Archiv der Kategorie: Junge Literatur

Wind von vorn.

greeneharbor

„Der Himmel über Greene Harbor“ von Nick Dybek brach wie eine große Welle über mich ein. War ich noch bis eben vollkommen überwältigt vom wunderschönen Cover, tauchte ich im nächsten Atemzug in den Roman, tiefer und tiefer. Plötzlich schwammen die Wörter wie Fische vor mir, Luftblasen stiegen nach oben und ich lächelte glücklich. Die Sätze waren so geschmeidig, unglaublich sanft und sehr verlockend. Sie umarmten mich, als wären wir schon immer beste Freunde gewesen.

Das große Thema von „Der Himmel über Greene Harbor“ ist die Beziehung zwischen Vätern und Söhnen. Folglich sah ich mich als Frau zunächst etwas im Abseits stehen. Nun, man sollte nicht vom Klappentext auf das Buch schließen und sich lieber seine eigene Meinung bilden. Bei mir waren die Väter und Söhne schnell vergessen, stattdessen ließ ich mich von den herrlich warmen Sätzen verführen und davontragen in eine fremde, windige und maritime Welt.

Nick Dybek wurde 1980 geboren und hat uns einen wunderbaren Roman geschenkt. Er entführt seine Leser nach Loyalty Island, eine Olympic-Halbinsel, die vom Pazifischen Ozean umgeben ist. Bereits der Anfang atmet Seeluft: „Loyalty Island – das war der Gestank von Hering, Lackfarbe und fauligem Seetang an Anlegestellen und auf Stränden. Der Geruch von Kiefernnadeln, die sich am Boden braun verfärbten.“ Dort richtet sich die Zeit nach dem Wetter. Im Herbst gehen die Männer auf Fischfang nach Alaska und lassen ihre Familien zurück. Dieses Mal gerät der Rhythmus in Schieflage, alle sind verunsichert.

Nachdem der Chef der Fischerei, John Gaunt, gestorben ist, will sein Sohn Richard die Loyalty Fishing an Asiaten verkaufen. Dieser Schritt wäre für die meisten Menschen auf Loyalty Island tödlich wie ein Schnitt durch die Halsschlagader, hängt doch so viel an dem jährlichen Krabbenfang in Alaska ab. Cal ist der Sohn eines Fischers und der 14-jährige Ich-Erzähler in dieser Geschichte. Eines Nachts belauscht der Junge seinen Vater, wie er mit anderen Fischern über den Konflikt spricht. Mehr darf ich nicht verraten, möchte ich euch doch nicht den Spannungsbogen rauben. Den Atem schon, aber nicht die Auflösung, den Zauber, den dieser Roman umgibt, die dunklen Gassen, bei denen sich die Haut kräuselt und die Herzfrequenz an Tempo zunimmt.

Die Väter und Söhne bleiben die treibende Kraft dieses Romans. Sie sind ein breiter Fluss, von dem viele Nebenarme abgehen. Sie führen auch zu den Kindern und den Frauen, die versuchen, mit dem Leben zurecht zu kommen. Folgender Auszug beschreibt die Atmosphäre auf sehr eindringliche Weise:
“Die Zurückbleibenden igelten sich ein. Den ganzen Herbst, den ganzen Winter lebten wir – so kam es uns vor – an der Grenze zum richtigen Leben, das sich woanders abspielte. Es schien, als ob wir die Abwesenden waren, nicht die anderen. Ist es dann vielleicht ein Wunder, dass so viele von uns alles dafür gegeben hätten, dieses Leben teilen zu können, egal, wie wenig es zu uns passte, wie wenig wir davon verstanden?”

Cals Mutter kapselt sich ab und vergräbt sich im Keller, der eigens für ihre große Schallplattensammlung eingerichtet wurde. Die Ehe seiner Eltern sackt nach John Gaunts Tod in sich zusammen: “Seit dem Tag war es zu Hause unerträglich geworden. Ich war daran gewöhnt, dass meine Elten sich wie Fremde in einem Flugzeug verhielten und sich an engen Stellen im Haus höflich aneinander vorbeidrückten. Aber seit Johns Tod kam es mir vor, als hätten sie jegliche Geduld im Umgang miteinander gänzlich verloren.” Dies spürt der Junge zunehmend, ist beunruhigt und fühlt sich allein. In Jamie findet er einen gleichaltrigen Verbündeten und Weggefährten. Ihm vertraut er auch seine erschreckende Entdeckung an, die er bald macht. Sie ist es, die unerwartet wie ein Tsunami in das Geschehen hineinbricht und jede Boje mitreißt.

Nick Dybek überrascht seine Leser mit unerwarteten Wendungen. Damit verwandelt sich das Lesen in eine große Abenteuerreise, die Wellen peitschen ins Gesicht und schießen das Blut durch die Laufbahn. Der junge Autor erfreut mich mit einem großen Seesack an Themen und philosophischen Betrachtungen. Dieser spannende Roman ist in eine grandiose Sprache verpackt, geschmeidig wie Seide und warm wie Sonnenschein. Das Erzählte pirscht sich ganz nah an mich heran und erfasst mich. So verwundert es auch nicht, dass der maritime Schauplatz ins heimische Wohnzimmer spritzt: „Graue Wolken glitten über den Himmel, türmten sich zu Haufen auf und schütteten den Regen ab wie Hunde.“ Nick Dybek erzählt nicht nur ein packendes Abenteuer, sondern genauso eine mitreißende Coming of Age Geschichte und stellt große Fragen des Lebens. Schuld und Verantwortung sind ebenfalls zwei tragende Säulen, die aus dem Roman wie Leuchttürme herausragen. Er hält uns das Gute und das Böse vor Augen, zieht keine Grenzen und ist in alldem unglaublich betörend. So beschwört Nick Dybek wunderschöne Bilder herauf, die selbst dann noch vor den Augen tanzen, nachdem das blaue Wunder ausgelesen neben mir liegt.

Nick Dybek: Der Himmel über Greene Harbor. Aus dem Amerikanischen von Frank Fingerhut. mare 2013, 320 Seiten, 19,90 €.

Glück unter der Sonne.

nonno

Manche Bücher stoßen zur richtigen Zeit in unser Leben. Sie fallen wie unerwartete Glücksboten in unsere Hände. Als es draußen bitterkalt war und die Sonne in weiter Ferne, rettete mich Patric Marino vorm Erfrieren und schenkte mir solches Glück. Sein Debüt „Nonno spricht“ ist im Lokwort Verlag erschienen. Es ist ein Buch, das mich schon beim ersten Anblick entzückt hat. Auf dem Cover segelt ein einsames Basilikumblatt unter dem Titel direkt hinein ins Blickfeld. Ein Flirt besonderer Art, auf den ich gern eingegangen bin.

Der 1989 in Bern geborene Autor nimmt mich mit in eine Welt der zarten Raffinesse. Sie ist umhüllt von Sonnenschein, zauberhaften alltäglichen Momenten und ganz viel kulinarischen Verführungen. Der Ich-Erzähler ist der Sohn italienischer Einwanderer, die in der Schweiz leben. Er besucht seine Großeltern in Kalabrien, die man in Italien Nonni nennt. Nonno steht für Großvater und Nonna für Großmutter. Patrics Tage bewegen sich in einem kleinen leuchtenden Kosmos, der trotzdem so groß erscheint wie ein Fußballfeld, weil der Autor seine Liebe für Süditalien und seine Familie in die Sätze legt, die mit wenigen Worten viele Geschichten erzählen.

