Archiv der Kategorie: Autorenstimme

Marion Brasch über Familie.

Wie bereits angekündigt, kommt heute Marion Brasch bei mir zu Wort. Im Februar ist ihr Roman “Ab jetzt ist Ruhe” erschienen.

Foto: Jürgen Bauer.

Marion Brasch wurde 1961 in Berlin geboren. Nach dem Abitur arbeitete sie als gelernte Schriftsetzerin bei verschiedenen Verlagen und beim Komponistenverband der DDR. 1987 wechselte sie zum Rundfunk und wurde beim Jugendsender DT64 Musikredakteurin. Heute ist Marion Brasch als freie Rundfunkjournalistin und -moderatorin bei radioeins tätig.

Klappentexterin: Erinnern Sie sich noch an den Moment, in dem Sie beschlossen haben, Ihre Familiengeschichte aufzuschreiben? Wie haben Sie sich gefühlt?
Marion Brasch: Es war der Moment, da der Verlag S. Fischer mir gesagt hat, dass sie dieses Buch wollen. Ich hatte erst fünfundzwanzig Seiten geschrieben und war mir überhaupt nicht sicher, dass daraus ein Buch werden könnte. Nachdem ich den Vertrag unterschrieben habe, wusste ich, dass ich jetzt ran muss. Und ab diesem Zeitpunkt wollte ich auch ran.

Warum haben Sie sich für die Romanform entschieden und nicht für eine Autobiographie?
MB: Für eine Autobiographie fühle ich mich noch nicht alt und auch nicht interessant genug. Zudem hätte ich mich, um dieser Familie gerecht zu werden, von meinem eigenen, ganz subjektiven Blick entfernen müssen, und das wollte ich nicht. Eine Familienbiographie hätte ich auch nicht schreiben können, weil das umfangreiches Faktenwissen voraussetzt. Ich hätte mich in Archive und Bibliotheken setzen müssen, und dazu hatte ich keine Lust. Der Roman hat mir die Möglichkeit gegeben, Fakten und Fiktion zu mischen und dabei auch mal rumzuspinnen. Das hat Spaß gemacht.

Wollten Sie mit dem Roman Ihrer Familie ein kleines Denkmal setzen?

MB: Nein, das wollte ich nicht. Denkmal – das klingt so groß und bedeutungsschwer, und so habe ich meine Familie nie empfunden. Für mich war es ja normal und alltäglich mit und in dieser Familie zu leben, trotz der Brüche und Verluste, die damit verbunden waren. Ein wichtiger Impuls, diesen Roman zu schreiben, war meine eigene Tochter. Ihr ist das Buch gewidmet, denn es erzählt ja auch die Geschichte ihrer Familie.

Sie verzichten in Ihrer Geschichte bewusst auf Namen. Was hat Sie dazu bewogen?
MB: Auch das hat etwas mit der Romanform zu tun, für die ich mich entschieden habe. Die echten Namen meiner Familie hätten der Geschichte sofort wieder einen dokumentarischen Charakter gegeben, und das wollte ich nicht. Außerdem hat es mir Spaß gemacht, die berühmteren Figuren in diesem Roman, nur skizzenhaft zu umschreiben, und vielleicht trotzdem erkennbar zu machen.

Hat Sie Ihr Roman näher an Ihre Familie gebracht?
MB: Ja, unbedingt. Und ich habe beim Schreiben auch sehr viel besser verstanden, warum bestimmte Dinge in dieser Familie passiert sind bzw. passieren konnten. Dafür musste ich zum Teil auch meine ganz eigene Perspektive verlassen und mich bemühen, mich in die Mitglieder meiner Familie hineinzuversetzen. Das wiederum hat mich in die Lage versetzt, mich selbst von außen zu sehen, und das war ziemlich interessant. Ein Freund hat mal zu mir gesagt: Andere machen eine Therapie, Du schreibst das Buch – ich glaube, da ist was dran.

Das Verhältnis zwischen Ihrem Vater und Ihren Brüder war angespannt. Wie sind Sie mit dieser Situation zurecht gekommen?
MB: Das war oft schwer auszuhalten. Vor allem als ich noch klein war, habe ich sehr gelitten, wenn es Streit in der Familie gab. Ich habe mich dann immer sehr einsam gefühlt und hatte Angst. Als ich erwachsen wurde, stand ich oft zwischen den Fronten, was es auch nicht gerade leicht machte.

Waren Sie gern die kleine Schwester?

MB: Ja, das war ich. Ich fand es toll, drei große Brüder zu haben. Man kann ja prima damit angeben und sogar drohen. Nein, im Ernst: ich war stolz auf meine Brüder, sie waren groß und schön und alle drei sehr talentiert. Naja, mit meinem jüngsten Bruder Peter, der fünf Jahre älter war als ich, habe ich mich auch oft gestritten wie das Geschwister eben tun – doch bewundert habe ich ihn natürlich später auch.

Welchen Einfluss haben Ihre jüdischen Wurzeln auf Ihr Leben?

MB: Keine. Das Judentum hat bei uns zu Hause nie eine Rolle gespielt. Wir waren Kinder von Kommunisten – so sind wir herangewachsen, und das war auch das Selbstverständnis meiner Eltern. Mitte der 80er Jahre habe ich mich mal etwas intensiver mit meiner jüdischen Herkunft beschäftigt und bin ein paar mal zu Jüdischen Gemeinde in Ostberlin gegangen. Doch nicht sehr lange, weil ich mich immer fühlte, als ginge ich ins Theater. Es war interessant, hatte aber nichts mit mir zu tun.

Sie kennen Berlin schon sehr lange und haben die Veränderungen miterlebt. Vermissen Sie heute etwas in der Stadt? Oder hat sich Berlin für Sie ideal weiterentwickelt?
MB: Ich hänge sehr an Berlin. Hier bin ich geboren und verwurzelt, und da ich schon so lange in Prenzlauer Berg wohne, registriere ich jede Veränderung natürlich besonders stark. Die Bevölkerung hat sich inzwischen fast komplett ausgetauscht, und das tut dem Stadtteil nicht gut, weil er nicht mehr so heterogen und kontrastreich ist, wie er mal war – und dieser Prozess greift um sich und macht die Hauptstadt immer langweiliger. Clubs sterben, Zwischennutzungen werden plattgemacht – nein, ich mag dieses glatte Berlin der schönen Fassaden nicht besonders. Dennoch würde ich nie woanders hin ziehen.

Abschließend interessiert es mich sehr, ob Sie weiterschreiben werden. Darf ich mich irgendwann über ein weiteres Buch von Ihnen freuen?
MB: Ich würde sehr gern weiterschreiben. Mal sehen, was mir so einfällt…

Die Klappentexterin dankt für das Interview und wünscht Marion Brasch alles Gute und weiterhin viel Erfolg!

Marion Brasch liest am Mittwoch, 14.03., um 20 Uhr im Georg Büchner Buchladen (Moderation Julia Franck). Die Autorin ist auch auf der diesjährigen Leipziger Buchmesse zu Gast, z.B. am Donnerstag, 15.03. um 11.30 Uhr auf dem Blauen Sofa in der Glashalle. Weitere Lesetermine findet ihr hier.
Und hier geht’s zum Blog der Autorin.

Hannes Köhler über Freundschaft.

Wie bereits angekündigt, kommt Hannes Köhler heute bei mir zu Wort. Dieses Jahr wurde im April sein Debüt “In Spuren” veröffentlicht.

Foto: Florian Mey.

Hannes Köhler wurde 1982 in Hamburg geboren. Er studierte in Berlin und Toulouse Literatur und Geschichte. Er war Mitbegründer der Literaturgruppe und Lesebühne Die Lautmaler und veranstaltet seit 2003 regelmäßig Lesungen in Berlin. 2008 war Hannes Köhler Teilnehmer des Heiner-Müller-Kollegs an der Freien Universität Berlin und 2009 Stipendiat der Autorenwerkstatt Prosa des Literarischen Colloquiums Berlin. Nach Veröffentlichungen in Zeitschriften, Zeitungen und Anthologien ist “In Spuren” seine erste Buchveröffentlichung.

