Archiv der Kategorie: Biographien

Nichts ist spannender als die Wirklichkeit.

Miranda July! Miranda July! Miranda July! Miranda July! Miranda July!

Liebe Miranda July,

ich bete zu den Göttern, dass mein Ruf laut genug ist und du mich findest. Endlich möchte ich dir sagen, wie großartig ich deine Arbeit finde. Hab bitte Nachsicht, dass ich meine Gedanken in meiner Muttersprache schreibe, denn darin fühle ich mich am besten aufgehoben. Das Englische ist für mich ein Boomerang, den ich nicht immer ganz so gut beherrsche und blamieren möchte ich mich nicht, nicht vor dir und den anderen. Du wirst das bestimmt verstehen. Das Sie habe ich übrigens umschifft, immerhin sind wir fast gleich alt.

Auf gewisse Weise fühle ich mich mit dir verbunden, auch weil du das July in deinem Namen trägst, meinen Geburtstagsmonat. Meine Augen blitzen auf, wenn ich deinen Namen lese. Ich liebe deine Filme, deine Geschichten und Kunstwerke. Für mich bist du eine Zauberin des Alltags, die aus kleinen Nebensächlichkeiten strahlende Schätze kreiert. Ich denke hierbei an die PR-Aktion zu deinem Erzählband “No One Belongs Here More Than You”, bei der du deinen Kühlschrank und Herd beschrieben hast. Oder das Video „How to make a button“, in dem du uns zuckersüß zeigst, wie man Knöpfe herstellen kann. Unglaublich! Die kleinen Dinge werden mit dir zu riesigen Ereignissen, die magisch anziehen und mich glücklich machen. Du schenkst mir stets ein charmant-verrücktes Lächeln, das haften bleibt, als hättest du es mir höchst persönlich angeklebt. Exklusiv für mich das Miranda-July-Lächeln. Wirklich großartig! Du schärfst meinen Blick, schubst meine Kreativität mit einem Elektrostoß an und begeisterst mich. Da war es sonnenklar, dass ich dein neues Buch lesen musste, über das ich jetzt im Anschluss schreiben werde. Ich werfe meinen Hut und verneige mich vor dir. Thanks a lot! Ich werde deinen Rufen weiterhin folgen.

Herzlichst,

Klappentexterin

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Miranda July ist eine der kreativsten Menschen unserer Zeit. Aber wie alle Kreativen bleibt auch sie vor einer Schaffenskrise nicht verschont. Als sie im Sommer 2009 bei der Arbeit an ihrem Film „The Future“ nicht weiterkommt und die Finanzierung noch unsicher ist, bummelt sie lieber im Internet herum und verrichtet freudlos die Hausarbeit. Dienstags hingegen weht ein frischer Wind in Miranda Julys Heim, weil dann das Anzeigenblatt „PennySaver“ in der Post steckt. Sie liest das Blatt wie eine Detektivin und ist begeistert: „Jede Anzeige war wie ein sehr kurzer Zeitungsartikel.“ Wer steckt hinter den wenigen Zeilen? Ihre Neugier führt sie schließlich zum Telefonhörer. Miranda July ruft den Anbieter einer Lederjacke an und fragt den Mann, ob sie sich die Lederjacke anschauen und ein Interview mit ihm durchführen könnte. Als Entschädigung für den Zeitaufwand würde sie 50 Dollar zahlen. Michael willigt ein. Damit kommt der Stein ins Rollen.

„Diese Gelegenheit, meiner Höhle zu entkommen, war himmlisch.“ Das ist der erste Satz, der Mirandas Erleichterung zusammenfasst, ich höre förmlich ihr Aufatmen. Gemeinsam mit ihrer Freundin Brigitte Sire und ihrem Assistenten Alfred macht sich Mirandy July auf den Weg. Brigitte ist die Fotografin und Alfred der Beschützer, „damit wir nicht vergewaltigt wurden“.

Michael ist der erste von zehn Menschen, die das Team im Laufe der Zeit zu Hause besuchen wird. Er trägt eine „brombeerefarbene Bluse, Busen und lachsrosa Lippenstift“ und ist mehr Frau als Mann, denn Michael unterzieht sich einer Geschlechtsumwandlung. Das ist das erste, was er an der Tür sagt, bevor er sie in ihr Reich lässt. Die drei folgen seiner Einladung und schlüpfen in die Wohnung. Nach dem Betrachten der Lederjacke, eröffnet Miranda July das Gespräch und fragt Michael ohne Umschweife nach seiner Geschlechtsumwandlung. Mit dieser natürlichen Offenheit begegnet sie auch den anderen Männern und Frauen. Wie Ron, der ein siebenundsechzigteiliges Hobbymalset verkaufen möchte und eine elektronische Fußfessel trägt oder Pam, die Fotoalben von fremden Menschen anbietet, die sie gekauft hat und sich damit in fremde Welten träumt. Besonders bewegend ist die Beziehung, die sich zwischen Joe und Miranda July entwickelt. Mit dem Interviewten freundet sie sich an und gibt ihm eine Rolle in ihren Film. Erschrocken bin ich hingegen über Domingos Innenleben, das er sich an die Wand klebt. Auf diese Bekanntschaft ist Miranda July zufällig gestoßen, als sie Domingos Schwester aufsuchte, die Glücksbärchis inseriert hatte.

Meist dienen die angebotenen Dinge im „PennySaver“ als Türöffner. Miranda July fragt stets nach dem Grund der Anzeige und löst eine Kettenreaktion aus, die mitten hinein in das Leben fremder Menschen führt. Es sind Frauen und Männer, mit denen die Künstlerin sonst nicht in Kontakt treten würde. Nach dem Gespräch bei Pauline und Raymond schreibt sie: „Es erschien plötzlich sonnenklar, dass die ganze Welt, und besonders Los Angeles, darauf angelegt war, mich vor genau diesen Leuten, mit denen ich mich nun traf, abzuschirmen. Es gab kein Gesetz dagegen, ihre Bekanntschaft zu machen, aber es passierte einfach nicht. L.A. ist keine Stadt für Fußgänger und hat kein nennenswertes U-Bahn-System – sofern sich nicht jemand in meiner Wohnung oder meinem Auto aufhält, werden wir uns also nie an ein und demselben Ort befinden, nicht einmal für einen Augenblick.“

