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Ekaterine Togonidze, Nino Haratischwili und Tamta Melaschwili über Georgien.

522696_492943927433301_311941260_nNEUEkaterine Togonidze wurde 1981 geboren, ist Schriftstellerin, Moderatorin und Journalistin. Ihr Debüt, Das Schöne, wurde vom Kulturministerium Georgiens mit dem Preis “Die beste Erzählung des Jahres 2011″ ausgezeichnet. Für ihren Roman Anästhesie erhielt sie 2012 den “Saba” für das beste Debüt des Jahres. (Foto: Nakanimamasakhlisi)

nino_haratischwili13-1NEU Nino Haratischwili wurde 1983 geboren. Sie wurde mehrfach für ihre Arbeit als Theaterautorin und -regisseurin ausgezeichnet. 2010 erhielt sie für ihre Theaterarbeit den Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis. Ihr Romandebüt Juja erschien 2010 und war für die Longlist des Deutschen Buchpreises und die Shortlist des ZDF aspekte Literaturpreises nominiert. 2011 gewann sie für Juja den Debütpreis des Buddenbrockhauses Lübeck. Im gleichen Jahr wurde ihr Roman Mein sanfter Zwilling mit dem Preis der Hotlist der unabhängigen Verlage ausgezeichnet. Die Autorin schreibt auf Deutsch und lebt in Hamburg.
(Foto: Julia Bührle-Nowikowa)

IMG_3097damdidiNEU Tamta Melaschwili wurde 1979 geboren. Die Autorin wuchs in Georgien auf, lebte ein Jahr in Deutschland und begann hier zu schreiben. 2010 erschien ihr Debütroman Abzählen und wurde im gleichen Jahr mit dem Literaturpreis “Saba” ausgezeichnet. 2012 erschien Abzählen auf Deutsch und wurde für die Hotlist nominiert. Im gleichen Jahr war sie für einen Monat Gast des Literarischen Colloquiums in Berlin. Tamta Melaschwili lebt derzeit in Georgien und engagiert sich für Frauenrechte und Genderfragen. (Foto: Nino Kharchilava)

Klappentexterin: Ich treffe in Ihren Geschichten Frauen, die ihre Rolle in der modernen Welt suchen und ihr Gehör verschaffen wollen. Teilweise sind sie Suchende, manchmal Verlorene. Inwiefern spiegeln sie das heutige Bild der modernen Frau in Georgien wider?
Ekaterine Togonidze: Ich habe mir bewusst eine Frau ausgesucht, die geographisch nirgendwo verortet ist. Es war mir wichtig, ihr keine Art von ethnischen und nationalen Merkmalen mitzugeben. Würde man diese Frau in georgischen Kontext setzen, dann würde sie zu einer Minderheit zählen. Weil sie eine von den Frauen ist, die karriereorientiert, auch selbstbewusst, unabhängig, frei sind und so ihr Leben leben. Das ist nach wie vor nicht die Mehrzahl.

Nino Haratischwili: Das Stück spielt im Westen und ist nicht georgischtypisch. Es gibt Lena, die für den Osten steht und die definitiv keine moderne oder meine Generation repräsentiert, sondern eine ältere. Sie ist für mich eher ein symbolisches Sinnbild für den Osten.

Tamta Melaschwili: Die Romanheldin in meiner Erzählung ist eine professionelle Killerin. Sie ist eine Frau, die gegen das System kämpft, es dafür aber auch gleichzeitig nutzen muss.

Das literarische Georgien wurde durch Sie – Nino Haratischwili und Tamta Melaschwili – in Deutschland bekannter, und doch scheint es noch recht leise zu sein in dem internationalen Literaturuniversum. Woran mag das liegen?
TM: Das Allererste war natürlich, dass man über 70 Jahre komplett im Sowjetraum eingesperrt war. Danach die 20 Jahre war man mit dem Krieg und Überleben, wirtschaftlicher Inflation, Arbeitslosigkeit beschäftigt und keiner hatte Zeit, sich um Literatur zu kümmern. Und jetzt gerade – so peu à peu – hat man damit begonnen. Man kümmert sich erst seit wenigen Jahren, hier auf der Messe. In Leipzig, glaube ich, ist es das zweite Mal, aber in Frankfurt waren es mehr als sieben, acht Mal.

NH: Man steckt noch wirklich in Kinderschuhen und braucht Zeit.

Was wünschen Sie sich für die georgische Literaturszene?
ET: In erster Linie wünschen wir uns Übersetzungen, beidseitig, vor allem das Georgische ins Deutsche, Englische oder Italienische übersetzt wird. Alles, was übersetzt wurde, ist nichts für die Schublade oder im Computer geblieben. Jeder hat seinen Verlag oder eine Nische gefunden, sei es eine Anthologie oder direkt ein Roman. Es wurde tatsächlich publiziert, ob ins Russische, Englische oder Deutsche. Deswegen muss man das viel mehr machen, weil offenbar Interesse vorhanden ist. Und wenn man das statistisch betrachtet, dann ist das keine so schlechte Zahl. Angesichts dessen, wie wenig letztlich dafür getan wurde, hat man schon ganz gut Andockungen gefunden. Ein bisschen mehr Aufmerksamkeit in der Kulturpolitik wäre wichtig, damit mehr und gezielter getan wird.

Wie sehen Sie die Lage für Künstler in Georgien?
ET: Die meisten brauchen einen zweiten Job, weil man von Kunst allein nicht leben kann.

TM: Jetzt ist gerade eine spannende Umbruchzeit und eine neue Generation entsteht, die viel experimenteller ist, die ganz viel ausprobieren und etwas Neues beginnen könnte.

NH: Ich würde mich Tamta anschließen, denn es passiert schon Etwas, auch in Richtung Theater, nicht nur Literatur, aber es ist schon finanziell sehr schwer. Ich kenne eigentlich niemanden, der von der Kunst allein leben kann, bis auf sehr wenige Ausnahmen.

Wie unterscheidet sich der Alltag einer georgischen von dem einer deutschen Frau?
NH: Ich glaube, dass es eine Frau in Deutschland grundsätzlich leichter hat, über ihr Leben selbst zu entscheiden. Sie hat viel mehr Möglichkeiten. Und das hängt nicht von der sozialen Schicht ab, denn hier kann auch jemand mit wenig Geld studieren. Die georgischen Frauen haben weniger Auswahl, weil der wirtschaftliche und finanzielle Rahmen nicht gegeben ist und nur ganz wenige sich das leisten können, wirklich loszumarschieren und einen Job zu kriegen, mit dem sie sich selbst ernähren können. Man lebt sehr stark in Gemeinschaften. Das führt zu weniger Selbstbestimmung und mehr Einfluss seitens der anderen Generationen und auch der Männer. Deshalb haben die Frauen in Georgien gar nicht das Bewusstsein, was sie alles könnten und welche alternativen Lebensformen es noch gibt. Auch die, die in Europa und Amerika studiert haben, sind nicht von diesen Zwängen und Bestimmungen der Gesellschaft befreit. Viele gehen dann doch in diese Form zurück.

Wieso?
NH: Ich glaube, es ist ganz viel Angst.

TM: In erster Linie ist die Gemeinschaft wichtig und dann das Individuum. Das ist die Norm. Und alles, wogegen du abweichst, erfordert eine unglaubliche Geduld und Kraft, Individualität und einen Willen, das durchzuziehen, weil du ständig in dem Kampf mit der Mehrheit stehst. Es ist nun nicht so, dass es dein Leben bedroht, aber du kannst ganz leicht von der Gemeinschaft ausgeschlossen werden.

ET: Zunächst war es eine schöne Idee. Wenn sie dann jedoch Realität wird, kann man schnell Angst bekommen und man merkt, dass es doch schwieriger ist, es durchzuziehen.

Haben Sie AutorInnen, zu denen Sie aufschauen?
TM: Ich bin verliebt in Etgar Keret. Er ist der beste Kurzgeschichten-Autor. Außerdem schätze ich Elfriede Jelinek.

ET: Meine letzte Entdeckung war Doris Lessing.

NH: Von den georgischen Autoren gibt es für uns Autoren wie Michael Javakishwili. Ich habe unendlich viele Autoren, gerade die allerletzte Entdeckung, die mich total umgehauen hat, war Arundhati Roy. Ich bin gerade auf einen Inder-Trip. Kürzlich habe ich auch Per Olov Enquist entdeckt. In letzter Zeit bin ich forschungsbezogen auch mit Literatur zum zweiten Weltkrieg beschäftigt.

Wie die Autorin Marica Bodrožić schreiben Sie, liebe Nino Haratischwili, auf Deutsch und nicht in Ihrer Muttersprache. Fühlen Sie sich der Sprache näher?
NH: Ich weiß es nicht. Es gibt immer diese Frage. Es gab für mich keine bewusste Entscheidung, ich fange jetzt an, auf Deutsch zu schreiben. Das war ein schleichender Prozess. Ich sehe schon ein, dass es für die meisten ungewöhnlich ist, doch für mich ist es sehr natürlich geworden. Deswegen habe ich das auch nicht so groß und viel hinterfragt. Ich glaube aber, wenn man es ganz küchenpsychologisch betrachtet, war die Zeit, als ich anfing zu schreiben, eine Umbruchzeit. Das war eine Teeniezeit, in der ich einen gewissen Abstand zu bestimmten Dingen brauchte, die mir sehr nahe gingen. Ob es auf Georgien bezogen war oder auf das Private. Da bot sich Deutsch tatsächlich an, eine bestimmte Distanz einzunehmen und so eine Art Außenblick zu bekommen. Irgendwann wurde es zu einer Selbstverständlichkeit, weil ich halt hier lebe. Würde ich wieder in Georgien leben, ich weiß nicht, ob das Georgische in die literarische Sprache zurückkäme. Ich hoffe. Für mich hat Sprache sehr viel mit dem Hier und Jetzt zu tun. Es wäre komisch, hier zu leben und auf Georgisch zu schreiben.

Tamta Melaschwili, Ihr Debüt “Abzählen” wurde 2010 mit dem nationalen Literaturpreis “Saba” für das beste Debüt des Jahres ausgezeichnet. Ihr Debütroman, liebe Ekaterine Togonidze, “Anästhesie” erhielt 2012 den “Saba”. Und Sie, liebe Nino Haratischwili, haben den Preis der Hotlist der unabhängigen Verlage gewonnen. Was hat sich damit für Sie verändert?
TM: Der Verkauf hat sich gesteigert. Sobald man diesen Preis gewinnt, merkt man in Georgien, dass das öffentliche Interesse geweckt wird und dass die Leute gezielt das Buch in Buchhandlungen suchen. Es trägt mehr dazu bei, dass die Wahrnehmung eines Autors gesteigert wird.

ET: Es ist natürlich – preisbezogen – eine kurze, kleine erfreuliche Erleichterung für jeden Autor, der – wie gesagt – gerade in Georgien um so schwieriger mit dem finanziellen Überleben zu kämpfen hat. Das ist bei “Saba” eine verhältnismäßig gute Summe.

Wann dürfen wir uns über neue Bücher von Ihnen freuen?
NH: Ich schreibe an einem Roman und hoffe, dass ich 2013 noch fertig werde und der Roman 2014 erscheint. Mehr kann ich dazu noch nicht sagen, weil ich mich noch im Schreibprozess befinde.

TM: Ich will Anfang September beginnen und irgendwann Mitte 2014 fertig werden. Es reift und keimt alles in meinem Kopf und ich hoffe, dass es qualitativ hochwertig ist, damit das Werk wieder übersetzt wird.

ET: Ich schreibe an meinem Roman und ich will, dass er 2013/14 fertig wird.