Patric Marino verwandelt das alltägliche Leben in Süditalien zu einem Fest, nicht zuletzt auch durch die kulinarischen Schätze, die sich dort finden lassen und aus denen Köstlichkeiten entstehen. Ich denke da an die Herstellung von Pomodori Secchi Sott’Olio. Der junge Autor hat ein feinfühliges Händchen, das Leben um sich herum authentisch zu beschreiben, so dass man das Gefühl hat, direkt vor Ort zu sein. Es flirrt, es leuchtet und es duftet so herrlich. Er begleitet seine Nonni zum Markt und schwimmt im tobenden Meer, trifft auf Verwandte und fließt durch wunderschöne Sommerwochen.

Das Buch lebt von Momentaufnahmen und sinnlichen Beobachtungen: „Die Malariabäume sind voller Saft und Kraft, seit dem Winter haben sie armdicke Stämme gemacht. Sie wachsen am Hang, aus Mauern und zwischen den anderen Bäumen, und sie erwürgen die Oliven- und Orangenbäume.“ Patric Marino beschwört eine unglaublich schöne Atmosphäre herauf. Ich ertappe mich dabei, wie ich die Sonnenbrille aufsetzen und ein Sommerkleid anziehen möchte. Frischer Basilikum weht um meine Nase und ein Tomatensud kocht auf der Herdplatte, während das Meer sein Wellenrauschen in meine Ohrmuscheln spült und meine Füße im heißen Sand mit den Körnern spielen.

Die Zeit scheint in „Nonno spricht“ vollkommen stehengeblieben zu sein. Dort ist das Leben noch ursprünglich, fernab der schnellen Moderne. Die Uhr tickt langsamer, jeder Handgriff wird mit Bedacht und Sorgfalt ausgeführt. „Man verschwendet nichts, weder auf dem Feld noch in der Küche.“ Die Menschen atmen ihr eigenes Tempo und umarmen mich mit ihrer Herzlichkeit. Es ist ein großes Glück, den Erzählungen seiner Nonni zu lauschen und in die vergangene Zeit zu reisen. Und irgendwann wieder dem Basilikum zu begegnen: „Zio Mimmo hat ein Waschbecken voll mit Basilikum mitgebracht. Die Blätter sind so gross, dass Nonna ihr Gesicht hinter einem Blatt verstecken kann.“

Patric Marino entführt mich mit seinem feinen, zauberhaften Roman und beweist, dass es nicht immer laut zugehen muss, um sich für eine Geschichte zu begeistern. Es läuft mir beim Lesen das Wasser im Mund zusammen, sobald die frischen Zutaten ins Auge springen und ich bei der liebevollen, hingebungsvollen Zubereitung leckerer Speisen zuschaue. Der junge Autor hat einen Roman für alle Italienfreunde geschrieben und für diejenigen, die dem Zauber des kleinen Glücks erlegen. Das kann auch eine schlafende Katze sein: „Ein Kätzchen liegt im Schatten. Sein Fell ist verstrubbelt und seine Augen sind verkrustet, Fliegen umschwirren es. Ich wedle mit einem Grashalm vor seinen Schnurrhaaren und mache Schnurrgeräusche. Ich beuge mich zu ihm hinunter und halte die Hand über das verstrubbelte Fell.“ Oder eine Wassermelone, die mit weisen Sätzen verputzt wird. Oder ein Omelet mit frischer Ricotta und Kirschmarmelade.

So zieht mich Patric Marino mit seinem eindrucksvollen Debüt von Seite zu Seite, bis ich selbst anfange wie die Sonne zu leuchten und das Glück in meinem Herzen spüre. Da wünscht man sich fast, als Italienerin geboren zu sein und seine Großeltern unter der glücklich machenden Sonne besuchen zu dürfen.

Patric Marino.
Nonno spricht.
März 2012, 78 Seiten, 15,90 €.
Lokwort Verlag.

Und hier noch kleiner redaktioneller Hinweis:
Mara von buzzaldrins Bücher hat bereits eine schöne Rezension zu diesem Buch sowie ein interessantes Interview mit dem jungen Autor auf ihrem Blog veröffentlicht.

Über den Autor:

Patric Marino wurde 1989 in Bern geboren und lebt in Münsingen. Er hat am Schweizerischen Literaturinstitut studiert und danach mit zwei Absolventinnen das Literaturbüro Olten gegründet. Für die Recherche zu seinem Roman ist er sechsmal nach Guardavalle zu seinen Großeltern gereist.

Ein Vater, ein Sohn, ein Geheimnis.

wie_keiner_sonst

Es gibt Momente im Leben, die du nicht vergisst. Sie rauben dir die Sprache und schubsen dich in eine Wolke des Schweigens, weil du nicht glauben kannst, was dir passiert ist. Deine Worte fliegen wie Vögel davon und du schaust ihnen ratlos hinterher. So ist es mir mit „Wie keiner sonst“ von Jonas T. Bengtsson ergangen. Ein Buch von unglaublicher Intensität.

Der dänische Autor erzählt in seinem Roman die Geschichte eines Vaters und seines Sohnes. Beide führen ein recht seltsames Leben. So wohnen sie anonym in verschiedenen Unterkünften und ziehen ständig um. Besonders suspekt ist die gute Laune, die sich dann beim Vater einstellt. Warum sie wie Flüchtige umherziehen bleibt ein großes Geheimnis. Der Vater schickt seinen Sohn auf keine Schule, unterricht ihn stattdessen selbst und verrät ihm lebenskluge Weisheiten: „Wenn man die Dinge sieht, wie sie sind. Dann trägt man auch Verantwortung. Dann ist man gezwungen, etwas zu tun“.

Der Junge fügt sich dem Nomadenleben, wirkt erstaunlich erwachsen, hat jedoch keine Freunde. Stattdessen entdeckt er für sich das Zeichnen, taucht in eine Welt, mit der er sich die Zeit des Wartens vertreibt und später das Geschehen um ihn herum reflektiert, während der Vater unterschiedlichen Jobs nachgeht. Obwohl der Junge ein unstetes Leben führt, habe ich in keiner Minute das Gefühl, dass er viel vermisst, ist er doch erfüllt von der Vaterliebe, die ihn wie ein warmer Schal vor der Kälte beschützt. Immer wieder erzählt ihm sein Vater abends vorm Einschlafen das Märchen von der “Weißen Königin” und den “Weißen Männern”. “Vor den Weißen Männern muss man immer auf der Hut sein”, sagte er. Sie wollten immer den König und den Prinzen fangen. Damit erzeugt der Autor einen märchenhaften Glanz, der wie ein heller Lichtstrahl der düsteren Kulisse eine beruhigende, verträumte Nuance verleiht.

Der Vater bleibt ein Mysterium. Ein Nebelschleier durch den ich nicht schauen kann. So sehr ich die Augen auch zusammenkneife, ich steige nicht durch das Versteckspiel, bin wie ein Wachhund, der jede Regung des Vaters aufmerksam beobachtet, wie seine Eigenart, sich stundenlang in Zeitungen zu vertiefen und dabei alles um sich herum zu vergessen. Sucht er etwas Bestimmtes? An anderen Stellen beeindruckt er mich, indem es ihm wie von Zauberhand gelingt, Unwirkliches wahr werden zu lassen und seinem Sohn auch ohne Geld Dinge zu ermöglichen. Wie er das anstellt, ist sein Geheimnis. Doch manchmal öffnen sich die Schleusen zur verborgenen Vaterwelt. Wenn er nachts von Albträumen heimgesucht wird und sich sein Sohn rührend um ihn kümmert. Genau dann verschwindet der Nebelschleier, erahne ich den Kern des Ganzen und bleibe trotzdem enttäuscht mit leeren Händen zurück. Eine Auflösung gibt es nämlich nicht, nur eine Ahnung, die schattenhaft durch den Roman schleicht. Irgendetwas ist passiert. Nur was? Statt auf eine Antwort stoße ich auf tiefes Schweigen. Also bewege ich mich weiter mit den beiden durch dieses befremdliche Leben – bis es zum Eklat kommt. Eine unerwartete Wendung, mit der ich insgeheim gerechnet habe und doch kracht sie überraschend laut in den Lesefluss.