Miranda July liegen immer zwei Dinge am Herzen: Das Glück und Computer. Fast jedes Mal fragt sie die Menschen nach dem glücklichsten Moment in ihrem Leben und ob sie einen Computer haben. Erstaunlicherweise besitzen die meisten keinen PC, dafür eine Handvoll Geschichten, die aus ihnen fontänenartig aus den Mündern strömen. Manche berühren, manche erschrecken. Mal blinzelt mir die Sonne ins Gesicht und mal erfasst mich ein kalter Regenschauer. Es sind die Fotos, die dem Ganzen die Distanz rauben und mir das Gefühl schenken, als wäre ich direkt vor Ort, würde bei Primila im Wohnzimmer sitzen und mit meiner Hand über den Sari fahren. Ich spüre die feuchte, glibschige Ochsenfrosch-Kaulquappe, die Andrew im Anzeigenblatt anbietet und Miranda July zeigt. Brigitte Sire fängt die persönlichen Puzzleteile mit ihrer Kamera ein, übersieht auch die feinen Details nicht wie die weiß-blonde Frauenperücke in Michaels Wohnung oder der ausgestopfte Tierhintern von einem Reh, der bei Beverly an der Wand hängt. Die Fotos holen mich noch näher an die Menschen heran, die plötzlich keine Fremden mehr sind. Das Objektiv zoomt sich in das Privatleben, ohne aufdringlich zu wirken.

Das Buch “Es findet dich” schüttelt mich wie ein Mixer durch, weil die einzelnen Geschichten allerhand mit mir anstellen. Ich komme eigentlich gar nicht richtig zum Luftholen, überall lauern Überraschungen. Komische Situationen lassen mich auflachen und bringen meine Augen zum Flattern. In anderen Momenten spüre ich eine Gänsehaut, das Herz fühlt sich zentnerschwer an, ich bin zutiefst betroffen und ringe nach Luft. Miranda July bleibt bei allem sehr menschlich und liebenswert. Sie redet nichts schön und spricht alles an, was ihr durch den Kopf geht. In ihrem Buch gibt sie auch sich selbst Platz und lässt den eigenen Gedanken freien Lauf. Sie schreibt über die Eindrücke, die die Besuche bei ihr hinterlassen, hinterfragt Dinge und natürlich blitzt immer wieder ihr Drehbuch auf. So ist das Ganze auch sehr ein persönliches Werk geworden.
Ihrem bemerkenswerten Feingefühl ist es zu verdanken, dass sich die Interviewten wie Muscheln öffnen. Miranda July zeigt, wie spannend das Leben draußen jenseits des Internets sein kann und wie weit man mit offenen Augen kommt. Es gibt sie, die Geschichten, du musst nur aufmerksam sein. Dann findest du sie oder sie dich. Und irgendwo dazwischen lauert das Glück.

Miranda July.
Es findet dich.
Februar 2012, 220 Seiten, 22,90 €.
Diogenes Verlag.

PS:  Den Film “The Future” gibt es jetzt übrigens auf DVD:

PS1: Zauberhaft fand ich ihren ersten Film “Ich und du und alle, die wir kennen”:

PS2: “No One Belongs Here More Than You” gibt es auch auf Deutsch:

Ein würdevolles Familienerbe.

Außergewöhnliche Familiengeschichten müssen erzählt werden und ich bin froh, dass Marion Brasch dies getan hat. Die Berliner Autorin ist die einzige Stimme der Familie Brasch, die noch lebt und die Geschichte in „Ab jetzt ist Ruhe“ für alle öffentlich macht. Das Buch sticht für mich aus den Frühjahrsneuheiten heraus, denn es ist so eins, bei dem meine Augen automatisch leuchten, wenn ich darüber spreche. Kleine Sterne, die auch im Tageslicht strahlen und die Nacht überdauern.

Marion Brasch fängt mich schon mit ihrem ersten Satz ein: „Ich war vier Jahre alt, als ich das erste Mal von zu Hause fortlief.“ Sie selbst könnte sich daran nicht mehr erinnern, doch ihr wurde diese Begebenheit „von verschiedenen Seiten auf sehr widersprüchliche Weise kolportiert.“ Was für ein Mädchen! Mutig und abenteuerlich ist sie, einfach mitreißend sind ihre Sätze, die wie feine Fäden gleich an meinen Augen ziehen. So verwundert es nicht, dass ich ihr folge. Und ich stecke ganz schnell mittendrin in der Familie Brasch, in der es eine Oma London und eine Oma Potsdam gibt. Für die letztere dreht die kleine Marion Zigaretten und darf so lange Westfernsehen gucken, wie sie will. Ihre Oma Potsdam ist es auch, die der Enkelin Geschichten von damals erzählt: „Es war die Welt einer wohlhabenden jüdischen Familie, die aus einem Kaff bei Breslau nach Berlin gekommen war.“ Da blitzt das eine Wort auf, das ihre Mutter und den Vater einst vereinte: jüdisch. Waren es doch die jüdischen Wurzeln, die Gerda und Horst zusammenführen sollten. Beide sind im 2. Weltkrieg nach England geflüchtet und lernten sich im Londoner Exil kennen. Marions Vater war ein überzeugter Katholik, der in England im „Kommunistischen Manifest“ eingetaucht war und dem es nach dem Krieg nach Ostberlin zog, um dort den Kommunismus zu leben. Seine Frau folgte ihm ein Jahr später mit dem ersten Sohn, nur widerwillig, denn sie sehnte sich zurück in ihre Heimat nach Wien. Thomas sollte nicht das einzige Kind der Familie Brasch bleiben. Danach folgten noch Klaus, Peter und Marion.

Während der Vater ganz in seiner Funktion als SED-Parteifunktionär aufging, fanden seine Söhne in der Literatur und Kultur ein Ventil für ihren Unmut gegen das System. Thomas wurde Schriftsteller, Klaus Schauspieler, Peter verfasste Theaterstücke und Hörspiele. Jeder wehrte sich auf seine Weise und Marion saß zwischen den Stühlen. Der staatstreue Vater auf der einen Seite, die rebellischen Brüder auf der anderen. Den Vater empfindet sie als hart, dennoch entzieht sich ihm nicht, besucht ihn auch später nach ihrem Auszug. Während ihre Brüder ihrer Berufung folgen, schwimmt Marion ziellos umher und formuliert mit 23 Jahren einen entscheidenden Satz, der verdeutlicht, wie sich die junge Frau im Vergleich zu den schöpferischen Brüder fühlt: „Meine Brüder hatten in dem Alter schon ganz andere Dinge getan als ich jetzt.“