Klappentexterin:  Freundschaft ist eins der großen Themen in deinem Roman “In Spuren”. Wo fängt gute Freundschaft an und wo hört sie auf?
Hannes Köhler: Ich glaube, dass man es auf die ganz simple Formel bringen kann, dass die besten Freunde oft diejenigen sind, mit denen man in seiner Kindheit und Jugend einfach eine große Menge Zeit verbracht hat. Das erzeugt Bindungen, die viele Probleme und Enttäuschungen wegstecken können – wenn auch nur bis zu einem gewissen Grad. Ich denke, wenn man älter wird, entstehen Freundschaften dann mehr über Interessen, Hobbys, sie entstehen gezielter, wenn man so will  – und trotzdem gibt es da oft etwas Undefinierbares: Man trifft jemanden, vielleicht nur einen Abend, unterhält sich und merkt: Ja, mit dem/mit ihr bin ich auf einer Wellenlänge. Wo Freundschaft aufhört? Oft bei einem Auseinandergehen der Lebenswege, durch räumliche Trennung, durch zugefügte Enttäuschungen oder einfach, weil man den richtigen Weg miteinander zu kommunizieren verloren hat – also ganz einfach: Wenn man merkt, dass man sich nichts mehr zu sagen hat.

Interessant fand ich die andere Seite von Felix, die sein Freund Jakob gar nicht kannte. Kann man das als Doppelleben bezeichnen oder eher als persönliches Geheimnis?
HK: Ein Doppelleben würde für mich bedeuten, dass Felix diese andere Seite sehr gezielt vor Jakob verheimlicht hat. Aber das ist in meinen Augen nicht der Fall. Natürlich hat er ihm nicht sein Tagebuch zu lesen gegeben, aber es gab immer wieder Punkte, an denen Jakob Dinge hätten auffallen können, an denen er hätte merken können, dass es seinem Freund nicht gut geht, dass es Probleme gibt, mit denen er kämpft – vielleicht vor allem mit sich selbst. Aber Jakob hat diese Hinweise und Signale nicht gesehen, oder hat sie vielleicht auch nicht sehen wollen.

Beinah wie in Trance bewegt sich Jakob in das Leben seines verschwundenen Freundes. Ist es Verzweiflung oder die Angst, von einem guten Freund loszulassen?
HK: Ich denke, dass diese seltsame Art sich anzunähern sicher mit dem Schock zusammenhängt, den das Verschwinden von Felix in Jakob auslöst; es scheint mir aber auch Jakobs Art zu sein, mit diesen Dingen umzugehen. Reflexion ist sicher nicht seine Stärke, dieser Prozess des Nachdenkens setzt ja erst langsam bei ihm ein und erst, als er schon weit in Felix Leben hineingetaumelt ist.

Gab es einen Anstoß zu deinem Roman oder war die Idee eines Morgens in deinem Kopf?

HK: Ich wollte über das Enden oder Verlieren von Freundschaft schreiben, zuerst eine Erzählung. Je mehr dann Jakob und seine seltsame Identitäts- und Sinnsuche in den Fokus rückten, desto klarer ist mir geworden, dass der Stoff für einen Roman gut sein könnte. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich mir sicher war – Das wird jetzt mein erster Roman – brauchte es aber noch viel Zeit und einige Zufälle.

Was deinen Roman für mich ebenfalls auszeichnet, ist die Erzählform, ein ganz eigener kraftvoller Schreibstil. Steckt da jahrelange Arbeit hinter?
HK: Ich würde mich schwer damit tun den Stil von „In Spuren“ zu nehmen und zu sagen: So schreibe ich, das ist jetzt der Stil, mit dem ich dauerhaft arbeite! Ich glaube, dass jeder Stoff sich in gewissem Maße seine Sprache sucht. Natürlich habe ich vorher schon lange Jahre geschrieben, und natürlich versuche ich immer meinen eigenen Klang zu finden, aber der kann eben von Text zu Text sehr variieren. Bei „In Spuren“ war es konkret so, dass ich lange daran gearbeitet habe, bis ich die beiden Erzählstile der Protagonisten deutlich genug voneinander getrennt hatte, und bis der Sprachrhythmus von Jakobs Erzählhaltung und jener der Tagebucheinträge von Felix für sich stimmig waren.

Hast du Vorbilder, an denen du dich als Autor orientiert hast?

HK: Ich lese generell viel, schnappe irgendwo im Gespräch Autorennamen oder Romantitel auf und besorge mir dann die Bücher, gehe teilweise aber auch gezielt vor, lese viel junge deutsche Literatur, aber auch Klassiker. Und es gibt immer wieder Romane oder Texte, die mir gefallen, deren Stil aber auch deren Themenwahl oder Charakterentwicklung mich beeindrucken – und natürlich gibt es auch das Gegenbeispiel, dass ich etwas lese und denke: Das gefällt mir nicht – das würde ich anders machen. Ganz bestimmte Vorbilder habe ich also eher nicht; gerade lese ich Irving und Joseph Roth – aber in ein paar Monaten fallen mir bestimmt wieder neue Autoren in die Hände.

Wie lange hast du einen Verlag gesucht, der dein Manuskript angenommen hat?

HK: Ich hatte das Glück, dass ich für den Anfang von „In Spuren“ ein Stipendium der Autorenwerkstatt Prosa des Literarischen Colloquiums Berlin gewonnen hatte. Dort haben wir dann in einer Gruppe von jungen Autoren über unsere entstehenden Debütromane diskutiert, Schwächen, Stärken und mögliche Überarbeitungswege besprochen. Teil dieses Stipendiums war auch eine Lesung auf der Leipziger Buchmesse 2010 – und dort hat mein heutiger Lektor vom mairisch Verlag meinen Textausschnitt gehört und mich angesprochen. Von diesem Moment bis zur Vertragsunterzeichnung hat es zwar noch einige Monate gedauert – auch weil der Roman noch gar nicht fertig war – aber der erste Kontakt war hergestellt.

Was gibst du jungen AutorInnen mit auf den Weg?

HK: Lesen, beobachten, schreiben, überarbeiten und wieder lesen, beobachten, schreiben und nicht damit aufhören! Ich habe lange lange Jahre geschrieben und mich immer wieder bei Wettbewerben und Stipendien beworben, ohne dass es geklappt hat. Und das ist frustrierend. Man sollte Geduld haben, auch mit dem eigenen Geschriebenen. Ernstgemeinte Kritik, die tatsächlich am Text interessiert ist, sollte man annehmen, auch und gerade wenn sie schmerzt. Ich habe es immer als bereichernd wahrgenommen mit Gleichgesinnten über ihre und meine Texte zu diskutieren. Gerade in der Auseinandersetzung mit anderen Texten versteht man oft Dinge, die man im eigenen Roman oder in der eigenen Erzählung gerne übersieht.

Und zu guter Letzt: Schreibst du an einem neuen Roman?

HK: Ja, ich schreibe an einem neuen Roman, bzw. schreibe und recherchiere. Der Plan ist relativ klar, aber es fehlt noch einiges an Hintergrundarbeit, auch wenn das eine oder andere Kapitel schon entstanden ist. Mehr kann und will ich dazu aber noch nicht sagen, dafür ist es noch zu früh.

Die Klappentexterin dankt für das Interview und wünscht Hannes Köhler weiterhin viel Erfolg!

Hier geht es zur Autoren-Homepage.

Lily Lux und ihre Schöpfer im Interview.