Ich danke den drei Autorinnen für die Zeit, die sich genommen haben. Und für das Interview, das mir viel Freude bereitet hat. Ich wünsche Ekaterine Togonidze, Nino Haratischwili und Tamta Melaschwili alles Gute und weiterhin viel Erfolg!

Fee Katrin Kanzler über Götter.

                                         CIMG50561 (Foto: Wolfgang Tischer)

Fee Katrin Kanzler wurde 1981 geboren. Die junge Autorin hat Philosophie und Anglistik in Tübingen und Stockholm studiert. 2001 wurde sie zum Treffen junger Autoren in Berlin eingeladen. 2007 war sie Stipendiatin des Klagenfurter Literaturkurses. Fee Katrin Kanzler erhielt im gleichen Jahr den Förderpreis für Literatur der Stadt Ulm. Sie lebt derzeit im Süden Deutschlands, unterrichtet Philosophie und Englisch, zeichnet, spielt und schreibt. “Die Schüchternheit der Pflaume” ist ihr Debüt.

Klappentexterin: Der römische Dichter Ovid bezeichnete den Bernstein als „Tränen der Götter“. Und weil die Götter in Ihrem Roman eine nicht ganz unerhebliche Rolle spielen, kann ich mir die Frage nicht verkneifen: Besitzen Sie einen Bernstein?
Fee Katrin Kanzler: Da muss ich enttäuschen, nein. Aber Ovid habe ich im Lateinunterricht immer gemocht.

Haben Sie vielleicht persönliche Götter, an die Sie glauben?
Auch hier muss ich verneinen. Zu Göttern habe ich ein eher ironisches, spielerisches Verhältnis. Menschen sind mir wesentlich wichtiger.

Die Ich-Erzählerin fühlt sich den Göttern nahe und fürchtet sie gleichermaßen. Woher kommt diese Ambivalenz?
Die Götter benutzt sie als Erklärung für viele Zusammenhänge, die sie nicht versteht. Was ja recht menschlich ist. Warum sie unbedingt Musik machen muss, nichts anderes tun will, zum Beispiel, erklärt sie sich so, oder wohin ihr Zwillingsbruder verschwunden ist. Die Götter als eine Art herzloses Machtfigurenkabinett, fähig, sie mit allem zu beschenken, was sie sich wünscht, aber ihr auch alles wegzunehmen.

Ist die Protagonistin ein verlorenes Götterkind, ein Wesen, das nicht richtig in die Welt passt? Oder ist sie einfach nur verträumt?
Verlorenes Götterkind, so etwas geistert sicher in ihrem Kopf herum. Sie ist vor allen Dingen jung und selbstverliebt. Was sie noch nicht realisiert hat: So richtig passen doch die wenigsten in die Welt. Wir schustern uns so unsere Provisorien zusammen, um mit dem Leben klarzukommen. Ihr Provisorium sind unter anderem ihre Götter.

Ihr Roman versetzte mich in eine Art Schwebezustand. Es gab keine großen Explosionen oder Kanten, an denen ich mich gestoßen habe. Stattdessen wärmende Wortbilder und ein angenehmer, ruhiger Ton. Wollten Sie Ihre Leser schweben lassen?
Das überrascht mich. Eigentlich dachte ich, dass Formulierungen wie »ein Musikstück wie ein Transrapid« oder eine Stadt als »Wanderdünen aus Bordsteinen, Mänteln, Frisuren, Hausecken und im Wind fliegendem Müll« doch eine gewisse Kantigkeit haben. Was es aber natürlich in meinem Buch nicht gibt, ist Action, obwohl, eher im Hintergrund der Handlung, öfter mal etwas in die Luft fliegt. Ich wollte meine Leser vor allem sensibilisieren, vielleicht übersensibilisieren, für kleine Dinge, und für Sprache. Die Sprache, ihr Rhythmus und Klang, ist in meinem Buch fast schon ein eigener Charakter.

Die Musik ist ein wichtiger Baustein im Leben Ihrer Romanheldin. Was bedeutet für Sie Musik? Spielen Sie sogar selbst ein Instrument oder singen?
Ja, ich tue all das, aber autodidaktisch und ziemlich dilettantisch und selten. Ich bin froh, dass ich nie, wie meine Erzählerin, davon leben musste. Das stelle ich mir sehr hart vor, dieser Berufung zu folgen. Darüber hinaus ist Musik für mich aber absolut lebenswichtig, sei das nun Gabriel Fauré, irgendeine Punkband aus den Neunzigern oder frisch gemixte Clubmusik. Ich lasse mich sehr leicht von Musik mitnehmen.

Ihre Sprache hat mich verzaubert. Wie lange haben Sie an ihr gefeilt?
Lange. Ich schreibe Sätze sehr oft um. Ganz penibel, bis mir alles in den Kram passt.

Wann haben Sie zum ersten Mal gespürt, dass Sie Geschichten erzählen möchten?
Muss sehr früh gewesen sein. Als ich noch nicht schreiben gelernt hatte, habe ich Bildergeschichten erzählt und manchmal meine Mutter gebeten, etwas daneben zu schreiben. Ich hatte auch einen eigenen kleinen Theaterfundus mit alten Klamotten, Faschingsutensilien, Spielzeugwaffen und die wurden zum Aufführen aller möglichen Geschichten verwendet. In der Pubertät kamen dann die ersten Gedichte und irgendwann wurden sie brauchbarer, und dann auch Kurzgeschichten und schließlich der Roman.

Ist die Fee in Ihrem Namen Kunst oder gehört sie immer schon zu Ihnen?
Die gehört dazu, schon sehr lange, ein Spitzname aus früher Kindheit, noch bevor ich wusste, was Kunst eigentlich ist. Mir ist der Name so vertraut wie ein Vorname.

Und zu guter Letzt möchte ich natürlich wissen: Schreiben Sie an einem neuen Roman?

Ich habe da einen Stoff im Auge, verrate aber nichts. Das Territorium muss ich erst mal selber erkunden.

Die Klappentexterin dankt für das Interview und wünscht Fee Katrin Kanzler weiterhin viel Erfolg und alles Gute.

PS. Wenn ihr mehr über die Autorin erfahren wollt, dann besucht sie einfach hier.

Kathrin Weßling über Depressionen.

Foto: Thomas Duffé

Kathrin Weßling wurde 1985 in Ahaus geboren. Die junge Autorin lebt in Hamburg und hat bereits zahlreiche Poetry-Slams gewonnen. Zudem war sie Protagonistin mehrerer Folgen der Sendung “Slam Tour mit Sarah Kuttner”. Kathrin Weßling für Magazine wie “uMag” und auf “jetzt.de” geschrieben. 2010 hat sie angefangen, auf ihrem Blog “drüberleben” über ihre Krankheit zu schreiben und wurde zum “Bloggermädchen 2010″ gekürt. Die Autorin arbeit derzeit als freie Texterin und Autorin.

Klappentexterin: Was hat es für dich bedeutet, dieses Buch zu schreiben? Waren damit auch Ängste verbunden, zu viel von dir preiszugeben?
Kathrin Weßling: In allererster Linie hat das Schreiben des Buches bedeutet, dass ich endlich meinen ersten Roman veröffentlichen konnte. Darauf habe ich viele Jahre hingearbeitet und den Vertrag zu unterschreiben war, wie endlich eine sehr schwierige, sehr langwierige Prüfung mit 1+ und Sternchen wiederzubekommen.
Die Ängste, die damit verbunden waren, waren zum Teil der Thematik geschuldet, jedoch habe ich hauptsächlich unter meinen eigenen, sehr hohen Erwartungen gelitten. Ich bin beim Schreiben sehr perfektionistisch, jedes Wort muss stimmen, der Plot muss außergewöhnlich sein, etc. Daher waren meine schlimmsten Ängste wohl jene, dass ich meinen eigenen Ansprüchen am Ende nicht genügen könnte.

Wie viel Kathrin steckt in deiner Protagonistin Ida?
Da „Ida“ meine von mir geschaffene Protagonistin ist, ist Ida natürlich in gewisser Weise Ich. Wenn wir von den charakterlichen Parallelen sprechen, so würde ich sagen, dass Ida wesentlich wütender, verzweifelter, lakonischer ist, als ich. Aber im Grunde sind das alles Zustände, die ich ebenso erlebt habe. Idas Historie, ihre Entwicklung deckt sich jedoch nicht mit der meinen. Das war mir auch wichtig, denn ich wollte eine eigenständige Protagonistin schaffen um mit der nötigen Distanz schreiben zu können. Mein Ziel war: kein Tagebuch, kein Blog-Buch, sondern ein Roman mit einer eigenständigen Geschichte, die außerhalb meiner Person bestehen kann.

An einer Stelle heißt es im Buch: „Meine Biographie ist das Ich, das gleichzeitig jene formuliert, in jedem Augenblick meines Lebens, in jeder Sekunde meines Bewusstseins. Und ich kann nichts anderes tun, als dafür zu sorgen, dass ich mich genug anstrenge, die Erinnerungen in eine Folge zu bringen, die sie mich besser verstehen lässt, die mir bewusst werden lässt, warum ich handle, wie ich handle, warum ich denke, wie ich denke.“ Ist das Leben mit dieser Erkenntnis für dich einfacher geworden?

Im Gegenteil. Ich verzweifle noch jetzt regelmäßig an dieser Tatsache. Denn leider bedeutet „etwas verstehen“ nicht immer gleichzeitig „etwas ändern (können)“. Und am Ende nützt es ja leider recht wenig zu wissen, warum man sich wie ein Idiot verhält, wenn man es nicht ändern kann. Zwischen Einsicht und der im Volksmund vermuteten „Besserung“ können ja bisweilen ganze Welten liegen. Das ist ein Gefühl, das wohl jeder kennt. Schlussendlich ist eben aber auch all dies keine Entschuldigung für irgendwas.

Wir sind wie wir sind, durch das, was wir erlebt haben und nicht nur durch das, was uns die Natur mitgegeben hat. Das habe ich an einer Stelle herausgelesen. Wie viel können wir in unserem Leben beeinflussen?
Sehr viel, aber nur mit viel Disziplin. Bestimmte Verhaltensmuster wiederholen wir ja mitunter Jahrzehnte. Die in ein paar Wochen zu durchbrechen scheitert meistens schon beim Versuch und das frustriert dann ungemein. Aber es ist definitiv nicht unmöglich, sich zu ändern. Es ist nur sehr schwierig, so eine grundlegende Änderung der eigenen Maximen und Muster langfristig zu bewerkstelligen.

Besonders nachdenklich gestimmt, hat mich der Abschnitt, in dem du folgende Frage stellst: „Gab es keinen anderen Weg, keine anderen Möglichkeiten für Ida Schaumann, als zu diesem Zeitpunkt ihres Lebens in der Psychiatrie zu sein?“ Wenn es einen anderen Weg gegeben hätte, wie hätte er aussehen können?
Ich denke, dass Ida an vielen Punkten ihrer Biografie einen anderen Weg hätte einschlagen können. Die Frage ist nur: hätte ihr charakterliches Muster das auch zugelassen? Hätte sie frühere Hilfe, Liebe, Freundschaft annehmen können? Diese Frage ist fast unmöglich zu beantworten, aber in jedem Fall hätte sie zum Beispiel ein ganz anderes Leben gehabt, wäre sie nicht so früh mit dem Tod konfrontiert gewesen.

