Aus dem Amerikanischen von Frank Fingerhut. mare 2013, 320 Seiten, 19,90 €.