Wie ihr wisst, liebe ich Zauberei im Alltag und Lily Lux. Weil ich so neugierig bin, habe ich bei Lily Lux und ihren Schöpfern angeklopft. Sie haben mir die weiße Tür geöffnet, ich bin hineingeschlüpft, habe mein Notizbuch aufgeschlagen, viel gefragt und geschrieben, geschrieben… Herausgekommen ist dieses Interview mit Lily Lux, Iris Luckhaus und Matthias Klesse.

Lily Lux verzaubert den Alltag. Neugierig, liebevoll und erfinderisch entdeckt sie das Besondere in den Dingen und entführt in eine Welt, in der jeder Tag ein Feiertag und jede Ecke eine Sehenswürdigkeit sein kann.

Iris Luckhaus ist freie Illustratorin, Stylistin und Diplomdesignerin (UDK Berlin, Modeklasse Vivienne Westwood) und arbeitet für Kunden aus aller Welt. Wenn sie zeichnet, dann meist mit einem Lächeln. Ihre Leidenschaft gilt dem Verstecken winziger Details, die ganze Geschichten erzählen können. In den Anthologien Illustration Now!, Freistil und Illusive wird sie als eine der weltbesten Illustratoren vorgestellt. Iris Luckhaus lebt in Wuppertal und Berlin.

Matthias Klesse ist nicht nur Autor, sondern auch Schauspieler und Musiker, Lehrer und Doktorand (TU Berlin, Geschichte und Philosophie). Im Rahmen seiner Dissertation über Erinnerungskultur beschäftigt er sich mit der Frage, wodurch Komik entsteht. Zusammen mit Iris Luckhaus hat er Lily Lux erfunden, die Figur weiterentwickelt und ihr eine Stimme verliehen. Matthias Klesse lebt in Berlin und Wuppertal.

Klappentexterin: Wie habt ihr Lily Lux erfunden?

Matthias: “Wir haben Lily Lux zusammen erfunden, oder besser: gefunden… und zwar als eine Art liebevoll-ironischer Karikatur von Iris, die wir an einem Februarabend vor ein paar Jahren in einem kleinen Berliner Supermarkt angesichts eines Regals mit Kekspackungen, in denen sich solche komischen kleinen Figürchen befanden, ganz zufällig kennengelernt haben.”

Iris: “Als dann der Hoffmann und Campe Verlag einige Zeit später gefragt hat, ob ich nicht gern mal ein Geschenkbuch machen wolle, hat sich diese vage Idee einer Figur mit Hilfe einer eigentlich ganz anderen Buchskizze, einer schlauen Lektorin und einiger wunderbarer Lieblingsmenschen erstaunlicherweise völlig verselbständigt und plötzlich einen eigenen Willen, einen eigenen Geschmack und eine ganz eigene Logik entwickelt. Das Ganze ist sehr organisch über einen recht langen Zeitraum gewachsen und hat sich irgendwann wie von allein zu einem klaren, lebendigen Bild zusammengefügt.”


“Wenn Lily von einem Produkt wirklich überzeugt ist, kauft sie es gern mehrfach. Man kann ja nie wissen.” aus “Die wunderbare Welt der Lily Lux”


Was hat sich seitdem in eurem Leben verändert?

Iris: “Mal abgesehen von den Veränderungen, die die Figur Lily Lux mit sich gebracht hat, erfordert dieses Projekt meinerseits eine ganz andere Arbeitsweise. Vorher habe ich hauptsächlich die Ideen unterschiedlicher Kunden verwirklicht, und zwar meist als Teil eines größeren Teams. Das finde ich nach wie vor sehr spannend und lerne dabei oft die wunderbarsten und absonderlichsten Dinge. Eine besondere Herausforderung ist es dabei immer, einen persönlichen Bezug zu Projektinhalten herzustellen, die mir eigentlich eher fremd sind. Parallel dazu an eigenen, größeren Projekten zu arbeiten, die mir sehr nah sind und für die ich gleichzeitig Erfinder, Autor, Grafiker und eben auch Illustrator sein kann, ist ein sehr schöner Ausgleich. Ich möchte keins von beidem mehr missen.”

Matthias: “Ich habe bisher sehr viele ‘flüchtige’ Projekte gemacht, insbesondere im Bereich Musik und Theater. Da bekommt man zwar sehr schnell Rückmeldungen, aber danach ist es erstmal auch wieder vorbei – bis zur nächsten Aufführung. Was ich demgegenüber so spannend daran fand und finde, Lily Lux in die Welt hinauszulassen, ist es, zu beobachten, wie dieses Projekt Kreise zieht, die immer größer werden – und deren Echo man meistens dann bekommt, wenn man am wenigsten damit rechnet. Und zwar von Menschen im Alter von 4 bis 88, die begeistert und dankbar sind und sich in irgendeiner Form mit unserer Figur identifizieren.”

Iris: “Darüber hinaus ist Lily Lux für mich aber auch die erste selbst erfundene Figur, die sich nicht mehr so anfühlt, als wäre sie das, sondern eher eine herzerwärmende und höchst schätzenswerte Freundin, die wir gerade erst anfangen kennenzulernen und die wir aber schon so gut einschätzen können, dass wir in der Lage sind, ihr unsere Stimme und unsere Bilder zu leihen. Es passiert öfter mal, dass wir drüber nachdenken oder drüber sprechen, was Lily in einer bestimmten Situation tun würde, und dann ist es häufig so, als wäre sie wirklich dabei und verbreite ihren grenzenlosen Optimismus. Ich hätte nie gedacht, dass Geschichten erzählen so sein kann, ich finde das großartig. Lily ist vermutlich die allerbeste imaginäre Freundin, die man sich nur vorstellen kann.”


“Ausflugsplaner” aus “Lily Lux Notizbuch”

Wo und wie entstehen eure Ideen?

Iris: “Das ist eine ganz schön schwierige Frage… das kann eigentlich immer und überall passieren, allein oder zu zweit, dass Ideen auftauchen und sich vielleicht sogar verselbständigen. Wenn es um konkrete Projekte geht und Ideen nicht nur gefunden, sondern auch gesucht und ausgearbeitet werden müssen, passiert das oft durch gemeinsames Herumspinnen an Küchentischen und begleitet von überaus köstlichem Essen, das Matthias zubereitet hat, oder auch bei längeren Aufenthalten in Cafés oder Restaurants. Wahlweise beim Spazierengehen, beim Einkaufen oder, wenn wir an unterschiedlichen Orten sind, per SMS oder Mail oder ausgiebig des Nachts am Telefon.”

Matthias: “Was ich dabei an der Zusammenarbeit mit Iris immer wieder spannend und großartig finde, ist dieser Ping-Pong-Effekt. Einer von uns beiden wirft bei einer solchen Gelegenheit eine Idee in den Raum, der andere greift sie auf, fügt etwas hinzu – bis am Ende etwas ebenso Gemeinsames wie Logisches und Umsetzbares da ist, das vorher noch nicht da war (und das wir jeder für sich wahrscheinlich auch nicht zustande bekommen hätten). Diese Form von Synergie habe ich so bis jetzt nur sehr selten erlebt.”


“Manchmal sieht Lily in allem ein Orakel.” aus
“Die wunderbare Welt der Lily Lux”

Wie kann ich mir eure gemeinsame Arbeit vorstellen?

Matthias: “In erster Linie spinnen wir gemeinsam herum, finden Ideen und entwickeln diese aus ihrer eigenen Logik heraus. Als das erste Buch so nach und nach konkret wurde, haben wir die Ideen der Seiten mit Szenen und Texten zunächst gemeinsam entwickelt.”