2010 hast du mit deinem Blog „drüberleben“ angefangen, über deine Krankheit zu schreiben. Wie kam es dazu? Und was bedeutet dir das Schreiben heute?
Der Blog ist entstanden, nachdem ich sehr lange darüber nachgedacht hatte, ob und wie ich literarisch mit meiner Erkrankung umgehen könnte. Immer wieder gab es Phasen, in denen ich nicht schreiben wollte oder konnte, weil ich zu krank war. Irgendwann hatte ich genug davon, ausgerechnet das Thema, mit dem ich mich ohnehin am meisten beschäftige, ständig auszuklammern. Von der Idee bis zum ersten Eintrag hat es aber Monate gedauert, weil ich lange nicht den Mut dazu hatte.

Du trittst auch bei Poetry-Slams auf und hast zahlreiche gewonnen. Woher nimmst du die Kraft, dort aufzutreten?
Bei Poetry Slams trete ich schon sehr lange nicht mehr auf. Ich hatte irgendwann nämlich tatsächlich nicht mehr die Kraft dazu. Noch heute fällt es mir sehr schwer, auf Bühnen zu stehen, obschon man mir das nicht anmerkt. Ich funktioniere ziemlich gut, sobald die Scheinwerfer angehen, aber ich leide schon Tage vorher unter großer Unsicherheit und Angst vor Blamage. Deshalb meide ich mittlerweile auch Situationen, in denen ich unter Druck auf der Bühne funktionieren muss, wie zum Beispiel beim Slam, der ja in erster Linie ein Wettbewerb ist.

Wie lebst du heute mit der Krankheit? Hast du die Depression als Teil deines Lebens akzeptiert?
Nein, akzeptiert habe ich sie nie. Ich habe sie mir nicht ausgesucht und ich will sie nicht haben. Sie machen mein Leben um ein Vielfaches schwerer, komplizierter, anstrengender. Ich kämpfe weiterhin dagegen an, weil ich glücklich sein möchte und frei von den Zwängen, die einem jedwede Erkrankungen auferlegen. Ich habe noch immer kein Rezept dagegen. Und ich bin sehr skeptisch Menschen gegenüber, die angebliche Wunderheilmittel glauben gefunden zu haben, aber auch Menschen gegenüber, die sich in diese Erkrankung fügen. Ich für meinen Teil möchte damit nicht leben müssen und ich werde (wenn es nötig sein sollte) bis zum Rest meines Lebens dagegen kämpfen. Akzeptieren will und kann ich das nicht.

Obwohl immer mehr Menschen und sogar Prominente an Depressionen erkranken, spricht man nach wie vor nur hinter vorgehaltener Hand darüber. Woran mag das liegen?
An sehr vielen Dingen. Wenn man sich die Psychiatriegeschichte der letzten Jahrhunderte ansieht (egal, ob es nun „Hysterie“, „Wahn“, „schwarze Galle“ bzw. „Melancholie“ genannt wurde), so kann man erkennen, dass Depressionen schon sehr lange existieren, aber immer als etwas galten, das den Betroffenen absondert von den anderen. Das konnte beinahe positiv konnotiert sein („Der nachdenkliche Melancholiker“) oder auch extrem negativ („die Hysterischen“). Hinzu kommt, dass die Erkrankung sehr lange im Negativen Sinn als „Frauenkrankheit“ angesehen wurde und im Positiven als „Melancholie“ bei männlichen Künstlern und Adeligen. Diese Geschichte darf man nicht vergessen, wenn man über die Gründe der Tabuisierung nachdenkt. Mit der Industrialisierung und dem zwangsläufigen Kapitalismus ist der Leistungsgedanke in der westlichen Gesellschaft existentiell geworden. Und diesem widerspricht natürlich eine Krankheit des Geistes, die dazu führt, dass das Individuum nicht mehr funktioniert. Zudem streben wir heute sowohl nach körperlichem Perfektionismus, als auch nach geistigem. Ein Grund für die stetige Zunahme der Erkrankten, aber auch einer, der dazu führt, dass genau jene sich nicht „outen“ wollen. Zusammengefasst: Der Begriff ist höchst negativ konnotiert und die Erkrankung widerspricht dem Gedanken von Leistung und Perfektionismus grundlegend, was natürlich dazu führt, dass die Betroffenen Angst haben, aus dem gesellschaftlichen Netz zu fallen, als schwach zu gelten, als gescheitert.

Was kannst du anderen Menschen, die an Depressionen leiden, mit auf den Weg geben?
In jedem Fall: Je länger man sich schämt, je länger man damit wartet, sich behandeln zu lassen, desto langwieriger gestaltet sich die Gesundung. Jedoch weiß ich auch, wie unheimlich schwierig es ist, den richtigen Therapeuten zu finden und wenn man ihn findet, wie lange man mitunter auf einen Therapieplatz warten muss. Im Grunde kann ich, wenn ich ehrlich bin, nur sehr wenig raten, weil jeder seinen eigenen Weg finden muss, weil jede Erkrankung ganz individuell zu betrachten ist.

Schreibst du an einem zweiten Buch?
Ja, ich schreibe an meinem zweiten Roman, der 2014 erscheinen wird.

Die Klappentexterin dankt für das Interview und wünscht Kathrin Weßling weiterhin viel Erfolg und alles Gute!

Marica Bodrožić über Erinnerungen.

   Foto: Rike May.

Marica Bodrožić wurde 1973 in Svib/Dalmatien, dem heutigen Kroatien, geboren. Sie lebt seit 1983 in Deutschland und schreibt Gedichte, Essays, Romane sowie Erzählungen. Ihre Bücher wurden mit zahlreichen Preisen und Stipendien ausgezeichnet. So erhielt sie den Förderpreis für Literatur von der Akademie der Künste in Berlin. Claudio Magris über Marica Bodrožić: “Eine der ungewöhnlichsten frischesten und originellsten Stimmen der zeitgenössischen deutschsprachigen Literatur.”

Klappentexterin: Das Gedächtnis und die Erinnerung sind zwei tragende Themen in Ihrem Roman „kirschholz und alte gefühle“. Was hat Sie zu ihnen geführt?
Marica Bodrožić: Die Frage nach dem Wirken des Lebens, die Frage nach der Struktur der Erinnerung und vor allem auch der Wunsch, eine Möglichkeit zu finden, die Beschriftungen, die im Gedächtnis immer unbeobachtet und unsichtbar vor sich gehen, zu ergründen. Meine Erzählerin Arjeta stellt sich an sieben Tagen ihrem ganzen Leben. Sie lernt, dass in der Durchschreitung ihres inneren Archivs die Möglichkeiten von Verlust und Gewinn nah beieinander liegen. Sie muss sich erinnernd ihres Lebens vergewissern, um es dann loszulassen. Wir verlieren ein altes Ich, um ein neues zu gewinnen. Dieses Neue ist die Freiheit, der Mensch zu werden, der man ist, ohne die alten Koffer aus der Vergangenheit. Jeder Mensch hat diese Koffer. Die Koffer haben keinen Pass. Kein Leben hat einen Pass, höchstens einen Kompass – und dieser schlägt hier und dort aus, manchmal scheinbar so, wie es ihm beliebt. Ganz altmodisch gesprochen: das Schicksal ist ein autonomer Mathematiker. Die Liebe ist es auch. Gerade die Liebe zu Arik, die aus Reibungen und der Sehnsucht besteht. Aber auch das ist Liebe, sie hat einen eigenen Verstand. Die meisten Menschen stellen sich Liebe einfach vor, es stimmt ja auch, die richtige große Liebe ist am Ende immer einfach. – Aber diese Einfachheit stellt einen auch vor Herausforderungen und ist wieder eine andere Geschichte. Die Erinnerung von Arjeta zu erzählen, das ist ein wenig wie ins offene Meer hinauszuschwimmen, ohne sich um das Ufer zu kümmern. Die Grenzen sind aufgehoben und wenn die Angst aufhört, ist nur noch die Weite da, jeder Vogel wird ein Kontinent, jede Wolke eine Botschafterin des Himmels. Das habe ich auch formal in meinem Roman versucht. Und es ist wieder kein Buch geworden, dass man zum Einschlafen (wie es mal eine Leserin in einem Brief ausgedrückt hat) benutzen kann. Das empfinde ich als Kompliment! Bitte dieses Buch nicht benutzen. Lesen reicht.

Inwiefern prägen uns die eigenen Erinnerungen?
Wir sind das, woran wir uns erinnern. Leider sind wir auch das, woran wir uns nicht erinnern – und vor allem die Schattenseiten des Lebens schlagen genau dann zu, wenn wir das gar nicht erwarten. Bei Arjeta steht ja die Frage im Raum, was sie in der belagerten Stadt eigentlich erlebt hat. Sie erzählt das nie zu Ende oder besser gesagt, fängt erst gar nicht damit an. Manchmal müssen wir vergessen, um weiterleben zu können. Statt selbst zu berichten, lässt sie uns durch Silva, ihr Alter Ego, näher an sich heran. Wir erfahren, dass Silva die Zerstörung ihrer Stadt zwar überlebt hat, aber ganz offensichtlich einem großen Verbrechen als Zeugin beigewohnt hat. Ein Freischärler lässt sie laufen – und wir erfahren nicht, wie ihr das gelingt, denn er lässt einfach alle töten und in die Donau werfen. Was aber hat sie tun müssen, um zu überleben? Es ist Gewalt im Spiel, die sich auch in der Szene auf der Brücke wiederholt: Arik überwältigt Arjeta auf der Brücke und später weiß sie nichts davon, genauso ist es Kleist’s „Marquise von O.“ ergangen. Nur dass Arjeta keinen Vater und keine Mutter in Paris hat – die bleiben in der belagerten Stadt zurück, aus der kein Entkommen ist. Sie ist also ganz auf sich und ihre Erinnerung zurückgeworfen. Das Problem von Arjeta ist das Problem vieler Frauen: sie traut ihrer eigenen Wahrnehmung nicht. Warum? Sie kann sich nicht erinnern an das, was ihr vorher geschehen ist. Sie spricht von Lücken in ihrer Erinnerung, davon, dass fremde Vögel in ihrer Stirn picken, sich ihr aber nicht mitteilen. Sie lernt also gerade durch diesen Arik das Wichtigste für ihr Leben: er ist der Stein, über den sie stolpert und erst später begreift sie, dass es der Stein der Weisen war. Manchmal sind die Schmerzverteiler genau die Menschen, denen wir unser Leben in Freiheit verdanken – aber nur deshalb, weil wir uns ihnen nicht im Gehorsam ergeben, sondern durch uns selbst an die andere Seite der Freiheit gelangen, in unserem Denken, in unseren Herzen und mit unserer ganzen Liebe und Imagination. Wir können natürlich auch den guten alten Goethe bemühen: „Die Schwierigkeiten wachsen, je näher man dem Ziele kommt“. In diesem Fall ist das Ziel ganz schlicht das eigene Bewusstsein von sich selbst. Dort, wo das Leiden ist, dort ist auch die Sprache – nicht das Leiden ist das Zentrum in Arjetas Leben, ich habe das Buch geschrieben, um an ihre Sprache zu kommen, an die Struktur ihrer Beschriftung. Die spiralartigen Schichtungen sind der Wahrheit näher als jede Logik. Das ist die eigentliche Logik! Bewegung ist Logik der Schönheit! Natürlich denke ich da auch an Nietzsches Satz über die Ewige Wiederkunft: „Allem Zukünftigen beißt das Vergangene in den Schwanz“. Der Ouroboros ist ein Lehrmeister! Ihm ist Arjeta anheimgegeben und irgendwann begreift sie das auch.