In einem Gespräch erzählte Marion Brasch, dass sie die eigene Familiengeschichte ihrer Tochter nahe bringen wollte. Das spüre ich in jedem Satz. Die Autorin schreibt nicht trocken oder ausschweifend erklärend, sondern bleibt durch und durch menschlich. Wie eine gute Freundin, der man gebannt bei einer Tasse Tee lauscht. Leichtfüßig schreite ich durch die Geschichte, finde mich in dunklen Ecken wieder, sinke jedoch niemals tief, weil mich Marion Brasch immer wieder hochzieht. Der Erzählton hat etwas von einem Sommerwind, der durch das verschwitze Gesicht fährt und Schweißperlen wegpustet. Ich möchte tanzen, so herrlich unbeschwert lesen sich ihre Sätze! Marion Brasch baut keine Barrieren auf, die blockieren. Nein, sie schreibt ohne Umschweife, bringt die Dinge auf den Punkt, bleibt als sympathische Erzählerin bodenständig. Bei den eigenen Gedanken und Gefühlen ist sie direkt, nennt alles bei seinem Namen, so dass ich es spüren kann wie die Lederjacke ihres ältesten Bruders: „Er war neunzehn, sah toll aus und trug eine Lederjacke, die unglaublich gut roch und bei jeder Bewegung knarzte wie ein alter Baum.“ Distanziert bleibt sie hingegen außerhalb ihres eigenen Universums, die eigenen Brüder erwähnt sie nie mit ihren Namen wie so viele andere Dinge. Dafür nutzt sie signifikante Merkmale wie „der Dichter mit der weiten Stirn“. Anfangs war ich ein wenig unruhig, weil ich nicht immer sofort wusste, um wen es sich handelt. Doch das legte sich mit der Zeit, schließlich ging es hier um die Familiengeschichte, bei der genaue Klassifizierungen eine Nebenrolle spielt.

Das Buch strahlt eine besondere Wärme aus, die glücklich macht, obwohl sich einige Passagen aufwühlend lesen. Es enthält auch wunderschöne, herzergreifende Anekdoten wie die, als Marions ältester Bruder an ihrem sechsten Geburtstag sagt, er würde sie heiraten, wenn sie achtzehn sei. Diesen Zauber macht ihr „blöder kleiner Bruder“ noch am gleichen Tag zunichte, als er verrät, dass Schwestern und Brüder nicht heiraten dürften. Gleichzeitig bewege ich mich durch das Berlin vergangener Jahre, spüre den kalten Windzug die maroden Altbauhäuser und das Pochen auf den Straßen je weiter wir uns auf das Jahr 1989 zubewegen. Marion Brasch führt mich genauso durch die Geschichte eines Landes, in dem ich meine ersten Jahre verbracht habe. Ich erlebe den Widerstand der Brüder, die Gesetze, denen man nicht entkommen konnte und eine junge Frau, die ihren Weg sucht, irgendwo dazwischen. Liebenswert ist der Titel des Romans, der mich an eine herzliche Umarmung erinnert. Es ist jener Satz, den die Mutter und die Kinder vorm Schlafen stets in den Raum warfen, nach dem Gutenachtkuss sprach jeder ein Wort: Ab-jetzt-ist-Ruhe! So werden aus Worten bedeutungsvolle Momente wie der Roman selbst. Marion Brasch ist ein großes Erbe angetreten, dem sie mit diesem Buch würdevoll begegnet ist.

Marion Brasch.
Ab jetzt ist Ruhe.
Februar 2012, 398 Seiten, 19,99 €.
S. Fischer Verlag.

Mit dem Roman ist hier erst einmal Schluss, doch mit Marion Brasch geht es am Sonntag weiter. Dann kommt die Autorin in einem Interview bei mir zu Wort.

Als ein großer Autor ein kleiner Junge war.

Als ich ein kleines Mädchen war, kannte ich Erich Kästner noch nicht. Als ich ein mittelgroßes Mädchen war, dachte ich, ich bin nicht mehr klein genug für seine Kinderbücher. Und nun, wo ich ein großes Mädchen bin, taucht er plötzlich wieder auf und ich weiß: Jetzt möchte ich die Bekanntschaft mit dem Schriftsteller machen. Also habe ich sein persönliches Werk „Als ich ein kleiner Junge war“ aufgeschlagen und wurde wieder zu einem kleinen Mädchen mit großen, neugierigen Augen. Wie im Flug habe ich in einem grauen Wintermonat die grimmigen Gesichter um mich herum in der S-Bahn vergessen, stattdessen lauthals gelacht und die miese Laune wettgemacht.

Erich Kästners Worte haben einen feinen Witz, wie kleine Spiralen, die mit dem Wind spielen. Nein, da kann ich nicht lange ernst bleiben. Obwohl Kästner viele ernste Themen anschneidet wie die Armut in seiner Kindheit oder das mühevolle Leben in einer Zeit, als die Schüler noch von den Lehrern geschlagen wurden. Dennoch wird es in dem schmalen Band niemals zu düster, seiner schmunzelnden Feder sei Dank! Wie der junge Erich mit seiner Mutter auf Wanderschaft ging, so stolzierte ich durch die ersten Lebensjahre dieses Autors und lerne durch kleine Geschichten auch seine Vorfahren kennen.
Erich Kästner ist mit dem Werk ein wunderbares Stück Kindheitserinnerungen gelungen, es hat mir den Autor sehr nah gebracht und nicht nur das: Ich habe den gebürtigen Dresdner ins Herz geschlossen und weiß nun: Für die Kinderbücher von Erich Kästner ist man nie zu alt.

Erich Kästner.
Als ich ein kleiner Junge war.
2003, 208 Seiten, 7,90 €.
Altersempfehlung: 10 – 12 Jahre.
dtv.

„Madame Hemingway“ – Ein Fest fürs Lesen!

„Paris – Ein Fest fürs Leben“ von Ernest Hemingway zählt zu meinen Lieblingsbüchern. Ich habe es vor vielen Jahren gelesen, der Inhalt ist leicht verblasst, aber das wunderbare Gefühl blieb. Bisher gab es für mich Ernest Hemingway, nur vage erinnere ich mich an seine erste Ehefrau Hadley Richardson. In den meisten Biographien trägt sie den Titel der „The Paris Wife“. Ansonsten weiß man wenig über die erste Frau von Ernest Hemingway, die gerade zu Beginn seiner Schriftstellerlaufbahn eine bedeutende Rolle einnahm. Wer verbirgt sich hinter dem Schatten dieses großen Schriftstellers? Das wollte ich wissen und schlug „Madame Hemingway“ von Paula McLain auf. In dem Roman hat die Autorin zusammen mit biographischen Elementen eine fiktionale Geschichte erzählt und damit Hadley eine Stimme gegeben.

