2010 – Mein literarischer Rückblick.

Das Literaturjahr 2010 war ein schönes Jahr. Ich durfte bekannte Autoren wie Haruki Murakami und Banana Yoshimoto lesen, aber auch Literaturschaffende kennenlernen und wieder entdecken. Hier ist nun mein Rückblick 2010…

** ENTDECKUNGSREISE **

Autor – Wieder entdeckt
Philippe Djian


Foto: Jacques Sassier / Copyright © Gallimard

Vor vielen Jahren habe ich „Betty Blue“ gelesen, aber ich fühlte mich dem Autor noch nicht gewachsen. Wenngleich mich seine Sprache schon damals begeisterte und mich sanft am Nacken kraulte, einer zärtlichen Geste gleich. Zu Beginn diesen Jahres las ich „Erogene Zone“ und es hat klick gemacht. Philippe Djian ist einfach ein poetischer Meister des Alltags. Temporeich, sensibel und witzig.

Klassiker – Wieder entdeckt

Mir ist aufgefallen, dass Klassiker heutzutage im hektischen Strudel von den unzähligen Neuerscheinungen leicht in Vergessenheit geraten. Deshalb habe ich beschlossen, Klassiker bei mir leben zu lassen. Ich möchte das Schweigen brechen und sie aus meinem Regal ziehen, vorbei an den jungfräulichen, neuen Büchern. Dabei konnte ich dieses wunderbare Buch ausfindig machen:

Charlotte Bronté: Jane Eyre

Sie ist immer noch da, und sie ist mir eine gute Freundin geworden: Jane Eyre. Eine mutige junge Frau, die mich bis zum Schluss mitgerissen hat. Zudem hatte die Autorin ein großes Herz und hat ihm den Raum geschenkt, den es brauchte. Eben dies zeichnet das Werk aus. Es ist ein großes Stück Menschlichkeit daraus geworden, in das ich mich gern habe fallen lassen.

Hörbuch – Neu entdeckt

Ich habe eine Freundin, die ist süchtig. Nach Hörbüchern. Das konnte ich nie ganz nachvollziehen. Bis ich im Mai das erste Hörbuch im Ohr zu kleben hatte. Und siehe da: Nun weiß ich, was Hörbücher auszeichnet. Was es ist? Die Lauscher von euch wissen es, die anderen sollten es herausfinden.

** KLASSENFAHRT **

Literaturprojekt: Reading Murakami

Ada Mitsou, Bibliophilin, Friederike und ich haben den Blog Reading Murakami gegründet. Gemeinsam mit anderen Fans haben wir „1Q84“ von Haruki Murakami gelesen. Es war ein ganz besonderes Projekt, das mich sehr glücklich gemacht hat.

Fremdgeschreiben habe ich hier:

Bibliophilin – Gastrezension:
“Das siamesische Klavier” von Christiane Neudecker.
Seite 30 von “1Q84″ – Ein Kommentar
Reading Murakami ist zum Fan der Fans ausgewählt worden. Im Zuge dessen erhielt jede von uns ein kostenloses Exemplar vom Verlag und wir durften die Seite 30 von dem vorab online abgedruckten Seiten von „1Q84“ kommentieren. Das habe ich mit Freude getan.
Lovelybooks – Rezension des Monats November
Als Yoko schreibe ich auch regelmäßig Rezensionen bei Lovelybooks. Dort habe ich meine längste Rezension des Lebens eingereicht und konnte die Jury überzeugen. Dafür danke ich nochmal herzlich.

** FORSCHUNGSREISE **

Debüt des Jahres
Sabrina Janesch: Katzenberge

Der jungen Autorin ist ein Meisterstück gelungen. Sie nimmt uns mit auf eine Reise in die Vergangenheit einer Familie und erzählt die Geschichte Ost- und Mitteleuropas. Dunkel und düster ist der Roman, das ist mit ihrer Sprache bestens gelungen. Die ganze Zeit hängt da so eine Nebelwand zwischen den Seiten und den Augen des Lesers. Die Sätze atmen eine leichte Melancholie aus, die nicht abstößt, sondern sie zieht einen immer mehr hinein.