Iris: “Illustriert und zusammengebaut habe ich Lily Lux und ihre wunderbare Welt dann hauptsächlich allein, wobei Matthias als zweites Paar Augen auch da sehr wichtig war – einerseits als Korrektur, andererseits aber auch als Hilfe bei der Ideenfindung, beim Weiterspinnen und bei den kleinen Detailgeschichten, die sich da im Hintergrund abspielen… allein kann man halb so schön fabulieren wie zu zweit. Und das Schöne, wenn man zu zweit arbeitet, ist ja auch, dass meistens einer den Wald überblickt, wenn der andere zwischen Bäumen verloren geht – und umgekehrt.”


“Wie man sich am effektivsten verläuft” aus “Lily Lux Notizbuch”

Du bist ein richtiger Sonnenschein, liebe Lily Lux. Wo nimmst du deinen Optimismus her?

Lily: “Dankeschön! Hm, das ist eine schwierige Frage… man kennt sich ja nur so, wie man ist, und kann sich kaum vorstellen, wie es wäre, anders – und in meinem Falle vielleicht: weniger optimistisch – zu sein. Ich schaue einfach lieber auf das, was an Dingen erfreulich ist, als auf das, was vielleicht weniger erfreulich ist. Und ich weiß das, was mir gefällt, dann auch sehr zu schätzen, freue mich darüber und mache eben das Beste daraus. Ich habe lieber einen guten als einen schlechten Tag, und dafür ist man doch zumindest ein Stück weit auch selbst verantwortlich. Und wenn man das Wunderbare erst einmal sieht, sind auch die Dinge, die nicht so wunderbar sind, gar nicht mehr so sehr schlimm.”


“Lily findet, sie hat eigentlich immer riesiges Glück.”
“Die wunderbare Welt der Lily Lux”

Viele Menschen ärgern sich schnell. Hast du einen Tipp dagegen?

Lily: “Gegen das Ärgern? Ich weiß nicht genau… denn es gibt auch Dinge, die mich ärgern, aber nicht sehr viele. Wenn das passiert, hilft dagegen eigentlich auch nichts… außer sich damit auseinanderzusetzen, warum einen etwas eigentlich ärgert und ob das überhaupt sein muss; ob es nicht auch etwas am Ärgernis gibt, das Grund zur Freude sein könnte. Wenn das nicht hilft, kann man immerhin versuchen, das Ärgernis zu ändern. Ich glaube, grundsätzlich können viele mögliche Ärgernisse dadurch vermieden werden, dass man Dinge von mehr als einer Seite betrachtet – was beispielsweise bei ärgerlichem Wetter äußerst einfach ist – oder, wenn es um Menschen geht, sich in andere hineinversetzt. Meistens haben Menschen ja Gründe, das zu tun, was sie tun. Ich finde, man sollte andere Menschen und am besten auch Tiere und Dinge immer so behandeln, wie man selbst behandelt werden möchte: freundlich, höflich, liebevoll.”


“Tätigkeiten für Wartezeiten” aus “Lily Lux Notizbuch”

Hast du einen Lieblingsort? Was machst du da am liebsten?

Lily: “Natürlich habe ich einen Lieblingsort! Naja, eigentlich mehrere. Zuallererst mein kleiner Stadtpark gleich um die Ecke, weil man da so wunderbar picknicken, Schneemänner und Iglus bauen und an einem alten Baum schaukeln kann. Und weil man dort jetzt schon den ersten Gänseblümchen begegnet! Außerdem sämtliche Jahrmärkte… besonders die, wo einem schwindelig wird. Dieser Brunnen in Paris, weil der von alten Bäumen umgeben ganz still mitten in der Stadt liegt und nur darauf zu warten scheint, dass man dort Quiche und Petit Fours isst und Enten füttert. Den Buchladen, der auch Bibliothek und Heimat ist, da ganz in der Nähe. Mein geliebter See mit den Schwanentretbooten und diese Promenade an der belgischen Küste, wo es die besten Waffeln der Welt gibt. Alle Orte, wo man barfuß über grünen Rasen oder warmen Sand laufen kann… und alle Orte, wo Vögel zwitschern. Balkone. Hotelzimmer, Bahnhöfe und bunte Supermärkte. Mein rotes Sofa und die Badewanne. Die flachen Dächer hoher Häuser, von denen aus man nachts mitten in der Stadt alle Sterne sieht. Und mein kleines Arbeitszimmer mit dem prächtigen Ausblick voller Himmel und Bäume.”


“Lily findet, man sollte jeden Tag etwas tun, das man noch nie getan hat.” aus “Die wunderbare Welt der Lily Lux”

Wenn du dich in ein Tier verwandeln könntest, in welches?

Lily: “Hm… das müßte schon ein Wolpertinger sein. Die sehen zwar seltsam aus, können aber dafür vielleicht auch all die Dinge, die ich gern können würde. Mein Wolpertinger müßte auf jeden Fall unbedingt fliegen und unter Wasser atmen können. Es würde auch nicht schaden, wenn er Siebenmeilenstiefel hätte und einen Zauberteppich und eine Möglichkeit zur Zeitreise. Und dann müßte er natürlich alle Sprachen sprechen, die der Menschen ebenso wie die der Tiere, und ganz fabelhafte Sinne haben – bei Nacht sehen können, selbst im Winter das Gras unter dem Schnee riechen, und kilometerweit Vogelkonzerte erlauschen können. Und er sollte sich bitte nicht von anderen Lebewesen ernähren. Vermutlich wäre mein Wolpertinger nicht sehr hübsch, aber man muss eben Prioritäten setzen. Oh, und es wäre natürlich schön, wenn es noch andere seiner Art gäbe.”


“Der Tierwelt auf der Spur” aus “Lily Lux Notizbuch”

Als kleine Alltagszauberin schreibst du sehr viel. Wieviele Notizbücher besitzt du?

Lily Lux: “Das ist ja ein schönes Kompliment, dankesehr! Ich besitze tatsächlich unzählige Notizbücher. Und die sind allesamt so voll, dass ich, wenn ich etwas nachsehen will, oft in alten Notizen verloren gehe oder mir gleich etwas Neues einfällt, das ich unbedingt aufschreiben wollte, um es nicht zu vergessen… und schon ist der Gedanke an das, was ich eigentlich nachschauen wollte, ganz einfach weg. Immerhin: Dinge aufzuschreiben und einzukleben hilft mir, mich dann auch tatsächlich daran zu erinnern, selbst wenn ich die Notiz dazu meistens nicht wieder finde. Trotz außerordentlich ausgeklügelter Ordnungssysteme. Das war sehr schön daran, dass wir nur ein einziges Notizbuch zur Veröffentlichung gemacht haben: Alle meine Bücher durchzugehen und die Essenz daraus zu finden. Ich benutze das Buch auch selbst eifrig und schreibe da ausnahmsweise ganz winzig klein und klebe ständig neue Seiten zwischendrin ein.”


“Lily liebt es, sich zu verlaufen.” aus “Die wunderbare Welt der Lily Lux”

Wirst du eines Tages sogar einen Roman schreiben?

Lily Lux: “Hm… Natürlich haben wir schon darüber nachgedacht. Es gibt viele Formen von Büchern, die wir gern einmal ausprobieren würden, die wir aber auch ein Stück weit neu erfinden müßten, damit sie in meine Welt passen. Was wir an der derzeitigen Erzählform so wunderbar finden, sind die vielen kleinen Geschichten, die wir durch Hintergrunddetails oder Zettelchen erzählen können und die sich erst beim zweiten, dritten oder vierten Blick und im Verhältnis zueinander erschließen. So etwas wäre in reiner Textform schwer zu realisieren… aber ja, wir denken durchaus darüber nach, wie das gehen könnte. Und man soll ja auch niemals nie sagen!”


“Lieblingswörter” aus “Lily Lux Notizbuch”

Die Klappentexterin dankt Lily Lux, Iris Luckhaus & Matthias Klesse für das Interview und wünscht allen weiterhin viel Erfolg!