Mögen Sie mir und meinen Lesern von dem Moment berichten, in dem die Idee für die Roman-Trilogie entstanden ist?
Ich habe 2002 begonnen, am Roman „Das Gedächtnis der Libellen“ zu arbeiten, das fühlte sich zunächst einmal an wie einen Berg abzutragen, verbunden mit dem irrsinnigen Wunsch, in sein Inneres zu gelangen. Das uferte sehr aus und nach vielen verschiedenen Versionen habe ich irgendwann aufgehört, an nur einem Buch festzuhalten. Die Idee zur Trilogie kam, als ich mich zur großen Entschlackung entschließen konnte. Erst das Loslassen des Ganzen hat das Einzelne möglich gemacht.
Und dann konnte ich mich an die Arbeit machen, den zweiten und dritten Band anzudenken und das war schon eine Revolution für mich. Als ich schließlich die finale Version vom ersten Band hatte, wusste ich genau, wie ich weitermachen muss.

Was bedeutet für Sie dieses literarische Projekt?

Mir ist dabei wichtig, die Erinnerung sprechen zu lassen, ohne mit ihr identisch zu sein. Es gibt keine endgültige Wahrheit, weder im Leben noch in der Literatur gibt es die totale, die letzte Wahrheit, diese Haltung ist schädlich – denn die Wahrheit ist wie der geduldige Alchemist. Wer von uns kann schon mit seiner Wahrheit aus der Pubertät identisch sein? Das geht nicht. Und dennoch haben wir gerade das durchgemacht, weil wir damals der Mensch waren, der wir waren. Jeder Mensch hat seinen eigenen Blick in seiner ihm geschenkten Zeit (und darin ist der Wert an sich zu suchen). Die Trilogie fordert mich heraus, bis an die Grenzen des physisch Erträglichen sitze ich seit Jahren an meinem Schreibtisch und durchpflüge die Erinnerungsnetzwerke von Nadeshda, Arjeta und Ilja. Drei Menschen, die einander an unterschiedlichsten Orten begegnen, alles für einander sind und alles füreinander verändern: das ist meine Antriebsfeder, ich möchte die im Hals feststeckende Fischgräte erzählen, die sich im Futur zwei als Erweiterung des Freiheitsraumes erweist.
In dieser Trilogie interessiert mich die romantische Liebe eigentlich nicht, sie als Motor schon – für das, und zwar gerade durch die Verluste, was uns zu Eroberung der Leichtigkeit bringt. Das meine ich ganz im Sinne von Rousseau, bei dem – so hat es mal Peter Sloterdijk formuliert – „zum ersten Mal auf europäischem Boden eine Freiheitserfahrung zum Ausdruck kommt, bei der das Subjekt der Freiheit sich ausschließlich auf seine gespürte Existenz beruft, jenseits aller Leistungen und Verpflichtungen, auch jenseits möglicher Ansprüche auf Anerkennung durch andere“. Das ist für meine Figuren die große Aufgabe, im doppelten Sinne natürlich! Nadeshda und Arjeta geben ihr altes Bild von sich selbst auf und siehe da, die Freiheit ruft im Augenblick, sie ist hier, spürbar, flimmernd und schön im Jetzt – Nadeshdas Sohn sagt an einer Stelle, das kleine Zimmer in Arjetas neuer Wohnung sei schon immer das Vögelchenzimmer gewesen und das ganze Blau des Himmels habe Platz in ihm, weil Farben nichts wiegen. Die Erinnerung wiegt auch nichts. Sie ist alles und nichts. Wahrscheinlich werde ich nie wieder eine Trilogie schreiben oder ich muss noch einmal neu geboren werden, nur dann lasse ich mich wieder auf so ein Projekt ein! Am Ende geht es mir eigentlich um das bloße Atmen, um die Selbstvergessenheit und die daraus erwachsende Wahrnehmung.

Welche Autoren haben Sie beim Schreiben begleitet oder inspiriert?
Ich habe während der Arbeit an „Kirschholz und alte Gefühle“ Italo Calvinos Harvard-Vorlesungen studiert und an einer Stelle berichtet er davon, dass er beim Schreiben immer ein paar Schutzgötter hat, zum Beispiel Mercurius, der ja ein Götterbote war. Da bin ich sofort neidisch geworden und habe mich gefragt, warum ich nicht auch schon längst solche Schutzgötter habe! Aber dafür hatte ich ein paar Schriftsteller und Philosophen in meinem Kopf, die mir geholfen haben, die Räume des Buches offenzuhalten. Jedes Buch hat ja einen Raum, seinen inneren Kern, und der wird in diesem Buch von einigen mir nahen Schreibenden bewacht. Das sind dieses Mal unter anderem: Marguerite Duras (und ihr Buch „Die Verzückung der Lol V. Stein“ – Arjeta fällt aus der Verzückung heraus und ist alles andere als ein Stein), André Bréton („Nadja“, die bei ihm ins Irrenhaus muss, bei mir aber ins Leben!) , Kleist und seine „Marquise von O.“ habe ich schon erwähnt; Danilo Kis (auf ihn nehme ich Bezug, wenn es um die Donau und die in ihr abgelegten Leichen geht), Maurice Blanchot, Diogones und Platon sowie Hannah Arendt – ihr Nachdenken „Über das Böse“ und auch Sartre, den Arjeta immer wieder liest und bei dem es an einer Stelle heißt: “Der denkende Mensch zermartert ächzend sein Gehirn, er weiß, dass seine Erwägungen immer nur Möglichkeiten und keine Gewissheiten ergeben werden, dass andere Betrachtungen alles wieder in Frage stellen werden, er weiß nie, wohin er geht, er ist allem ‘geöffnet’, und die Welt hält ihn für einen Zauderer.”

Mögen Sie mir mehr über W.S. Merwin erzählen, von dem Sie ein Zitat aus seinem Buch „The Shadow of Sirius“ als Motto für Ihr Werk gewählt haben?

William Stanley Merwin ist ein amerikanischer Schriftsteller, den ich vor kurzem vor allem als Lyriker zu lesen begonnen habe, er ist 1927 zur Welt gekommen, in New York. Ein Freund aus Amerika hat mir und meinem Mann vor einiger Zeit einen Band geschenkt, weil er glaubte, dass das etwas mit uns zu tun hat, diese Sprache, in der so viel Stille ist und so viel Atem in jedem Buchstaben. Und wie richtig unser Freund lag! Merwin gehört zu diesen seltenen Stimmen, die einen immer und überall begleiten, wenn man sie einmal in sich aufgenommen hat … vielleicht weil sein Blick so genau ist, seine Sätze sind so vogelfederleicht und von einer unfassbaren Tiefe, dass man sich danach gleich ein bisschen erleuchtet fühlt. Auf meinem Lesetisch liegt sein autobiographisches Buch „Summer Doorways“, ein Universum, das mich jetzt nur durch den Titel verlockt, sehr verwunderlich eigentlich, dass er noch gar nicht ins Deutsche übersetzt ist. Er versteckt sich ein bisschen auf Hawai! Das ist vielleicht viel besser als in deutscher Übersetzung vorzuliegen, aber dennoch, das wäre eine großartige Aufgabe! Das Motto, das ich für meinen Roman „Kirschholz und alte Gefühle“ gewählt habe, spricht für sich, deswegen will ich es nicht erläutern, es sagt alles selbst:

It appears now that there is only one
age and it knows
nothing of age as the flying birds know
nothing of the air they are flying through
or of the day that bears them up
through themselves

Die Ich-Erzählerin hat wie Sie ihre Heimat verlassen. War dies schriftstellerischer Zufall oder eigene Reflexion?

Der Zufall ist natürlich keiner, mich interessieren alle Räume dieses Buches auch in meiner eigenen Existenz. Und wenn ich ganz streng sein wollte, müsste ich sagen, der Zufall ist nur etwas für Feiglinge. Lebendig wird nur etwas, das beseelt ist von Erfahrung. Nichts in diesem Buch habe ich je so erlebt, aber alles ist irgendwie biographisch, ich zähle zum Biographischen auch das Denken, ich bin ja mein Denken, mein Tasten, mein Fragen – aber dennoch haben sich aus vielen Zufällen, also dem, was mir zugefallen ist, viele mich selbst überraschende Dinge ergeben. Plötzlich schrieb mich das Buch! Was für eine Überraschung das wieder war. Immer, wenn dieser Moment eintrifft, weiß ich, das löst sich alles von mir ab, es offenbart sich etwas jenseits meines eigenen Ichs. Das ist ein unbändig glücklich machender Augenblick, ich könnte ihn mit den Worten meines großen geistigen Begleiters und Dichters Saint Pol Roux beschreiben: – „Stellt dem toten Orchester das lebendige Orchester entgegen!“ Was ist das Orchester!? Ja, denken Sie mal nach! Entfalten Sie sich!

Sie sind mit zehn Jahren nach Deutschland gekommen, wie war das für Sie?
Schrecklich und schön in einem! Ich verließ mein Dorf und damit auch die Zeit, in der ich das Wilde Kind war. Es war aus mit Pippi Langstrumpf! Ich hatte einen Esel in der Kindheit, alle Esel dieser Welt haben seither meine Liebe. Es sind so wunderschöne Tiere! Aber ein Pferd hatten wir auch. Katzen. Hunde. Bäume. Einen unermesslich großen Kirschbaum. Aber auch Schlangen. Die Sommer waren lang und schön und eigentlich war es schon im Mai hundstageheiß! Aber in Hessen war alles neu. Die Sprache. Das Leben. Und erst habe ich lange geschwiegen und Jesus Christus in unserer Dorfkirche vermisst. Irgendwann fing ich an, mich für Rosa Luxemburg zu interessieren und las Sätze wie diese von ihr (im Gefängnis geschrieben!): „Ich möchte laut über die Mauer hinausrufen: O, bitte beachten Sie doch diesen herrlichen Tag! Vergessen Sie nicht, wenn Sie auch noch so beschäftigt sind, den Kopf zu heben und einen Blick auf diese riesigen silbernen Wolken zu werfen und auf den stillen blauen Ozean, in dem sie schwimmen. Beachten Sie doch die Luft, die von leidenschaftlichen Atem der letzten Lindenblüten schwer ist, und den Glanz und die Herrlichkeit, die auf diesem Tage liegen, denn dieser Tag kommt nie, nie wieder!“ – Das habe ich von dieser Frau gelernt. Sie kennen wahrscheinlich den Fliederstrauch im Gefängnishof, den Rosa gepflanzt hat — das Bild ist ja weltberühmt geworden. Kurzum: ich habe alles vermisst, was ich verlor und alles geliebt, was ich geschenkt bekam. Am meisten fehlte mir mein geliebter Großvater, bis heute sehe ich ihn überall, in einem Baum, in einer weißen Wolke, in einer Blüte am Wegesrand, weil er alles für mich war, weil er meine Seele und mein Wesen beschützt hat, so gut er eben konnte als einfacher alter Mann, den ich draußen auf dem Hof rasiert und dem ich die Füße gewaschen habe, wenn er krank war und sich nicht bewegen konnte, ein Mensch war er, der nie geklagt hat, über nichts!, der nicht schreiben konnte, der Koch bei den Partisanen war und Glöckner an unserer kleinen Dorfkirche. Was meinen Sie, warum ich bis heute nichts auf Jesus und Rosa kommen lasse! Das menschliche Leben ist ein riesiges Archiv, alles geschieht nur einmal im Leben, das ist der irrsinnige Schmerz, aus dem alles Große entstehen kann, wenn wir verstehen, aus welcher Quelle wir genährt werden.