Enttäuschung des Jahres
Nicola Keegan: Schwimmen

Ein ungewöhnliches Buch und schön geschrieben. Leider wurden meine Erwartungen nicht erfüllt. Ich habe das Buch zur Hand genommen, weil ich Sport sehr mag, das Schwimmen liebe und selbst einmal Leistungssport betrieben habe. Im Roman stand jedoch mehr das Leben des Mädchens – Philomena – und ihre Familie im Vordergrund. Diese „neue Welt“ des Schulschwimmbads von der im Klappentext die Rede war, fand ich nur ansatzweise. Mir fehlte ein bisschen der Sport. Genau das Bisschen enttäuschte mich. Wer neugierig geworden ist, findet bei Ada Mitsou eine positive Rezension.


Highlight des Jahres

Haruki Murakami: 1Q84

Ich hatte lange gewartet und sah am Ende aus wie eine gut gefüllte Weihnachtsgans. Die große, tiefsitzende Sehnsucht trieb mich schon einige Tage vor Erscheinen von „1Q84“ in den Wahnsinn. Als ich das Buch in den Händen hielt, verlor ich jegliches Zeitgefühl. Die Stimmen der Menschen um mich herum rauschten vorbei und ich war vollkommen geblendet von dem Silberbarren. Es ist ein anderer Murakami, ein Exot, aber unbedingt lesenswert! Mein liebstes Buch.

Eine Überraschung
Tom McCarthy: 8 ½ Millionen

Dieses Buch haben mir zwei Menschen empfohlen, die sich nicht kennen. Das machte mich neugierig. Schwindelerregend, pulsierend, blutdrucksteigend – einfach nur verrückt. Die Rezension folgt ganz bald.

Ein tolles Fundstück
Adrienne Monnier: Aufzeichnungen aus der Rue de l’Odéon. Schriften 1917-1953

Sie war mir so nah und vertraut. Die Liebe zu den Büchern und ihrer Begegnungen mit Literaturschaffenden haben mein Herz auf eine besondere Art berührt.

Beste Literaturverfilmung
Stieg Larsson: Verblendung, Verdammnis, Vergebung


Normalerweise meide ich Literaturverfilmungen. Doch die drei Filme zu den gleichnamigen Krimis haben mich in den Bann gezogen. Die Umsetzung war meisterhaft, nicht zuletzt auch wegen der grandiosen schauspielerischen Leistung.

*********** Ende **********

Und hier endet mein literarischer Rückblick. Sicherlich habt ihr auch Bücher, die ihr 2010 gelesen habt oder besondere literarischen Begegnungen, die ihr nicht so schnell vergessen werdet. Welche sind es?

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5 Antworten zu 2010 – Mein literarischer Rückblick.

  1. karfie schreibt:

    Ich bin gerade dabei die Top 10 für 2010 aufzulisten, bin aber mit dem Artikel noch nicht fertig. 1Q84 wird nicht dabei sein, denn ich bin immernoch am lesen und wie ich ja herausgefunden habe – kommt ja noch ein 3 Buch dazu raus *jammer*
    Katzenberge fand ich auch total super und ich hab ja Sabrina kurz auf der Ffm Buchmesse getroffen. Sehr sympathisch hat sie gleich bei meinem Projekt “Bücher bewegen” mitgemacht.