Der Roman erfasst mich wie ein Schlag. Obwohl der dänische Autor in einem nüchternen Ton erzählt, rüttelt er an den Festungen meiner Gefühle. Nicht zuletzt auch durch die Geschichte, die unter die Haut geht. Einerseits ist der Ich-Erzähler ein Verlorener am Rande der Gesellschaft, ein isolierter junger Mensch, der nie seinem Herzenswunsch – dem Schulbesuch – nachgehen kann und ganz allein bleibt. Andererseits ist er ein leuchtender Stern im dunklen Universum seines Vaters. Von ihm erhält er die Aufmerksamkeit und Zuneigung, die man sich als Kind wünscht. Nach dem großen Eklat seiner Kindheit, folgt bald der nächste, als er älter ist. Ein Ereignis, das kein Richtig und kein Falsch duldet. War es nur eine notwendige Konsequenz oder ein Akt der bedingungslosen Liebe?

Jonas T. Bengtsson verwandelt mit seiner Erzählkunst einen ruhigen Fluss in einen tobenden Strudel, darin liegt für mich die Kraft dieses Romans. Unglaublich, wie ihm das mit seiner schlichten Sprache gelingt. Er bringt Glas zum Dampfen. Im Mittelpunkt leuchtet die Liebe zwischen Vater und Sohn, die keine Schranken kennt und den Normen der Gesellschaft trotzt. Es zählt einzig und allein das Band, das sie verbindet. Ein Vater, der nur das Beste für seinen Jungen will und für ihn da ist. Eine Beziehung, die den Jungen für sein Leben prägt. Dieses Band ist widerstandsfähig, es brennt sich in das Herz des Jungen und der Leserin – bis zum Schluss.

Jonas T. Bengtsson.
Wie keiner sonst.
Aus dem Dänischen übersetzt von Frank Zuber.
Februar 2013, 448 Seiten, 22,90 €.
Kein & Aber.

Über den Autor:

Jonas T. Bengtsson wurde 1976 geboren, lebt in Kopenhagen und wurde 2005 für seinen ersten Roman “Aminas Briefe” mit dem Dänischen Debütantenpreis ausgezeichnet. Sein zweiter Roman, “Submarino”, wurde verfilmt. 2010 gewann der Autor den PO Enquist Literaturpreis. Die Filmrechte für seinen dritten Roman “Wie keiner sonst” sind bereits verkauft.

Schicksalsschwestern.

weg_der_töchter

Ein starkes Buch für starke Frauen. Was passt besser zum Internationalen Frauentag? Daher ist es mir eine besondere Freude, euch von „Der Weg der Töchter“ zu berichten. Die nigerianische Autorin Yejide Kilanko erzählt von Frauen, denen in jungen Jahren Schmerzen zugefügt wurden und die trotzdem aufrecht weitergegangen sind.

Das Debüt der 1975 in Nigeria geborenen Autorin ist ein vielschichtiges, leuchtendes und bewegendes Buch. Yejide Kilanko wagt sich mit ihren Roman an ein schwieriges Thema, das beklemmt und fassungslos macht. Doch wirklich erdrückend bleibt es nicht die ganze Zeit, dafür ist der Stil zu herzerwärmend und mit einer großen Portion Leichtigkeit versehen.

Um Morayo und Morenike kreist der Roman, der in Morayos Kindheit beginnt. Die erste große Aufregung erlebt die kleine Morayo, als ihre Schwester zur Welt kommt. Sie ist nicht schwarz und verwirrt das Mädchen beim ersten Anblick: „Sie war mir kein bisschen ähnlich. Sie glich mehr der blonden, blauäugigen Puppe, die Daddy mir auf seiner letzten Reise nach Lagos bei Leventis gekauft hatte. Unser Baby war … weiß?“ Die rosafarbenen Augen ihrer kleinen Schwester erschrecken sie. Afin nennt man in Nigeria Albinos. Dieses Wort schnappt sie auf und hört die Geschichten, die um afins kreisen. So gibt ihre Urgroßmutter der Mutter die Schuld, nachdem sie erfahren hat, dass die Schwangere in der Mittagssonne draußen war. Bei solchen Bemerkungen schlage ich meine Hände über den Kopf, bin geschockt und bestürzt, aber im nächsten Atemzug wird mir klar: Dies ist hier eine andere Welt, als ich sie kenne. Eine Welt mit Traditionen und Bräuche, in der ich nur eine stille Beobachterin bin.

Morayo schließt ihre Schwester Eniayo ins Herz und verlebt eine unbeschwerte Kindheit – bis ihr Cousin zur Familie zieht. Seine Mutter ist mit dem Jungen überfordert. Bros T ist von der Privatschule geflogen, nachdem er geschwänzt hatte. Ihm fehlt offensichtlich eine männliche Erziehungsperson. Morayos Vater soll Bros T zur Vernunft bringen und sein Fleiß- und Pflichtgefühl stärken. Bros T integriert sich in das Familienleben, verbessert sein Verhalten, doch etwas ist komisch. Der Junge sucht die Nähe seiner Cousinen, lässt sie auf seinen Schoß krabbeln und kommt Morayo nah, indem er manchmal im Auto den Arm um ihre Schultern legt und dabei ihre Brust streift. Zudringlich wird Bro T, als Morayo an einem Wochenende krank allein zu Hause ist. Der Rest der Familie ist bei einer Hochzeit eingeladen und dort hingefahren. Die an Malaria erkrankte Morayo wird mitten in der Nacht von ihrem Cousin im Zimmer überfallen. Diese Szene brennt wie ein Messerschnitt. „Ich glaubte zu ersticken. Er rammte mir die Hand zwischen die Schenkel. Als er mein Höschen zerriss, zitterte ich am ganzen Leib. Ich wollte schreien, aber ich kriegte kaum Luft.“ Nach dieser Tat hüllt sich Morayo anfangs in einen Mantel des Schweigens, aus Angst, Bros T könnte sich, an Eniayo vergehen. Morayos Geschichte bleibt nicht die einzige, dunkle. In einem weiteren Teil erzählt die Autorin Morenikes Drama. Auch sie wurde in jungen Jahren missbraucht und schlimmer noch: von ihrem Peiniger schwanger.