Anfangs war ich skeptisch. Inwiefern vertragen sich Fiktion und Realität? Diese Frage setzte sich zunächst quer zwischen den Wunsch, das Buch zu lesen und mehr über die Frau an Hemingways Seite zu erfahren. Bereits nach den ersten Sätzen konnte ich mich daraus nicht mehr lösen und schob die Zweifel wie Gardinen einfach beiseite, ließ mich hineinziehen in eine faszinierende Liebesgeschichte, die in 1920 in Chicago beginnt.

Dort lernt die 28-jährige Hadley den sieben Jahre jüngeren Ernest kennen, zu einem Zeitpunkt, in dem Hadley allmählich aufblüht und aus einem „komaähnlichen Zustand“ erwacht. Wie eine Blume öffnen sich die Blütenknospen nach einem kalten Winter, zum ersten Mal spürt Hadley ein neues Lebensgefühl durch ihr Herz ziehen. Obwohl Hadley aus einer privilegierten, wohlhabenden Familie stammt, liegen schwere Jahre hinter ihr, in denen ihr die Leichtigkeit abhanden gekommen ist. Jetzt liebt sie es doppelt von Ernest umworben zu werden, doch die Freude wird durch ihre Freundin Kate getrübt, die behauptet, Ernest würde alle Frauen lieben. Das verwirrt Hadley, trägt sie ein ganz anderes Bild von dem jungen Mann in ihrem Herzen: „Er schien so aufrichtig und zugewandt.“ Fortan versucht sie in seiner Anwesenheit, einen klaren Kopf zu behalten, kein Drama heraufzubeschwören und genießt jeden Augenblick. Nach einer Woche kehrt Hadley zurück nach St. Louis und erhält schon am Tag nach der Rückkehr einen Brief von Ernest. Viele weitere folgen, es entfacht ein reger Briefwechsel zwischen den beiden bis zum entscheidenden Brief, in dem Ernest seiner Hadley einen Heiratsantrag macht.

„Madame Hemingway“ ist ein facettenreiches Buch, mit vielen Nuancen. Ist der Ton anfangs federleicht, überschwänglich, gewinnt er mehr und mehr an Tiefe, melancholische Klänge überwiegen zum Ende hin zu. Es ist eine Geschichte über zwei Menschen, die eine besondere Innigkeit spüren, jeder gibt den anderen, was er braucht. Die Beziehung hat etwas Erhabenes und lebt von einer wahren Aufrichtigkeit, die berührend ist.
Nach der Hochzeit ziehen sie nach Paris, dort ist es alles andere als glanzvoll. In ärmlichen Verhältnissen richtet sich das junge Liebespaar in einem schäbigen Apartment ein. Während Ernest tagsüber in Cafés schreibt, nach und nach als Schriftsteller aufblüht, an der Seine vor Liebe zur Stadt explodiert, ist Hadley zunächst nur beeindruckt, nimmt das in Kauf wie so vieles, weil ihr das Leben ihres Mannes als Autor sehr wichtig ist. An einer Stelle sagt sie später: „Wie wir uns in Paris durchschlagen wollten, stand noch in den Sternen, aber darum konnte ich mich jetzt nicht sorgen. Ich musste nun stark für Ernest und mich zugleich sein, und ich würde es schaffen.“ Solche Sätze verdeutlichen die wichtige Rolle, die Hadley an Hemingways Seite einnahm. Sie war sein Anker, den er brauchte. Gleichzeitig war Hadley eine Frau, die nicht nur als Ehefrau wahrgenommen werden wollte. Beim ersten Kennenlernen von Gertrude Stein etwa muss sie sich mit deren Lebensgefährtin Alice Toklas in die „Ehefrauenecke“ zurückziehen und empfindet großes Bedauern. Viel lieber würde sich Hadley mit Gertrude am Kamin unterhalten und geistreiche Gespräche führen.

Die Autorin entführt ihre Leser auch in das faszinierende Paris der zwanziger Jahre, das Paris der Künstler und Schriftsteller. Gertrude Stein, Ezra Pound, Zelda und F. Scott Fitzgerald kreuzen auf und sind bald fester Bestandteil im Leben der Hemingways. So finde ich mich im bunten Leben der Bohemiens wieder. Obwohl die anderen eher oberflächlich umrissen werden, schmälert das den Wert für mich keineswegs, sind es die beiden Liebenden um die es hier vorrangig geht, neben Hadley selbst natürlich. An ihr bin ich nah dran, erlebe jeden Gedanken und jede Gefühlsregung, tanze und leide mit ihr. Und in alldem lerne ich Ernest Hemingway von einer anderen Seite kennen, sensibel und von dem Traum getrieben, ein guter Schriftsteller zu werden. Paula McLain hat dafür in einzelnen Passagen die Sichtweise von Ernest mit eingeflochten, um den Blickwinkel zu erweitern, ihn den Leser näher zu bringen. Das Buch zeigt darüber hinaus das schriftstellerische Schaffen von Ernest Hemingway. Ich schaue dem Autor beim Entstehen von „Fiesta“ zu und stecke ich mittendrin in den Höhen und Tiefen eines typischen Autoren.

„Madame Hemingway“ ist ein bemerkenswertes Porträt über eine starke Frau und eine hinreißende Liebesgeschichte. Im Nachwort schreibt Paula McLain: „Ich hoffe, dass mein Roman nicht nur die Fakten über die Pariser Jahre von Ernest und Hadley wiedergibt, sondern auch das Wesen dieser Zeit und ihrer tiefen Verbindung beleuchtet, indem er das Erfundene mit dem unbestreitbar Realen verbindet.“ Das ist ihr bestens gelungen. Sie konnte ein rundes Bild zeichnen mit den eigenen Dialogen und dem Wissen, das sie aus den Biographien und den Briefwechseln zwischen Hadley und Ernest gezogen hat. Wie gut Fiktion und Realität Hand in Hand gehen und begeistern können, zeigt dieser eindrucksvolle Roman, der nicht nur einen informativen Charakter hat, sondern ebenso auf besondere Weise bewegt. „Madame Hemingway“ ist wahrlich ein Fest fürs Lesen!

Paula McLain.
Madame Hemingway.
Juli 2011, 456 Seiten, 19,99 €.
Aufbau Verlag.

Schatten der Vergangenheit.

Die Vergangenheit wiegt in „Engel des Vergessens“ einiges, so viel, dass ich manchmal kurz davor war, unter dem Gewicht zusammenzubrechen. Die diesjährige Gewinnerin des Ingeborg-Bachmann-Preises Maja Haderlap hat in ihrem Roman die Geschichte der slowenischen Minderheit in Kärnten niedergeschrieben und ein Zeugnis abgelegt über das furchtbare Schicksal, das sich während des Zweiten Weltkrieges in dem Landstrich abgespielt hat. Mit ihrem Debüt tritt Maja Haderlap den Beweis an, wie bedeutend es ist, die Vergangenheit literarisch zu verarbeiten.