    Du kannst ja schon mal in meiner Top 30 blättern :-))

    Liebe Grüße und einen guten Rutsch ins neue Jahr wünscht dir
    Karin

  2. Friederike schreibt:

    Nun ist 1Q84 doch das Highlight des Jahres bei dir geworden? Ich bin mir da nicht so sicher. Aber es liegt auch schon wieder alles oo lange zurück ;)

  3. Dorothée schreibt:

    Danke für diese Liste; einiges habe ich noch nicht gelesen und freue mich drauf, es im neuen Jahr zu lesen.
    Die beste Neuerscheinung in 2010 war für mich von der 30-jährigen Autorin Judith Zander: “Dinge die wir heute sagten. ” Die Gedanken mehrerer DorfbewohnerInnen werden zu einem Roman verwoben, in dem es um Dorftristesse, erste Liebe und Verdrängtes aus der Vergangenheit geht. Und um Beatles-Musik. Spannend und mit Sprachwitz erzählt – ein Roman, den man an einigen Abenden/Nächten im Bett schnell wegliest und dabei bestens unterhalten wird.
    Außerdem habe ich dieses Jahr einen Klassiker für mich entdeckt: Margaret Atwood: Der Report der Magd. Der Sciene Fiction Roman, erschienen 1985, ist angesichts von Demographie- und Reproduktionsdebatten aktueller denn je: Frauen sind in der von Atwood entworfenen Gesellschaft nur noch dazu da, Kinder zu gebären. Ein sehr spannender und im besten Sinne feministischer Roman.
    Als deutschen Klassiker empfehle ich “Anton Reiser” von Karl Philipp Moritz. Der Roman erschien Ende des 18. Jahrhunderts und wird der Epoche des Sturm und Drangs (bzw. der Unterströmung Empfindsamkeit) zugeordnet. Der jugendliche Held, Anton Reiser, versucht, sich aus seiner beengenden Familie zu befreien und trifft doch immer wieder auf neue erniedrigende Umstände. Daran ist der Protagonist aber nicht immer unschuldig, und so ist dieser Anti-Entwicklungsroman wunderbar ambivalent. Trotz vieler beklemmender Passagen habe ich beim Lesen auch immer wieder laut gelacht.

  4. mentizidal schreibt:

    1Q84 gab es zu Weihnachten – ich wäre ja doch zu geizig. Bin gespannt, ob ich Deine Meinung teile.

  5. klappentexterin schreibt:

    Habt vielen Dank für eure Wortmeldungen!

    Liebe Karfie, ich habe deine Top 10 besucht und finde sie sehr schön. Diesen feinen Mix. Es sind einige mir bekannte Bücher dabei, andere noch ungelesene. Danke fürs Anstupsen, letztere bald zu lesen.

    Ja, liebe Friederike, nun ist es “1Q84″ geworden. Warum? Weil es so viel mit mir gemacht hat: Euphorie, Enttäuschung, Überraschtsein, Inspiration – ach jede Menge ist beim Lesen dieses Buches passiert. Und Murakami ist und bleibt mein großer Literatur-Sensei. ; )

    Liebe Dorothée, vor zwei Tagen habe ich “Dinge, die wir heute sagten” beendet. Es ist ein Buch, was mich sehr gefordert hat und eindrucksvoll zurückbleibt. Ich habe ihn nicht wie du schnell weggelesen. Der Roman forderte seine Zeit, an die ich mich zunächst gewöhnen musste. Du wirst also an dieser Stelle bald meinen Eindruck lesen. Ich bin vor allem tiefbeeindruckt von der unglaubliche Sprachgewalt, die Judith Zander an den Tag legt. Wow! Margaret Atwood – Wie großartig! Noch eine Gemeinsamkeit. Die Schriftstellerin habe ich auch für mich entdeckt oder, sagen wir, möchte ich entdecken. Ich habe mir “Moralische Unordnung” vorm Jahreswechsel gegönnt und bin schon sehr gespannt. Sollte sich also ein literarisches Feuer meinerseits entflammen, werde ich mit großem Vergnügen zu deinem Buch zurückkehren. “Anton Reiser” hört sich sehr vielversprechend an. Ich habe es in meine Klassiker-Liste mit eingetragen. Danke dir für diese schönen Tipps!

    Da hattest du einen tollen Weihnachtsmann, Mentizidal! Lass dich entführen in diese verrückte, aufrüttelnde Murakami-Welt! Und wenn du Fragen hast, stehe ich immer gerne zur Verfügung.

    Beste Grüße für euch alle zum neuen Jahr,
    Klappentexterin

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