Wie groß ist die Sehnsucht nach Ihrer Heimat? Was vermissen Sie am meisten?
Nach Heimat sehne ich mich gar nicht, aber ich vermisse natürlich manchmal die Wucht und Schönheit des Mediterran – Granatapfelbäume, Feigenbäume, Mandelbäume, Maulbeerbäume, das Meer, die dalmatinischen Inseln, die Schiffe und Fähren und die wilden Möwen, mein geliebtes Split, die erste Stadt meines Lebens, die fehlt mir schon sehr, gerade wenn es November ist, dann schaue ich immer nach, wie viel Grad in Split sind. Dort ist es einfach IMMER wärmer! Und manchmal würde ich alles dafür hergeben, um kurz die wilde Bora zu hören, ihr Sausen und Brausen und Dahinschweben über Meer und Landschaft. Esel gibt es in Berlin auch nicht und wenn ich sie auf Korsika, in Umbrien oder wo auch immer erblicke, grüße ich sie mit meiner ganzen Liebe, wie alte Gefährten, denn sie haben meine Einsamkeit in den kleinen Jahren sehr gemildert. Haben Sie mal einem Esel in die Augen gesehen? Man fängt sofort an zu weinen, weil sie so ehrlich schauen wie es kein Mensch dieser Welt vermag! So direkt!

Wann können wir uns auf den dritten Band freuen?
Ich bin selbst sehr gespannt und muss mich erst wieder vom Buch schreiben lassen, bis ich Ihnen Genaueres sagen kann. Eines kann ich aber schon verraten, Ilja, der Kerl! (endlich ein Mann, dem ich meine Stimme leihe) wird uns alle mit seiner List und seinem Humor überraschen – da er schlau ist, weiß er, was er weglassen wird: am Geheimnis ist er nicht mehr interessiert, dafür aber schließt er im Himmel Freundschaft mit Rousseau weil er von ihm mehr über dessen Satz aus den „Träumereien eines einsam Schweifenden“ wissen will, dieser Satz lautet: „Zuweilen münden meine Träumereien in eine Meditation, und noch öfter münden meine Meditationen in eine Träumerei, und im Verlauf dieser Abschweifungen irrt und schwebt meine Seele auf den Flügeln der Phantasie durchs Weltall, in Ekstasen, die jede andere Wollust übersteigen.“

Die Klappentexterin dankt für das Interview und wünscht Marica Bodrožić weiterhin viel Erfolg und alles Gute!

Juli Zeh über das Tauchen.

Foto: David Finck

Juli Zeh wurde 1974 in Bonn geboren. Sie studierte Jura und am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Auslandsaufenthalte u.a. für die UN in New York und Krakau sowie in Sarajevo, Bosnien und Herzegowina haben ihre Arbeiten beeinflusst. Ihre Bücher sind inzwischen in 35 Sprachen übersetzt und mehrfach ausgezeichnet worden. Nun liegt mit “Nullzeit” ihr neuer Roman vor.

Klappentexterin: Was hat Sie zu Ihrem neuen Roman „Nullzeit“ inspiriert?

Juli Zeh: Vor allem meine eigene Taucherfahrung. Die ist zwar noch nicht sehr umfangreich, aber die Faszination war so stark, dass ich Lust hatte, eine Geschichte (teilweise) unter Wasser spielen zu lassen.

Ist „Nullzeit“ eher mehr ein Thriller?
JZ: Nullzeit ist ein Psycho-Thriller, würde ich sagen. Ich musste beim Schreiben oft an „Bitter Moon“ denken, die Literaturverfilmung von Roman Polanski.

Das Ende in „Nullzeit“ hätte auch anders ausgehen können. Warum haben Sie sich dafür entschieden?
JZ: Das Ende stand eigentlich schon von Anfang an fest. Ich wollte ein Ende, bei dem nach all den Verwicklungen und brisanten Vorkommnissen zum Schluss eigentlich „gar nichts richtig“ passiert ist – die Hauptfigur bleibt mit leeren Händen zurück und muss sich entscheiden, ihr Leben völlig neu zu ordnen.

In Ihrem Buch zitieren Sie Don Draper, den ungemein gutaussehenden Werber aus „Mad Men“. Viele sind der Meinung, dass diese Serie eine der besten der letzten Zeit ist. Stimmen Sie dem zu und schauen Sie noch andere Serien aus Amerika?

JZ: Ich finde „Wire“ noch besser als „Mad Men“. Außerdem habe ich natürlich auch ganz gern die Sopranos, Breaking Bad und Six Feet Under geguckt – also die üblichen Verdächtigen.

Wie Ihr Protagonist Sven haben Sie ebenfalls Jura studiert. Nach Ihrem ersten juristischen Staatsexamen begannen Sie ein Studium am Literaturinstitut Leipzig. Wie kam es zu dieser Wende? Gab es ein auslösendes Ereignis?
JZ: Das auslösende Ereignis bestand darin, dass ich von der Existenz des Literaturinstituts erfuhr. Freunde haben mich überredet, mich dort zu bewerben. Sie meinten, ich muss es unbedingt versuchen, weil ich viel mehr Zeit mit Schreiben als mit Studieren verbracht habe.

Ich habe Sie mal an der Ampel an der Jannowitzbrücke mit einem großen Hund gesehen, der fast so groß war wie Sie selbst. Waren Sie das? Falls ja, was bedeutet Ihnen Ihr Hund?
JZ: Hm, ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass ich das war, denn mein Hund ist nur kniehoch, ich hingegen bin höher als mein eigenes Knie ;) Zur Frage nach der Bedeutung – na, ich liebe meinen Hund, ist doch klar.

Woher kommt die Faszination Tauchen?

JZ: Das Faszinierende daran ist, dass dieser Lebensraum für uns Menschen nicht vorgesehen ist. Man fühlt sich ein wenig, als würde man ins Weltall vordringen, und die Lebewesen dort sind Außerirdische. Dabei ist diese Welt nur auf Armeslänge von uns entfernt – und doch gelten in ihr völlig andere Gesetze. Der Mensch ist im Wasser schwerelos und kann fliegen. Wer das einmal erlebt hat, bekommt entweder Angst oder wird süchtig oder beides.

Welchem Fisch würden Sie auf dem Meeresgrund gern einmal begegnen?
JZ: Am liebsten würde ich mal einen richtig großen Kraken sehen.

Sie haben bereits unzählige Bücher verfasst. Haben Sie einen besonderen Liebling?

JZ: Das ist ungefähr so, als würde man eine Mutter fragen, welches ihrer Kinder sie am liebsten hat. So viel kann ich sagen: „Nullzeit“ zu schreiben hat mir von allen Büchern am meisten Spaß gemacht. Und „Spieltrieb“ würde ich aus meiner Sicht als das wichtigste Buch bezeichnen.

Die Klappentexterin dankt für das Interview und wünscht Juli Zeh weiterhin viel Erfolg und alles Gute!

Hier geht es zur Homepage der Autorin. Alle Berliner Juli Zeh Fans aufgepasst: Am 31. August gibt es die Buchpremiere zu “Nullzeit” im Kesselhaus der Kulturbrauerei. Die Karten bekommt ihr unter “www.eventim.de” oder ihr besucht die Buchhandlung Herschel in der Anklamer Straße 38. Dort kann man die Karten ebenfalls kaufen.

Marion Brasch über Familie.

Wie bereits angekündigt, kommt heute Marion Brasch bei mir zu Wort. Im Februar ist ihr Roman “Ab jetzt ist Ruhe” erschienen.

Foto: Jürgen Bauer.

Marion Brasch wurde 1961 in Berlin geboren. Nach dem Abitur arbeitete sie als gelernte Schriftsetzerin bei verschiedenen Verlagen und beim Komponistenverband der DDR. 1987 wechselte sie zum Rundfunk und wurde beim Jugendsender DT64 Musikredakteurin. Heute ist Marion Brasch als freie Rundfunkjournalistin und -moderatorin bei radioeins tätig.

Klappentexterin: Erinnern Sie sich noch an den Moment, in dem Sie beschlossen haben, Ihre Familiengeschichte aufzuschreiben? Wie haben Sie sich gefühlt?
Marion Brasch: Es war der Moment, da der Verlag S. Fischer mir gesagt hat, dass sie dieses Buch wollen. Ich hatte erst fünfundzwanzig Seiten geschrieben und war mir überhaupt nicht sicher, dass daraus ein Buch werden könnte. Nachdem ich den Vertrag unterschrieben habe, wusste ich, dass ich jetzt ran muss. Und ab diesem Zeitpunkt wollte ich auch ran.

Warum haben Sie sich für die Romanform entschieden und nicht für eine Autobiographie?
MB: Für eine Autobiographie fühle ich mich noch nicht alt und auch nicht interessant genug. Zudem hätte ich mich, um dieser Familie gerecht zu werden, von meinem eigenen, ganz subjektiven Blick entfernen müssen, und das wollte ich nicht. Eine Familienbiographie hätte ich auch nicht schreiben können, weil das umfangreiches Faktenwissen voraussetzt. Ich hätte mich in Archive und Bibliotheken setzen müssen, und dazu hatte ich keine Lust. Der Roman hat mir die Möglichkeit gegeben, Fakten und Fiktion zu mischen und dabei auch mal rumzuspinnen. Das hat Spaß gemacht.

Wollten Sie mit dem Roman Ihrer Familie ein kleines Denkmal setzen?

MB: Nein, das wollte ich nicht. Denkmal – das klingt so groß und bedeutungsschwer, und so habe ich meine Familie nie empfunden. Für mich war es ja normal und alltäglich mit und in dieser Familie zu leben, trotz der Brüche und Verluste, die damit verbunden waren. Ein wichtiger Impuls, diesen Roman zu schreiben, war meine eigene Tochter. Ihr ist das Buch gewidmet, denn es erzählt ja auch die Geschichte ihrer Familie.

Sie verzichten in Ihrer Geschichte bewusst auf Namen. Was hat Sie dazu bewogen?
MB: Auch das hat etwas mit der Romanform zu tun, für die ich mich entschieden habe. Die echten Namen meiner Familie hätten der Geschichte sofort wieder einen dokumentarischen Charakter gegeben, und das wollte ich nicht. Außerdem hat es mir Spaß gemacht, die berühmteren Figuren in diesem Roman, nur skizzenhaft zu umschreiben, und vielleicht trotzdem erkennbar zu machen.

Hat Sie Ihr Roman näher an Ihre Familie gebracht?
MB: Ja, unbedingt. Und ich habe beim Schreiben auch sehr viel besser verstanden, warum bestimmte Dinge in dieser Familie passiert sind bzw. passieren konnten. Dafür musste ich zum Teil auch meine ganz eigene Perspektive verlassen und mich bemühen, mich in die Mitglieder meiner Familie hineinzuversetzen. Das wiederum hat mich in die Lage versetzt, mich selbst von außen zu sehen, und das war ziemlich interessant. Ein Freund hat mal zu mir gesagt: Andere machen eine Therapie, Du schreibst das Buch – ich glaube, da ist was dran.

Das Verhältnis zwischen Ihrem Vater und Ihren Brüder war angespannt. Wie sind Sie mit dieser Situation zurecht gekommen?
MB: Das war oft schwer auszuhalten. Vor allem als ich noch klein war, habe ich sehr gelitten, wenn es Streit in der Familie gab. Ich habe mich dann immer sehr einsam gefühlt und hatte Angst. Als ich erwachsen wurde, stand ich oft zwischen den Fronten, was es auch nicht gerade leicht machte.

Waren Sie gern die kleine Schwester?

MB: Ja, das war ich. Ich fand es toll, drei große Brüder zu haben. Man kann ja prima damit angeben und sogar drohen. Nein, im Ernst: ich war stolz auf meine Brüder, sie waren groß und schön und alle drei sehr talentiert. Naja, mit meinem jüngsten Bruder Peter, der fünf Jahre älter war als ich, habe ich mich auch oft gestritten wie das Geschwister eben tun – doch bewundert habe ich ihn natürlich später auch.