Was das Buch an einigen Stellen so erdrückend macht, sind die Reaktionen der Familien und der Umgang mit dem Drama. Das Todschweigen über die brutalen Taten und fassungslose Sätze, die in die Tragik fallen. Granatengeschütze, die auch mich als Leserin umhauen. Statt Zuneigung und Unterstützung, treffen die Mädchen auf eiskalte Ausrufe wie die von Morenikes Vater: „An alledem ist deine Mutter schuld“, erklärte er grimmig. „Sie hätte dich lehren müssen, die Beine nicht breitzumachen.“ In diesen Momenten richten sich die Nackenhaare auf. Ich werde wütend, möchte diesen Menschen treten und schaue gebannt auf Morenike. Sie trägt wie Morayo ihr Schicksal mit Würde und Schmerzen, verfolgt trotzdem ihren Weg weiter. Beide Frauen werden zu Schicksalsschwestern, die sich an den Händen halten. Dabei blickt Morayo zu Morenike auf, die ihr wie ein Baum Stärke und Halt schenkt. Ihre weisen Sätze sind Balsam für die verletzte Seele: „Aber weißt du, Morayo, man verzichtet ebenso wenig darauf, sein Leben zu leben, nur weil die Leute einem etwas tun.“

Yejide Kilanko zeigt den schmalen Grad zwischen Moderne und Tradition. Morayos Familie ist modern, und verfällt dennoch in alte traditionelle Muster. Darüber hinaus erzählt die Autorin auf eindringliche Weise vom Missbrauch an jungen Frauen in ihrem Heimatland. Sie lässt ihre Frauen aber nicht in der Opferrolle zurück, sondern holt sie heraus. Ihre Romanheldinnen sind wie starke Löwinnen, die in Scherben getreten sind, sich die Wunden lecken und erhobenen Hauptes dem Leben ins Gesicht brüllen. Das ist zutiefst eindrucksvoll und unglaublich kraftvoll. Man no die, Man no rotten – die Hoffnung stirbt zuletzt”. – heißt es an einer Stelle. Ein besseres Motto kann es für dieses Debüt nicht geben. Stark – bis zur letzten Seite!

Yejide Kilanko.
Der Weg der Töchter.
Aus dem Englischen von Uda Strätling.
März 2013, 384 Seiten, 18,- €.
Graf Verlag.

Über die Autorin:

Yejide Kilanko wurde 1975 in Ibadan, Nigeria, geboren. Als Jugendliche entdeckte sie für sich Autoren wie Nadine Gordimer, Wole Soyinka und Chinua Achebe. Sie studierte Politikwissenschaften in Ibadan und zog 2000 mit ihrem Mann in die USA, später nach Kanada. Dort arbeitet sie als Kindertherapeutin. Yejide Kilanko hat drei Kinder. “Der Weg der Töchter” ist ihr erster Roman.

Ein Buch im Bernstein.

ambra

Wenn das erste Buch erfolgreich war, hat es das zweite schwer. Sabrina Janesch musste sich dieser großen Herausforderung stellen. Würde sie mich mit „Ambra“ genauso begeistern können wie mit „Katzenberge“?

Zeit und Ruhe braucht man, wenn man sich diesem Buch öffnen möchte. Also nahm ich es an einem meiner freien Tag mit ins Bett, stellte eine Kanne Tee daneben, begann zu lesen. Und der Roman ließ mich nicht los. Aus ihm strömte etwas Geheimnisvolles, ein geradezu hypnotischer Lockstoff.

Sabrina Janesch rollt die Geschichte von hinten auf. So stehe ich zunächst mit der Ich-Erzählerin Kinga Mischa in der Küche und erfahre, dass sie von Bronka eingeschlossen worden ist. Weil sie die Wahrheit kennt, wohin Bronkas Sohn verschwunden ist. Erzählen soll Kinga, erzählen. Das kann sie nicht. Dann soll sie es schreiben, sagt Bronka, und legt Kinga zwei Hefte und einen Stift hin. In Kinga brodelt es: „Wenn ich die Wahrheit sagen soll, wird es länger dauern, als Bronka sich vorstellen kann, ich werde sie etwas hinhalten müssen, um Zeit zu gewinnen, ich muss mich richtig erinnern, an jedes Detail des vergangenen Jahres, mich erinnern an alles, was ich sah, was ich hörte und was ich, sagen wir: bemerkte, und worum es sich auch immer handelt, ich werde es einfügen, der Vollständigkeit halber.“ Nach dieser Stelle rutsche ich weiter in das Geschehen. Vorher hält sie Bronka noch den Bernstein vor die Augen, mit dem so viel zusammenhängt. Ambra ist ein altes Wort für Bernstein und als Leserin schiebt sich mir eine Ahnung vor die Augen, die mit jeder Seite näher an mich herankommt.

Der Roman teilt sich in verschiedene Erzählstränge. So ist es nicht immer Kinga, die erzählt. Eine objektive Stimme schiebt sich dazwischen wie die Vergangenheit und damit verbunden Kingas Familiengeschichte. Kinga hat von ihrem verstorbenen Vater eine Wohnung in Danzig geerbt. Der Name der Stadt fällt nicht, aber man spürt schnell, dass die Stadt als Schauplatz dient. Dorthin begibt sich die junge Frau und stößt auf einen Teil der Familie, den sie bis dahin nicht kannte. Sie wird von ihrem Cousin Bartosz, der Tante Bronka und dem Onkel Brunon nicht mit offenen Armen empfangen, denn sie fürchten um die zusätzliche Einnahmequelle, die ihnen die Wohnung bietet. Obendrein hat Kinga noch den Bernstein bei sich, ein Familienbesitz, um den sich viele Geschichten ranken. Die sind es auch, die Sabrina Janesch entfaltet. Nicht auf einmal, sondern mit Bedacht und mit einem geheimnisvollen Flunkern. Die junge Autorin schafft es meisterhaft, eine mystische Stimmung zu kreieren, so dass ich am eigenen Fenster hinter jedem Regentropfen etwas Verstecktes vermute. Sabrina Janesch ist einer Fee ähnlich, die mich zunehmend verzaubert, und in ihren Bann zieht. Da kann ich auch die anfänglichen Hindernisse wie die unzähligen fremden verwirrenden Vornamen, die alle mit B beginnen, ausblenden. Die Autorin entführt mich nicht nur in eine aufreibende Familiengeschichte, sondern auch in einen magischen Salon, wo Menschen mit kosmischen Begabungen auf der Bühne stehen, die jede greifbare Norm ausblenden.

Ein weiteres Stilelement sind die kursiven Einschübe, die sich plötzlich in das Geschriebene drängen. Anfangs verwirren diese Fremdkörper, später sind sie ein fester Bestandteil in dem Buch. Sabrina Janesch nutzt diese Form, um den Lesern u.a. Einblicke in Bartosz’ Gedankenwelt zu geben, eine bleischwere Welt. Er war als Soldat im Irak und trägt Wunden in der Seele, die in den aufblitzenden Momenten ans Licht kommen, indem er seine Erfahrungen rekapituliert. Diese Szenen gehen an die Substanz und sind äußerst beklemmend. Über diese Erzählebene tauche ich auch in Renias Leben, eine weitere wichtige Person in diesem Ensemble.

Sabrina Janesch gelingt mit ihrem Roman ein wunderbares Porträt über Danzig. Sie spürt Stimmungen auf, legt Bilder und Sinneseindrücke in ihre Sätze, dass man sich direkt dort wiederfindet. Feinfühlig schreibt sie über die polnische Stadt am Meer, in der sie selbst für ein halbes Jahr als Stadtschreiberin zu Gast war. Sie versteht es, Geschichte lesbar und fühlbar darzustellen, sei es die der Stadt oder die der Familie. Beides macht Freude und ist unwahrscheinlich bereichernd.