Hier habe ich noch weitere Links für euch:

Die wunderbare Welt der Lily Lux: www.lilylux.de
Lily Lux für jeden Tag: www.facebook.com/lilylux
Iris Luckhaus: www.irisluckhaus.de
Matthias Klesse: www.matthiasklesse.de

Bildmaterial © Iris Luckhaus (auch das Foto ganz oben)

Sabrina Janesch über das Schicksal der Vertreibung.

Wie bereits im Vorfeld angekündigt, lässt die Klappentexterin auch Autorinnen und Autoren zur Sprache kommen. Heute verrät uns Sabrina Janesch – die Autorin von “Katzenberge” – warum sie sich u.a. für das Thema Vertreibung interessiert.

Foto: © Milena Schlösser

Sabrina Janesch wurde 1985 in Gifhorn geboren. Sie studierte Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus in Hildesheim sowie Polonistik in Krakau. Sabrina Janesch ist u.a. Gewinnerin des O-Ton Literaturwettbewerbes des NDR, Stipendiatin des Schriftstellerhauses Stuttgart und des LCB. Sie war erste Stadtschreiberin von Danzig.

Klappentexterin: In deinem Roman “Katzenberge” geht es um das Thema der Vertreibung. Wie kommt es, dass sich ein junger Mensch dafür interessiert? Hat dein Aufenthalt als Stadtschreiberin in Danzig dazu auch einen Anstoß gegeben?
Sabrina Janesch: Nein, der Aufenthalt in Danzig kam viel später, als ich das Manuskript für Katzenberge schon längst beendet hatte! Ich komme selber aus einer deutsch-polnischen Familie, die viel mit solchen Geschichten zu tun hatte. UND ich hatte diesen sehr charismatischen Großvater, der mir immer viel erzählte … es tun sich also durchaus Parallelen zur Nele meines Romans auf.

KT: Anhand vom Großvater Janeczko hast du das Schicksal der Kriegsgeneration sehr genau beschrieben. Mich hat das als Leserin sehr bewegt. Wie ist es dir bei der Recherche und den Gesprächen mit Zeitzeugen ergangen?
SJ: Für mich war meine Reise nach Ostpolen und die Ukraine ungeheuer inspirierend und emotional. Ich bin überall auf soviel Herzlichkeit und Hilfsbereitschaft getroffen, ohne all die Menschen wäre diese Reise unmöglich gewesen. Zugleich waren – auch die älteren und ganz alten Menschen – alle sehr offen und haben mir auch die intimsten und furchtbarsten Dinge aus jener Zeit erzählt. Man kann sagen, ohne sie wäre nicht nur die Reise nicht möglich gewesen, sondern auch nicht der Roman an sich. Vieles darin ist von ihnen inspiriert, nicht bloß von meiner eigenen Familie.

KT: Wieviel Sabrina Janesch steckt in der Ich-Erzählerin Nele Leibert?
SJ: Die Rahmenbedingungen decken sich sicherlich: Auch ich komme aus einer gemischten Familie und verbrachte große Teile meiner Kindheit auf diesem Hof in Niederschlesien, hatte eine sehr enge Beziehung zu meinem Großvater. Schon als Kind habe ich viele der Motive aus seinen Erzählungen verinnerlicht, die haben mich schon sehr geprägt. Etwa die Erzählung von dem Biest. Bis heute weiß ich nicht, wie mein Großvater das wirklich meinte… Aber natürlich ist dies ein fiktiver Roman: die Fiktion überwiegt. Auch was Nele angeht: Anders als sie habe ich nicht diese Skepsis gegenüber diesem Ort geerbt, habe mich in Schlesien immer sehr zuhause gefühlt.

KT: Du bist noch sehr jung und hast bereits einen ersten Roman veröffentlicht. Was gibst du anderen jungen Literaturschaffenden mit auf den Weg?
SJ: Mit sehr viel Konzentration an die Arbeit zu gehen, egal ob Roman oder Kurzgeschichte. Darüber nicht die Lust am Schreiben und am Text verlieren. Während der Arbeit am ersten Roman hing ein Zettel über meinem Schreibtisch, auf dem stand: Keine Panik!

KT: Schreibst du an einem neuen Roman?
SJ: Ja, ich arbeite bereits an meinem zweiten Roman und denke, dass er spätestens 2012 veröffentlicht wird. Es sei nur so viel verraten: Die Handlung spielt in Danzig….

Hier geht es zur Homepage der Autorin.

Die Klappentexterin dankt für das Interview und wünscht Sabrina Janesch weiterhin alles Gute.

Tanya Stewner über Elfen und Phantasie.

Wie bereits im Vorfeld angekündigt, lässt die Klappentexterin auch Autorinnen und Autoren zur Sprache kommen. Heute erfahren wir von Tanya Stewner – der Autorin von „Wie weckt man eine Elfe?” – was sie über Elfen und Phantasie zu sagen hat.


Tanya Stewner wurde 1974 im Bergischen Land geboren und begann bereits mit zehn Jahren, Geschichten zu schreiben. Sie studierte Literaturübersetzen, Englisch und Literaturwissenschaften in Düsseldorf, Wuppertal und London und widmet sich inzwischen ganz der Schriftstellerei. Ihre Kinderbuchreihe ›Liliane Susewind‹ ist ein riesiger Erfolg. Für den ersten Band wurde Tanya Stewner 2007 mit dem ›Goldenen Bücherpiraten‹ als beste Nachwuchsautorin ausgezeichnet. Die Autorin lebt und arbeitet in Wuppertal. © Fischer Verlag.

Klappentexterin: Das sind alles phantastische Geschichten, die Sie erzählen. Wo nehmen Sie die Inspiration her?

Tanya Stewner: Ich verrate Ihnen gern mein Geheimnis: Ich bete jedes Mal, bevor ich anfange zu schreiben, und bitte um gute Ideen und einen guten Schreibfluss. Bisher hat das immer sehr gut funktioniert.

KT: Was kann Phantasie alles bewirken?
TS: Im Grunde ist die Phantasie der Motor, der alles antreibt. Wenn man etwas erreichen möchte, muss man es sich zuerst ausdenken. Phantasie ist der Beginn von allem Großen, was je passiert ist.

KT: Scheint es nur so oder haben Kinder tatsächlich mehr Phantasie als Erwachsene?
TS: Kinder haben wahrscheinlich gar nicht “mehr” Phantasie als Erwachsene, aber sie räumen ihr viel mehr Platz ein. Kinder trauen sich, ihrer Phantasie freien Lauf zu lassen und ihr ein Stückweit zu folgen. Viele Erwachsene machen das leider nicht mehr.

KT: Gibt es eine Tageszeit wo bei Ihnen die Ideen mehr sprudeln?
TS: Ich bin ein Morgenmensch und schreibe am liebsten morgens und vormittags. Wenn es gut läuft, nehme ich den Nachmittag und Abend allerdings meistens noch hinzu.

KT: Was meinen Sie: Wäre es eine bessere Welt, wenn alle ein bisschen mehr Phantasie hätten?

TS: Das könnte gut sein. Sie wäre zumindest bunter und ein bisschen “verrückter”.

KT: Haben Sie eine bestimmte Technik, um auf phantastische Ideen zu kommen?
TS: Ich gucke aus dem Dachfenster, das sich über dem alten Sofa befindet, auf dem ich immer schreibe. Ich schaue in den Himmel, und dann kommen die Ideen wie von selbst.

KT: In Ihrem neuen Buch “Wie weckt man eine Elfe?” stehen Elfen im Mittelpunkt. Sind Sie schon einmal einer begegnet?
TS: Leider noch nicht. (Lacht.)