Welchen Einfluss haben Ihre jüdischen Wurzeln auf Ihr Leben?

MB: Keine. Das Judentum hat bei uns zu Hause nie eine Rolle gespielt. Wir waren Kinder von Kommunisten – so sind wir herangewachsen, und das war auch das Selbstverständnis meiner Eltern. Mitte der 80er Jahre habe ich mich mal etwas intensiver mit meiner jüdischen Herkunft beschäftigt und bin ein paar mal zu Jüdischen Gemeinde in Ostberlin gegangen. Doch nicht sehr lange, weil ich mich immer fühlte, als ginge ich ins Theater. Es war interessant, hatte aber nichts mit mir zu tun.

Sie kennen Berlin schon sehr lange und haben die Veränderungen miterlebt. Vermissen Sie heute etwas in der Stadt? Oder hat sich Berlin für Sie ideal weiterentwickelt?
MB: Ich hänge sehr an Berlin. Hier bin ich geboren und verwurzelt, und da ich schon so lange in Prenzlauer Berg wohne, registriere ich jede Veränderung natürlich besonders stark. Die Bevölkerung hat sich inzwischen fast komplett ausgetauscht, und das tut dem Stadtteil nicht gut, weil er nicht mehr so heterogen und kontrastreich ist, wie er mal war – und dieser Prozess greift um sich und macht die Hauptstadt immer langweiliger. Clubs sterben, Zwischennutzungen werden plattgemacht – nein, ich mag dieses glatte Berlin der schönen Fassaden nicht besonders. Dennoch würde ich nie woanders hin ziehen.

Abschließend interessiert es mich sehr, ob Sie weiterschreiben werden. Darf ich mich irgendwann über ein weiteres Buch von Ihnen freuen?
MB: Ich würde sehr gern weiterschreiben. Mal sehen, was mir so einfällt…

Die Klappentexterin dankt für das Interview und wünscht Marion Brasch alles Gute und weiterhin viel Erfolg!

Marion Brasch liest am Mittwoch, 14.03., um 20 Uhr im Georg Büchner Buchladen (Moderation Julia Franck). Die Autorin ist auch auf der diesjährigen Leipziger Buchmesse zu Gast, z.B. am Donnerstag, 15.03. um 11.30 Uhr auf dem Blauen Sofa in der Glashalle. Weitere Lesetermine findet ihr hier.
Und hier geht’s zum Blog der Autorin.

Hannes Köhler über Freundschaft.

Wie bereits angekündigt, kommt Hannes Köhler heute bei mir zu Wort. Dieses Jahr wurde im April sein Debüt “In Spuren” veröffentlicht.

Foto: Florian Mey.

Hannes Köhler wurde 1982 in Hamburg geboren. Er studierte in Berlin und Toulouse Literatur und Geschichte. Er war Mitbegründer der Literaturgruppe und Lesebühne Die Lautmaler und veranstaltet seit 2003 regelmäßig Lesungen in Berlin. 2008 war Hannes Köhler Teilnehmer des Heiner-Müller-Kollegs an der Freien Universität Berlin und 2009 Stipendiat der Autorenwerkstatt Prosa des Literarischen Colloquiums Berlin. Nach Veröffentlichungen in Zeitschriften, Zeitungen und Anthologien ist “In Spuren” seine erste Buchveröffentlichung.

Klappentexterin:  Freundschaft ist eins der großen Themen in deinem Roman “In Spuren”. Wo fängt gute Freundschaft an und wo hört sie auf?
Hannes Köhler: Ich glaube, dass man es auf die ganz simple Formel bringen kann, dass die besten Freunde oft diejenigen sind, mit denen man in seiner Kindheit und Jugend einfach eine große Menge Zeit verbracht hat. Das erzeugt Bindungen, die viele Probleme und Enttäuschungen wegstecken können – wenn auch nur bis zu einem gewissen Grad. Ich denke, wenn man älter wird, entstehen Freundschaften dann mehr über Interessen, Hobbys, sie entstehen gezielter, wenn man so will  – und trotzdem gibt es da oft etwas Undefinierbares: Man trifft jemanden, vielleicht nur einen Abend, unterhält sich und merkt: Ja, mit dem/mit ihr bin ich auf einer Wellenlänge. Wo Freundschaft aufhört? Oft bei einem Auseinandergehen der Lebenswege, durch räumliche Trennung, durch zugefügte Enttäuschungen oder einfach, weil man den richtigen Weg miteinander zu kommunizieren verloren hat – also ganz einfach: Wenn man merkt, dass man sich nichts mehr zu sagen hat.

Interessant fand ich die andere Seite von Felix, die sein Freund Jakob gar nicht kannte. Kann man das als Doppelleben bezeichnen oder eher als persönliches Geheimnis?
HK: Ein Doppelleben würde für mich bedeuten, dass Felix diese andere Seite sehr gezielt vor Jakob verheimlicht hat. Aber das ist in meinen Augen nicht der Fall. Natürlich hat er ihm nicht sein Tagebuch zu lesen gegeben, aber es gab immer wieder Punkte, an denen Jakob Dinge hätten auffallen können, an denen er hätte merken können, dass es seinem Freund nicht gut geht, dass es Probleme gibt, mit denen er kämpft – vielleicht vor allem mit sich selbst. Aber Jakob hat diese Hinweise und Signale nicht gesehen, oder hat sie vielleicht auch nicht sehen wollen.

Beinah wie in Trance bewegt sich Jakob in das Leben seines verschwundenen Freundes. Ist es Verzweiflung oder die Angst, von einem guten Freund loszulassen?
HK: Ich denke, dass diese seltsame Art sich anzunähern sicher mit dem Schock zusammenhängt, den das Verschwinden von Felix in Jakob auslöst; es scheint mir aber auch Jakobs Art zu sein, mit diesen Dingen umzugehen. Reflexion ist sicher nicht seine Stärke, dieser Prozess des Nachdenkens setzt ja erst langsam bei ihm ein und erst, als er schon weit in Felix Leben hineingetaumelt ist.

Gab es einen Anstoß zu deinem Roman oder war die Idee eines Morgens in deinem Kopf?

HK: Ich wollte über das Enden oder Verlieren von Freundschaft schreiben, zuerst eine Erzählung. Je mehr dann Jakob und seine seltsame Identitäts- und Sinnsuche in den Fokus rückten, desto klarer ist mir geworden, dass der Stoff für einen Roman gut sein könnte. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich mir sicher war – Das wird jetzt mein erster Roman – brauchte es aber noch viel Zeit und einige Zufälle.

Was deinen Roman für mich ebenfalls auszeichnet, ist die Erzählform, ein ganz eigener kraftvoller Schreibstil. Steckt da jahrelange Arbeit hinter?
HK: Ich würde mich schwer damit tun den Stil von „In Spuren“ zu nehmen und zu sagen: So schreibe ich, das ist jetzt der Stil, mit dem ich dauerhaft arbeite! Ich glaube, dass jeder Stoff sich in gewissem Maße seine Sprache sucht. Natürlich habe ich vorher schon lange Jahre geschrieben, und natürlich versuche ich immer meinen eigenen Klang zu finden, aber der kann eben von Text zu Text sehr variieren. Bei „In Spuren“ war es konkret so, dass ich lange daran gearbeitet habe, bis ich die beiden Erzählstile der Protagonisten deutlich genug voneinander getrennt hatte, und bis der Sprachrhythmus von Jakobs Erzählhaltung und jener der Tagebucheinträge von Felix für sich stimmig waren.

Hast du Vorbilder, an denen du dich als Autor orientiert hast?

HK: Ich lese generell viel, schnappe irgendwo im Gespräch Autorennamen oder Romantitel auf und besorge mir dann die Bücher, gehe teilweise aber auch gezielt vor, lese viel junge deutsche Literatur, aber auch Klassiker. Und es gibt immer wieder Romane oder Texte, die mir gefallen, deren Stil aber auch deren Themenwahl oder Charakterentwicklung mich beeindrucken – und natürlich gibt es auch das Gegenbeispiel, dass ich etwas lese und denke: Das gefällt mir nicht – das würde ich anders machen. Ganz bestimmte Vorbilder habe ich also eher nicht; gerade lese ich Irving und Joseph Roth – aber in ein paar Monaten fallen mir bestimmt wieder neue Autoren in die Hände.

Wie lange hast du einen Verlag gesucht, der dein Manuskript angenommen hat?

HK: Ich hatte das Glück, dass ich für den Anfang von „In Spuren“ ein Stipendium der Autorenwerkstatt Prosa des Literarischen Colloquiums Berlin gewonnen hatte. Dort haben wir dann in einer Gruppe von jungen Autoren über unsere entstehenden Debütromane diskutiert, Schwächen, Stärken und mögliche Überarbeitungswege besprochen. Teil dieses Stipendiums war auch eine Lesung auf der Leipziger Buchmesse 2010 – und dort hat mein heutiger Lektor vom mairisch Verlag meinen Textausschnitt gehört und mich angesprochen. Von diesem Moment bis zur Vertragsunterzeichnung hat es zwar noch einige Monate gedauert – auch weil der Roman noch gar nicht fertig war – aber der erste Kontakt war hergestellt.

Was gibst du jungen AutorInnen mit auf den Weg?

HK: Lesen, beobachten, schreiben, überarbeiten und wieder lesen, beobachten, schreiben und nicht damit aufhören! Ich habe lange lange Jahre geschrieben und mich immer wieder bei Wettbewerben und Stipendien beworben, ohne dass es geklappt hat. Und das ist frustrierend. Man sollte Geduld haben, auch mit dem eigenen Geschriebenen. Ernstgemeinte Kritik, die tatsächlich am Text interessiert ist, sollte man annehmen, auch und gerade wenn sie schmerzt. Ich habe es immer als bereichernd wahrgenommen mit Gleichgesinnten über ihre und meine Texte zu diskutieren. Gerade in der Auseinandersetzung mit anderen Texten versteht man oft Dinge, die man im eigenen Roman oder in der eigenen Erzählung gerne übersieht.

Und zu guter Letzt: Schreibst du an einem neuen Roman?

HK: Ja, ich schreibe an einem neuen Roman, bzw. schreibe und recherchiere. Der Plan ist relativ klar, aber es fehlt noch einiges an Hintergrundarbeit, auch wenn das eine oder andere Kapitel schon entstanden ist. Mehr kann und will ich dazu aber noch nicht sagen, dafür ist es noch zu früh.

Die Klappentexterin dankt für das Interview und wünscht Hannes Köhler weiterhin viel Erfolg!

Hier geht es zur Autoren-Homepage.

Lily Lux und ihre Schöpfer im Interview.

Wie ihr wisst, liebe ich Zauberei im Alltag und Lily Lux. Weil ich so neugierig bin, habe ich bei Lily Lux und ihren Schöpfern angeklopft. Sie haben mir die weiße Tür geöffnet, ich bin hineingeschlüpft, habe mein Notizbuch aufgeschlagen, viel gefragt und geschrieben, geschrieben… Herausgekommen ist dieses Interview mit Lily Lux, Iris Luckhaus und Matthias Klesse.

Lily Lux verzaubert den Alltag. Neugierig, liebevoll und erfinderisch entdeckt sie das Besondere in den Dingen und entführt in eine Welt, in der jeder Tag ein Feiertag und jede Ecke eine Sehenswürdigkeit sein kann.