Die Geschichte beginnt zunächst sehr friedlich und hat sogar etwas Gemütliches in sich. Für kurze Zeit ist es warm und heimelig. Ich atme sofort die Düfte der Speisen ein, von der die Ich-Erzählerin berichtet. Sie beobachtet die Großmutter, wie sie das Essen zubereitet und spürt eine Magie: „Ihre Gerichte haben eine verborgene Kraft, sie können das Diesseits mit dem Jenseits verbinden, sichtbare und unsichtbare Wunden heilen, sie können krank machen.“ An der Stelle fühle ich schon jetzt einen kalten Schatten auf meiner Schulter, der Dunkles ahnen lässt.

Das Mädchen lebt mit der Familie in einem kargen Haus, in dem überall noch die Kälte des Krieges spürbar ist. Er hat sich in die rissigen Wände gesetzt und in den erschöpften Köpfen der Menschen. Einige kommen mit den Folgen des Zweiten Weltkrieges nicht zurecht und begehen Suizid. Nach und nach erzählt die Großmutter von den eigenen Kriegserlebnissen. Es fallen Wörter wie Dachau, Ravensbrück und Mauthausen. Das Mädchen blickt den Verbrechen der NS-Zeit ins Gesicht und stößt auf Furchtbares, bei dem ich oft stoppen muss, doch damit nicht genug. Der eigene Vater zerbricht unter den Folgeerscheinungen des Krieges, er war Partisane und hat wie viele andere auch zahlreiche schmerzhafte Verluste erleben müssen. So sind Verwandte und Nachbarn bei Kämpfen und in den Lagern ums Leben gekommen. Wie eine Ratte frisst ihn die Vergangenheit fast auf, dass sich eine nicht enden wollende Todessehnsucht in ihn festsetzt, vor der ihn seine Tochter beschützen will. Nach dem Selbstmord eines Freundes des Vaters wacht das Mädchen auf und wird sich der prekären Lage bewusst: „Jetzt wird es ernst, glaube ich zu begreifen, jetzt muss ich meinen Auftrag erfüllen, jetzt bin ich an der Reihe, Vater zu retten.“ Fortan beobachtet sie ihren Vater mit Adleraugen, wie ein Schutzengel fliegt die Tochter um den Vater, der sich in den Alkohol flüchtet und mit Gewaltausbrüchen seine Familie in Angst und Schrecken versetzt.

Im zweiten Teil des Romans folge ich einer jungen erwachsenen Frau, die in den Theaterwissenschaften einen sicheren Ort gefunden hat, „weil ich nach vielen Theaterbesuchen überzeugt bin, dass die Bühne für mich ein Raum werden könnte, wo ich allen Verzweiflungen und Verstrickungen gefahrlos begegnen würde. Die Katastrophen auf den Bühnen sind begrenzt, alle Protagonisten überleben, auch wenn sie noch so oft zu Tode gebracht werden.“ Bald schon fängt sie an, sich in die Sprache zu flüchten, schreibt Gedichte und verliert trotz allem nie die Verbindung zur Heimat und der Familie.

Das Werk spaltet sich für mich. Einerseits ist da die eine magische Sprache, in der man die Kraft der Lyrikerin spürt. Es tauchen unglaublich schöne Beschreibungen auf: „Im Kopf beginnen blank geputzte, zaghafte Wünsche zu kreisen. Sie duften nach Maiglöckchen und wirken, als seien sie gerade dem Schönheitsbad entstiegen. Sie tragen Prinzessinnenkleidung und mit Fell gefütterte Stöckelschuhe.“

Sätze wie diese gibt es etliche in dem Werk, die sich wärmend ins Gemüt legen und wie helle Funken in der dunklen Geschichte aufblitzen. Andererseits verändert sich an einigen Stellen die Form der Sprache und ich laufe den Sätzen angestrengt hinterher, verliere den Fluss und muss oft umkehren, damit ich den Faden wieder aufnehmen kann. Plötzlich stellt sich mir eine Blockade in den Weg, die ich nicht überschreiten kann.

Insgesamt bin ich jedoch tief beeindruckt von der Geschichte, die sich für mich nicht ganz entscheiden kann, was sie nun ist. Als Roman kann ich „Engel des Vergessens“ nicht stehen lassen, dafür birgt er zu viele biographische Ansätze in sich und enthält historische Aspekte, die leider nicht immer mit dem poetischen Grundton harmonieren. Es ist ein wichtiges Werk, das uns das Schicksal der slowenischen Minderheit in Kärnten vor Augen führt und zeigt, wie viel Macht die Sprache haben kann. Die Autorin schreibt es selbst: „Ich bin übervoll von Sprache, von den slowenischen Wortgebilden, die ich von mir abgebe ins Leere, weil ich nichts mit ihnen anzufangen weiß.“ Ich lese das Suchende heraus und weiß, sie wird die Antwort finden wie es ihr mit dem Schatten der Vergangenheit gelungen ist.

Maja Haderlap.
Engel des Vergessens.
Juli 2011, 250 Seiten, 18,90 €.
Wallstein Verlag.

Woody Allen würde das Buch lieben!

Die Juden nehmen sich bekanntlich selbst gerne auf die Schippe, das zeigt Lena Gorelik in ihrem Werk mit dem unendlich langen Titel. Habt ihr was zum Schreiben? Nein, dann solltet ihr euch lieber jetzt Stift und Papier holen und notiert euch bitte: „Lieber Mischa: … der Du fast Schlomo Adolf Grinblum geheißen hättest, es tut mir so leid, dass ich Dir das nicht ersparen konnte: Du bist ein Jude.“

Das Buch ist kein Roman im eigentlichen Sinne, sondern viel mehr ein langer Brief, den die junge Autorin an ihren Sohn Mischa schreibt. Auf den vielen Seiten erzählt sie ihm auf sehr menschliche, lebensfrohe Weise alles über das Judentum und nimmt kein Blatt vorm Mund.

Die einzelnen Kapitel teilen sich in verschiedenste Themen auf, die die Juden von allen Seiten beleuchten. Weil sie die Angewohnheit haben, stets zu kommentieren, tauchen auf jeder Seite links oder rechts Anmerkungen der Autorin auf, die ich automatisch lese und die das ohnehin vorhandene Lächeln untermalen. Ich schmunzele häufig, eigentlich ständig. Hab ich das schon erwähnt?