KT: Sie sehen zwischen Elfen und Feen einen großen Unterschied. Welchen finden Sie besonders erwähnenswert?
TS: Elfen und Feen werden heutzutage oft “übertrieben schön”, mit viel Rosa und Glitzer dargestellt. Da wollte ich mit meinen pummeligen, zerzausten Elfen gern ein Gegengewicht setzen. Meine Feen sind hingegen trotz allem noch schön, da ich ebenso finde, dass man jemanden nicht nur, weil er bezaubernd aussieht, gleich für oberflächlich halten darf. Mein neues Buch “Wie weckt man eine Elfe?” ist also ein Plädoyer dafür, hinter die äußere Erscheinung zu schauen.

KT: Diese Frage formuliert natürlich die Neugier: Schreiben Sie an einem neuen Buch?

TS: Ja, aber ich darf leider noch nicht verraten, woran ich schreibe.

Hier geht es zur Hompage der Autorin.
Hier trefft ihr die Autorin bei Facebook.

Die Klappentexterin dankt für das Interview und wünscht Tanya Stewner weiterhin alles Gute.

Ihr habt gefragt. Sebastian Fitzek hat geantwortet.

© Foto: Lucia Fuster

Wird man eigentlich mit dem Wunsch, großer und bekannter Krimiautor zu werden, geboren? Das wollte Max von Sebastian Fitzek wissen. Dies war eine Frage von vier weiteren. Heute gibt es für euch die Antworten.

Max: Wird man eigentlich mit dem Wunsch, großer und bekannter Krimiautor zu werden, geboren?
Sebastian Fitzek: Nein, ich wollte eigentlich alles mögliche werden: Schlagzeuger, Tennisspieler, Tierarzt (hab 3 Monate Veterinärmedizin studiert;), Boss einer Plattenfirma (deswegen studierte ich Jura) und bin dann beim Radio gelandet. Ich habe aber immer gerne gelesen und es irgendwann dann selbst einmal ausprobiert, ob mir auch eine Geschichte gelingen würde.

Biene: Wo kommen die besten Ideen?
SF: Die besten Ideen kommen mir beim Autofahren, wenn ich durch Brandenburg düse, durch Wälder hindurch und an traumhaften Seen vorbei (rund um Potsdam!) und ich ganz in Ruhe nachdenken kann.

Martina: Welches Medium liebt Sebastian Fitzek mehr: Das Buch oder das Radio? Und was schätzt er besonders an ihnen?
SF: Das ist wie die Frage, welches seiner Kinder man lieber mag. Im Augenblick ist das Buch natürlich aufregender (Radio mache ich schon seit 17 Jahren!) und hier kann ich mich noch mehr austoben.
Im Radio hab ich noch nie jemanden sterben lassen. (Lacht.) Bei beiden Medien schätze ich am meisten, dass sie die Phantasie anregen und das sogenannte “Kino im Kopf” bedienen. Leser wie Hörer sind immer die eigenen Regisseure eines Filmes, der von dem Urheber nur angetriggert wird.

Jana: Ich wuesste gern, WIE er schreibt. Was braucht er um sich herum, wie konzentriert er sich, wann befindet er sich in einer kreativen Phase…
SF: Ich schreibe immer dann, wenn ich mich in einer guten Stimmung befinde. Dabei habe ich gelernt, dass meine Stimmung und Lust wächst, wenn ich mich in einer schönen Umgebung befinde. Daher steht mein Schreibtisch in dem Raum, in dem ich mich am wohlsten fühle. Nicht im Arbeitszimmer, sondern im Wintergarten. Paradoxerweise muss meine Umgebung also um so schöner sein, je grausamer das Kapitel ist, an dem ich arbeite.

Bibliophilin: Fitzek sieht ja „nicht schlecht“ aus und ich kann mir vorstellen, dass einige Leserinnen ihn wegen seinem Aussehen und nicht wegen den Büchern, die er schreibt toll finden. Fühlt er sich manchmal wie ein Pop-Star? Bekommt er während einer Lesung BHs auf die Bühne geworfen?
SF: Sehr lustige Frage. (Lacht.) Danke sehr erstmal für das Kompliment – aber nein, ich habe noch nie einen BH bekommen und auch keine (ernst gemeinten) Heiratsansträge. Ein einziges Mal wollte eine Frau nicht meine Unterschrift, sondern meine Telefonnummer bei der Autogrammstunde, aber das war vermutlich auch nur ein Scherz. Ich fühle mich also keineswegs wie ein Popstar und bin auch sehr froh darüber, dass mich niemand erkennt, wenn ich völlig übermüdet, mit wild abstehenden Haaren im Jogginganzug zur Tanke fahre, weil Sonntag ist und ich mal wieder vergessen habe, etwas einzukaufen.

Die Klappentexterin dankt an allen FragestellerInnen und Sebastian Fitzek für das Interview. Sie wünscht dem Autor weiterhin viel Erfolg!

Hier findet ihr die Autoren-Homepage.

Christian Schünemann über Krimis.

Wie bereits im Vorfeld angekündigt, lässt die Klappentexterin auch Autorinnen und Autoren zur Sprache kommen. Heute erfahren wir von Christian Schünemann – der Autor von “Die Studentin – Ein Fall für den Frisör” – was er über Krimis zu sagen hat.


Christian Schünemann, geboren 1968 in Bremen, studierte Slawistik in Berlin und Sankt Petersburg, arbeitete in Moskau und Bosnien-Herzegowina und absolvierte die Evangelische Journalistenschule in Berlin. Beim Internationalen Wettbewerb junger Autoren, dem Open Mike 2002, wurde ein Auszug aus dem Roman ›Der Frisör‹ preisgekrönt. Christian Schünemann lebt in Berlin.
© Text: Diogenes Verlag.

Klappentexterin: Sie schreiben Krimis. Lesen Sie auch welche?
Christian Schünemann: Es ist so: Wenn ich schreibe, lese ich kaum. Das Lesen lenkt mich von meiner eigenen Arbeit am Roman ab. Und ich weil ich ständig schreibe, kommt das Lesen viel zu kurz.

KT: Welche Krimi-Autoren sind Ihre liebsten?
CS: Simenon. Weil er genial einfach ist und sprachlich wunderschön.

KT: Welche Krimis mochten Sie gar nicht?
CS: Das verrate ich Ihnen nicht.

KT: Was zeichnet einen guten Krimi aus?
CS: Das, was jedes gutes Buch auszeichnet: Dass man es nicht mehr zur Seite legen mag. Dass man in die Geschichte eintaucht und alles um sich herum vergisst. Dass man traurig ist, wenn das Buch ausgelesen ist und man sich wieder dem Leben zuwenden muss.

KT: Miss Marple ist ja eine der bekanntesten Ermittlerinnen. Mochten Sie die Geschichten von Agatha Christie?
CS: Als Schüler habe ich alles von Agatha Christie verschlungen, als Student in Moskau habe ich sie wiederentdeckt und viele ihrer Krimis noch einmal gelesen – auf Russisch. Das war prima, um die Sprache zu lernen.

KT: Die Krimis von Stieg Larsson sind in aller Munde. Haben Sie eine Erklärung dafür?
CS: Stieg Larsson liegt noch unter Friedrich Dönhoffs englischem Tänzer und der Geschichte Serbiens. Aber dann ist er dran.

KT: Der Friseur Tomas Prinz ist der Ermittler in Ihren Krimis. Wie kamen Sie auf die Idee?
CS: Die Idee, einen Frisör zum Ermittler zu machen, liegt doch so nahe: Ein Frisör erfährt mehr als die Polizei, ihm vertraut man in Fortsetzungen sein Leben und seine Geheimnisse an. Er hat eine ganz besondere Sicht auf die Menschen und die Dinge. Er ist ein perfekter Ermittler, finden Sie nicht?

KT: Sie leben in Berlin. Welche Orte in der Stadt finden Sie besonders inspirierend?
CS: Die Lesesäle der Bibliotheken: Feste Öffnungszeiten, konzentrierte Menschen, emsige Ruhe – herrlich!

