Johannes Groschupf über Neukölln.

Wie bereits im Vorfeld angekündigt, lässt die Klappentexterin auch Autorinnen und Autoren zur Sprache kommen. Heute erfahren wir von Johannes Groschupf – der Autor von Hinterhofhelden – was er über Neukölln zu sagen hat.


Johannes Groschupf:
1963 in Braunschweig geboren, studierte Germanistik und Publizistik in Berlin. Seit 1988 arbeitete er als freier Journalist unter anderem für die Frankfurter Allgemeine Zeitung, Die Zeit, die taz und den NDR. 1994 überlebte er bei einer Dienstreise einen Hubschrauberabsturz. Für sein Radio-Feature ”Der Absturz“ erhielt er 1999 den Robert-Geisendörfer-Preis. Heute lebt Johannes Groschupf mit seinen beiden Kindern in Berlin.

Klappentexterin: Leben Sie heute noch in Neukölln?
Johannes Groschupf: Ich lebe auf der Kreuzberger Seite des Landwehrkanals. Dennoch führt mich der Weg täglich nach Neukölln hinein, vor allem in die Gegend um die Friedelstraße herum, zum Einkaufen, Filme ausleihen, Hinterhöfe anschauen. Einige meiner besten Freunde sind Neuköllner!

KT: Wie hat sich der Stadtteil in den letzten Jahren verändert?
JG: Verglichen mit den Achtziger Jahren, die ich fast vollständig in Neukölln verbracht habe, sind die Veränderungen enorm. Damals hatte das Neuköllner Kleinbürgertum noch die Vorherrschaft. In den Neunziger Jahren kamen sehr starke türkisch-arabische Einflüsse, vor allem in der Sonnenallee. Oben an der Hermannstraße Zuzug von Afrikanern und Polen. Die Karl-Marx-Straße kam in den Neunziger Jahren völlig auf den Hund. Damals schien Neukölln vom sonstigen Berliner Hype völlig abgekoppelt. Heute kommen die Studenten – gehen Sie mal in die Weserstraße! Sie bringen eine neue Lebenskultur in die Quartiere, jedenfalls in Nordneukölln, und ziehen auffällig viele internationale Jungtouristen an, Amerikaner, Spanier, Franzosen.

KT: Welche Plätze sind Ihre liebsten in Neukölln?
JG: Das Tempelhofer Rollfeld ist eine Wucht! Ein offener Raum für Bewegungskünste aller Art. Der Körnerpark ist hübsch; allerdings gehe ich dorthin nur, um mich mit meiner Freundin zu streiten. Zum Abstürzen das Freie Neukölln in der Pannierstraße.

KT: Was ist typisch für Neukölln?
JG: “Zum Lustigen Alfons” in der Reuterstraße. Hier finden Sie die originalen Ü-50-Neuköllner, die in ihrer Kneipe wohnen.

KT: Was sagen Sie zu Kurt Krömer?
JG: Er hat die Neuköllner Mischung aus beleidigter Leberwurst und aufsässiger Kackbratze drauf. Zudem ein eigenartig poetisches Talent. Aber er drängt in letzter Zeit zu sehr in Richtung Dalli-Dalli.

KT: Derzeit steht der U-Bahnhof Hermannplatz in den Medien. Dort soll sich zunehmend die Drogenszene ausbreiten. Sehen Sie eine Gefahr für die Entwicklung des Hermannplatzes?
JG: Drogen am Hermannplatz? Ich bin dort noch nie angesprochen worden. Und wenn, dann nur, ob ich mein BVG-Tickt noch brauche. Zuweilen sammeln sich dort die Trinker und Eckensteher, die sonst auch am U-Bahnhof Rathaus Neukölln herumlungern. Der Hermannplatz war noch nie ein Ort des mondänen Verweilens. Hier will eigentlich jeder nur weg, zur-Bahn, zum Bus, ins Kaufhaus, nach Hause.

KT: Stichwort Gentrifizierung: Ist Neukölln auch davon auch irgendwann betroffen?
JG: Zu Gentrifizierung fällt mir das CarLoft bei mir um die Ecke an der Reichenberger Straße ein: Da sollten vermögende Leute schicke Wohnungen beziehen und sich das teure Auto auf den Balkon stellen. Hat nicht so recht geklappt. Ein einziger verhärmter Mieter sitzt dort herum und traut sich nicht auf die Straße. In Neukölln sehe ich noch keine Verdrängung der alteingesessenen Mieter durch lebensfrohe Yuppies. Das Konzept der Zwischennutzungen der aufgegebenen Läden führt zu kleinen Lokalen und Galerien, die die Straßen beleben. Sollen die Studenten und Künstler doch ruhig kommen!

KT: Nun zu Ihrem Roman “Hinterholfhelden”. Wieviel Johannes Groschupf steckt in Hans Odefey?
JG: Hans Odefey erlebt viele Neuköllner Situationen, die ich auch erfahren habe, aber er ist ein spezieller Mensch. Taxe fahren und Fotos machen, das kann ich nicht. Und habe mich nie mit dem Hauswart geprügelt.

KT: Schreiben Sie aktuell an einem neuen Roman?
JG: Ja, und dies ist der Anfang:
“Vierzig Tage lang segelten wir durch die diesige Öde des Meeres zwischen Kamtschatka und Amerika. Über uns der Himmel, an manchen Tagen dunkler, an anderen heller, doch immer grau. Manchmal fuhren Wolken hindurch, von scharfen Winden getrieben, doch zumeist war es neblig und still. Das Trinkwasser wurde allmählich knapp. Die Mannschaft murrte. Am zweiundvierzigsten Tag sichteten wir endlich die amerikanische Küste, und damit begann unser Unglück. Es war der 15. Juli 1741.”

Die Klappentexterin dankt für das Interview und wünscht Johannes Groschupf weiterhin alles Gute.

Hier geht es zur Rezension von Hinterhofhelden.
Hier liest der Autor am Donnerstag, 29. Juli, ab 19.30 Uhr.

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