Iris Luckhaus ist freie Illustratorin, Stylistin und Diplomdesignerin (UDK Berlin, Modeklasse Vivienne Westwood) und arbeitet für Kunden aus aller Welt. Wenn sie zeichnet, dann meist mit einem Lächeln. Ihre Leidenschaft gilt dem Verstecken winziger Details, die ganze Geschichten erzählen können. In den Anthologien Illustration Now!, Freistil und Illusive wird sie als eine der weltbesten Illustratoren vorgestellt. Iris Luckhaus lebt in Wuppertal und Berlin.

Matthias Klesse ist nicht nur Autor, sondern auch Schauspieler und Musiker, Lehrer und Doktorand (TU Berlin, Geschichte und Philosophie). Im Rahmen seiner Dissertation über Erinnerungskultur beschäftigt er sich mit der Frage, wodurch Komik entsteht. Zusammen mit Iris Luckhaus hat er Lily Lux erfunden, die Figur weiterentwickelt und ihr eine Stimme verliehen. Matthias Klesse lebt in Berlin und Wuppertal.

Klappentexterin: Wie habt ihr Lily Lux erfunden?

Matthias: “Wir haben Lily Lux zusammen erfunden, oder besser: gefunden… und zwar als eine Art liebevoll-ironischer Karikatur von Iris, die wir an einem Februarabend vor ein paar Jahren in einem kleinen Berliner Supermarkt angesichts eines Regals mit Kekspackungen, in denen sich solche komischen kleinen Figürchen befanden, ganz zufällig kennengelernt haben.”

Iris: “Als dann der Hoffmann und Campe Verlag einige Zeit später gefragt hat, ob ich nicht gern mal ein Geschenkbuch machen wolle, hat sich diese vage Idee einer Figur mit Hilfe einer eigentlich ganz anderen Buchskizze, einer schlauen Lektorin und einiger wunderbarer Lieblingsmenschen erstaunlicherweise völlig verselbständigt und plötzlich einen eigenen Willen, einen eigenen Geschmack und eine ganz eigene Logik entwickelt. Das Ganze ist sehr organisch über einen recht langen Zeitraum gewachsen und hat sich irgendwann wie von allein zu einem klaren, lebendigen Bild zusammengefügt.”


“Wenn Lily von einem Produkt wirklich überzeugt ist, kauft sie es gern mehrfach. Man kann ja nie wissen.” aus “Die wunderbare Welt der Lily Lux”


Was hat sich seitdem in eurem Leben verändert?

Iris: “Mal abgesehen von den Veränderungen, die die Figur Lily Lux mit sich gebracht hat, erfordert dieses Projekt meinerseits eine ganz andere Arbeitsweise. Vorher habe ich hauptsächlich die Ideen unterschiedlicher Kunden verwirklicht, und zwar meist als Teil eines größeren Teams. Das finde ich nach wie vor sehr spannend und lerne dabei oft die wunderbarsten und absonderlichsten Dinge. Eine besondere Herausforderung ist es dabei immer, einen persönlichen Bezug zu Projektinhalten herzustellen, die mir eigentlich eher fremd sind. Parallel dazu an eigenen, größeren Projekten zu arbeiten, die mir sehr nah sind und für die ich gleichzeitig Erfinder, Autor, Grafiker und eben auch Illustrator sein kann, ist ein sehr schöner Ausgleich. Ich möchte keins von beidem mehr missen.”

Matthias: “Ich habe bisher sehr viele ‘flüchtige’ Projekte gemacht, insbesondere im Bereich Musik und Theater. Da bekommt man zwar sehr schnell Rückmeldungen, aber danach ist es erstmal auch wieder vorbei – bis zur nächsten Aufführung. Was ich demgegenüber so spannend daran fand und finde, Lily Lux in die Welt hinauszulassen, ist es, zu beobachten, wie dieses Projekt Kreise zieht, die immer größer werden – und deren Echo man meistens dann bekommt, wenn man am wenigsten damit rechnet. Und zwar von Menschen im Alter von 4 bis 88, die begeistert und dankbar sind und sich in irgendeiner Form mit unserer Figur identifizieren.”

Iris: “Darüber hinaus ist Lily Lux für mich aber auch die erste selbst erfundene Figur, die sich nicht mehr so anfühlt, als wäre sie das, sondern eher eine herzerwärmende und höchst schätzenswerte Freundin, die wir gerade erst anfangen kennenzulernen und die wir aber schon so gut einschätzen können, dass wir in der Lage sind, ihr unsere Stimme und unsere Bilder zu leihen. Es passiert öfter mal, dass wir drüber nachdenken oder drüber sprechen, was Lily in einer bestimmten Situation tun würde, und dann ist es häufig so, als wäre sie wirklich dabei und verbreite ihren grenzenlosen Optimismus. Ich hätte nie gedacht, dass Geschichten erzählen so sein kann, ich finde das großartig. Lily ist vermutlich die allerbeste imaginäre Freundin, die man sich nur vorstellen kann.”


“Ausflugsplaner” aus “Lily Lux Notizbuch”

Wo und wie entstehen eure Ideen?

Iris: “Das ist eine ganz schön schwierige Frage… das kann eigentlich immer und überall passieren, allein oder zu zweit, dass Ideen auftauchen und sich vielleicht sogar verselbständigen. Wenn es um konkrete Projekte geht und Ideen nicht nur gefunden, sondern auch gesucht und ausgearbeitet werden müssen, passiert das oft durch gemeinsames Herumspinnen an Küchentischen und begleitet von überaus köstlichem Essen, das Matthias zubereitet hat, oder auch bei längeren Aufenthalten in Cafés oder Restaurants. Wahlweise beim Spazierengehen, beim Einkaufen oder, wenn wir an unterschiedlichen Orten sind, per SMS oder Mail oder ausgiebig des Nachts am Telefon.”

Matthias: “Was ich dabei an der Zusammenarbeit mit Iris immer wieder spannend und großartig finde, ist dieser Ping-Pong-Effekt. Einer von uns beiden wirft bei einer solchen Gelegenheit eine Idee in den Raum, der andere greift sie auf, fügt etwas hinzu – bis am Ende etwas ebenso Gemeinsames wie Logisches und Umsetzbares da ist, das vorher noch nicht da war (und das wir jeder für sich wahrscheinlich auch nicht zustande bekommen hätten). Diese Form von Synergie habe ich so bis jetzt nur sehr selten erlebt.”


“Manchmal sieht Lily in allem ein Orakel.” aus
“Die wunderbare Welt der Lily Lux”

Wie kann ich mir eure gemeinsame Arbeit vorstellen?

Matthias: “In erster Linie spinnen wir gemeinsam herum, finden Ideen und entwickeln diese aus ihrer eigenen Logik heraus. Als das erste Buch so nach und nach konkret wurde, haben wir die Ideen der Seiten mit Szenen und Texten zunächst gemeinsam entwickelt.”

Iris: “Illustriert und zusammengebaut habe ich Lily Lux und ihre wunderbare Welt dann hauptsächlich allein, wobei Matthias als zweites Paar Augen auch da sehr wichtig war – einerseits als Korrektur, andererseits aber auch als Hilfe bei der Ideenfindung, beim Weiterspinnen und bei den kleinen Detailgeschichten, die sich da im Hintergrund abspielen… allein kann man halb so schön fabulieren wie zu zweit. Und das Schöne, wenn man zu zweit arbeitet, ist ja auch, dass meistens einer den Wald überblickt, wenn der andere zwischen Bäumen verloren geht – und umgekehrt.”


“Wie man sich am effektivsten verläuft” aus “Lily Lux Notizbuch”

Du bist ein richtiger Sonnenschein, liebe Lily Lux. Wo nimmst du deinen Optimismus her?

Lily: “Dankeschön! Hm, das ist eine schwierige Frage… man kennt sich ja nur so, wie man ist, und kann sich kaum vorstellen, wie es wäre, anders – und in meinem Falle vielleicht: weniger optimistisch – zu sein. Ich schaue einfach lieber auf das, was an Dingen erfreulich ist, als auf das, was vielleicht weniger erfreulich ist. Und ich weiß das, was mir gefällt, dann auch sehr zu schätzen, freue mich darüber und mache eben das Beste daraus. Ich habe lieber einen guten als einen schlechten Tag, und dafür ist man doch zumindest ein Stück weit auch selbst verantwortlich. Und wenn man das Wunderbare erst einmal sieht, sind auch die Dinge, die nicht so wunderbar sind, gar nicht mehr so sehr schlimm.”


“Lily findet, sie hat eigentlich immer riesiges Glück.”
“Die wunderbare Welt der Lily Lux”

Viele Menschen ärgern sich schnell. Hast du einen Tipp dagegen?

Lily: “Gegen das Ärgern? Ich weiß nicht genau… denn es gibt auch Dinge, die mich ärgern, aber nicht sehr viele. Wenn das passiert, hilft dagegen eigentlich auch nichts… außer sich damit auseinanderzusetzen, warum einen etwas eigentlich ärgert und ob das überhaupt sein muss; ob es nicht auch etwas am Ärgernis gibt, das Grund zur Freude sein könnte. Wenn das nicht hilft, kann man immerhin versuchen, das Ärgernis zu ändern. Ich glaube, grundsätzlich können viele mögliche Ärgernisse dadurch vermieden werden, dass man Dinge von mehr als einer Seite betrachtet – was beispielsweise bei ärgerlichem Wetter äußerst einfach ist – oder, wenn es um Menschen geht, sich in andere hineinversetzt. Meistens haben Menschen ja Gründe, das zu tun, was sie tun. Ich finde, man sollte andere Menschen und am besten auch Tiere und Dinge immer so behandeln, wie man selbst behandelt werden möchte: freundlich, höflich, liebevoll.”


“Tätigkeiten für Wartezeiten” aus “Lily Lux Notizbuch”

Hast du einen Lieblingsort? Was machst du da am liebsten?

Lily: “Natürlich habe ich einen Lieblingsort! Naja, eigentlich mehrere. Zuallererst mein kleiner Stadtpark gleich um die Ecke, weil man da so wunderbar picknicken, Schneemänner und Iglus bauen und an einem alten Baum schaukeln kann. Und weil man dort jetzt schon den ersten Gänseblümchen begegnet! Außerdem sämtliche Jahrmärkte… besonders die, wo einem schwindelig wird. Dieser Brunnen in Paris, weil der von alten Bäumen umgeben ganz still mitten in der Stadt liegt und nur darauf zu warten scheint, dass man dort Quiche und Petit Fours isst und Enten füttert. Den Buchladen, der auch Bibliothek und Heimat ist, da ganz in der Nähe. Mein geliebter See mit den Schwanentretbooten und diese Promenade an der belgischen Küste, wo es die besten Waffeln der Welt gibt. Alle Orte, wo man barfuß über grünen Rasen oder warmen Sand laufen kann… und alle Orte, wo Vögel zwitschern. Balkone. Hotelzimmer, Bahnhöfe und bunte Supermärkte. Mein rotes Sofa und die Badewanne. Die flachen Dächer hoher Häuser, von denen aus man nachts mitten in der Stadt alle Sterne sieht. Und mein kleines Arbeitszimmer mit dem prächtigen Ausblick voller Himmel und Bäume.”


“Lily findet, man sollte jeden Tag etwas tun, das man noch nie getan hat.” aus “Die wunderbare Welt der Lily Lux”

Wenn du dich in ein Tier verwandeln könntest, in welches?