Die junge Autorin hat eine besondere Gabe. Ihr gelingt es, eine anziehende Atmosphäre heraufzubeschwören, die an Nebel verhangende Täler erinnert. Ein Bild, das ich bereits in ihrem Debüt „Katzenberge“ vor mir sah. Sie liebt das Verborgene und legt dies mit aller Kraft in ihre Sprache. So verwundert es mich nicht, dass ich plötzlich das Buch in einem Bernstein liegen sehe. Dort ist es gefangen und wartet auf unsere Befreiung. Ein flüchtiges Aufkratzen allein reicht nicht aus, man braucht Geduld und Zeit für dieses Vorhaben. Vieles ist in „Ambra“ versteckt und verschachtelt, dass es besonderer Konzentration bedarf, um zum Kern durchzudringen. Das störte mich keineswegs, als ich in meinem eingeschlossenen Lesereich lag, jenseits von Lärm und anderen ablenkenden Faktoren. Dennoch fehlte mir bis zum Schluss eine Komponente, die dem Buch eine goldene Krone aufsetzen konnte. War es diese seltsame Protagonistin, mit der ich nicht warm wurde? Selbst heute noch beschäftigt mich die Frage: Was war anders als bei „Katzenberge“? Ich weiß es nicht. Parallelen zum Erstling gab es einige: Neben der wunderbaren Atmosphäre und dem geschichtlichen Hintergrund, steht erneut eine junge suchende Frau im Mittelpunkt. Vielleicht schenkt mir die vielversprechende Autorin die Antwort mit ihrem nächsten Roman. Auf den freue ich mich schon jetzt. Denn eins ist gewiss: Sabrina Janesch hat großes Talent. Und verdient für dieses Buch eine silberne Krone.

Sabrina Janesch.
Ambra.
August 2012, 372 Seiten, 22,99 €.
Aufbau-Verlag.

Wenn ihr die Autorin näher kennenlernen wollt, möchte ich euch ihre Homepage ans Herz legen. Außerdem kam sie bereits bei Mara von buzzaldrins Bücher in einem Interview zu Wort und bei mir hier.

Wintersatt.

kerr_blumen

Ich bin wintersatt. Seit Wochen schon versteckt sich die Sonne hinter einem Wolkenmeer und schaut nur ganz selten hervor. Dort hält sie ihren Winterschlaf und lässt uns im Stich. Wir müssen zusehen, wie wir mit der Nässe, Kälte und dem Grau zurechtkommen. “Halt! Das Leben ist zu kurz, um im Grau zu baden. Dagegen muss etwas unternommen werden,“ riefen meine Bücher und schoben mir “Blumen für Zoë” in den frischen Tulpenstrauß. “Schieß ein Foto, liebe Klappentexterin! Das macht gute Laune!“ Ja, das stimmt. Und so drückte ich auf den Auslöser meiner Kamera. Mit diesem kleinen Blumengruß möchte ich die Sonne aufwecken und euch mit einem Buch-Model beglücken.

Fee Katrin Kanzler über Götter.

                                         CIMG50561 (Foto: Wolfgang Tischer)

Fee Katrin Kanzler wurde 1981 geboren. Die junge Autorin hat Philosophie und Anglistik in Tübingen und Stockholm studiert. 2001 wurde sie zum Treffen junger Autoren in Berlin eingeladen. 2007 war sie Stipendiatin des Klagenfurter Literaturkurses. Fee Katrin Kanzler erhielt im gleichen Jahr den Förderpreis für Literatur der Stadt Ulm. Sie lebt derzeit im Süden Deutschlands, unterrichtet Philosophie und Englisch, zeichnet, spielt und schreibt. “Die Schüchternheit der Pflaume” ist ihr Debüt.

Klappentexterin: Der römische Dichter Ovid bezeichnete den Bernstein als „Tränen der Götter“. Und weil die Götter in Ihrem Roman eine nicht ganz unerhebliche Rolle spielen, kann ich mir die Frage nicht verkneifen: Besitzen Sie einen Bernstein?
Fee Katrin Kanzler: Da muss ich enttäuschen, nein. Aber Ovid habe ich im Lateinunterricht immer gemocht.

Haben Sie vielleicht persönliche Götter, an die Sie glauben?
Auch hier muss ich verneinen. Zu Göttern habe ich ein eher ironisches, spielerisches Verhältnis. Menschen sind mir wesentlich wichtiger.

Die Ich-Erzählerin fühlt sich den Göttern nahe und fürchtet sie gleichermaßen. Woher kommt diese Ambivalenz?
Die Götter benutzt sie als Erklärung für viele Zusammenhänge, die sie nicht versteht. Was ja recht menschlich ist. Warum sie unbedingt Musik machen muss, nichts anderes tun will, zum Beispiel, erklärt sie sich so, oder wohin ihr Zwillingsbruder verschwunden ist. Die Götter als eine Art herzloses Machtfigurenkabinett, fähig, sie mit allem zu beschenken, was sie sich wünscht, aber ihr auch alles wegzunehmen.

Ist die Protagonistin ein verlorenes Götterkind, ein Wesen, das nicht richtig in die Welt passt? Oder ist sie einfach nur verträumt?
Verlorenes Götterkind, so etwas geistert sicher in ihrem Kopf herum. Sie ist vor allen Dingen jung und selbstverliebt. Was sie noch nicht realisiert hat: So richtig passen doch die wenigsten in die Welt. Wir schustern uns so unsere Provisorien zusammen, um mit dem Leben klarzukommen. Ihr Provisorium sind unter anderem ihre Götter.

Ihr Roman versetzte mich in eine Art Schwebezustand. Es gab keine großen Explosionen oder Kanten, an denen ich mich gestoßen habe. Stattdessen wärmende Wortbilder und ein angenehmer, ruhiger Ton. Wollten Sie Ihre Leser schweben lassen?
Das überrascht mich. Eigentlich dachte ich, dass Formulierungen wie »ein Musikstück wie ein Transrapid« oder eine Stadt als »Wanderdünen aus Bordsteinen, Mänteln, Frisuren, Hausecken und im Wind fliegendem Müll« doch eine gewisse Kantigkeit haben. Was es aber natürlich in meinem Buch nicht gibt, ist Action, obwohl, eher im Hintergrund der Handlung, öfter mal etwas in die Luft fliegt. Ich wollte meine Leser vor allem sensibilisieren, vielleicht übersensibilisieren, für kleine Dinge, und für Sprache. Die Sprache, ihr Rhythmus und Klang, ist in meinem Buch fast schon ein eigener Charakter.

Die Musik ist ein wichtiger Baustein im Leben Ihrer Romanheldin. Was bedeutet für Sie Musik? Spielen Sie sogar selbst ein Instrument oder singen?
Ja, ich tue all das, aber autodidaktisch und ziemlich dilettantisch und selten. Ich bin froh, dass ich nie, wie meine Erzählerin, davon leben musste. Das stelle ich mir sehr hart vor, dieser Berufung zu folgen. Darüber hinaus ist Musik für mich aber absolut lebenswichtig, sei das nun Gabriel Fauré, irgendeine Punkband aus den Neunzigern oder frisch gemixte Clubmusik. Ich lasse mich sehr leicht von Musik mitnehmen.

Ihre Sprache hat mich verzaubert. Wie lange haben Sie an ihr gefeilt?
Lange. Ich schreibe Sätze sehr oft um. Ganz penibel, bis mir alles in den Kram passt.