Gleich zu Beginn setzt uns Lena Gorelik die Top Ten der antisemitischen Vorurteile vor die Linse und schreibt, warum sie wahr sind. Zum Beispiel die Hakennase. Die Autorin selbst gibt freimütig zu:

„Grundsätzlich gilt: Alles, worüber Juden Witze machen, trifft zu. Meine Nase sieht eindeutig sonderbar aus.“

Oder Punkt 7:

„Juden sind verschlagen, hinterlistig und gerissen: Gerissen schon. Hinterlistig nicht. Gerissen mussten die Juden sein, um zu überleben.“

Das sitzt erst einmal. Schlagartig habe ich das schwere Schicksal der Juden vor Augen, schaue in den Himmel und muss mich erstmal sammeln. Dann geht es gleich weiter mit einem kurzen typischen Dialog, den ich nicht unter den Tisch fallen lassen möchte:

„Ich hätte gern das Fischbrötchen!“ bestellt ein Jude. „Das ist aber Schinken, nicht Fisch!“, antwortet der Verkäufer. „Habe ich Sie gefragt, wie der Fisch heißt?“

Voilá, plötzlich gesellt er sich zu uns, der jüdische Humor. Lena Gorelik reflektiert ihr Volk so authentisch und klärt Nichtwissende wie mich sehr unterhaltsam auf. Ich weiß jetzt einiges über das Judentum, so dass ich noch mehr wissen möchte. Ab sofort sage ich nicht mehr Sabbat wie es im Duden steht, sondern Schabbat, „der Duden ist kein Jude“, heißt es da in einem Kommentar. Die Autorin rechnet aber auch ordentlich mit den Konvertiten und Philosemiten ab. Vor allem die Konvertiten kann Lena Gorelik gar nicht leiden. Für diesen Gedanken schämt sich die Autorin schon ein bisschen. Laut ihrer Aussage könnten Konvertiten zwar alles über die Religion lernen, doch den fest verankerten jüdischen Humor hat man oder man hat ihn nicht.

„Man kann die Gabe besitzen, ihn zu lieben und zu besitzen – aber wer die hat, tritt natürlich nicht zum Judentum über.“

Es schlottern mir manchmal schon die Knie, wenn ich die junge Mutter plappern höre, weil sie tatsächlich alles ausspricht, was sie denkt. Nein, sie ist nicht frech, einfach nur sehr ehrlich. Der kleine Mischa darf sich über so eine Mama wirklich freuen. Obwohl sie ihm die jüdische Welt ganz nah heranholt, betont sie immer wieder, dass ihr vor allem sein Glück wichtig ist. Ob er nun später eine jüdische oder eine nichtjüdische Freundin haben wird, stellt sie ihm frei wie so vieles. Lena Gorelik ist eine Jüdin mit einem weltoffenen Herzen in der Brust, der man gerne zuhört.

Das Buch macht glücklich. Es ist eine liebevolle Hommage an eine Religion, die sehr menschlich und alles andere als missionarisch ist. Und sie ist eine exzellente Einführung in das Judentum, die unwahrscheinlich bereichert, vor allem durch die Weisheit, die sich durch die 192 Seiten zieht. Und was hat das nun mit Woody Allen zu tun? Ganz einfach: Weil hier in gebündelter Form so viel jüdischer Witz drin steckt, dass ich vor Lachen gehüpft bin und ich immer wieder an den Regisseur denken musste. Es ist der spezielle Humor wie wir ihn von den Juden kennen, ironisch, klug und weise.

Lena Gorelik.
Lieber Mischa: … der Du fast Schlomo Adolf Grinblum geheißen hättest, es tut mir so leid, dass ich Dir das nicht ersparen konnte: Du bist ein Jude.
März 2011, 192 Seiten, 18,- €.
Graf Verlag.

Wenn Monster zu Menschen werden.

Gute Bücher können Höllenschmerzen verursachen. Das weiß ich jetzt nach „Tiger, Tiger“ von Margaux Fragoso. Der Kopf möchte halb platzen und sortiert all das was während der Lektüre mit mir passiert ist. Fast zu viel. Ich kam an meine Grenzen, aber ich wollte es und das ist gut so.

Margaux Fragoso legt eine furchtbare Geschichte offen, die vom jahrelangen Missbrauch erzählt. Sie klagt nicht an und jammert nicht in einem mitleiderregenden Ton, sondern beschreibt mit neutralen, lebendigen Worten, wie es dazu kommen konnte, wie sie es erlebt hat und beginnt ganz vorn.
Die Autorin berichtet von einer Kindheit, die viel zu früh aufgehört hat. Das Elternhaus gleicht einem dunklen Schuppen, in dem es zieht, ungemütlich ist und an Wärme mangelt. Der Vater ist ein Trinker und brutal, die Mutter leidet an Depressionen. Die Liebe für das gemeinsame Kind bleibt da auf der Strecke. Als das siebenjährige Mädchen den 40 Jahre älteren Peter Curran und seine beiden Stiefsöhne im Schwimmbad kennenlernt, ist es um Margaux geschehen. Sie ergreift die Initiative und fragt: „Kann ich mit dir spielen?“ Er bejaht die Frage und spritzt der Kleinen sofort Wasser ins Gesicht. Peter Curran wirbelt sie kurze Zeit später durchs Becken. Margaux Fragoso lacht und schreibt darüber: „Als er stehenblieb, war die Welt aus dem Gleichgewicht geraten, und ein seltsam weißes Licht umstrahlte sein Gesicht wie eine Korona.“

Kann so ein Schauermärchen anfangen? Ist es überhaupt ein Schauermärchen? Wenn sich zwei Menschen begegnen, die sich – aus verschiedenen Gründen – angezogen fühlen? Wie wäre das Ganze, wenn Margaux 20 Jahre älter gewesen wäre? Es gibt in dem Buch etliche Passagen, bei denen ich mich das frage. Oft habe ich das Gefühl, das Leben einer Frau zu lesen und nicht das eines Kindes.

Beide sind Außenseiter der Gesellschaft. Margaux hat keine Freundinnen, wird verspottet. Zuhause plagt sie sich mit dem stoischen, dominierenden Vater herum und ist mit der kranken Mutter überfordert. Peter Curran ist Kriegsveteran, hat einen kaputten Rücken und führt mit seiner Lebensgefährtin, Inès, eine Zweckgemeinschaft. Inès geht arbeiten, er kümmert sich um das Haus und den Garten. Dort tummeln sich auch einige interessante Tiere wie Leguane, ein Wels, Sittiche, Finken und Paws, „ein großer wolliger Hund“. Das übt auf die kleine Margaux sofort eine Anziehungskraft aus, ebenso wie Peters Zuwendung – und die Falle schnappt zu.