KT: Haben Sie in Berlin einen Lieblingsfriseur?
CS: Mein Frisör schneidet in seiner Freizeit bei sich zu Hause in der Küche – immer samstags von zwölf bis vier. Ich muss bald mal wieder hin.

KT: Und zu guter Letzt: Schreiben Sie an einem neuen Tomas Prinz Krimi?
CS: Ich bin gerade fertig geworden. „Daily Soap“ heißt der neue Fall für den Frisör und erscheint Ende Januar. Ich liebe dieses Buch!

Die Klappentexterin dankt für das Interview und wünscht Christian Schünemann weiterhin alles Gute.

Solltet ihr noch weitere Fragen an den Autor haben, dann trefft ihr
Christian Schünemann auch bei


Ihr fragt. Sebastian Fitzek antwortet.

© Foto: Lucia Fuster

Der Krimiautor Sebastian Fitzek hat mir für ein Interview zugesagt. Dieses Mal möchte ich jedoch nicht die Fragen stellen, sondern ihr seid dran. Was wolltet ihr also immer schon mal über Sebastian Fitzek wissen? Bitte schickt mir eure Fragen bis Freitag, 27. August, an meine Emailadresse: klappentexterin@hotmail.de oder schreibt sie hier unten direkt ins Kommentarfeld. Die besten fünf Fragen wähle ich dann aus. Sie sollten so kurz wie möglich sein, denn ich möchte ein Shortcut – was Kurzes, Knappes, weil der Autor gerade einiges um die Ohren hat. Er schreibt und ist viel unterwegs.

Unter den FragestellerInnen verlose* ich einmal zwei Eintrittskarten für die Lesung aus seinem neuen Buch “Der Augensammler” am 6. September 2010 im Berliner Heimathafen Neukölln. Vorher gibt es übrigens ab 16 Uhr am Berliner Kurfürstendamm 231 eine Signierstunde mit dem Autor.

Die Klappentexterin bedankt sich für die Freikarten bei Hugendubel bei Karstadt am Hermannplatz sowie beim Heimathafen Neukölln.

Hier geht zur Autoren-Homepage.

* Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Oliver Bottini über Fernöstliches.

Wie bereits im Vorfeld angekündigt, lässt die Klappentexterin auch Autorinnen und Autoren zur Sprache kommen. Heute erfahren wir von Oliver Bottini – der Autor von “Mord im Zeichen des Zen” – was er über Fernöstliches zu sagen hat.

© Foto: Annina Luzie Schmid.

Oliver Bottini, in Nürnberg geboren, studierte in München Neuere deutsche Literatur, Italianistik und Markt- und Werbepsychologie. Er erhielt für seine beiden Kriminalromane »Mord im Zeichen des Zen« und »Im Sommer der Mörder« jeweils den Deutschen Krimi Preis. Beide Romane standen monatelang auf der KrimiWelt-Bestenliste und wurden in mehrere Sprachen übersetzt. 2007 wurde er für den Friedrich-Glauser-Preis in der Sparte Roman nominiert. Sein dritter Roman, »Im Auftrag der Väter«, stand 2007 auf der Shortlist des Münchener Tukan-Preises. Auch der vierte Roman, »Jäger in der Nacht«, war sehr erfolgreich. Oliver Bottini lebt in Berlin. © Text: Fischer Verlag.

Klappentexterin: Seit über zehn Jahren praktizieren Sie Qi Gong und Kung Fu. Haben Sie gezielt damit begonnen oder eher zufällig?
Oliver Bottini: Eigentlich eher zufällig. Ein Freund von mir hat die Werbung der neuen Schule gesehen, und so sind wir hingegangen. Daraus wurden dann 13 schöne Jahre … Nach meinem Umzug nach Berlin 2008 habe ich leider nichts Gleichwertiges mehr gefunden. Aber ich suche weiter!

KT: Die Meditation ist eine hohe Kunst. Wie gelingt es am besten, die Gedanken komplett abzuschalten?
O.B.: Indem man es gar nicht erst versucht. Nicht dass ich das könnte! Aber die Anweisung lautet ja: die Gedanken anschauen, vorbeiziehen lassen, sie nicht als positiv oder negativ bewerten, sich nicht dranheften. Wenn man es doch tut: immer wieder von Neuem versuchen. Aber eben ohne es zu versuchen …

KT: In Ihrem Krimi “Mord im Zeichen des Zen” ist auch vom Qi die Rede. Erklären Sie einem Laien doch bitte mal, was es ist.
O.B.: Der chinesische Begriff Qi bedeutet wörtlich etwa “Atem, Energie, Luft”. Qi ist, traditionellen Quellen zufolge, die Energie im Menschen genauso wie im Universum, ohne die kein Leben entstehen und bewahrt werden kann. Es ist aus dem steten Wechsel von Yin und Yang entstanden, und solange sich die beiden im Gleichgewicht befinden, ist auch das Qi im Gleichgewicht. Falls die Balance verlorengeht, kann das Qi im Körper nicht mehr ungehindert fließen, oder es kommt zu einem Mangel – oder zu einem Überfluss an verbrauchtem Qi. Man wird krank. Auf der anderen Seite kann man dieses innere Qi, die “Energie”, die überall im Körper vorhanden ist, durch gesunde Ernährung, richtige Bewegung und korrektes Atmen nähren.

KT: Immer mehr Menschen bei uns sind vom Zen und dem Buddhismus fasziniert. Was meinen Sie, woran das liegt?
O.B.: Das hat sicherlich viele Gründe. Ich kann nur sagen, was mich für eine Weile daran fasziniert hat (ohne dass ich je Buddhist hätte sein wollen; und inzwischen ist bei mir ohnehin eine andere Phase angebrochen). Beim Zen die Kargheit, die Strenge, die Reduktion auf das Wesentliche, die Konsequenz, die Wertschätzung noch der geringsten Tätigkeit und des geringsten Wesens. In allem liegt ja Zen, und alles enthält die Anlage zum Buddha. Ich fand den Gedanken bestechend, dass man sich, egal was man tut, vollkommen eben nur auf diese eine Tätigkeit konzentrieren “soll”. Da schwingt für mich die Verheißung einer ungeheuren Freiheit mit, der Fülle des einen Momentes, des Einswerdens mit sich selbst. Und wie man kann die die heutige Flut von Informationen, Eindrücken, Geräuschen etc. besser aushalten, als wenn man sich davon überhaupt nicht mehr beeindrucken lässt? Sicher habe ich das Zen in meiner späteren Jugend aber schlicht auch romantisiert – Stichworte Samuraifilme, Exotik, Kunst des Bogenschießens … Für die eher esoterischen (in unserem Sinne), verwestlichten Formen des Buddhismus konnte ich mich dagegen nie begeistern.

KT: Fernost und der Westen – passt das zusammen?
O.B.: Überhaupt nicht. Aber das ist ja das Spannende. Zwei vollkommen unterschiedliche Arten, mit der Welt umzugehen. Ist doch ungeheuer bereichernd, wenn man sich etwas so Fremdes mal genauer ansieht. Man lernt viel.

KT: Haben Sie Ihre Bücher nach Zen sortiert?
O.B.: Ich wüsste nicht mal, was das ist. Sie stehen nach Sprachen gruppiert und dann alphabetisch nach dem Autorennamen sortiert. Kann aber sein, dass ich sie nach dem nächsten Umzug anders stelle, nach Farben zum Beispiel. Sieht bestimmt gut aus. Und wenn’s mir dann für die richtige Balance zu wenig rote Bücher sind, kaufe ich mir halt noch ein paar rote Romane …

KT: Wieviel Zen bestimmt die Einrichtung Ihrer Wohnung?
O.B.: Wenig. Den Versuch, mich karg einzurichten, habe ich schon aufgegeben – es gibt so viel Schönes zu kaufen! Bis auf zwei, drei chinesische Möbelstücke und drei sehr schöne Buddhastatuen gibt es keine Zen-Einflüsse. Sieht man von ein paar verstaubten Kung-Fu-Lanzen ab, die in der Ecke stehen.