Wann haben Sie zum ersten Mal gespürt, dass Sie Geschichten erzählen möchten?
Muss sehr früh gewesen sein. Als ich noch nicht schreiben gelernt hatte, habe ich Bildergeschichten erzählt und manchmal meine Mutter gebeten, etwas daneben zu schreiben. Ich hatte auch einen eigenen kleinen Theaterfundus mit alten Klamotten, Faschingsutensilien, Spielzeugwaffen und die wurden zum Aufführen aller möglichen Geschichten verwendet. In der Pubertät kamen dann die ersten Gedichte und irgendwann wurden sie brauchbarer, und dann auch Kurzgeschichten und schließlich der Roman.

Ist die Fee in Ihrem Namen Kunst oder gehört sie immer schon zu Ihnen?
Die gehört dazu, schon sehr lange, ein Spitzname aus früher Kindheit, noch bevor ich wusste, was Kunst eigentlich ist. Mir ist der Name so vertraut wie ein Vorname.

Und zu guter Letzt möchte ich natürlich wissen: Schreiben Sie an einem neuen Roman?

Ich habe da einen Stoff im Auge, verrate aber nichts. Das Territorium muss ich erst mal selber erkunden.

Die Klappentexterin dankt für das Interview und wünscht Fee Katrin Kanzler weiterhin viel Erfolg und alles Gute.

PS. Wenn ihr mehr über die Autorin erfahren wollt, dann besucht sie einfach hier.

Das verlorene Götterkind.

pflaume

Ich bin eine Regenbogenfrau, die dem grauen Alltag die Zunge herausstreckt und im Farbrausch tanzt. Vergessen ist das nasskalte Winterwetter. Vergessen ist der Zorn der Tage. Wie das? Ganz einfach: Fee Katrin Kanzler hat mich mit ihrem Debüt „Die Schüchternheit der Pflaume“ vollends verzaubert. Ihre Sätze sind weich wie feinster Kaschmir und wunderschön. Der Roman gleicht einer Oase, die der Hektik den Riegel vorschiebt und mich in ein leuchtendes Vakuum einschließt.

Fast könnte man den Roman als ein langes nicht enden wollendes Gedicht sehen, so poetisch reiht sich Satz an Satz, so stark und einnehmend ist die Sprache, die sich göttlich über die Geschichte erhebt. Die junge Autorin erzählt von einem Mädchen, das suchend umherschwebt. Der Wind trägt die Erzählerin durch die Welt, über die Straßen einer Großstadt, durch Clubs, in denen sie sich glücklich tanzt, er setzt sie im Scheinwerferlicht auf die Bühne, auf der sie sich ihrer Musik hingibt und ihre warme Mitte findet. Musik ist ihr Lebenselixier: „Zu schildern, wie ich Musik höre, ist nicht so einfach. Sie treibt Strukturen durch den Raum, Netze und fließende Bänder, Blasen und Wellen, hochschießende Zapfen und Speere. Ich sehe sie. Es sind Strukturen, denen mein Körper folgt, wenn ich tanze. Ich fühle sie. Musik ist eine greifbare Welt für mich, eine Landeschaft hinter den Dingen, in ihr gehen Sinne ineinander über, ein synästhetisches Wunderland. Hätte ich nicht als Kind gelernt, dass Klänge ohne Geruch und Geschmack sind, hätte ich keine Scheu, sie mit Worten wie zitronig, fade oder süß zu bezeichnen.“

Schon auf den ersten Seiten spüre ich die zarte Seele aus ihrem Wesen nach draußen steigen. Ich fange sie auf und stecke sie in meine Tasche. Meine Beschützerinstinkte erheben sich automatisch von den Stühlen und wollen das Mädchen festhalten. Eins steht fest: Das Mädchen hat mich von Anfang an auf seine Seite gezogen. Ich kann nicht aufhören, den elfengleichen Beschreibungen zu lauschen, die sie in den Raum ausatmet, ein Flüstern reiht sich an ein Wispern, es folgt ein Streicheln auf der Wange und eine Liebkosung der Sprache.

Es scheint, als hätte der Himmel die Romanheldin ausgespuckt und sie auf die Erde fallen lassen, auf der sie nun versucht, durchzukommen. Die Götter wollten sie nicht mehr, so scheint es, ja, der Gedanke ist nicht ganz abwegig. Sie spricht selbst von ihnen und das nicht im Guten. Seit den Jugendtagen kämpft sie mit ihnen. „Mit dreizehn glaubte ich, den Göttern zu gehören. Fühlte ihre bitterscharfen, stahlblanken Krallen. Hörte ihr unterkühltes Gelächter und glaubte, niemals einem Mann gehören zu können, weil mich bereits die Götter besaßen.“ Die Götter wissen alles von ihr, glaubt sie, mehr als sie selbst. Die Erzählerin hängt oft in der Schwebe wie eine Seiltänzerin, die aus dem Takt gekommen ist, zwischen oben und unten baumelnd, unschlüssig, wohin sie nun schweben soll. Sie möchte ihre eigene Geschichte greifen, doch die entgleitet ihr zwischen den Fingern, wie ein nasser Fisch, der wieder zurück in den See will.

Da steht die namenlose Ich-Erzählerin also und blickt der Welt ins Gesicht. Mal strahlend, mal ängstlich, mal fragend. Und immer dabei, ihr unschlüssiges Herz, das sich nicht entscheiden kann, welchen Mann sie nun nehmen soll. Das liebenswerte Ding, das alle Sonderlinge magnetisch anzieht. Ja, die Erzählerin selbst ist sonderbar, verrückt und ein „Mondsuchtfräulein“, das schlafwandelt, und sich furchtbar gern hinter ihrer „Goldkäferbrille“ versteckt. Besonders nach Nächten, in denen sie wenig Schlaf bekommen hat oder an Tagen, an denen ihr das Leben abhandenkommt und sie sich verkriechen möchte, weil die inneren Erdbeben zu stark sind. Während ich das hier schreibe, streift mich die Erkenntnis, dass man sie liebt oder nicht. Wie diesen Roman. Entweder ganz oder gar nicht.

Fee Katrin Kanzler schafft großartige Wortkreationen und malt unglaubliche, betörende Bilder, verzauberte, melancholische und verträumte. Sie spielt mit der Sprache, verwandelt alltägliche Wörter in wundersame Geschöpfe. Sprachlich gesehen, ist der Roman eine wertvolle, bereichernde Schatztruhe. Ich grabe und verliere mich in zahlreichen Formulierungen, stoße auf Worte, die ich mir an die Wand malen möchte.

Dieser Roman löst die Erdanziehungskraft auf und lässt mich schweben. Ich entgleite dem Stress, dem lauten Getöse vor der Haustür. Es gibt keine harten Kurven, keine Explosionen, stattdessen nur einen zarten Faden, der sich verspielt und liebevoll um die Augen schmiegt. Alles Graue verschwindet und verwandelt sich in ein buntes Meer aus Farben. Rot, grün, blau, violett, rosa, gelb. Sie tanzen und ziehen mich alle mit. Der Roman gewinnt nicht durch die Geschichte, dafür ist sie zu klein, eine zurückhaltende Melodie, die sich bei mir dennoch großes Gehör verschafft. Es bleibt angenehm ruhig und still. Trotzdem finde ich auf den Seiten wohltuendes Leseglück und vollkommenen Seelenfrieden. Vielleicht weil ich für die kleinen besonderen Dinge des Lebens empfindsam bin und mich ein Buch auch durch eine schöne Sprache begeistern kann. Wer ereignisreiche Szenen und eine krachende Portion Aktion sucht, der wird hier nicht fündig. Doch wer sich in poetischen Bildern verlieren und sich dem Summen von wundervoll komponierten Sätzen hingeben kann, der wird am Ende das Buch mit einem glücklichen Seufzer zuschlagen und aussehen wie eine Regenbogenfrau. Versprochen!