Lily: “Hm… das müßte schon ein Wolpertinger sein. Die sehen zwar seltsam aus, können aber dafür vielleicht auch all die Dinge, die ich gern können würde. Mein Wolpertinger müßte auf jeden Fall unbedingt fliegen und unter Wasser atmen können. Es würde auch nicht schaden, wenn er Siebenmeilenstiefel hätte und einen Zauberteppich und eine Möglichkeit zur Zeitreise. Und dann müßte er natürlich alle Sprachen sprechen, die der Menschen ebenso wie die der Tiere, und ganz fabelhafte Sinne haben – bei Nacht sehen können, selbst im Winter das Gras unter dem Schnee riechen, und kilometerweit Vogelkonzerte erlauschen können. Und er sollte sich bitte nicht von anderen Lebewesen ernähren. Vermutlich wäre mein Wolpertinger nicht sehr hübsch, aber man muss eben Prioritäten setzen. Oh, und es wäre natürlich schön, wenn es noch andere seiner Art gäbe.”


“Der Tierwelt auf der Spur” aus “Lily Lux Notizbuch”

Als kleine Alltagszauberin schreibst du sehr viel. Wieviele Notizbücher besitzt du?

Lily Lux: “Das ist ja ein schönes Kompliment, dankesehr! Ich besitze tatsächlich unzählige Notizbücher. Und die sind allesamt so voll, dass ich, wenn ich etwas nachsehen will, oft in alten Notizen verloren gehe oder mir gleich etwas Neues einfällt, das ich unbedingt aufschreiben wollte, um es nicht zu vergessen… und schon ist der Gedanke an das, was ich eigentlich nachschauen wollte, ganz einfach weg. Immerhin: Dinge aufzuschreiben und einzukleben hilft mir, mich dann auch tatsächlich daran zu erinnern, selbst wenn ich die Notiz dazu meistens nicht wieder finde. Trotz außerordentlich ausgeklügelter Ordnungssysteme. Das war sehr schön daran, dass wir nur ein einziges Notizbuch zur Veröffentlichung gemacht haben: Alle meine Bücher durchzugehen und die Essenz daraus zu finden. Ich benutze das Buch auch selbst eifrig und schreibe da ausnahmsweise ganz winzig klein und klebe ständig neue Seiten zwischendrin ein.”


“Lily liebt es, sich zu verlaufen.” aus “Die wunderbare Welt der Lily Lux”

Wirst du eines Tages sogar einen Roman schreiben?

Lily Lux: “Hm… Natürlich haben wir schon darüber nachgedacht. Es gibt viele Formen von Büchern, die wir gern einmal ausprobieren würden, die wir aber auch ein Stück weit neu erfinden müßten, damit sie in meine Welt passen. Was wir an der derzeitigen Erzählform so wunderbar finden, sind die vielen kleinen Geschichten, die wir durch Hintergrunddetails oder Zettelchen erzählen können und die sich erst beim zweiten, dritten oder vierten Blick und im Verhältnis zueinander erschließen. So etwas wäre in reiner Textform schwer zu realisieren… aber ja, wir denken durchaus darüber nach, wie das gehen könnte. Und man soll ja auch niemals nie sagen!”


“Lieblingswörter” aus “Lily Lux Notizbuch”

Die Klappentexterin dankt Lily Lux, Iris Luckhaus & Matthias Klesse für das Interview und wünscht allen weiterhin viel Erfolg!

Hier habe ich noch weitere Links für euch:

Die wunderbare Welt der Lily Lux: www.lilylux.de
Lily Lux für jeden Tag: www.facebook.com/lilylux
Iris Luckhaus: www.irisluckhaus.de
Matthias Klesse: www.matthiasklesse.de

Bildmaterial © Iris Luckhaus (auch das Foto ganz oben)

Sabrina Janesch über das Schicksal der Vertreibung.

Wie bereits im Vorfeld angekündigt, lässt die Klappentexterin auch Autorinnen und Autoren zur Sprache kommen. Heute verrät uns Sabrina Janesch – die Autorin von “Katzenberge” – warum sie sich u.a. für das Thema Vertreibung interessiert.

Foto: © Milena Schlösser

Sabrina Janesch wurde 1985 in Gifhorn geboren. Sie studierte Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus in Hildesheim sowie Polonistik in Krakau. Sabrina Janesch ist u.a. Gewinnerin des O-Ton Literaturwettbewerbes des NDR, Stipendiatin des Schriftstellerhauses Stuttgart und des LCB. Sie war erste Stadtschreiberin von Danzig.

Klappentexterin: In deinem Roman “Katzenberge” geht es um das Thema der Vertreibung. Wie kommt es, dass sich ein junger Mensch dafür interessiert? Hat dein Aufenthalt als Stadtschreiberin in Danzig dazu auch einen Anstoß gegeben?
Sabrina Janesch: Nein, der Aufenthalt in Danzig kam viel später, als ich das Manuskript für Katzenberge schon längst beendet hatte! Ich komme selber aus einer deutsch-polnischen Familie, die viel mit solchen Geschichten zu tun hatte. UND ich hatte diesen sehr charismatischen Großvater, der mir immer viel erzählte … es tun sich also durchaus Parallelen zur Nele meines Romans auf.

KT: Anhand vom Großvater Janeczko hast du das Schicksal der Kriegsgeneration sehr genau beschrieben. Mich hat das als Leserin sehr bewegt. Wie ist es dir bei der Recherche und den Gesprächen mit Zeitzeugen ergangen?
SJ: Für mich war meine Reise nach Ostpolen und die Ukraine ungeheuer inspirierend und emotional. Ich bin überall auf soviel Herzlichkeit und Hilfsbereitschaft getroffen, ohne all die Menschen wäre diese Reise unmöglich gewesen. Zugleich waren – auch die älteren und ganz alten Menschen – alle sehr offen und haben mir auch die intimsten und furchtbarsten Dinge aus jener Zeit erzählt. Man kann sagen, ohne sie wäre nicht nur die Reise nicht möglich gewesen, sondern auch nicht der Roman an sich. Vieles darin ist von ihnen inspiriert, nicht bloß von meiner eigenen Familie.

KT: Wieviel Sabrina Janesch steckt in der Ich-Erzählerin Nele Leibert?
SJ: Die Rahmenbedingungen decken sich sicherlich: Auch ich komme aus einer gemischten Familie und verbrachte große Teile meiner Kindheit auf diesem Hof in Niederschlesien, hatte eine sehr enge Beziehung zu meinem Großvater. Schon als Kind habe ich viele der Motive aus seinen Erzählungen verinnerlicht, die haben mich schon sehr geprägt. Etwa die Erzählung von dem Biest. Bis heute weiß ich nicht, wie mein Großvater das wirklich meinte… Aber natürlich ist dies ein fiktiver Roman: die Fiktion überwiegt. Auch was Nele angeht: Anders als sie habe ich nicht diese Skepsis gegenüber diesem Ort geerbt, habe mich in Schlesien immer sehr zuhause gefühlt.

KT: Du bist noch sehr jung und hast bereits einen ersten Roman veröffentlicht. Was gibst du anderen jungen Literaturschaffenden mit auf den Weg?
SJ: Mit sehr viel Konzentration an die Arbeit zu gehen, egal ob Roman oder Kurzgeschichte. Darüber nicht die Lust am Schreiben und am Text verlieren. Während der Arbeit am ersten Roman hing ein Zettel über meinem Schreibtisch, auf dem stand: Keine Panik!

KT: Schreibst du an einem neuen Roman?
SJ: Ja, ich arbeite bereits an meinem zweiten Roman und denke, dass er spätestens 2012 veröffentlicht wird. Es sei nur so viel verraten: Die Handlung spielt in Danzig….

Hier geht es zur Homepage der Autorin.

Die Klappentexterin dankt für das Interview und wünscht Sabrina Janesch weiterhin alles Gute.

Tanya Stewner über Elfen und Phantasie.

Wie bereits im Vorfeld angekündigt, lässt die Klappentexterin auch Autorinnen und Autoren zur Sprache kommen. Heute erfahren wir von Tanya Stewner – der Autorin von „Wie weckt man eine Elfe?” – was sie über Elfen und Phantasie zu sagen hat.


Tanya Stewner wurde 1974 im Bergischen Land geboren und begann bereits mit zehn Jahren, Geschichten zu schreiben. Sie studierte Literaturübersetzen, Englisch und Literaturwissenschaften in Düsseldorf, Wuppertal und London und widmet sich inzwischen ganz der Schriftstellerei. Ihre Kinderbuchreihe ›Liliane Susewind‹ ist ein riesiger Erfolg. Für den ersten Band wurde Tanya Stewner 2007 mit dem ›Goldenen Bücherpiraten‹ als beste Nachwuchsautorin ausgezeichnet. Die Autorin lebt und arbeitet in Wuppertal. © Fischer Verlag.

Klappentexterin: Das sind alles phantastische Geschichten, die Sie erzählen. Wo nehmen Sie die Inspiration her?

Tanya Stewner: Ich verrate Ihnen gern mein Geheimnis: Ich bete jedes Mal, bevor ich anfange zu schreiben, und bitte um gute Ideen und einen guten Schreibfluss. Bisher hat das immer sehr gut funktioniert.

KT: Was kann Phantasie alles bewirken?
TS: Im Grunde ist die Phantasie der Motor, der alles antreibt. Wenn man etwas erreichen möchte, muss man es sich zuerst ausdenken. Phantasie ist der Beginn von allem Großen, was je passiert ist.

KT: Scheint es nur so oder haben Kinder tatsächlich mehr Phantasie als Erwachsene?
TS: Kinder haben wahrscheinlich gar nicht “mehr” Phantasie als Erwachsene, aber sie räumen ihr viel mehr Platz ein. Kinder trauen sich, ihrer Phantasie freien Lauf zu lassen und ihr ein Stückweit zu folgen. Viele Erwachsene machen das leider nicht mehr.

KT: Gibt es eine Tageszeit wo bei Ihnen die Ideen mehr sprudeln?
TS: Ich bin ein Morgenmensch und schreibe am liebsten morgens und vormittags. Wenn es gut läuft, nehme ich den Nachmittag und Abend allerdings meistens noch hinzu.

KT: Was meinen Sie: Wäre es eine bessere Welt, wenn alle ein bisschen mehr Phantasie hätten?

TS: Das könnte gut sein. Sie wäre zumindest bunter und ein bisschen “verrückter”.

KT: Haben Sie eine bestimmte Technik, um auf phantastische Ideen zu kommen?
TS: Ich gucke aus dem Dachfenster, das sich über dem alten Sofa befindet, auf dem ich immer schreibe. Ich schaue in den Himmel, und dann kommen die Ideen wie von selbst.

KT: In Ihrem neuen Buch “Wie weckt man eine Elfe?” stehen Elfen im Mittelpunkt. Sind Sie schon einmal einer begegnet?
TS: Leider noch nicht. (Lacht.)

KT: Sie sehen zwischen Elfen und Feen einen großen Unterschied. Welchen finden Sie besonders erwähnenswert?
TS: Elfen und Feen werden heutzutage oft “übertrieben schön”, mit viel Rosa und Glitzer dargestellt. Da wollte ich mit meinen pummeligen, zerzausten Elfen gern ein Gegengewicht setzen. Meine Feen sind hingegen trotz allem noch schön, da ich ebenso finde, dass man jemanden nicht nur, weil er bezaubernd aussieht, gleich für oberflächlich halten darf. Mein neues Buch “Wie weckt man eine Elfe?” ist also ein Plädoyer dafür, hinter die äußere Erscheinung zu schauen.

KT: Diese Frage formuliert natürlich die Neugier: Schreiben Sie an einem neuen Buch?

TS: Ja, aber ich darf leider noch nicht verraten, woran ich schreibe.

Hier geht es zur Hompage der Autorin.
Hier trefft ihr die Autorin bei Facebook.

Die Klappentexterin dankt für das Interview und wünscht Tanya Stewner weiterhin alles Gute.