Bald schon gibt es im Keller die ersten Annäherungsversuche von Peter Curran auf die ich nicht näher eingehen möchte. Die Passagen sind verstörend. Peter ist sehr vorsichtig mit Margaux, raffiniert und einfühlsam umkreist er seine Beute. Er drängt sie nicht, nähert sich spielerisch und das Mädchen macht mit, obwohl sie selbst schreibt: “Diese Spiele gingen weiter über das Normale hinaus.” Wie ist das nur möglich? Das mag euch jetzt vielleicht durch den Kopf gehen. Spätestens dann, wenn man in den Schilderungen von Margaux steckt, öffnet sich eine Tür, ein anderer Blickwinkel. Man beginnt zu verstehen.

Es ist das Menschliche, was diese ungewöhnliche Beziehung umgibt. Aufwühlend und zutiefst erschütternd liest sich das Erlebte. Einige haben der Autorin vorgehalten, sie hätte hier nur einen Leidensbericht niedergeschrieben. Doch so ist es keineswegs. Gerade durch die Distanz, die nicht wertet, viel mehr in poetischer Weise erzählt, verleiht sie dem Buch ein hohes Maß an Kunstfertigkeit. Sich zurückzunehmen und in die Rolle eines Mädchens zu schlüpfen, was sie einst war, hat rein gar nichts mit solch einer Erzählform zu tun. Wir lesen uns mehr durch eine Geschichte. Es blitzen Worte wie Liebe und Rebellion auf. Margaux Fragoso zeichnet gleichzeitig das Bild eines Menschen, der vom Opfer zum Täter wurde. Peter Currant wurde selbst in seiner Kindheit missbraucht. Dies berichtet er seiner kleinen Freundin. Macht er dies, um sie zu fangen und das Vertrauen zu erschleichen? Wieder eine Frage von vielen.

Im Nachwort schreibt die Autorin: „Wenn Menschen von Pädophilen reden, wollen sie ein Monster sehen. Doch für die öffentliche Sicherheit ist der beste Ansatz bei Pädophilie, den kranken Menschen dahinter zu behandeln.“ Margaux Fragoso hat dies getan, auf eine erdrückende und erstaunliche Weise, die einen betroffen zurücklässt. Auch Höllenschmerzen gehören zu guten Büchern. Das weiß ich nun.

Margaux Fragoso.
Tiger, Tiger.
März 2011, 460 Seiten, 24,90 €.
Frankfurter Verlagsanstalt.

Madame grande.

Die Vergangenheit fasziniert mich und die Geschichten, die sie erzählt. Ich tauche gerne in Bücher ein, die die frühere Zeit festhalten. Nun hat wieder ein Schatz zu mir gefunden, der hier einen Platz bekommen wird. Es ist eine besondere Liebesgeschichte aus einer Zeit, in der ich gerne gelebt hätte. Ich spreche vom Paris der 20er Jahre, als sich dort die großen Künstler und Literaten tummelten. Die Gemeinschaft, die sich an der Seine gebildet hat, beeindruckt mich immer wieder und ich werde einfach nicht müde, darüber zu lesen und in die Welt einzutauchen.

Clara Malraux hat mich an die Hand genommen und mir in den Memoiren „Als wir zwanzig waren – Erinnerungen an Andrè Malraux und die Pariser Bohème“ ihre innige Beziehung zu André Malraux erzählt. Getroffen haben sich die beiden eines Abends bei einer Festtafel. Gleich im ersten Satz schreibt Clara von einem jungen Mann, „der mir lange Jahre mehr bedeuten wird als jeder andere Mensch.“ André tanzt schlecht, aber die junge Clara fühlt sich trotzdem angezogen. Es ist das Geistreiche, dem sie sich nicht entziehen kann. Als sie bei einem weiteren Zusammentreffen von einer geplanten Italienreise berichtet, sagt André ihr sofort seine Begleitung zu. Dem widerspricht Clara nicht, denn „ich wollte ja alles mitnehmen, was die Welt mir bot.“ So begeben sie sich gemeinsam auf eine Reise, die mehr verändern wird, als sie vorher geahnt haben.

Clara hat mich sofort in ihren Bann gezogen. Sie war eine geistreiche und intelligente Frau, die das kulturelle Leben sehr schätzte und dafür mit jedem Atemzug lebte. Sie hatte Kontakt zu großen Persönlichkeiten wie André Breton. Zudem wollte Clara eins: unabhängig bleiben und stark sein. Doch es gab oft Situationen, wo sie nicht mehr ganz sie selbst war. „Denn seit eine anspruchsvolle Gestalt an meiner Seite mich ständig zwang, ihm gewachsen zu sein – das heißt, dem gewachsen zu sein, was mein Gefährte in mir sah und sehen wollte -, hatte ich Hemmungen, mich in Gegenwart Dritter zu äußern.“ Ihr Gefährte – wie sie André die meiste Zeit über in ihren Memoiren nennt – scheint ihr um Längen voraus und überlegener. Er hatte eine starke Präsenz, die sie schrumpfen ließ. Genau das ist es eigentlich, was sie anzieht und an dem sie wächst.

Es ist eine schöne, besondere Geschichte über die Beziehung von zwei Menschen, die von der Tiefe einem Meeresboden ähnelt. Beide sind keine einfachen Gemüter, sehr ehrlich und fordern sich gegenseitig. Sie lieben das Abenteuer und kennen keine Sicherheit. Die Memoiren sind aber auch ein interessantes Dokument der 20er Jahre. Wenngleich ich mir noch ein bisschen mehr Einblicke in das Künstlerleben an der Seine gewünscht hätte. Doch Clara Malraux steht vorrangig im Mittelpunkt. Es bleibt eine beachtenswerte Biographie von einer Frau, die erfrischt und zum Nachdenken anregt. Dieses Buch braucht ein bisschen Zeit, doch wenn man sie ihm gibt, schlägt man am Ende das Werk mit einem glücklichen Seufzer zu und wünscht sich eine Fortsetzung.

Als wir zwanzig waren – Erinnerungen an Andrè Malraux und die Pariser Bohème.
Clara Malraux.
September 2010, 297 Seiten, 19,95 €.
Graf Verlag.

Manchmal kann man nur schweigen.