Fee Katrin Kanzler.
Die Schüchternheit der Pflaume.
September 2012, 320 Seiten, 19,90 €.
Frankfurter Verlagsanstalt.

Mit dem Roman ist an dieser Stelle Schluss, doch mit der Autorin geht es am kommenden Mittwoch in einem Interview weiter.

Monster im Kopf.

Ich kenne solche Momente, in denen im Kopf ein Monster sitzt, das mit hässlichen Worten um sich wirft. Oder die Augenblicke, in denen ich mich von der Welt zurückziehe und im Bett verkrieche, um neue Kraft zu schöpfen. Was bei mir in großen Abständen kurz auftaucht, ist bei Ida Schaumann ein Dauerzustand. Sie ist die Ich-Erzählerin in dem Debüt „Drüberleben – Depressionen sind doch kein Grund, traurig zu sein“ von Kathrin Weßling.

Kathrin Weßling hat mich mit ihrer Romanheldin jeden Quadratzentimeter spüren lassen, wie es ist, wenn man mit der Diagnose F 32.2. Schwere depressive Episode ohne psychotische Symptome leben muss. Wir sind beide Menschen mit zwei Armen und zwei Beinen, beide junge Frauen und doch trennt uns etwas. Während ich ohne große Hindernisse durchs Leben laufe, gelingt es Ida gar nicht. „Irgendwann war etwas passiert, das begonnen hatte, den Weg zu zerfressen, den ich ging, etwas, das aus dem Weg einen Hindernisparcours gemacht hatte.“ Ida versteckt sich in ihrer Wohnung, betäubt sich mit Alkohol, ist zu nichts in der Lage und so türmen sich die Müllberge. Aus lauter Verzweiflung lässt sie sich zum wiederholten Male in eine psychiatrische Klinik einweisen. Dort trifft sie auf andere Menschen, die wie sie aus dem Leben gefallen sind.

Kathrin Weßling setzt nicht nur ihre Protagonistin in den Mittelpunkt, sie rückt auch weitere Patienten in den Fokus. Da ist der wütende Simon, dem nachts schlimme Alpträume plagen und der den anderen seinen Zorn ins Gesicht wirft oder Peter, der von Panikattacken eingenommen wird. Es gibt einige Szenen, in der sich eine große Betroffenheit in mir breitmacht. Die erwischt mich besonders in einem ersten Gruppengespräch, an dem Ida teilnimmt. Es geht darum, die Gefühle zu beschreiben und wie es ihnen mit ihrer Krankheit geht. Als eine Patientin vier Wörter ausspricht, vier verdammte Wörter, die wie Chili in den Augen brennen, spüre ich einen Schlag auf meinem Kopf. Diese vier Wörter, die alles beschreiben, die ganze Verzweiflung ausspucken, lauten: „Da ist ja niemand.“ Eben rumorte es noch in dem Raum, jetzt herrscht eine Stille, weil Andrea das ausgesprochen hat, was alle betrifft. Selbst Ida findet sich darin wieder: „Ja, da ist niemand, denke ich. Keiner, der wartet, keiner, der schon gekocht und aufgeräumt hat und mit Geschichten wie Umarmungen am Tisch auf uns wartet. Da ist einfach niemand. Keiner, der da ist, und auch keiner, der vorbeikommt.“

Danach brauche ich Minuten, um wieder klar denken zu können. Genau das schätze ich an diesem Debüt aus: Diese Offenheit. Kathrin Weßling holt mich in eine Welt, über die oft hinter vorgehaltener Hand gesprochen wird. Eine Krankheit, die in den letzten Jahren zugenommen hat und nicht aufhören wird, zu wachsen. Die junge Autorin versteckt gar nichts, schaltet das Licht an, wenn ich in einem dunklen Winkel die Sicht verliere. Sie spricht Dinge an, die mich bis ins Innerste erschüttern. Das macht sie in einem sehr eigenen Ton, der dieses Debüt auszeichnet. An einigen Stellen kann ich nicht anders, als zu lachen, so ironisch schreibt sie. Woanders spüre ich den Zorn wie Faustschläge im Gesicht. Die Sprache ist ihre Welt, das erkenne ich in jedem Satz. Die junge Autorin gewann bereits zahlreiche Poetry-Slams und begann einst mit ihrem Blog „drüberleben“ über ihre Depression zu schreiben, mit dem zur „Mädchenbloggerin 2010“ gekürt worden ist.

Was ich an dem Buch schätze, ist der Weg, auf dem ich Ida begleite. Mit dabei ihre Suche nach der erlösenden Antwort für das Übel und dazwischen eigene Erinnerungen, denen sie sich stellt. Langsam, aber stetig. So erfahre ich den Auslöser für ihr Auseinanderfallen. Doch ob der Tod einer geliebten Freundin wirklich der Grund an ihrer Erkrankung ist, wird fragwürdiger je tiefer Ida sich in ihre eigene Vergangenheit gräbt.
Kathrin Weßling erzählt auch davon, wie es ist, wenn der Körper von Gedanken und Gefühlen komplett eingenommen ist: „Ich zähle, weil ich nicht weiß, was ich denken soll. Was ich denken kann und was ich denken muss. Ich zähle, weil Zahlen so viel einfacher zu buchstabieren sind als Gefühle, die sich immer auf eine Art breitmachen, als hätte jemand sie darum gebeten, als hätte jemand, also ich, ihrer selbstverständlichen Präsenz eine Einladungskarte geschickt, auf der steht, dass sie immer willkommen sind, dass sie vorbeikommen können, wann immer sie wollen.“

Die Autorin hat mit ihrem Roman etwas sehr Wertvolles getan. Sie hat mich in einen Menschen blicken lassen, der an einer Depression leidet. Sie hat mich die Monster hören lassen, die in ihrem Kopf wüten. Und das auf bemerkenswerte Weise. Ihr Schreibstil pulsiert vor Kraft und knackt wie ein Apfel. Weiche Töne werden von spitzen Pfeilen getroffen. So traurig und bewegend die Geschichte auch ist, so energiegeladen sind die Wörter, die sie erzählen. Sicherlich bleibt die Betroffenheit, doch es schiebt sich im Verlauf der Geschichte und zum Schluss etwas dazwischen. So Etwas, das die Hoffnung in sich trägt.

Kathrin Weßling.
Drüberleben. Depressionen sind doch kein Grund, traurig zu sein.
September 2012, 320 Seiten, 16,99 €.
Goldmann Verlag.


Über die Autorin:

Kathrin Weßling wurde 1985 in Ahaus geboren. Die junge Autorin lebt in Hamburg und hat bereits zahlreiche Poetry-Slams gewonnen. Zudem war sie Protagonistin mehrerer Folgen der Sendung “Slam Tour mit Sarah Kuttner”. Kathrin Weßling für Magazine wie “uMag” und auf “jetzt.de” geschrieben. 2010 hat sie angefangen, auf ihrem Blog “drüberleben” über ihre Krankheit zu schreiben und wurde zum “Bloggermädchen 2010″ gekürt. Die Autorin arbeit derzeit als freie Texterin und Autorin.

Mit dem Buch ist an dieser Stelle nun Schluss, doch am Samstag geht es mit einem Interview weiter. Seid gespannt!

Vom Gestern und vom Heute.