KT: Mögen Sie Tee und auch die Zeremonien?
O.B.: Tee ja, für die Zeremonie bin ich zu ungeduldig. Und die Tassen sind mir viel zu klein. Da müsste ich ja dauernd nachschenken.

KT: Nun von Fernost zum Krimi: Wie ist die Idee damals zu Ihrer Krimireihe mit der Kommissarin Louise Bonì entstanden?
O.B.: Ich hatte damals gerade ein Sachbuch über Zen geschrieben, und da kam mir im Gespräch mit einer befreundeten, mittlerweile leider verstorbenen Lektorin die Idee, die beiden scheinbaren Gegensätze Krimi und Zen zu kombinieren. So ist “Mord im Zeichen des Zen” entstanden.

KT: Am 5. Oktober erscheint Ihr neuer Krimi “Das verborgene Netz”. Arbeiten Sie bereits am nächsten?
O.B.: Ja, ich bin am Recherchieren und Konzipieren. Louise macht nach dem “Netz” mal Pause, im nächsten Roman ist sie nicht dabei. Sie braucht eine Auszeit und kehrt in das französische Zen-Kloster aus “Mord im Zeichen des Zen” zurück. Und ich brauch mal eine Auszeit von ihr. Aber sie fehlt mir schon, und ich freue mich auf den sechsten Band mit ihr.

Die Klappentexterin dankt für das Interview und wünscht Oliver Bottini weiterhin alles Gute!

Hier geht es zur Rezension zu “Mord im Zeichen des Zen”.
Hier findet ihr die Autoren-Homepage.

Johannes Groschupf über Neukölln.

Wie bereits im Vorfeld angekündigt, lässt die Klappentexterin auch Autorinnen und Autoren zur Sprache kommen. Heute erfahren wir von Johannes Groschupf – der Autor von Hinterhofhelden – was er über Neukölln zu sagen hat.


Johannes Groschupf:
1963 in Braunschweig geboren, studierte Germanistik und Publizistik in Berlin. Seit 1988 arbeitete er als freier Journalist unter anderem für die Frankfurter Allgemeine Zeitung, Die Zeit, die taz und den NDR. 1994 überlebte er bei einer Dienstreise einen Hubschrauberabsturz. Für sein Radio-Feature ”Der Absturz“ erhielt er 1999 den Robert-Geisendörfer-Preis. Heute lebt Johannes Groschupf mit seinen beiden Kindern in Berlin.

Klappentexterin: Leben Sie heute noch in Neukölln?
Johannes Groschupf: Ich lebe auf der Kreuzberger Seite des Landwehrkanals. Dennoch führt mich der Weg täglich nach Neukölln hinein, vor allem in die Gegend um die Friedelstraße herum, zum Einkaufen, Filme ausleihen, Hinterhöfe anschauen. Einige meiner besten Freunde sind Neuköllner!

KT: Wie hat sich der Stadtteil in den letzten Jahren verändert?
JG: Verglichen mit den Achtziger Jahren, die ich fast vollständig in Neukölln verbracht habe, sind die Veränderungen enorm. Damals hatte das Neuköllner Kleinbürgertum noch die Vorherrschaft. In den Neunziger Jahren kamen sehr starke türkisch-arabische Einflüsse, vor allem in der Sonnenallee. Oben an der Hermannstraße Zuzug von Afrikanern und Polen. Die Karl-Marx-Straße kam in den Neunziger Jahren völlig auf den Hund. Damals schien Neukölln vom sonstigen Berliner Hype völlig abgekoppelt. Heute kommen die Studenten – gehen Sie mal in die Weserstraße! Sie bringen eine neue Lebenskultur in die Quartiere, jedenfalls in Nordneukölln, und ziehen auffällig viele internationale Jungtouristen an, Amerikaner, Spanier, Franzosen.

KT: Welche Plätze sind Ihre liebsten in Neukölln?
JG: Das Tempelhofer Rollfeld ist eine Wucht! Ein offener Raum für Bewegungskünste aller Art. Der Körnerpark ist hübsch; allerdings gehe ich dorthin nur, um mich mit meiner Freundin zu streiten. Zum Abstürzen das Freie Neukölln in der Pannierstraße.

KT: Was ist typisch für Neukölln?
JG: “Zum Lustigen Alfons” in der Reuterstraße. Hier finden Sie die originalen Ü-50-Neuköllner, die in ihrer Kneipe wohnen.

KT: Was sagen Sie zu Kurt Krömer?
JG: Er hat die Neuköllner Mischung aus beleidigter Leberwurst und aufsässiger Kackbratze drauf. Zudem ein eigenartig poetisches Talent. Aber er drängt in letzter Zeit zu sehr in Richtung Dalli-Dalli.

KT: Derzeit steht der U-Bahnhof Hermannplatz in den Medien. Dort soll sich zunehmend die Drogenszene ausbreiten. Sehen Sie eine Gefahr für die Entwicklung des Hermannplatzes?
JG: Drogen am Hermannplatz? Ich bin dort noch nie angesprochen worden. Und wenn, dann nur, ob ich mein BVG-Tickt noch brauche. Zuweilen sammeln sich dort die Trinker und Eckensteher, die sonst auch am U-Bahnhof Rathaus Neukölln herumlungern. Der Hermannplatz war noch nie ein Ort des mondänen Verweilens. Hier will eigentlich jeder nur weg, zur-Bahn, zum Bus, ins Kaufhaus, nach Hause.

KT: Stichwort Gentrifizierung: Ist Neukölln auch davon auch irgendwann betroffen?
JG: Zu Gentrifizierung fällt mir das CarLoft bei mir um die Ecke an der Reichenberger Straße ein: Da sollten vermögende Leute schicke Wohnungen beziehen und sich das teure Auto auf den Balkon stellen. Hat nicht so recht geklappt. Ein einziger verhärmter Mieter sitzt dort herum und traut sich nicht auf die Straße. In Neukölln sehe ich noch keine Verdrängung der alteingesessenen Mieter durch lebensfrohe Yuppies. Das Konzept der Zwischennutzungen der aufgegebenen Läden führt zu kleinen Lokalen und Galerien, die die Straßen beleben. Sollen die Studenten und Künstler doch ruhig kommen!

KT: Nun zu Ihrem Roman “Hinterholfhelden”. Wieviel Johannes Groschupf steckt in Hans Odefey?
JG: Hans Odefey erlebt viele Neuköllner Situationen, die ich auch erfahren habe, aber er ist ein spezieller Mensch. Taxe fahren und Fotos machen, das kann ich nicht. Und habe mich nie mit dem Hauswart geprügelt.

KT: Schreiben Sie aktuell an einem neuen Roman?
JG: Ja, und dies ist der Anfang:
“Vierzig Tage lang segelten wir durch die diesige Öde des Meeres zwischen Kamtschatka und Amerika. Über uns der Himmel, an manchen Tagen dunkler, an anderen heller, doch immer grau. Manchmal fuhren Wolken hindurch, von scharfen Winden getrieben, doch zumeist war es neblig und still. Das Trinkwasser wurde allmählich knapp. Die Mannschaft murrte. Am zweiundvierzigsten Tag sichteten wir endlich die amerikanische Küste, und damit begann unser Unglück. Es war der 15. Juli 1741.”

Die Klappentexterin dankt für das Interview und wünscht Johannes Groschupf weiterhin alles Gute.

Hier geht es zur Rezension von Hinterhofhelden.
Hier liest der Autor am Donnerstag, 29. Juli, ab 19.30 Uhr.