Die Vergangenheit hockt wie ein Schatten die ganze Zeit in der Brust. Tiefes Atmen fällt schwer, flaches um so leichter. Dennoch ganz frei wird es nie bei den Menschen sein, die der hässlichen Fratze des Krieges in die Augen geschaut haben. Wie schwer Vergangenes sein kann, weiß ich nun durch Jack Hamesh. Er hat mit seinen Briefen an Ingeborg Bachmann ein klares Bild gezeichnet:

“Sie alle können nicht mehr froh werden, man versucht zu vergessen, vertieft sich ins Schweigen und vergräbt sich so umso mehr ins Vergangene unvergessliche.”

Die beiden lernen sich im Büro des Field Security Section kennen, als Ingeborg einen neuen Ausweis beantragen will. Dort fragt Jack, ob sie Mitglied im “Bund deutscher Mädel” war. Er fragt sie gar nicht, sondern stellt es fest. Schlecht ist ihr dabei, keine Kraft hat sie und nickt nur stumm, obwohl es gar nicht stimmt. Einige Tage später treffen sich beide wieder und die Stimmung ist viel gelöster. Aus einem kurzen Gespräch entwickelt sich eine tiefe Beziehung.

Als ich das Buch gelesen habe, war es grau vor den Fenstern und viel zu kalt für den Mai. Die Teetasse dampfte, versprach mir Halt. Hier und da ein Schluck an Zuversicht. In dieser schmalen Lektüre steckt so viel mehr drin als es zunächst den Anschein erweckt. Ich spreche von den Gedanken, Schilderungen und Gefühlen. Tatsächliche 108 Seiten, gefühlte 500 Seiten.

Man lernt die junge, aufgeweckte Ingeborg kennen. Mutig sitzt das Mädchen während des Krieges im Garten und liest. Wenn schon sterben, dann draußen und nicht im muffigen Keller. Ebenso beeindruckend sind Jacks Briefe an seine Freundin, in denen er zunächst nur berichtet und ihr sagt, dass er sie vermisst. Der Ton ändert sich, als Jack seine Uniform als britischer Soldat abgibt und sich im damaligen Palästina einlebt. Stück für Stück öffnet er seine Tür. Wir schlüpfen hinein und lauschen: Er beschreibt seine Ängste, verarbeitet die Vergangenheit. Dabei sehnt er sich mit einem unstillbaren Lebensdurst nach so viel, dass man den Geschmack frischer Zitronenlimonade auf der Zunge schmeckt. Das ist die eine Seite.

Die andere berührt. Sie treibt den letzten Rest Wärme aus dem Körper. Selbst die Teetasse kann nicht vorm inneren Zittern bewahren. Ich musste aufstehen, zum Himmel schauen und konnte erst danach wieder weiterlesen. Selten habe ich ein so bewegendes Zeitdokument gelesen. Es ist in einem grauen Buchschutzmschlag eingeschlagen. Grau wie dicke Wolken, die den blauen Himmel verstecken und uns die Sprache rauben. Manchmal kann man einfach nur schweigen. Wie bei diesem Buch.

Kriegstagebuch: Mit Briefen von Jack Hamesh an Ingeborg Bachmann.
Ingeborg Bachmann.
April 2010, 108 Seiten, 15,80 €.
Suhrkamp Verlag.

Ein Komet am Literaturhimmel, den man nicht vergessen kann.


“Tom Sawyer und Huckleberry Finn? Das liest heute fast keiner mehr,” sagt die Buchhändlerin und sucht im Laden nach Exemplaren. Sie findet ein Buch, das am oberen Rand leicht eingestaubt ist. Schnell pustet sie den Staub weg und hält mir das Buch hin. Warum das so ist, wisse sie nicht, denn eigentlich seien es doch so schöne Bücher. Aufregende Abenteuer, die man sich als Kind wünscht.
“Viele lesen mehr das hier,” erzählt die Dame und zeigt dabei auf einen Tisch, auf dem Drachen, Zauberer und Vampire ihre eigenen Geschichten erzählen.
Mark Twain ist ein bisschen in Vergessenheit geraten. Viele jungen Leser stürzen sich heute lieber ins Fantastische, lesen Bücher wie Harry Potter, Eragon oder Percy Jackson. Dort wird gezaubert, Feuer gespuckt und dort treiben sich unheimliche, fantastische Wesen herum. Klar, dass es zwei normale amerikanische Jungs schwer haben, dagegen anzukommen. Obwohl so normal sind sie eigentlich nicht, wenn man es mal ganz genau betrachtet.

Ich habe Tom Sawyer und Huckleberry Finn als junges Mädchen nur teilweise gelesen, dafür habe ich mich an den Filmen nicht satt sehen können. Heute noch sehe ich vor mir, wie beispielsweise Tom zur Strafe Tante Pollys Zaun weiß streichen musste. Oder Hucks Floßfahrt auf den Mississippi. Dank Mark Twain wusste ich später im Englischunterricht, dass das Wort tatsächlich mit vier ss und zwei pp geschrieben wird. Es waren genau diese Kleinigkeiten, die sich in mein Gedächtnis eingenistet haben.


Auch die Verlage haben Samuel Langhorne Clemens – so hieß Mark Twain mit bürgerlichem Name – nicht vergessen. Anlässlich zum 100. Todestag von Mark Twain in diesem Jahr erinnern die Verlage mit zahlreichen Neuerscheinungen.

Es ist nicht gelogen, wenn man behauptet, der amerikanische Schriftsteller hatte etwas Überirdisches an sich, denn als er geboren wurde, war der Halleysche Komet am Himmel zu sehen. Genau 76 Jahre später hat er seinen Samuel wieder mit genommen. Hier geblieben sind staunende Gesichter und Geschichten, die bis heute weiterleben, wenn auch manchmal etwas versteckt zwischen den Bücherreihen. Aber sie leben und das ist die Hauptsache.

Wichtige Neuerscheinungen

Sommerwogen – eine Liebe in Briefen,
16,95 €, 304 Seiten, Aufbau.
Eine Rezension dazu gibt es auf Jennys Lesecke.

Tom Sawyer & Huckleberry Finn.
34,90 €, 712 Seiten, Hanser.

Die Abenteuer von Tom Sawyer und Huckleberry Finn.
29,90 €, 816 Seiten, Diogenes.

Knallkopf Wilson.
19,95 €, 320 Seiten, Manesse.

Post aus Hawaii.
24,- €, 368 Seiten, mare.

Mark Twain unter den Linden.
Herbert Beckmann.
12,90 €, 272 Seiten, Gmeiner Verlag.

Meine Weltreise nach Indien.
24,- €, 352 Seiten, marixverlag.

Mark Twain für Boshafte.
Günter Stolzenberger.
6,- €, 93 Seiten, Insel.

Ada Mitsou hat Tom Sawyers Abenteuer gelesen und eine Rezension dazu geschrieben.