Ich weiß nicht, wie viele Sekunden ein Atemzug braucht, aber ich weiß, dass er sich mit diesem Buch sehr intensiv anfühlt, unwahrscheinlich lange, Zeitlupentempo wäre vielleicht ein passender Begriff dafür. Es ist ein bewusstes Senken und Heben des Brustkorbes, ein Auf und Ab, die Augen fahren über Marica Bodrožićs Worte, in denen ich aufgehe, innehalte, verweile, aus der S-Bahn schaue und dem Echo des Geschriebenen lausche. Ich habe für “kirschholz und alte gefühle” mehr Tage gebraucht als ich zunächst annahm und das aus einem einfachen Grund: Marica Bodrožić liest man nicht nebenbei, man atmet ihre Sprache und damit ihre Geschichten, die mit vielen Gedanken und Gefühlen gefüllt sind.

“kirschholz und alte gefühle” ist der zweite Teil einer Trilogie. “Das Gedächtnis der Libellen” nennt sich das erste Buch, das Ada Mitsou wundervoll besprochen hat. In ihrem neuen Roman schenkt die Autorin Arjeta Filipo eine Stimme. Durch die Ich-Erzählperspektive radiert Marica Bodrožić jede Distanz aus und holt mir Arjeta ganz nah heran. Es dauert nicht lange und schon ist die Protagonistin eine Vertraute, die mir ihre Geschichte erzählt und von ihren Absencen berichtet: “Unser Arzt sprach von Anfällen. Pétit mal. So nannte er die Pausen in meinem Gedächtnis. Manchmal wurde mein Kopf von einer mir unbekannten Kraft nach hinten gezogen. Vor den Augen meiner Familie war kein Entkommen. Und wenn das kleine Übel vorbeigezogen war, nannten mich meine Eltern ihre Sternenguckerin.” Diese Lücken will sie nun in ihrer neuen Wohnung in Berlin füllen, indem sie sich mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzt. Sieben Tage lässt sie mich an ihrem Leben teilhaben, das einige bewegende und schmerzvolle Erfahrungen in sich trägt.

Die neue Wohnung ist leer, darin finden sich nur Kartons und Fotos, die sie auf dem geliebten Kirschholztisch ihrer Großeltern ausbreitet. Dieser Tisch ist etwas Besonderes und macht Arjeta glücklich. Draußen fliegen Schwalben, die Arjeta anfängt zu zählen und zu denen sie eine besondere Beziehung hat: “Ich fühle mich von ihnen begrüßt, stelle mir vor, dass ein kleiner blauer Vogel durch meinen Verstand fliegt. Vielleicht kann er mir helfen, in der Gegenwart zu leben.” Das Vögelchenzimmer wird ihr Rückzugsort, “einfach nur ein Raum, kein Gegenstand, kein Gedanke soll ihn verstellen.” Mit diesem Zimmer hofft sie, endlich zur Ruhe zu kommen.

Noch ist die Ruhe ein ferner Geselle. Ihre Erinnerungen, die aufblitzen und die sie mit mir abgeht, führen mich zuweilen an meine Grenzen. Als Arjeta damals Jugoslawien verließ, um in Paris Philosophie zu studieren, begann der Balkankrieg, vor dem sie in ihren Erzählungen nicht haltmacht. Es fallen furchtbare Zahlen: 1425 Tage dauerte die Belagerung, es fielen durchschnittlich pro Tag 329 Granaten. Aber auch in Worten bringt die Autorin das Grauen zum Ausdruck, dass ich den Schmerz fühle, das Blut förmlich rieche und zittere.

Es stürmt nicht die ganze Zeit in ihren Erinnerungen, es gibt auch sanfte Momente des Aufatmens wie die mit einem guten alten Freund. “Mischa Weisband war kein Mensch, der die Straßen und die Sprache seiner Kindheit hassen konnte”. Er ist ein deutscher Jude, der in Paris lebt, ein Nachbar im Haus Arjetas Tante, den sie kennenlernt. Eine Begegnung, aus der sich eine besondere Freundschaft fürs Leben entwickelt, eine starke Hand und ein Geschenk des Schicksals, wie er es an einer Stelle so schön beschreibt. Nicht so warm ist die Beziehung zu Arik, einem Künstler, der nie ganz in Arjetas Leben bleibt, immer wieder flüchtet, ein Schatten, der schnell um die Ecke huscht und in der Dunkelheit verschwindet. An ihn verliert Arjeta ihr Herz und fast sich selbst.

Es ist ein Ziehen und Dehnen, ein ständiges Flattern der Gedanken und Gefühle, die Marica Bodrožić bei mir auslöst. Arjeta bewegt sich in den sieben Tagen zwischen gestern und heute. Sie kehrt zurück nach Paris, das sie mit zwei besonderen Freundinnen gemeinsam erlebt hat, Hiromi und Nadeshda. Während Hiromi wieder nach Japan ging, zog Nadeshda nach Berlin und kümmerte sich um einen Job für Arjeta, als sie ihre Zeit in Paris beenden wollte. Und nicht zuletzt der wunderbare Mischa Weisband und der anstrengende Arik. Sie sind Fäden, die sich durch Arjetas Leben ziehen, genauso wie die Familiengeschichte, in der neben hellen Augenblicken auch Reibungen und schmerzvolle Erfahrungen lauern wie das große Loch, das der Krieg hinterlassen hat mit den Verlusten und Brüchen. Arjeta beugt sich der Vergangenheit, verlässt die Gegenwart, öffnet den Erinnerungen die Tür und kehrt abwechselnd zurück in das Jetzt.

Marica Bodrožić erzählt mit einem unglaublichen Sprachgefühl, jedes Wort entstammt einer inneren Stille, wurde mit Bedacht gewählt und entfaltet sich auf seine Weise. Ich konnte das Buch nicht verschlingen, ich habe es gelöffelt wie eine heiße Hühnersuppe. Zwischendurch habe ich dem Dampf zugeschaut, wie er sich verflüchtet hat, die Worte hingegen blieben in mir. “kirschholz und alte gefühle” ist genau das Richtige, wenn einem die Welt draußen zu schnell und laut wird. Das Buch setzt vieles in Bewegung und verströmt trotzdem eine Ruhe, in die ich mich jetzt im Herbst so gern lege. Einerseits löst die Geschichte eine Anspannung aus, andererseits führt sie zu einer inneren Einkehr der eigenen Gedanken über Familie, Liebe, Freundschaft und den Wurzeln. Der Roman lässt dich spüren, was es bedeutet, anzuhalten und auf die Stille zu hören, den Weg deines eigenen Atems zu verfolgen und zu fühlen, wie schön es sein kann, anzukommen, egal, wie lang und anstrengend deine Reise auch sein mag.

Marica Bodrožić.
kirschholz und alte gefühle.
September 2012, 224 Seiten, 19,99 €.
Luchterhand Literaturverlag.

Über die Autorin:

Marica Bodrožić wurde 1973 in Svib/Dalmatien, dem heutigen Kroatien, geboren. Sie lebt seit 1983 in Deutschland und schreibt Gedichte, Essays, Romane sowie Erzählungen. Ihre Bücher wurden mit zahlreichen Preisen und Stipendien ausgezeichnet. So erhielt sie den Förderpreis für Literatur von der Akademie der Künste in Berlin. Claudio Magris über Marica Bodrožić: “Eine der ungewöhnlichsten frischesten und originellsten Stimmen der zeitgenössischen deutschsprachigen Literatur.”

Mit dem Buch ist an dieser Stelle nun Schluss, doch am Donnerstag geht es mit einem Interview weiter. Seid gespannt!